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Full text of "Von Lemberg bis Bordeaux - Frontberichte eines Kriegsberichters"

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LEO LEIXNER 

Fronte riebnisse 
eines Kriegsberichters 



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Von Lemberg bis Bordeaux 



Fronterlebnisse eines Kriegsberichters 

von 

Leo Leixner 




Zentralverlag der NSDAP., Franz Eher Nachfolger, G. m. b. H., München 



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Dieses Buch enthält 200 Lichtbilder von Kriegsereignissen in Polen, 

Holland, Belgien und Frankreich 

Davon sind 169 Lichtbilder eigene Aufnahmen 
des Verfassers vom Feldzug im Westen 



Ferner sind in dem Bucine folgende Licintbilder veröffentlicint: 

Vom Feldzug in Polen : n Stellv. Generalkommando des VII. A. K. Abt. i C; 
7 PK.-Hilscher-PBZ.; 2 PK.-Dr.Leixner-PBZ.; 2 PK.-Urheber unbekannt-PBZ.; 
1 PK.-Essel-PBZ.; 1 PK.-Dainko-PBZ.; 1 PK.-WolIny-PBZ.; 1 PK.-Reindl-PBZ. 

Vom Feldzug im Westen: 2 PK.-Pfitzner-PBZ.; 1 PK.-Olesko-Heeresdokumentarfilm 
„Der Sieg im Westen"; 1 PK.-Teschendorf-Weltblld ; 1 PK.-Hoffmann jr.-PBZ. 



Einband und Schutzumschlagentwurf Friedrich Kremer, München 

Das Lichtbild auf der Umschlagseite (phot. Dr. Leixner) zeigt den 
Einmarsch bespannter Artillerie in die belgische Hafenstadt 
Nieuport. Im Hintergrund die von den Engländern bombardierte 

brennende Kathedrale 



S.Auflage 51 .— 80. Tausend 1942 

Alle Rechte vorbehalten — Copyright 1941 by Verlag Franz 

Eher Nacht., G. m. b. H., München Printed in Germany 

Druck: Der Alemanne, Druckerei- u. Verlags-Gesellschaft m. b. H., Freiburg im Breisgau 



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Meinen Schriftleiter-Kameraden, 
die nicht wiederkamen: 

Herbert Lehnert 

gefallen am 23. 5. 1 940 bei Saarbrücken 

Helmut Liebel 

gefallen am 16. 5. 1 940 vor Sedan 

Richard Schwandt 

gefallen am 23. 6. 1 940 bei Grenoble 

Eduard Voigt 

am 19. 5. 1940 vom Feindflug nicht 
zurückgekehrt 



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Der Feldzug gegen Polen 



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„Noch ist Polen nicht verloren..." 



Am Vorabend des Polenfeldzuges 

Cadca, 31. August 1939, 20 Uhr. 

Um 5 Uhr morgens sind wir in Neutitsciiein aufgebrociien, wir 
vier, ein Bildbericliter, ein Wortbericliter und zwei Falirer. 
Marscinziel Sillein, Slowal<ei, Meldung bei einer Infanteriedivision. 
Mittags sind wir dort. „Propagandakompanie?" Darauf folgt ein 
sehr bedeutungsvolles: „Aha. — Höchste Zeit, daß ihr gekommen 
seid!" Der „I c" weist uns ganz kurz in unsere Aufgabe ein, es 
dürften gar wichtige Dinge im Gange sein, das spannen wir. „Der 
Kommandeur des IR. 62 fährt eben nach Cadca ab, hängen Sie 
sich gleich an...", wird uns befohlen. Wenige Minuten später 
brausen wir die Bergstraße hinauf hinter dem Wagen des 
Generalmajors Lang t. Richtung Jablunkapaß. Ein ziemlich 
atemloser Start — vielleicht ist er ein Vorzeichen für das, was 
kommt...? 

Morgen 4.45 Uhr früh geht's los, das Geheimnis ist uns eben 
anvertraut worden, die wenigen Stunden müssen wir zur 
Vorbereitung für unsre Aufgabe noch nützen. Ein 
Ordonnanzoffizier führt uns hinauf zur Grenze, von wo wir das 
Gelände des Jablunkapasses einsehen können. Auf leisen 
Sohlen, schön geduckt, schleichen wir durch Busch und Stein, die 
drüben dürfen nicht Lunte riechen... 

In wenigen Stunden aber wird sie an das Pulverfaß gehalten, 
das Polen heißt. Dann wird unter Krachen und Bersten etwas in 
sich zusammenfallen, was nie ein Daseinsrecht hatte. Raubstaat 
Polen — auch das, was vor uns liegt im strahlenden Schein des 
Hochsommernachmittags, der flache Sattel Jablunka, wurde erst 
im Vorjahr den Slowaken geraubt. Im Sommer 1937 standen wir 
bei Lauenburg ergriffen an der Schandgrenze des Polnischen 
Korridors. Die Trauer über deutsches Leid hatte damals keinen 
Raum in uns, weil die Empörung in uns glühte... Wir fühlen, wie 
jetzt diese verhaltene Glut jäh in uns aufloht, wir aber brauchen 
den Brand nicht mehr zu dämmen, wir brauchen keine Bitternis 
mehr hinabzuschlucken, wie wir es taten in den anderthalb 
Jahrzehnten der Versailler Entwürdigung — jetzt lodere. Flamme 
der Vergeltung! Wir sind in die seltene Stunde der Geschichte 



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eingetreten, da wir in Taten das Sciiicksal der Jalirliunderte 
wenden dürfen. Wem jetzt das Blut niclit rausciit und das Herz 
niclit sciineller sciilägt, und er steint Iiier an dieser Grenzlinie der 
Willkür als ein Grenadier in dieser Streitmacht einer neuen 
Gerechtigkeit — er hat unwürdig und stumpfsinnig vorbeigelebt 
an einer gewaltigen Zeit. 

Was ein Mensch mit dem Gewicht des Wortes und der Vernunft 
zum Verständnis zwischen zwei Völkern überhaupt beitragen 
kann — hat unser Führer es nicht großherzig vollbracht? Er aber 
fand jenseits der Grenze ein maßlos schmähsüchtiges 
Geschlecht, das den Machtrausch einer Vernichtung 
Deutschlands vor den Toren Berlins bedenkenlos der guten 
Nachbarschaft vorgezogen hat. „Tatarenstaat Polen", entsinnen 
wir uns kürzlich bei Clausewitz gelesen zu haben; sein Urteil über 
die Staatsmänner Polens, vor mehr als 100 Jahren gefällt, könnte 
eben erst hingeschrieben worden sein: „Diese waren selbst viel 
zu sehr Tataren... Ihr liederliches Staatsleben und ihr 
unermeßlicher Leichtsinn gingen Hand in Hand, und sie 
taumelten so in den Abgrund." 

Das Wort hat also ausgespielt. Nun sei du, deutsches Schwert, 
Anwalt unsres Rechtes und der Rächer unsrer tausendfach 
beleidigten Ehre! 



Cadca, 1. September, 2.45 Uhr früh. 

Die Nacht ist zu aufgewühlt, nein, unsre Herzen sind zu 
aufgewühlt, als daß wir auch nur ein Auge voll Schlaf finden 
könnten. Wir studieren die Karte im abgeblendeten Scheine der 
Taschenlampe, hören mitternachts noch die Besprechung des 
Angriffsplanes durch den Regimentskommandeur mit an. Und 
jetzt, es geht gegen 3 Uhr morgens, brechen wir auf. Auf einem 
Grenzberg wird der Regimentsstab seinen Gefechtsstand 
beziehen, um von dort aus den Angriff auf den Jablunkapaß zu 
führen. 

„Noch ist Polen nicht verloren..." Stimmt, stimmt immer noch. 
Doch nach 5 Uhr wird der Vers wohl etwas anders lauten 
müssen... 



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Nach zweistündigem Grenzgefeclit 



Reichskriegsflagge weht über dem Jablunkapaß 

Feindliche Sprengkommandos zerstören die Tunnels 
„Poljak zurrick!" frohlocken die Slowaken 
Junge Soldaten über altösterreichischem Festungswerk 
Slowakenmädchen bekränzen unsere Sturmtruppen 
Der Mesner von Mosty läutete einen frommen Alarm... 

Auf dem Jablunkapaß, 
1. September, 10 Uhr. 

Der Jablunkapaß, die bekannteste Überquerung der 
Westkarpaten, befindet sich seit 6.15 Uhr in deutscher Hand. Die 
Paßhöhe, die durchzogen ist von dem etwa 400 IVIeter langen 
Tunnel, durch den die kürzeste Bahnverbindung Wien — 
Warschau führt, ist nunmehr von unsren Kräften stark gesichert. 
Die nahe dem Bahnhof gelegene Ortschaft Mosty ist in kurzer Zeit 
vom Feinde gesäubert worden. Unter dem Donner der 
Sprengungen, die der weichende Feind an der Paßstraße 
vornahm, haben wir um 6.30 Uhr auf der Paßhöhe die 
Reichskriegsflagge gehißt. Die zwei Tunnels der internationalen 
zweigleisigen Strecke sind durch Sprengungen vom Feind 
unpassierbar gemacht worden. Um 7.30 Uhr sahen wir auf eine 
Entfernung von etwa acht Kilometer unter einem Getöse, das den 
ganzen Talkessel erfüllte, eine hohe Rauchsäule aufsteigen, 
unweit vom Sanatorium Jablunka. Es steht noch nicht fest, was 
hierbei der polnischen Vernichtungswut zum Opfer gefallen ist. 

Infanterie aus Niederbayern, geführt von Generalmajor Lang t. 
nahm in schneidigem Angriff den Paß, den der Feind etwa in 
Stärke eines Bataillons hinhaltend verteidigte. Geschickt die 
Deckung des leicht bewaldeten, sanft abfallenden Geländes 
nutzend, kamen die Kompanien bis auf einige hundert Meter an 
die Tunnelmündung heran, ehe sich das Feuergefecht 
entwickelte. Ein Zollhaus wurde im Handstreich genommen. Um 
5.30 Uhr traten unsre MG. -Züge in Tätigkeit, sie warfen den 
Gegner in die Wälder zurück. Gegen 5.45 Uhr schwoll der 
Gefechtslärm an, unsre Infanteriegeschütze und Granatwerfer 
griffen ein. Der feindliche Widerstand an der Tunnelmündung 
wurde rasch niedergekämpft. Gleich darauf erkannten wir aus 



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dumpfen Detonationen, daß die Tunnelsprengung niclit melir zu 
verllindern ist. 

Wir rücken über das Slowakendorf Uprivary auf die Höhe 605 
vor. Mit gutmütig-wohlwollendem Lachen empfangen uns die 
Dorfbewohner vor ihren Holzhäuschen und grüßen mit erhobener 
Hand. „Poljak zurrick!" rufen sie uns frohlockend zu. 

„Ist das die polnische Grenze, Herr Leutnant?" fragt ein Schütze. 
„Das war die polnische Grenze", erhält er zur Antwort. Das fühlen 
auch die bäuerlichen Menschen, die aufatmend wieder an ihre 
Arbeit gehen, als das große Glück dieser Stunde. Sie wissen, sie 
sind nun geborgen unter dem Schild des Reiches, und keine 
Willkür, keine „polnische Wirtschaft" wird je hierher wieder 
zurückkehren. Sie geben ihrem Polenhaß mit geballten Fäusten 
Ausdruck und sie tilgen die Spuren der kurzen Polenherrlichkeit 
am Jablunkapaß im Handumdrehen. Eben werden die 
Schilderhäuschen und die Zollstation dem Erdboden 
gleichgemacht, ein Mordsspaß für die Slowakenbuben, die sich 
von dem nahen Gewehrfeuer nicht erschüttern lassen. 

Wir zählen noch keinen Verwundeten, die Polen dagegen haben 
an der Tunnelmündung einige Tote zurückgelassen. Wir sind auf 
der Höhe 605. „Sance", nennt die Karte den Punkt, das heißt 
eigentlich Schanze, die Bezeichnung für die verfallenen 
altösterreichischen Festungswerke, die, völlig vergrast und 
verfallen, dennoch unsren Schützen in diesem Augenblick 
Deckung gewähren. Die alten Kasematten erleben so, aus dem 
Schlummer der Jahrhunderte aufgeschreckt, noch einmal einen 
wettergrollenden Kampftag. Im Weltkrieg, als hier die 
Karpatenwacht stand, wurde um die Schanze nicht gekämpft. 
Aber jetzt stürmt das junge Geschlecht des neuen Deutschlands 
darüber hin, zugleich mit den Weltkriegsteilnehmern — eine 
heilige Glut erfüllt sie alle. „Herrgott", hören wir einen alten 
Kämpen, Oberstleutnant Streil t. ausrufen beim Anblick seiner 
ungestüm vorwärtsdrängenden Männer, „Herrgott", da lacht 
einem alten Frontsoldaten doch das Herz...!" 

In einem richtigen Gebirgsgefecht haben die Burschen gezeigt, 
welcher Geist in ihnen steckt, und dabei haben sie ihre 
Feuertaufe erhalten. Das beglückte Lachen der befreiten 
Slowaken ist ihnen Dank und Ansporn. „Wir haben ja schon lange 
auf euch gewartet", erklären die Slowaken unsrem Dolmetsch. 



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Wir stehen jetzt über dem Tunnel, die Spitze der Kompanie 
säubert eben Mosty. Die Asplialtstraße, die über den Tunnel 
führt, ist geborsten von der Wucht der Explosion. Ein flüchtiger 
Blick hinein in die Schlünde der Tunnelausgänge, aus denen 
noch der Explosionsrauch qualmt. Die Quadern der Mauern sind 
zusammengestürzt, Schotter hat den Tunnel vollends 
zugeschüttet. Auf 50 Meter Länge haben die Polen die Geleise 
aufgerissen, die Straße ist verlegt mit eisenarmierten 
Baumstämmen. 

Wir schauen hinüber nach Mosty: Die Einwohner sind mit 
Hakenkreuzfähnchen auf die Straße getreten, die 
Slowakenmädchen schmücken mit den Blumen des frühen 
Herbstes unsre tapfere bayerische Infanterie. Eben werden die 
ersten polnischen Gefangenen herangeführt, sie ziehen ihre 
Eierhandgranaten aus der Tasche und werfen ihre 
Gewehrmunition ins Gras. 

Diese Geste sieht schon weit bescheidener aus als die Gebärde 
des Herrn Prchala von neulich, der uns die „Zermalmung" 
ankündigte. Und wer kommt denn da? — Ah, der Herr Mesner 
von Mosty, ein Pole, der daran war, die Glocken zu läuten, als 
unsre Infanteriespitze in die Ortschaft einzog, um der feindlichen 
Artillerie fromme Signale zu geben... 

Nein, nein, ihr Mesner und sonstigen Dunkelmänner, dieser Tag 
gehört uns! 1. September (1870 der Tag von Sedan), ein Tag, 
den wir als gutes Omen deuten wollen, ein Tag des Sieges einst 
und heute. 

Und nun verschnaufen wir ein wenig. Gleich heißt es, den 
Stahlhelm wieder fester binden. 



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Bereitstellung zum Angriff 

Nächtlicher Überfall auf das Alarmquartier Koniakow 

Der „Schornalist" und der Schriftleiter-Soldat / Wo steht der Feind? 
Fröhlicher Gänsefang am frühen Morgen 

Kasperki, 2. September, 6 Uhr morgens. 

Zwei ruhelose Nächte und ein Tag gespanntester Anstrengung 
liegen hinter uns. Nur wenige Stunden der Rast scheiden das 
Tagwerk des Soldaten von dem nächsten Tagwerk. Allein die 
Wucht, mit der uns die Ereignisse vorwärtstreiben, läßt nicht zu, 
daß uns Müdigkeit überwältigt. Wir schlafen wie auf Kommando 
dort und da in einer knappen Ruhepause eine halbe Stunde, wo 
wir eben liegen oder sitzen, im Beiwagen des Kraftrades, auf der 
Protze oder auf dem blanken Boden. Das muß genügen und 
genügt auch in diesen Stunden unablässigen Vorstoßens. 

Der Kriegsberichter hat seine Schreibmaschine nicht irgendwo 
hinten im warmen Nest eines „Pressehauptquartiers" aufgebaut, 
er formt seine Berichte nicht aus den Erzählungen anderer — wie 
es einmal gewesen ist — , sondern er will vorn an der Front 
stehen, wo es hart auf hart geht. Das gehört nun auch zum 
Lebensstil des neuen Deutschlands: Der Mann der Feder, mit 
dem Waffenhandwerk vertraut gemacht, geht Schulter an 
Schulter mit dem Infanteristen im Kampfgelände vor. Soldatischer 
und schriftstellerischer Auftrag fließen in eins zusammen — das 
Buch, die Feder verbrüderte sich dem Gewehr. 

Der deutsche Schriftleiter-Soldat, so hoffen wir, steckt jetzt 
endgültig und überzeugend die Grenzmarkierung ab, hinter der 
jener mit glitzernden Worten um sich werfende Geistreichler von 
einst, der „Schornalist", zu einer absonderlichen geschichtlichen 
Erinnerung verdorrt. In dem Bemühen, einem zählebigen Vorurteil 
den Rest zu geben, das wohl einmal eine gerechte Verurteilung 
gewesen ist eines Berufsstandes, der wie zahlreiche andere der 
Zersetzung erlegen war — reicht der Schriftleiter-Soldat der PK. 
dem nationalsozialistischen Kampfschriftleiter die Hand zurück in 
die Jahre des Ringens der Bewegung... 



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Wir wollen das beschreiben, was wir erleben, und nicht viel mehr 
als das. Wir geben wenig auf die Erlebnisschilderung aus zweiter 
und dritter Hand. So glauben wir auch, uns am besten frei zu 
erhalten von dem Pathos, das seine bleichen Orchideenblüten 
treiben mag in der Stubenluft weitab von hier und geschirmt von 
dem Sturm der Zeit. „Im Krieg ist alles einfach, das Einfachste 
jedoch", — sagt Clausewitz — „höchst schwierig." Vielleicht wird 
das auch für den Gebrauch des Wortes Geltung haben — wir 
wissen es noch nicht, denn eben erst ist der Krieg als ernster 
Pate an die Wiege des Wortes getreten. 

„Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was jemand mit 
seinem Blute geschrieben hat", bekennt Nietzsche. Als 
kämpfende Nationalsozialisten haben wir Nietzsches Bekenntnis 
ehrfurchtsvoll aufgenommen. Er soll seine würdige Nachfolge 
haben in unsrem Geschlecht, das seine Geschichte mit Blut und 
Eisen schreibt, und er soll auch keine Skribenten finden in der 
neuen Ära Deutschlands, die seine glühende Philosophenseele 
herauf gesehnt hat aus der Tiefe der Zeiten, sondern Berichter, 
hinter deren Wort das Pfand ihres Lebens steht... 

Vor einem ärmlichen polnischen Bauernhaus haben wir uns jetzt 
niedergelassen, ein paar Holzklötze bilden den Schreibtisch, 
rundum der klirrende Gefechtstroß, das Gewieher der Pferde, das 
Rattern der Motoren. Der Morgennebel wallt über die flachen 
Höhenzüge der verebbenden Westbeskiden. Aus dem Silbergrau 
tauchen die Silhouetten der vorbeiziehenden Truppen und 
Materialwagen auf. Kommandoworte fliegen über den Lagerplatz 
— welch einen Sprung müssen wir doch tun, um aus dem 
Erlebnis zur Betrachtung zu kommen! 

Was hat unsre Infanterie gestern nicht alles schaffen müssen! 
Für den Kampf im Gebirge eigentlich gar nicht gerüstet, wurde sie 
dennoch vor die Probleme des Bergkrieges gestellt, und sie hat 
sie gelöst. Das Schwierigste war die Auffahrt der Wagenkolonnen 
durch das völlig unwegsame Gelände, das sich zwischen 
Jaworzina und Koniakow hinzieht. Ehe unsre Pioniere über die 
Bäche Brücken schlugen und vermoorte Stellen mit Steinen 
auslegten, mußte die Infanterie über Stock und Stein und Mulde. 
In Istebna Gefechtseinsatz nach strapazenreichem Marsch. 
Einige MG. -Nester werden ausgehoben. 



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Um 16 Uhr ist die Bergliölie Placliazita bei Koniakow 
genommen, Koniakow selbst wird von den Polen jäh verlassen, 
das Dorf ist zum Nachtlager ausersehen. Die Feldküchen bleiben 
aus, sie sind irgendwo im Gelände aufgehalten worden. Die 
eiserne Ration muß her. In der Nacht arbeitete sich noch die MG.- 
Kompanie nach vorn, sie trifft gerade zu dem Zeitpunkt in 
Koniakow ein, als das Gros aufbricht. Aber die Männer halten 
durch und bewahren sich einen wundervollen Kampfgeist. Die 
neun Verwundeten, die die Truppe hatte, bezeugen die Härte des 
Einsatzes. 

Was für aufpeitschende Nacht war das! Wir hatten uns das 
Anrecht auf ein paar Stunden Schlaf ehrlich erworben. Wir richten 
uns eben ein in dem Stall einer Gastwirtschaft, aus der vor 
wenigen Stunden noch die Polen auf die Truppe feuerten. Der 
Wirt hat uns, nachdem er sich zunächst weigerte, etwas schales 
Bier verkauft. Wir hatten zufolge des anstrengenden Marschtages 
mächtigen Durst. Ach — nun schlafen, um bei Tagesanbruch 
bereit zu sein! Wir liegen eben im Hinüberdämmern auf dem 
Stroh — da gellen hell Schüsse, ganz nah vor unsrer Unterkunft. 
Alarm! Alarm! Im Nu stehen wir Gewehr im Anschlag. Überfall von 
Freischärlern? Darauf müssen wir gefaßt sein zu jeder Stunde. 
Die eine Kompanie rückt bereits nach vorn — eine wunderhelle 
Mondnacht, träumerisch und mild, steht über uns. Nach einer 
Stunde ist die Flur gesäubert. Es bleiben uns noch zwei kostbare 
Stunden der Ruhe im Alarmquartier Koniakow. 

Um etwa 5 Uhr setzt sich das Gros des IR. 19 in Marsch auf der 
Straße Koniakow — Seybusch. Tiefes Schweigen begleitet unsren 
Marsch, kein Artilleriebeschuß behelligt uns. Wo steckt der 
Feind? Verödet liegen die Dörfer, Schreckensnachrichten von 
dem angeblich bevorstehenden Wüten der deutschen Truppen 
haben die Dorfbewohner jählings aus ihren Behausungen 
vertrieben. Alles Vieh ist indessen unversorgt zurückgeblieben. 
Gottlob ist noch was da für uns! Der Landser geht nun aus auf 
Hühner- und Gänsefang, die Feldküche blieb ja weit zurück. Da 
geht's jetzt kreuzfidel zu — wie am Jahrmarkt, ein 
Gänsekreischen, Schweinequietschen, Johlen und rüttelndes 
Gelächter, wenn ein Hühnerjäger im taufeuchten Gras längelang 
hinfällt, ohne Weidmanns Heil. 



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Oben: Angriff auf den J ablnnlia-Paß am I. September 
morgens. In üefeiiitsordnnng geht Infanterie vor 

Unten: In der Morgensonne marse/iieren bereits die 
Kolonnen frohen Mutes über den eroberten Pafi (Seite 12) 



» 




Oben: Vom Berge Barattia schauen wir um die Mittagsstunde 
des /. September hinunter auf Wegierska Ooräa, trägerischer 
Schein eines friedlichen Tales (Seite 19) 

Unten: Marschkolonnen setzen über ein Flußbett bei Milovka 



Lachen am frühen Morgen soll, meint das Sprichwort, keinen zu 
frohen Abend bringen. Das III. Bataillon stellt sich zum Angriff 
bereit, hinter Nebelschleiern liegt noch das lauernde Ungewisse. 



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Getreu dem Wappenspruch „Vorwärts und 'ran an den Feind!" 

Die Sturmnacht von Wegierska Gorka 

Die rechtschaffene Feuertaufe / Ein Stoßseufzer auf dem Barania Unsre 
Bomber donnern uns voran... / „Drauf und dran wie Blücher..." 
„Flach werden wie 'ne Briefmarke" 
Nächtlicher Sturmangriff auf den Bunker / Zurück zur Schreibmaschine 

Vor der Befestigungssperre Wegierska Gorl<a, 

3. September, 9 Ulir. 

Noch rollt, während wir dies schreiben, der Donner der 
Geschütze durch das Solatal, dort und da ist schon eine Bresche 
geschlagen in die Befestigungssperre von Wegierska Gorka, aber 
noch wird erbittert um die restlichen Betonbunker gerungen, die 
unsren Vormarsch aufhalten. Quer durch dieses Tal hat der Feind 
seine Hauptwiderstandslinie gelegt, an Wegierska Gorka, hofft er 
wohl, soll der deutsche Ansturm zerbrechen. Aber unsre 
Münchener Division hat den Feind an der Kehle gefaßt, frontal 
stoßen unsre Pioniersturmtrupps gegen die Feuer und Stahl 
speiende Mauer vor, die sich von der einen Talseite zur anderen 
hinzieht, und in den Flanken wird er gepackt. Wir kommen eben 
von der Höhe Zawodzie zurück, die wir heute nacht erobert 
haben. Das III. Bataillon des IR. 19 — das Regiment, das die 
Tradition des Weltkriegsregimentes List fortführt, bei dem einst 
der Kriegsfreiwillige Adolf Hitler eingetreten war — hat in einem 
Nachtgefecht den Feind zurückgeworfen auf der linken Talseite 
und hat damit eine beherrschende Höhe gewonnen. 

Der Feind hat sich zähe und heftig verteidigt, wir haben ja eine 
polnische Elitetruppe vor uns. In Anbetracht des Gewinnes sind 
unsre Verluste nicht groß. Das Regiment hat sich seiner hohen 
Tradition würdig erwiesen, es lebte da der alte Kampfgeist des 
Freiwilligenregimentes List wieder auf, und Infanterie verteidigte, 
nein, erwarb aufs neue ihren stolzen Ruhm, zu sein — die 
königliche Waffe. Ihr Ruhmestitel ist in ihrem Auftrag 
ausgesprochen, in der „Ausbildungsvorschrift für Infanterie": 

1. Die Infanterie ist die Hauptwaffe. Alle anderen Waffen 
unterstützen sie. Mit Feuer und Stoß ringt sie den Feind nieder. 
Sie bricht im Angriff seinen letzten Widerstand, an ihrer Abwehr 
scheitert der feindliche Ansturm. 



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2. Die Infanterie trägt die Hauptlast des Kampfes und bringt die 
größten Opfer. Dafür winkt ihr auch der höchste Ruhm. Die 
Stärke der Infanterie liegt in ihrem Angriffsgeist. Ihn muß sie im 
Vertrauen auf ihre eigene Kraft pflegen. Ihr Kampf muß 
beherrscht sein von dem Willen: „Vorwärts und Yan an den 
Feind!" 

Diesem Wappenspruch der Infanterie hat unsre Division, unser 
Regiment die Treue gehalten, als es hart auf hart ging und Mann 
gegen Mann stand. 

Auf der Straße von Koniakow — Kryziwa — Cisiec vollzog sich 
gestern morgen im Schutze des diesigen Wetters der Aufmarsch 
der Truppen in den Bereitstellungsraum. In Gefechtsordnung 
gingen wir die Talsenke bei Szare hinab. Und nun empfingen 
viele von uns die rechtschaffene Feuertaufe. 

Sie verschlägt einem — das zu sagen, schämen wir uns nicht — 
ein bißchen den Atem. Sie wird zum seltsamen Erlebnis zumal 
dann, wenn man, wie wir gestern, in der stählernen Dusche 
gestanden hat. ohne es recht zu wissen. Als wir so gegen die 
Ortschaft Szare vorgehen, um die Höhe des Berges Barania zu 
gewinnen, liegen die Einschläge der Infanteriegeschütze dicht 
neben uns. Verdammt, denken wir, schießt unsre Artillerie aber 
kurz, die meint es zu gut mit uns. Bis ein Reiterspähtrupp uns im 
Vorbeigaloppieren schreiend klar macht, daß es vom Barania 
herab so unfreundlich regnet. „Deckung, feindliche Artillerie 
schießt!" Der Morgennebel verzieht sich, der Berg Barania liegt 
vor uns. 

Glücklich kommen wir voran. Die Brücke bei Krzywa haben die 
Polen hochgehen lassen. Wir waten durch den Bach und stellen 
uns in dem brennenden Dorf bereit, den Berg zu gewinnen. Unsre 
schweren Waffen nehmen den Hang des Barania aufs Korn. Der 
Feind zieht sich zurück. Wir stehen auf der Höhe des Barania und 
überschauen die Bunkerstellungen unter uns. Es ist Mittag 
geworden. Die Feldküche bringt uns was Warmes nach. Ein 
Beuteschwein hat dran glauben müssen. Das hält lange vor. 

Ein feindlicher Aufklärer fliegt ganz niedrig über uns dahin. 
Schneidig, das muß man sagen, fliegt er unsre Anmarschstraße 
an, er nimmt die Kolonne unter MG. -Feuer. Es wird unter den 
Landsern gewitzelt, er hätte nur ein frischgeschlachtetes Schwein 
tödlich getroffen, das in einer Feldküche eben zerlegt wurde. 



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Er gibt jetzt jäh Höhensteuer, unser Abwehrfeuer wird ihm doch 
ungemütlich. 

Heiß brennt die Mittagssonne auf den Barania. „Jetzt'n war a 
Maß Bier recht", seufzt ein Bayer und wischt sich das Fett des 
gesottenen Schweinefleisches vom Mund. Er kann sich mit dem 
Bachwasser der Beskidenhänge nun einmal nicht abfinden. 

„Oa polnische Kompanie geht z'ruck", meldet ein Schütze, der 
eben von der Berghöhe herabgelaufen kommt, dem 
Bataillonskommandeur Major v. R. „Mit oan MG. tüchtig 
einipfeffern, Herr Major — ", meint er atemlos, er kann es nicht 
mehr erwarten. Doch die Entfernung ist viel zu groß. 

Ein dunkles Brummen zittert durch die Luft, es müssen Bomber 
sein, aber in dem flirrenden, dunstgeschwängerten Licht des 
Mittags ist keine Spur davon zu erkennen. Die Infanterie grüßt mit 
stolzem Lächeln die unsichtbaren Brüder in der Luft. 

Um 16.15 Uhr, als wir uns eben zum Angriff bereitstellen, 
donnern sie wieder zurück — ihre Ketten und Staffeln zeigen 
keine Lücken. 

Nachdem nun das Schwert der Luft zugeschlagen hat, haben 
die Erdtruppen ihr stählernes Wort zu sprechen. In 
Gefechtsordnung, musterhaft licht gegliedert, gehen die 
Kompanien vor. Keine Nervosität, alles vollzieht sich mit der 
Selbstverständlichkeit des Übungsfeldes. „Jetzt geht drauf und 
dran wie Blücher — nicht wahr, Soldaten?" ermuntert im 
Vorbeigehen der Kommandeur seine Männer. 

Wir machen uns auf den ersten Nahkampf gefaßt. Es stellt sich 
bei diesem und jenem die Stille des Gemütes ein, die nun einmal 
über einen kommt, wenn man sich vor der dunklen Schwelle 
stehen sieht, die Tod heißt. Aber es gibt lustige Vögel, die sich 
aus nichts was machen, gottlob, sie zwitschern, daß man lachen 
muß — trotz alledem. 

Wir haben die Sturmausgangsstellungen, Sattelhöhe Goluski, 
Kote 428, erreicht. Der Feind hat uns erkannt. Er deckt uns mit 
indirektem MG. -Feuer zu, das über die Sattelhöhe hinabreicht, 
knapp über unsren Köpfen zirpen die Kugeln hinweg. „Ziiiuu — 
ziiiuu — ziiiuu — ", als ob uns Peitschenhiebe um die Ohren 
gellten. Die ersten Verwundeten werden zurückgebracht. Wir 
drücken uns von Minute zu Minute tiefer 'rein in die Ackerfurche. 
Wir lernen das Gelände ausnützen, wie uns gelehrt worden ist, 
und praktizieren erstmalig gründlich die Kenntnisse, die uns im 



20 



Februar dieses Jahres in Ratlienow eingebläut wurden — im 
buclistäbliclien Sinne des Wortes — auf dem liartgefrorenen 
Militärübungsplatz auf der märkischen Heide: „Flach werden wie 
'ne Briefmarke." 

Der Geschoßhagel verdichtet sich. 16.50 Uhr. Das 
Vorbereitungsfeuer unsrer Batterien setzt ein, zehn Minuten lang 
trommeln unsre Stahlfäuste auf die Bunkerwände und halten den 
Feind nieder. Doch das MG. -Feuer sichelt noch immer durch die 

Luft, zwischenhinein platzen Granaten. „Gas — Gas !" 

wird durchgerufen. Die einschärfenden Mahnungen des 
Gasunteroffiziers von Rathenow klingen uns im Ohr. Wie bald 
haben wir jungen Hasen das alles brauchen können! Böseste 
Worte aus dem bayerischen Fluchvokabularium werden laut, 
auch eine Art schwerer Artillerie. Der Gefreite, der neben uns 
liegt, wettert auf Teufelkommraus. Er hat sich eben eine Zigarette 
ins Antlitz gesteckt in der Erregung dieser Augenblicke, er macht 
sich sein „Blaukreuzgas" selber. „Himmelherrgodzakrament", 
flucht er, „do kimmst ja überhaupt niamma zam Raucha...", und 
stülpt sich die Gasmaske über. 

Wenige Minuten noch liegen wir in den Ackerfurchen, dann 
Angriff. Auf 17 Uhr kriecht der Zeiger. Unsre Artillerie schwenkt 
zur rechten Talseite hinüber. Ein aufwühlendes Gewittergrollen 
erfüllt den Talkessel. 

Wie eine Befreiung überkommt es uns nach diesem 
herzbeengenden Sichduckenmüssen, nach dem Befehl: „Auf — 
marsch, marsch!" — „Vorwärts — 'ran an den Feind!" ruft uns der 
Augenblick zu. Bergab geht's im Sturmlauf und wieder bergauf — 
wir brauchen nicht mehr zu denken, trifft's mich oder pfeift es 
vorbei?, es hat etwas von uns Besitz ergriffen, wir wissen nicht, 
wie wir es nennen sollen, es ist wie ein Taumel von Freude, und 
alle Todesangst ist klein und lächerlich geworden im Nu — da, ein 
verlorener Munitionskasten, wir schnappen ihn, wir werden ihn 
brauchen können — hurra, hurra! — 'ran an den Feind! Ein 
Draufgängertum ist ringsum lebendig geworden, daß einem das 
Herz im Leibe wieder lacht. Unsre MG. sichern den Sturmangriff, 
die schweren Granatwerfer hauen hinunter auf die Bunker, denen 
es die Sprache verschlägt. Das Gewittergrollen der sich 
bekämpfenden Geschütze füllt das Solatal bis zum Rande. 
Rauchschwaden schwelen darüber. 



21 



Der Wald gewährt dem Feind gute Deckung. Dort und da tackert 
plötzlich ein MG. auf uns los, zwingt uns in Deckung. Doch immer 
wieder gilt für die deutsche Infanterie: Sprung auf — marsch, 
marsch — Yan an den Feind — Sturm! 

Wieder ist eine Höhe unser! Einen Augenblick verschnaufen wir, 
gebannt von der Wucht dieses Anblickes: Blaue Dämmerung hat 
sich über das Tal der Sola gelegt, sie tut so sanft und schön, als 
ahne sie nichts von Sterben und Vernichtung, sie kämpft mit dem 
Brandrot zahlloser Feuersbrünste, die diese blaue Stunde 
gespenstisch erhellen. 

Leuchtspurgeschosse rasen in dichten Strähnen unablässig auf 
die Betonwerke zu und spinnen als pfeifende Webfäden ein 
grünleuchtendes Netz des Verderbens über Wegierska Gorka. 
Aus tausend feuerspuckenden Stahlrohren orgelt dunkel 
brausend die aufpeitschende Fuge Krieg. 

Ein Flammenwerfer geht dem Bunker zu Leibe, der uns 
hartnäckig in der Flanke beschießt. In schauerlich wilder 
Schönheit entflammt vor uns jetzt ein Bergdorf zur Fackel — wir 
arbeiten uns sprungweise hindurch — im gelbroten Schein ein 
leicht jagdbares Ziel für die polnischen Scharfschützen drüben am 
Hang. 

Die finsterblaue Nacht ist eingefallen, zeitweilig unheimlich 
durchhellt von aufsprühenden Bränden. Vor uns ist es merklich 
stiller geworden. Entlang eines murmelnden Wässerchens an der 
Sohle des Grabens stolpern wir in Schützenreihe, das brennende 
Dorf weist uns zunächst noch den Weg. Unsrer Sache fast sicher, 
arbeiten wir uns vor an die bewaldete Höhe. Kaum daß einer den 
andern wahrnimmt in der abgründigen Finsternis des Waldes, die 
uns jetzt verschluckt hat. 'rauf über die Böschung — wir flüstern 
nur mehr — 

Ziiiuuu — tack — tack — tack — die Erde spritzt vor uns auf, 
ganz dicht vor uns. MG. -Mündungsfeuer blitzt grüngelb. Schneller 
als ein Gedanke springen wir in den Graben zurück in volle 
Deckung — keinen — Gott sei Dank, keinen von uns hat's 
erwischt. „Dusel gehabt", preßt der Kommandeur hervor, aber auf 
50 Schritte hat uns der Pole anlaufen lassen, um uns abzumähen. 

Es mag vielleicht eine halbe Stunde vergangen sein, vielleicht 
auch mehr, während der zwei vergeblichen Flankenangriffe der 
Kompanien auf den Bunker vor uns. 

Eingekesselt? Umschlossen? In die Falle geraten? 



22 



So hämmert uns das Blut in den Schläfen. 

Zwei Verwundete schreien um Hilfe draußen auf der Wiese. 

Eine stählerne Stimme, es ist der Kompaniechef, Hauptmann 
W., reißt uns aus dem Lauschen mit verhaltenem Atem, sie reißt 
uns mit, reißt uns bergauf: „Sturm — Sturm!" 

„Hurra — hurra — hurra!" hallt es über das Dickicht hin. Dumpf 
schlägt ein harter Knall ans Ohr. Eine Handgranate, sie hat uns 
im Stacheldrahtverhau eine Lücke gerissen. Da müssen wir 
hindurch. 

Hurra! raaa — raaa — ! hallt das Echo durch den schwarzen 
Forst. Wir kommen, bergauf hastend, an die Befestigung. Pah! — 
die Füchse sind aus dem Bau gefahren. 

Wir liegen im Wald, ins Moos gepreßt, denn über uns in den 
Wipfeln faucht die Kugelsense. Wer weiß, wie lange wir da 
liegen? Es wird heller und heller, es scheint, als wäre der Mond 
aufgegangen. 

Wir hören, wie nun die II. Kompanie über die Wiese stürmt, über 
die blanke, vom Feind eingeschossene Wiese — die können es ja 
nicht wissen. Schreie Verwundeter — die Polen feuern in unsre 
Stürmer. 

Jetzt hält uns nichts mehr zurück, 'ran — 'ran! Es ist die 
Erbitterung über den Kameraden, der bluten muß, die uns 
antreibt, vorwärtstreibt. Wir kommen — wartet, Polacken — wir 
kommen! 

Wir brechen uns die Bahn durchs Geäst. Schießen hinein in den 
verteufelten Wald, was das Zeug hält, stürmen hinaus über den 
Waldrand. 

Da — da laufen sie wieder. Leer sind die Schützenlöcher und 
die Gräben, aber die Tornister haben sie uns vollgepackt 
hinterlassen, Zwieback, Konserven, Schnaps — und eine Decke. 
Die können wir auch brauchen. 

Wir betten den einen Verwundeten hinein, zum Rücktransport. 
Weiter, weiter, über die Wiese, hinein in den Wald, der Feind hat 
die ganze Höhe fluchtartig verlassen — hurra! 



Hingesunken, wie es eben kam, sind die Männer auf Stein oder 
Moos, todmüde. Wir sehen noch, ehe uns der bleierne Schlaf die 
Lider zudrückt, wie der Bataillonskommandeur dem 



23 



Kompaniechef Hauptmann W. die Hand reiclit in dem Wald der 
Anliölie Zawodzie und wie zwei Soldatenliände einander 
sciiütteln und wieder sciiütteln. Kein Wort fällt, nicht einmal Blicke 
können sich in dieser nur vom schwachen Mondlicht erhellten 
Nacht begegnen. In dem Druck zweier Hände liegt jetzt alles, was 
Soldaten auf dem Kampffeld einander sagen können. Und sagen 
müssen. 

Es ist ein kurzatmiger, vielfach unterbrochener Schlaf. Es knickt 
und knackt jetzt wieder dort im Dickicht, es hört sich an, als würde 
ein Gewehr geladen, es hört sich an, als würden sich welche an 
uns heranschleichen. 

„Herr Oberleutnant — hören Sie — hören Sie — die Polen 
kommen!" Aber der Oberleutnant hört nicht, die Erschöpfung hält 
ihn mit Eisenklammern am Boden fest. 

Es kriecht auf leisen Sohlen das Grau des Morgens hoch. 
Schüsse fallen — dort, da, dort — man schläft wieder für zehn 
oder zwanzig Minuten. 

Der Frost nagt an den Beinen. Richtiger Schüttelfrost peinigt 
uns. 

Wir schrecken hoch, es knallt uns hell um die Köpfe. Wir sind 
wieder ganz wach im Nu. Da ist er — der Gegenstoß der Polen, 
die Ohren haben uns nicht betrogen: die Polen setzen alles 
daran, uns zu werfen, weil wir ihnen nicht nur in die Flanke, 
sondern auch in den Rücken geraten sind. 

Aber das Bataillon läßt sich nicht überwältigen. 



Wir müssen nun zurück, zurück zur Schreibmaschine. Unser 
eigentlicher Auftrag beginnt erst jetzt: Berichten. „Sie dürfen nicht 
allein gehen — das Gelände ist noch nicht gesäubert — 
schließen Sie sich einem Mann des Munitionsnachschubes an! 
Sie dürfen sich immer als unser Kamerad betrachten", sagt uns 
im Abschiednehmen mit festem Händedruck der Kommandeur. 
„Kommen Sie gut zurück!" 

Vor einem Tag waren wir einander fremd, diese eine Nacht, die 
für uns zwischen Ja und Nein stand, hat uns nah zueinander 
geführt. 



24 



Und wir haben nun berichtet, wie es die Pflicht uns befahl, sind 
ein Echo gewesen dem Lied, dem Hohenlied auf die deutsche 
Infanterie, das dieser Kampftag und die Sturmnacht von 
Wegierska Gorka sang, oder, wenn ihr wollt, gezwitschert hat mit 
hunderttausend Kugeln. 



25 



„Uneinnehmbar" — gilt niclit 

Das Ende von Wegierska Gorka 

Nur wenige Überlebende in den gesprengten Betonburgen 
18köpfiges Ungetüm im Solatal / Panik faßt den Feind im Genick 

Milovka, 3. September, 18 Uhr. 

Lage: Feind flieht nach unserem Durchbruch bei Wegierska 
Gorka in dem Angriffsstreifen der Infanteriedivision. Auftrag: Die 
motorisierte Vorausabteilung (Major K.) hat sich ihm an die 
Fersen zu heften und seinen Rückzug zu beschleunigen. So etwa 
steht es in dieser Stunde, da vor den polnischen 
Befestigungswerken bei Wegierska Gorka unsre Artillerie den 
letzten Bunkern in Zusammenarbeit mit den Pionieren und der 
Infanterie den Garaus macht. Die Polen haben offenbar blinden 
Glauben in die Widerstandskraft ihrer Befestigungslinie zu beiden 
Seiten der Sola gesetzt. Sie hatten wohl mit dem 
Artilleriebeschuß gerechnet, der tiefe Wunden in die 
Zementmauern der Befestigungswerke geschlagen hat, aber nicht 
mit der Todesverachtung unsrer Stoßtrupps, dem heldenhaften 
Draufgängertum unsrer Pioniere und Infanteristen, die sich an 
jeden der 18 Betonklötze herangearbeitet haben, ungeachtet des 
rasenden Abwehrfeuers. Sie haben, nahe genug an die Schlünde 
des Stahlhagels herangekommen, den letzten Sprung zwischen 
Tod und Leben gewagt, an die zerschründeten Zementblöcke 
heran, um die geballte Ladung in das Innere der Befestigungen 
zu pressen. 

So wird um Wegierska Gorka gerungen die ganze Nacht. Leicht 
macht es uns die feindliche Besatzung nicht. Da stecken schon 
Kerle drin, ausgesuchte Truppen! Nur wenige Überlebende 
verlassen ihre gesprengten Betonburgen, rauchgeschwärzt, mit 
gepreßten Lippen und verzerrten Mienen. 

Zwei Bunker stehen noch, sie können uns noch immer den 
Vormarsch durch das Solatal sehr erschweren. Ein Stoßtrupp ist 
eben daran, auch die letzten Bunker zu erledigen. Während sich 
die motorisierte Vorausabteilung des Majors K. in dem von den 
Polen ausgeplünderten Milovka bereitmacht zur Verfolgung des 
weichenden Feindes, haut noch die Artillerie schwere Brocken auf 



26 



die beiden letzten liarten Sciiädel. Bald tritt Stille ein. Wir wissen, 
der Weg in die galizische Ebene ist frei! 

Zerstoben ist der Mythus der Uneinnehmbarkeit, womit 
Wegierska Gorka prahlte. Aufgebrochen sind die 18 geballten 
Betonfäuste, womit das Solatal uns bange machen wollte, 
aufgebrochen in kaum 20 Stunden. 

In Trümmern liegt die mächtige Staumauer der Befestigung, die 
von der einen bis zur anderen Seite des Solatales reichte, wie 
von der Wucht eines Hochwassers eingedrückt. Unheildrohend 
schaute gestern das achtzehnköpfige Ungetüm zu uns hinauf auf 
den Barania — wir haben doch mit einigen Tagen gerechnet, die 
wir zu seiner Bezwingung brauchen würden. 

Wir wundern uns nicht, wenn nun das graue Gespenst Panik 
sich ins Genick des fliehenden Feindes krallt. 



27 



Vorbei an flackernden Brandruinen 



Der Schrecken fegt hinter dem Polen her 

Vormarschstraße mit geltrümmten Hufnägeln besät 
Der Hochwürden zu Jelesnia beschwört uns 
Weltuntergangsstimmung in Sucha / Juden verschenken ihre Habe... 

Vor Sucha, 4. September, 17 Uhr. 

Nachts 1 Uhr marschiert die Verfolgungsabteilung Major K. los, 
Richtung Seybusch. Eine Aufklärungsabteilung mit 
Nachrichtenzug, eine Reiterschwadron, eine Radfahrereinheit, 
Panzerspähwagen, eine motorisierte schwere Batterie — all das 
bildet die Kavalkade der Verfolgung, ein Verband von 
außergewöhnlicher Feuerkraft und Schnelligkeit, erfüllt von dem 
Geist kavalleristischer Draufgängerei. Noch zuckt der 
Feuerschein von den in Brand geschossenen Zaunmasken der 
erledigten Bunker, als wir um 1 .30 Uhr nachts durch das Solatal 
fahren. Flackernde Brandruinen entlang der Marschstraße 
bezeichnen düster die Erbitterung, mit der hier eben gerungen 
worden ist. Der Qualm der Brände schwelt über das Tal hin, an 
dessen Hängen sich eben noch eine Symphonie des Grauens 
brach. Still ist es geworden, leichenstill. Nur das Surren der 
Motoren bricht herein in das Schweigen des frühen Morgens. 
Menschenleer sind die Dörfer, ein paar Einwohner begegnen uns 
erst in Seybusch. 

Wiederum längerer Halt. Man flüstert, die Brücke vor uns sei 
gesprengt. Da heißt es eben, weite Umwege machen. Indem wir 
so wartend nervöse Kreise in den Staub zeichnen, erkennen wir 
den seltsamen Willkommengruß im Straßendreck, womit 
Seybusch uns, eigentlich unsre Wagenreifen, empfängt. Tja, was 
ist das gleich? Ein gekrümmter Hufnagel? Schaut einmal hin, zu 
Hunderten liegen sie da, zu Tausenden. So wollt ihr also den 
Krieg gewinnen? Nein, mit solchen krummen Sachen ist nichts zu 
machen. 

Trotz krummer Nägel geht's weiter, in weitem Bogen um 
Seybusch herum. Vom Feind ist nichts zu sehen. Der Schrecken 
von Wegierska Gorka fegt hinter ihm her. Unsre 
Verfolgungsgruppe kann das Tempo der Panik kaum halten. 



28 



Ein erregendes Erlebnis, in ein niclit erkundetes Gebiet 
vorzurücken, das voll Überraschungen sein kann. Dort und da 
entlang der Straße sind in unsren Karten in roter Farbe feindliche 
Widerstandsanlagen verzeichnet — werden auch sie verlassen 
sein oder wird plötzlich vom Waldhang herunter ein mörderisches 
Flankenfeuer losbrechen? Niemandsland liegt vielleicht vor uns, 
von uns noch nicht erfaßt, vom Gegner schon verlassen. Scheu 
stehen in den Nebentälern die Bäuerinnen mit ihrem Vieh am 
Wegrand. Verstünden sie unsere Sprache, wir möchten ihnen die 
Angst nehmen, die sie verleitet, ihre armseligen Bündel zu raffen, 
und ihnen sagen: Wenn wir einmal da sind, braucht ihr den Krieg 
nicht mehr zu fürchten. Wohl mögen das die fühlen, von denen 
Überläufer uns berichten, daß sie wünschen, die Deutschen 
möchten das Durcheinander in ihrer Woiwodschaft endlich durch 
Ordnung ersetzen. Sie grüßen uns, der eine zieht den Hut, indem 
er die Sense einen Augenblick beiseitelegt, die anderen wieder 
grüßen mit erhobener Hand. In Sapotnia und Umgebung sehen 
wir fast keine Männer, nur Frauen und eine wimmelnde 
Kinderschar — wie kinderreich ist dieses einstige Galizien, das in 
unvorstellbarer Armut lebt. 

Eine kilometerlange Staubschlange hüllt unsre Kavalkade ein, 
als wär's eine künstliche Vernebelung. Die Straßen sind 
jämmerlich. Was müssen unsre Wagen ertragen! Von dem Geist 
unsrer Truppen ganz zu schweigen; jedoch, wenn wir trotz der 
Ungunst der Wegverhältnisse so rasch weiterkommen, ist das 
nicht auch ein erstaunlicher Sieg unsres wunderbaren 
technischen Materials? 

Wo ist der Feind? In wilder Flucht muß er davongestoben sein. 
Wir entnehmen das auch dem Gespräch mit einem Polenmädel. 
„Soldati — pritsch, pritsch" — fort, fort, meint es mit lebhafter 
Gebärde. 

Die motorisierte Vorausabteilung braust durch Jelesnia. Vorbei 
an der Dorfkirche, wo sich ein halbes Hundert buntgeschürzter 
Dorfjungfern wie die vom bösen Wolf gescheuchten, 
angstbebenden Lämmchen um den Hochwürden scharen, der mit 
entsetzten Blicken wie beschwörend die Hand zum Gruße 
bewegt, während die andere vielleicht einen Weihbrunnkessel 
umfaßt, womit der deutsche Unhold gebannt werden soll, so er 
sich an den züchtigfrommen Landestöchtern vergreifen will — 
wozu er indessen nicht die geringste Neigung verspürt. 



29 



Ein urkomisches Bild, das uns nocii kilometerweit heiter 
erschüttert. 

Auf der Berghöhe dort ein Befestigungswerk. Auch dieses 
verlassen. Immer dichter werden die unvollendeten 
Befestigungsanlagen zu beiden Seiten der Vormarschstraße. 
Immer häufiger werden wir mit dem deutschen Gruß gegrüßt, von 
jung und alt. In Koszarawa jedoch begegnen wir drei alten 
Frauen, die flehentlich die Hände ringen. Das reizt uns aufs neue 
zum Lachen. Sie sehen in uns, weil sie abgründig belogen 
worden sind, wohl die Kindermörder, Vergewaltiger und 
Plünderer. Ihre Habe ist droben in den Wäldern versteckt. Dazu 
haben ihnen die polnischen Soldaten geraten, gestehen sie. Alles 
wird hier offenbar nach polnischem Maß gemessen. 

Vor Sucha, wo wir um 12 Uhr mittags eingetroffen sind, hörten 
wir zunächst eine Unglücksbotschaft. Das Bier, das wir 
verlangten, ist nicht mehr zu haben. Alles Eß- und Trinkbare ist 
gestern vertilgt worden, es ist wohl ganz toll zugegangen. Die 
Juden hätten vor dem Reißaus, den sie gottlob in geschlossener 
Marschordnung veranstaltet haben, alles Trink- und Freßbare 
verschenkt, man höre: verschenkt! Eine wahre 
Weltuntergangsstimmung, vom Glänze des „goldenen jüdischen 
Herzens" besonnt. Davon erfaßt, haben die betrunkenen 
polnischen Soldaten sich nicht mehr die Mühe gemacht, die 
Stacheldrahtrollen mitzunehmen, die also in rauhen Mengen vor 
ihren unvollendeten Bunkern bei Prz zurückgelassen wurden. 
Zum Brückensprengen langte der Mut noch. 

Allerdings die zerstörten Brücken vor Sucha haben die 
Verfolgung gebremst. 

Die Pioniere unterfangen mit Bolzen die in der Luft hängenden 
Balken. Die Infanterie ist schon darüber, ebenso die leichten 
Wagen. Bald wird auch unsre Batterie drüben sein. Und dann 
wird der Pole unsrer Abteilung hoffentlich die Ehre machen, die 
wir brennend wünschen: Feindberührung! 



30 



Bei einer Verfolgungsgruppe 



Nachtfahrt in Feindesland 

Vier unsrer Spähtruppreiter kommen niclit wieder 
Essig im Alarmquartier Budzow / Mondüberglänztes Westbeskidenland 

Sulkovice, 5. September, 13 Uhr. 

Bis gegen 1 Uhr früh war unsre Verfolgungstruppe unterwegs. In 
Budzow sollte Alarmquartier bezogen werden, nordostwärts von 
Sucha, wo stundenlang die motorisierte Kolonne in stockdunkler 
Nacht gestanden hat. Gesprengte Brücken. Eine neue 
Marschroute mußte erkundet werden. Endlich kommt, wieder 
Bewegung in das Ganze, dann stoppt nach kurzer Zeit ein 
schwieriger Flußübergang den Vormarsch wieder. Das geht auf 
die Nerven. 

Der Mond ist inzwischen aufgegangen, er baut in die Landschaft 
phantastische Szenerien. Nach kräftigem Anlauf stürzen sich die 
Motorfahrzeuge in den Fluß, gottlob ist Niederwasser. Mancher 
Fahrer bleibt mit seiner Karre mittendrin stecken. Dann heißt es 
wieder warten, warten. Zuweilen schließen sich unsre Augenlider, 
als wären sie aus Blei. In der Nähe gellen Schüsse, die machen 
einen wieder wach. Reiterspähtrupps sind vorausgeritten, hinein 
in die bange Nacht, in das mondverzauberte, feindselige Land. 
Jeder laute Hufschlag kann das tödliche Feuer aus den 
Uferbüschen locken, über die der Nachtwind sanft rauschend 
streicht. Lauerndes Verderben erfüllt diese grünblaue Mitternacht, 
wir wissen nicht, sollen wir dem Mond Dank sagen, weil er uns 
den Weg erleuchtet, oder ihn verfluchen. Wieder knallt es — dann 
rollt dumpfes Gedröhn ferner Explosionen über uns hin. Vier 
Reiter des Spähtrupps, raunt man um uns herum, seien nicht 
mehr zurückgekehrt. Arme Kerle, man hat euch aus dem 
Hinterhalt abgeknallt. Verfluchte helle, grausige Nacht. 

Wir sind jetzt an der Reihe, die Puch 500 holt kräftig Atem, 
schießt los, in der Flußmitte fauchen Dampfwolken auf, das 
Wasser reicht über die heißen Zylinder herauf. Abgesessen! 
Schieben! Das Wasser plantscht in die Stiefel hinein, wir 
genießen die Wohltat eines kleinen Fußbades, kriegsmäßig, 
behelfsmäßig. Nun wären wir da, über tiefe Straßenfurchen quält 



31 



sich unser Beikrad mit gellend aufheulendem Motor. So geht es 
kilometerweit. Dann wieder eine Furt und dann los auf Budzow in 
das scheinbar menschenlose, schweigende, mondüberglänzte 
Westbeskiden-Bergland, unsren Sicherungen nach. 

Wir stehen vor dem Alarmquartier Budzow, das einsame Haus 
sieht so nach Wirtshaus aus. Wir nehmen's im Sturme. Die Stube 
ist erleuchtet, ein rauhbärtiges Subjekt macht sich da zu schaffen. 
„Pivo, Pivo!" schreien wir heiser. Er antwortete in gebrochenem 
Deutsch, die Polen hätten ihm vor einigen Stunden erst alles 
ausgesoffen, Wodka und Pivo. Bursche, du lügst! Da stehen ja 
noch Flaschen haufenweise in den Stellagen! 'runter damit. 
Korken 'raus, angesetzt! 

Schauerlich, es ist der pure Essig. „Ocet" heißt das Zeug auf 
polnisch, das ist uns für immer in den Schlund eingebrannt. 

Trotz Essig gibt's süßen Schlummer für drei Stunden. Vorerst 
aber wird das verdächtige Wirtshauspersonal in Haft gesetzt. 

Aufbruch bei Morgengrauen. Hinein ins Land, den Feind hetzen, 
auf Teufel komm 'raus marschieren! Bei Sulkovice zweigen wir 
rechts ab Richtung Myslenice. Saumäßiger Bergweg. Hinter 
Jasienica, etwa Kote 440, Halt. Ein Nebelvorhang verhüllt 
Myslenice. Unsre motorisierte Artillerie bezieht Feuerstellung, 
rundum wird geschossen, von den Höhen herab, von Myslenice 
herauf. 



32 




Oben: Ein Dorf ist in Brand ggsäm$in. infanUrie säubert es vom 
Feind und . . . 

Unten: . . . treibt die Heckenschätxen aus ihrem ieigcn lluiierhaU 



Der „strategische" Rückzug der Polen 

reißt aus wie Schafleder" 

Hinterhältiger Freischärlerkampf bei Rudnik 
Abgeurteilt nach dem Kriegsrecht 
Greuellügen über bethlehemitische Kindermorde 

Sulkovice, 5. September, 19 Uhr. 

Die Abneigung der polnisclien Streitl<räfte, sicli in unsrem 
Angriffsstreifen zu einem größeren Kampfe zu stellen, erwies 
auch der heutige Tag, der unsre Truppen das gesteckte Ziel, 
Myslenice, hat erreichen lassen. Nach dem Fall der 
Befestigungen bei Wegierska Gorka zieht sich der Feind nach 
Plänkeleien fortdauernd zurück. Morgen dürfte die Höhe des 
Befestigungsgürtels von Krakau erreicht werden. Die Verbände 
der Infanterie haben trotz der schwierigen galizischen 
Straßenverhältnisse eine Marschleistung von über 40 Kilometer 
erbracht, das entspricht der Entfernung Sucha — Myslenice. Die 
Verfolgung mit rasch beweglichen Streitkräften hält an. Dem 
Feind dürfte es demnach schwerfallen, einen geordneten 
Rückzug anzutreten, um so mehr, als die Truppen der 
benachbarten Angriffsabschnitte dem Gegner immer gefährlicher 
in die Flanken geraten. Generalmajor O. hat recht gehabt, als er 
gestern sagte: „Der Pole reißt aus wie Schaf leder..." 

Die polnische Heeresleitung ist offenbar bemüht, die Tatsache 
eines ungeordneten Zurückflutens ihrer Truppen zu bemänteln. 
Der Bevölkerung wird vorgeredet, daß dies alles planvoll sei und 
hohe strategische Absicht. Im übrigen, phantasiert man den 
erschütterten Gemütern vor, seien Rußland und Ungarn an der 
Seite Polens in den Krieg gegen Deutschland getreten. Diese 
Lügen sollen vor allem jene subversive Kampftaktik bestärken, 
die im Rücken unsrer Truppen vorgesehen ist. Wir hörten im 
Laufe des Tages wiederholt von Beschießung unsrer Spähtrupps 
aus dem Hinterhalt durch zivilistisch gekleidete Personen. 
Vorrückende Truppen wurden bei Barnosiowka aus den Häusern 
mit Handgranaten und Gewehrfeuer hinterhältig angegriffen, 
wobei es auf unsrer Seite Verluste gab. Die verhafteten Personen 
wiesen sich sämtlich mit Dokumenten als Bauarbeiter an den 



33 



Befestigungen von Wegierska Gorka aus. Es fiel auf, daß kein 
einziger der Festgenommenen wirklicli in dem Orte belieimatet 
war. Wenn man bedenkt, daß bei jedem irgendein 
Ausrüstungsstück der polnisciien Armee, auf jeden Fall aber 
polnische Militärstiefel gefunden worden sind, kann es als 
erwiesen gelten, daß die Polen eine zivilistisch getarnte 
Soldateska in den verlassenen Gebieten aufgezogen haben, um 
damit auf niederträchtigste Weise zu erreichen, was ihnen die 
ehrliche Kampfesweise versagt. Es versteht sich von selbst, daß 
die polnischen Heckenschützen — im ganzen sind es z. B. in dem 
Dorfe Rudnik 21 gewesen — nach dem Kriegsrecht abgeurteilt 
worden sind. 

Es bietet sich andererseits wieder das erfreuliche Bild, daß sich 
besonders die bäuerliche Bevölkerung loyal und sogar freundlich 
unsren Truppen gegenüber einstellt. Wir können uns 
überraschend oft in deutscher Sprache mit den älteren 
Ortsbewohnern verständigen — Nachwirkungen des 
Kultureinflusses von der Ostmark her zur Zeit der 
Donaumonarchie. Die Diszipliniertheit der deutschen Truppen, die 
im krassen Gegensatz steht zu den Ankündigungen von 
bethlehemitischen Kindermorden und dergleichen, tut das Ihre, 
um eine gewisse Stimmung des Vertrauens vorzubereiten und die 
von den Polen künstlich hochgepeitschte Erregung abklingen zu 
lassen. 



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Dem fliehenden Feind auf den Fersen 

Perfide Stadt Myslenice 

Tödliclie Salven hinter grüßendem Spalier / Tierliebende „Kannibalen" 

Erste Wohltat durch die Deutschen 

Myslenice, 6. September, 13 Uhr. 

Die Verfolgung des Feindes in dem Räume Myslenice — 
Gdöw — Bochnia hält an. Es macht Mühe, Schritt zu halten mit 
dem nach Osten ausweichenden Gegner. Seit dem frühen 
Morgen stoßen Panzertruppen vor, sie werden allein durch die 
gesprengten Brücken in ihrem Marschtempo gehemmt. Die 
Verfolgungsgruppe heftet sich ihrerseits dem fliehenden Feind an 
die Fersen. Ihr folgt die riesenlange Marschkolonne der Infanterie, 
deren Tagesziel heute Zreczyce heißt, ein Vorort Gdöws. 

Zur Stunde bietet der um die gleiche Zeit des Vortages noch 
heiß umkämpfte Ort Myslenice, ein Städtchen von 4000 
Einwohnern, ein fesselndes Bild. Der Marktplatz ist erfüllt von den 
Panzerkampfwagen und Infanterietrossen, die auf den Augenblick 
warten, um sich in die riesige Kolonne der Verfolgung 
einzureihen. Die froheste, zuversichtlichste Stimmung herrscht 
bei unsren Truppen, denen man die Anstrengungen des 
Durchbruches durch die Beskiden kaum anmerkt. Sie sehen nun 
den Weg in die Ebene aufgetan. Dank der rühmenswerten 
Selbstzucht der Truppen und der umsichtigen, energischen 
Führung sind die eintretenden Hemmnisse unbeträchtlich. Die 
vorrückenden Kolonnen behalten ihren Fluß; das Tagesziel, das 
etwa 25 Kilometer vor uns liegt, wird mühelos erreicht. Myslenice 

— eine perfide Stadt übrigens. Gestern morgen, so hörten wir, 
drang ein Panzerspähwagen der Aufklärungsgruppe bis hierher 
vor. Eine anscheinend begeisterte Menge winkte grüßend ihm zu 

— da plötzlich ändert sich das Bild: Es kracht aus allen Ecken, die 
Menge ist verschwunden. Ein deutscher Offizier ist zu Tode 
getroffen worden, als er gutgläubig den Panzerspähwagen 
verließ. Eine schäbige Art echt polnischer „Kriegslist". 

In zunehmendem Maße kehrt die Bevölkerung, durch die 
polnischen Greuelerzählungen in die Wälder verscheucht, wieder 
zurück in ihre Dörfer und Städte. Erst wagten sich nur wenige 



35 



hervor — sie erzählten den andern, daß nichts davon wahr sei, 
was ihnen polnische Soldaten vormachten. Von verschiedener 
Seite hörten wir, daß die fliehenden polnischen Truppen den 
Bauern Angst einjagten, die Deutschen würden die Kinder 
morden und sie zur Speise nehmen. Die berüchtigten 
„abgehackten Kinderhände" sind mit diesem uns zugemuteten 
Kannibalismus noch um einiges übertroffen worden. 

Wir möchten nur wünschen, daß die Skribenten jener Presse, 
die zur Zeit mit den absonderlichsten Lügen bei der Weltmeinung 
hausieren geht, miterlebten, wie unsre Soldaten sich der Hunde 
annehmen, die von den fliehenden Bauern zurückgelassen 
wurden. So mancher halbverhungerte Köter wurde unter Hallo als 
Kompaniehund auf den Kübelwagen geladen und mitgeführt. In 
der Tierliebe aber erweist sich der Mensch und Soldat in seiner 
ganzen inneren Haltung. 

Auch hier in diesem einstigen Provinzialstädtchen begegnen wir 
den Zeugen südostdeutschen Kultureinflusses. Was immer hier 
als Kulturwert im Baulichen gewertet werden kann, ist Werk jener 
kulturellen Ausstrahlung, die vom Ostmarkdeutschtum und dem 
Sudetenland im Rahmen der einstigen Monarchie ausgegangen 
ist. Mit jedem Schritt, den wir tiefer hineintun in das Land, werden 
wir stärker beeindruckt von der nachhaltenden Kraft der 
kulturellen Pionierarbeit, die die zwölf Millionen Deutschen der 
einstigen Monarchie hier geleistet haben... Versuchten wir, das 
einmal wegzudenken, wir sähen ein Land vor uns, das wohl noch 
auf der Stufe des primitiven Holzpfluges stände. Das Deutschtum 
war jeweils in diesen Gebieten das ordnende und schöpferische 
Prinzip. 

Schon jetzt, da noch die Motoren der Verfolgungskolonne durch 
das Land brausen, haben wir den hiesigen Einwohnern eine neue 
große Wohltat gebracht. Wir haben sie von den Juden erlöst, die 
fast alle davongegangen sind. Blicken wir uns um auf dem 
Marktplatz — ein Firmenschild nach dem anderen trägt jüdische 
Namen: Jakob Blumenstock, Markus Bitterfeld, Samuel 
Wasserfall, Sara Herschtal und so fort. Eine Blütenlese 
ostpolnischer Judennamen. Das Volk, das bestätigte uns ein 
Gespräch mit Einheimischen, haßt die Juden als ihre Ausbeuter. 
Aber dieses Volk war wehrlos gegen sie. Vielleicht macht sich 
etwas von dem Haß gegen die Juden Luft in den Plünderungen 
jüdischer Geschäfte durch Einheimische, die heute morgen 



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eingesetzt haben, ehe noch unsre Feldpolizei in Myslenice 
eingerückt ist. 

Vor dem Magistrat ist bereits der Aufruf des Oberbefehlshabers 
des Heeres, Generaloberst von Brauchitsch, angebracht. Der 
Aufruf wird dazu beitragen, daß Ruhe und Ordnung bald 
wiederkehrt und das Leben den gewohnten Gang nimmt, 
während unsre Truppen als Pioniere einer besseren Zukunft 
Europas und damit auch dieses Landes weiter ihren 
Siegesmarsch gehen. 



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34 Stunden nach der Besetzung 



Brief aus Krakau 

„Wunder an der Weichsel" — doch anders 'rum 
Begegnung mit alten deutschen Kulturdenkmälern / Im Ghetto Kazmierz 

„Meine Mutti ist eine Deutsche..." 

Krakau, 7. September, 15 Uhr. 

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es durch die Glieder zuckte, 
als gestern die Nachricht durch die Kolonnen flog: Krakau ist 
eingenommen! Dazu hat unsre bayerische Infanteriedivision mit 
ihrem raschen Durchstoß durch Wegierska Gorka und der 
unablässigen Verfolgung des Feindes — sie wuchs sich für ihn zu 
einer gefährlichen Flankenbedrohung aus — wesentlich 
beigetragen. Wir ziehen in der unabsehbaren Truppenkolonne 
von Myslenice gegen Tarnow, seit 8 Uhr morgens. Jetzt ist es 16 
Uhr. Krakau eingenommen! Nur 25 Kilometer liegt die Stadt 
nördlich ab von unsrer Marschroute. Der Kriegsberichter wendet 
seine Beiwagenmaschine, die wackere „Puch 500", die ihrerseits 
die Feuerprobe auf zerschründeten Bergstraßen und beim 
nächtlichen Überqueren der Flußbette bestanden hat. Ein kurzes 
Ferngespräch bei einbrechender Nacht mit der Dienststelle 
„Cäsar": „Fahren Sie sofort nach Krakau!" wird uns befohlen. 
Rasch tanken wir auf. Wenn wir da irgendwo mit geleertem Tank 
stehenbleiben müßten auf freier Straße in schwarzer Nacht — wir 
sähen Krakau nie, denn noch belfern die Gewehre der 
Freischärler aus den Büschen. Die gute alte Steyr-Armeepistole 
im Anschlag, sausen wir die völlig vereinsamte Straße 
Myslenice — Glogoczow — Krakau hinab. Nach sechs Kilometer 
Fahrt bremst uns ein blinkendes Rotlicht. „Stop! Brücke vor uns 
eben gesprengt! Rasch kehrt und abblenden — sonst kriegen wir 
noch Zunder!" schreit jemand aus der Dunkelheit. Die Sehnsucht 
und die Phantasie war schon in die besetzte Stadt 
vorausgeflogen, es ist bitter, sie zurückpfeifen zu müssen. 

Heute morgen starten wir wieder auf dem Umweg über 
Biertowice. Die gesprengten Brücken sind hier schon von den 
Pionieren geflickt — der Arbeitsdienst tut das Seine. Zu beiden 
Seiten der Straße liegen zerschossene Fahrzeuge, 



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Panzerspähwagen, Pferdekadaver überraschter polnischer 
Einheiten. Heiß hat in diesem Räume eine ostmärkische Division 
gerungen. Eben hatten wir vier Gefallenen unsrer Münchener 
Division, drei Reitern und einem Obergefreiten, unsren letzten 
Gruß erwiesen. Sie ruhen bei der Kapelle von Rudnik, Opfer 
heimtückischer Freischärlerkugeln. 

In den strahlenden Morgen hinein jagt unsre Maschine. Wir 
begegnen den aus Krakau zurückflutenden Flüchtlingen. 
Entspannt scheinen ihre Gesichter — es geht ja heimzu, „Na 
domu". Die geblieben sind, hatten vielfach den besseren Teil 
erwählt als die Flüchtigen. Immer wieder müssen wir abbremsen: 
Sprengstellen durch Straßenminen. Einer unsrer 
Personenkraftwagen ist ihnen erlegen. Bei der Nachtfahrt ist er 
wohl kopfüber in den Minenkrater gestürzt. 

Immer dichter werden die Siedlungen, die die nahe Hauptstadt 
Westgaliziens ankündigen. Unsre Truppen halten unterwegs 
kurze, wohlverdiente Rast. Von Opatkowice aus bietet sich uns 
der erste Blick auf Krakau. Das drunten muß der Wawel sein... 
Eine glückliche Fügung ist's, daß die baulich so prächtige alte 
Stadt, die auf Schritt und Tritt mit Denkmälern alter deutscher 
Kultur überrascht, selbst außerhalb des Feuerkreises der 
Geschütze geblieben ist. Der polnische Festungsgürtel um 
Krakau hat geschwiegen. Wie kam das nur? Wieder einmal — 
wie 1920 im Kampfe mit Budjonny — ein Wunder an der 
Weichsel? Doch anders, als Rydz-Smigly sich das träumte. 

Durch aufgerissene Straßen fahren wir ein in die stark belebte 
Stadt. Das Leben holt nach Tagen der Bangnis wieder Atem. 
Einzelne Läden sind wieder geöffnet, die Hausfrauen holen sich 
daraus das Lebensnötige, auch durch die Tuchlauben, den 
berühmten gotischen Bau im Stadtzentrum, der überwältigend die 
deutsche Vergangenheit der einst blühenden Hansestadt 
bezeugt, flutet die Menge an den schreiend bunten Marktständen 
vorbei. Zahlreiche Stände haben freilich geschlossen. Ihre 
Besitzer, die Juden, sind davongestoben. Stand 24 zum Beispiel, 
einstens der Rozalia Zimmerspitz eigen, hat verdrossen die 
Rolltüre herabgelassen. Dieserhalb hofft die arische 
Milchproduktenhändlerin Palowna künftig auf bessere Geschäfte. 
„Firma katolicka" steht über ihrem Geschäft schon seit einigen 
Monaten. Ein Zeichen dafür, daß die arische Krakauer 
Bevölkerung sich bereits zu einer aktiven Abwehr gegen das 



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jüdische Ausbeutertum zusammengefunden hat. „Katholische 
Firma" heißt hier ebensoviel wie im Wiener Sprachgebrauch 
„Christliches Geschäft". Kein konfessioneller Antisemitismus, 
obwohl das Bildchen der Maria von Czenstochau, das über dem 
Milchladen hangt, das vermuten ließe, sondern ein handfester 
und entschiedener Rasseantisemitismus. Sie hassen die Juden 

— auch wenn sie manches billiger geben als die „Firma 
katolicka". Aber die Warschauer Regierung verbot ihnen bisher, 
durchgreifend Wandel zu schaffen. In Lemberg, sagten sie, sei 
die antisemitische Strömung noch viel radikaler. Wir sprechen mit 
den Frauen, die unsren fließend Krakauer-Polnisch sprechenden 
Dolmetsch umringen. Wie kann nur ein deutscher Soldat unsren 
Tonfall so treffen? besagt ihr Lachen. 

Ein dichter Menschenwall umlagert uns. Jeder will teilnehmen an 
dem Gespräch mit dem deutschen Soldaten. Ist das nicht ein 
Vertrauensbeweis? Männer und Frauen fragen bei uns an um 
dieses und jenes. Würde jetzt Hunger kommen? Wir deuten auf 
unsre immerhin nicht gerade von Hunger erzählenden Wangen. 
Ja, das überzeugt und wirft sämtliche Greuellügen des Krakauer 
„lllustrovany Kurjer" mit einem Male über den Haufen. Wir hatten 
genug Ware, sagen uns die Hausfrauen, aber kein Geld, sie zu 
kaufen. Wird es jetzt nicht umgekehrt sein? Beruhigt euch nur! 
Eure Männer werden wieder Arbeit erhalten. Im Protektorat war's 
ja nicht anders. „Werde ich auch", fragt ein alter, zitternder 
Pensionist, „meine nächste Pension erhalten, und wird mein 
Sohn, der jetzt bei Tarnow Soldat ist, zurückkommen?" 

Und nun ein flüchtiger Gang ins Ghetto, ins Stadtviertel 
Kazmierz. Das Antlitz des vorderen Orients erhebt sich da vor uns 

— der kalte Schauer läuft uns über den Rücken. So unmittelbar 
konnte einen der Eindruck vom Einbruch einer fremden Welt ins 
Abendland auch nicht in der Wiener Leopoldstadt ergreifen, wie 
es hier der Fall ist. Als ein Gespensterzug der Weltgeschichte 
geistern hier in der zuckend unruhigen Gangart aller Bösewichter 
die Shylocks im verschmierten Kaftan, manchmal leuchtet 
fuchsrot ein Rabbinerbart auf und aus den Augen glimmt eine 
dunkle Gier, die vielleicht in diesen Stunden überblendet wird von 
dem Flackern ungebändigter Angst. Manches teure 
Emigrantenhaupt findet sich hier wieder. Von Osten ging's nach 
Westen — Umschlagplatz und Umkleidekabine ist Wien gewesen 

— und dann ging's vom Westen wieder nach Osten. In welche 



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Himmelsrichtung wird jetzt die negative Auslese des 
Menschengeschlechts, „auserwähltes Volk" genannt, wandern 
müssen? 

„Was sagen Sie", fragen wir einen jüdischen Emigranten aus 
Frankfurt, „zu den Tafeln , Firma katolicka'?" — „Das haben se von 
de Daitschen gelernt", jüdelt es giftig zurück. 

Es tut wohl, wenn man sich bald aus der Stickluft des Kazmierz, 
in der jetzt die „Weisen von Zion" sehr verlegen über ihre Zukunft 
orakeln, hinaufflüchtet auf das alte Königsschloß Wawel. Hier lebt 
ein anderes Polen, versinnbildet in der Gestalt des hier ruhenden 
großen Marschalls, jenes Polen, dem wir ritterlich und 
verständigungsbereit begegnen wollten. Weit stößt von den alten 
Wehrmauern herab der Blick ins Land hinein, das im 
unermüdlichen Sonnenglast dieser Frühherbsttage liegt. Drei 
Hügel ragen am Horizont wie aztekische Grabmäler, stumpfe 
Pyramiden, Denkmäler, die das polnische Volk seinen Großen 
errichtete. Das ist der Kopiec Wandy, der Wanda-Hügel, der 
Kopiec Pilsudskiego, der Kopiec Kosciusko. Mit Eifer erklärt uns 
in der flutenden Melodik, mit der Slawen gebrochenes Deutsch 
sprechen, ein, wie wir meinen, blondes Polenmädchen die 
Geschichte dieser Hügel. „Wie kommt es, daß Sie so gut deutsch 
sprechen?" „Ja — meine Mutti ist eine Deutsche", kommt es 
langsam zurück. „Vater ist Ukrainer..." Es Hegt doch ein Sinnbild 
in dieser Begegnung mit Olga K. Hier redete uns die Tragik an, an 
der deutsches Blut, das in die Welt hinausfließt, seit 
Jahrhunderten zu tragen hatte: zu versickern im fremden 
Volkstum, nachdem es schöpferisch gewirkt hat. Wieviel deutsche 
Energie ist auf dem Wanderwege in den Osten und Südosten, 
zumindest von außen gesehen, verebbt, verlöscht — wir hoffen 
nicht für immer. Fremde Namen decken heute in unzählbaren 
Fällen unser eigen Fleisch und Blut. Doch die Gewalt der 
Ereignisse weckt das schlummernde Deutschtum allenthalben 
auf. 

„Wollen Sie nicht einmal nach Deutschland kommen, Pani 
Olga?" — „Tak, tak — ach ja", sagt sie mit einem tiefen, tiefen 
Seufzer. 



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Stellungswechsel! Immer wieder: Stellungswechsel! 

Ein stürmisches Drauf und Dran 

Hinter uns noch Waldkämpfe / Im Ahnensaal des Fürsten Santgorz 
wird der Angriffsplan für morgen durchdacht / Gottverlassenes Tarnow 
Generalstabskarten zwischen theresianischem Barock 
Frau Gräfin und unser Seelentrost 

Tarnow, 8. September, 22 Uhr. 

Aus der Verfolgung ist ein Laufen geworden, den Truppen wird 
der Atem kurz beim Vorstürmen auf jene Linie, von der man 
erwartet, daß der Feind sie zur Hauptwiderstandslinie machen 
wird: Der San. „Holen Sie meine Ersatzstiefel aus dem Koffer", 
telephonierte gestern nacht ein Stabsoffizier eines Armeekorps, 
„meine Sohlen sind durch." Der Satz kennzeichnet mit seiner 
Kürze die Lage treffend. Wir haben nicht Zeit, die Pferde neu zu 
beschlagen — auch ihre Sohlen sind durch. Der Mensch hält 
durch — aber die Sohlen nicht. Wir haben nicht Zeit, unsre 
Hemden zu waschen und tragen das letzte mit Resignation. 
Vielleicht ist's bei PrzemysI möglich — oder erst in Lemberg oder 
gar in Tarnopol. Aber auch die feindlichen Truppen können kaum 
Schritt halten mit dem Tempo des sagenhaften „taktischen 
Rückzuges", der nach allem, was wir sehen, eine wilde Flucht ist. 
Versprengte Gruppen, die gestern und heute noch vereinzelt 
Geplänkel lieferten, sind des Kampfes und des Laufens müde. 
Hauptmann D. hat gestern auf einer Dienstfahrt einen Umweg in 
ein wenig gesäubertes Gebiet nehmen müssen. Ein Schütze saß 
mit ihm im Wagen, einen zweiten, der seine Truppe in Tarnow 
suchte, hat er unterwegs aufgelesen. Mit dieser schwachen 
Eskorte fing er zwölf polnische Soldaten ein. Ein energisches 
„Stoj" genügte, um sie zur Waffen niederlegung zu zwingen. Drei 
Mann zogen also aus, um in Tarnow Quartier zu machen — und 
zwölf Gefangene und einen gefüllten polnischen Munitionswagen 
brachten sie mit. So nebenbei. 

Stellungswechsel! Immer wieder: Stellungswechsel! Das ist die 
gleichlautende Parole dieser Woche des stürmischen Drauf und 
Dran! Den Stäben wird es nicht leicht gemacht, in ruhiger Arbeit 
Befehle auszuarbeiten und die Lage zu studieren. Die 



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Nachrichtentruppen leisten unvorstellbar rasche und genaue 
Arbeit beim Verlegen der Kabelleitungen, die die Verbände der 
Armee als Nervenstränge eines Angriffswillens untereinander 
verbinden. Gestern nacht lag der Stab „Cäsar" noch bei Bielcyce. 
Spät nachts wurde der Befehl an die Divisionen ausgearbeitet. 
Morgens um 8.30 Uhr rollten die Wagen des Stabes bereits 
Tarnow zu, die ganze komplizierte Apparatur ist im 
Handumdrehen in Bewegung. In einer Länge von 15 — 20 
Kilometer marschieren die Kolonnen ihren Tageszielen zu, die 
weit über Tarnow hinaus liegen. Im Rücken gab es heute noch, 
wie wir hören, ein Gefecht mit polnischen Truppen, die nördlich 
der Straße Bochnia — Tarnow in den Wäldern lagen. Sie wurden 
aufgerieben: An die hundert Tote zählte der Gegner. Unsere 
Verluste waren sehr gering. 

Die gesprengten Brücken werden in weiten Bögen umgangen. 
Die Brücke über den Dunajec haben die Pioniere bereits 
ausgebessert und eine zweite neue haben sie geschlagen. 
Gestern nachmittag haben unsre Panzer den Dunajec überquert. 
Kaum Glaubliches leisten unter diesen Schwierigkeiten unsre 
Fahrzeuge. Man denke daran, was z. B. die schweren 
Benzintankwagen für Hindernisse nehmen müssen, um 
rechtzeitig ihren Truppenteilen Betriebsstoff zuzuführen. Bleibt ein 
Tankwagen zurück, kann der Vormarsch einer ganzen Division 
stocken. 

Tarnow liegt vor uns, die Stadt, der der Ruf vorausgeht, daß 
man viel Glück haben müsse, um einem Arier zu begegnen. 
60.000 Einwohner zählt sie, die wegen geschlossener Läden 
einen sonntäglichen Eindruck macht. Klar, heute ist Sabbat — mit 
festlich geringelter Peieslocke huschen die Kaftanträger durch die 
schmutzigen Gassen. Huschen — ja, das kann man nicht mehr 
als ein Gehen bezeichnen. Rattert am Straßenrand ein Motor mit 
Vollgas auf — schon fliegen sie angstgepeitscht dahin wie Laub 
im Wind. 

Wir gehen in die nächste Gastwirtschaft, mit öliger 
Freundlichkeit umgibt uns der Wirt. Chaim Helutzer dünkt dies 
das Klügste zu sein. Während er uns sein laues Bier einschenkt 
und mit schmalzigem Sermon Gefälligkeiten anbietet — auf der 
Basis eines soliden Gegengeschäftes selbstverständlich, er hofft, 
durch unsre Anwesenheit ein paar Fässer des knapp gewordenen 
Bieres von der Brauerei zu erlangen — , rafft sein Weib in der 



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Küche den erbärmlichen Hausrat zusammen, um ihn aus dem 
Hause zu schaffen — wir könnten uns vielleicht an dem 
Judentrödel vergreifen. Du lieber Gott! 

Nebenan der Handelsmann mit Tabak, Feiwel Broner, nützt; 
bereits die Konjunktur. Als wir seine französischen „Week-End"- 
Zigaretten mit Zloty bezahlen wollen, fleht er um Mark. Tja, die 
Burschen haben seit jeher einen Riecher gehabt für den 
Valutenstand. Das Gewimmel in den schmierigen Gassen macht 
Beklemmung. Wo ist da ein Mensch, den man mit Wohlgefallen 
sehen kann? Völlig verkötert, jüdisch vermanscht ist diese 
trostlose Stadt, aus der nichts Gutes kommen kann. Eine 
Verdammnis auf Erden. Jeder Hauch von Schönheit, Adel, Würde 
ist verflogen. 

Ein letzter Rest eines rassisch besseren Polentums regt sich 
doch. „Nie kupui u zyda" lesen wir an einer Hausfront. „Kauft nicht 
bei Juden!" steht seit Monaten hier. „Swoi do swego!" „Jeder kauft 
bei seinesgleichen!" 

Verständigungsschwierigkeiten gibt es hier nicht für unsereinen. 
„In Tarnow", sagt uns ein rothaariger Jude, „wird mehr 
gesprochen daitsch wie polnisch." Wir machen eine Stichprobe 
und reden am Rinek (Marktplatz) den nächsten Jungen an. Der 
antwortet in fließendem Deutsch. „Wie heißt du?" — „Eduard 
Schwarz." — „Ist dein Vater ein Deutscher?" — „Nein. Aber die 
Großeltern sind, ich glaube, aus Deutschland gekommen." 

Wir haben die Wahl: In Tarnow den Stab einzurichten für die 
Nacht und bei Juden bleiben zu müssen oder drei Kilometer 
hinauszugehen auf das Schloß Gumniska des Fürsten Santgorz. 
Wir tun dieses und atmen einmal die reine Luft eines 
Spätsommerabends in anmutvoller Hügellandschaft, die 
durchwirkt ist von Parkanlagen. Der Fürst ist von seinem Gute mit 
dem kleinen Sohn geflüchtet auf ein anderes Gut nahe der 
russischen Grenze. Nur seine Mutter, eine junge Gräfin und ein 
Graf Soundso sind hier geblieben. 

In den prunkvoll gerahmten Ahnenbildern, die die weiträumigen 
Zimmer und Gänge schmücken, tut sich ein Stück Geschichte 
dieses polnischen Landadels auf, jener Schlachta, die groß 
geworden ist durch die Untertänigkeit zum Wiener Hof und sich 
sonnte in seinem Glänze. Das Bildnis Maria Theresias hängt über 
dem Treppenaufgang und die Biedermeierzeit spricht uns 
flüsternd an in Dutzenden lieblichen Frauenbildnissen — 



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deutsche Kultur. Die Nacht bricht herein und taucht alles in das 
ahnungsvolle Dunkel, worin die Dinge eine geheimnisvolle und 
seltsam ergreifende Sprache reden. Elektrisches Licht gibt es 
nicht in dieser Nacht. Stallaternen müssen her und ihr roter 
Schein hellt die Säle, ausgeschmückt mit theresianischen 
Barockmöbeln, malerisch und spärlich auf: Huschende Lichter 
spielen um die Marmorbüsten, die hinter den langen Tischen 
stehen, wo der Stab seine Karten ausgebreitet hat. Es ist, als 
wäre ein stilles Staunen über die bleichen Gesichter dieser 
Zeugen einer längst begrabenen Zeit gekommen, über so viel 
unvermittelt hereinbrechendes Leben. 

Hell, stählern klingen in die gedämpfte Stimmung dieser Räume 
jetzt die Worte Hermann Görings, ein Kofferapparat verbindet uns 
gottlob wieder mit dem großen Weltgeschehen, das nun in 
Hermann Görings Worten uns nahe kommt. Die eiserne 
Forderung der deutschen Gegenwart begegnet sich hier in dem 
Ahnensaal mit der Elegie vergangener Jahrhunderte polnischer 
Geschichte. 

Die Gräfin hat übrigens den Wunsch geäußert, morgen möge in 
der Schloßkapelle eine Frühmesse gelesen werden. Ob wir 
gestatten, daß sie trotz des Standrechtes noch einen Priester 
holen lassen könne zu verbotener Stunde? Wir haben keinen 
Grund, dies zu hindern — aber frühmorgens wäre zum 
Priesterholen auch noch Zeit, meinen wir. Ob wir nicht auch der 
Messe beiwohnen möchten und ob wir katholisch seien, fragte die 
Gräfin einen unserer Kradfahrer. Sie meint es gut mit uns, die 
Gräfin, aber die richtige Seelenstärke wird der deutsche Soldat in 
diesen harten Tagen wohl nur in sich selbst finden können — 
doch das wird Frau Gräfin wieder nicht verstehen. 



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Vorwärts nach Lemberg 



„Verfolgung" einer motorisierten Verfolgungsgruppe 

Gesprengte Brücken und weitausholende Umfahrungen 
Durch polonisiertes deutsches Siedlungsgebiet / Die ersten Ölbohrtürme 
„Eilen Sie, damit Sie zurechtkommen...!" 

Krosno, 1 1 . September, Mitternacht. 

Der Befehl der Armee lautet: Wir sollen uns auf schnellstem 
Wege nach Krosno zum Stab des x. AK. begeben und dort 
weitere Befehle empfangen. Vielleicht kommen wir gerade recht 
zur Besetzung Przemysls oder es geht gar bis nach Lemberg. 
Eine Gebirgsdivision, sagte man uns, eile mit 
Siebenmeilenstiefeln darauf los. Himmelherrgott ist das ein 
Tempo! Als Mann der Presse ist man ja von Haus aus hohe 
Touren gewohnt, man hat Tempo gelernt bei der Außenarbeit, wo 
man täglich mit den Minuten um die Wette läuft, man hat's gelernt 
am Umbruchtisch, wenn der Zeiger auf Blattschluß kriecht. Aber 
in diesen Tagen verschlägt es selbst unsereinem den Atem. 

8 Uhr morgens springt der Motor der Beiwagenmaschine in 
Bochnia an. Wir haben uns hier mit Filmen versorgt und 
Schreibgerät. Wenn nur der Motor durchhält — er bockt in letzter 
Zeit — die Kolbenstange klappert. Wer könnte an 
Generalreparatur denken? Nehmen wir also auch den Kleinkrieg 
auf mit der Tücke des Objektes! 

Wir klemmen uns in die Kolonnen Richtung Pilzno und 
überholen in jedem möglichen Augenblick, wo die Sicht nach 
vorne frei ist. In drei Stunden sollten wir längstens in Krosno sein 
— wir ahnen noch nicht, daß es bis dahin Abend werden würde. 
„Straße bis auf weiteres für alle Fahrzeuge gesperrt!" ruft uns der 
Posten zu, der die Umleitungsstraße — es ist wieder eine Brücke 
kaputt — abriegelt. Eine Artillerieabteilung wird hier gerade mit 
Mühe und Not durchgeschleust. Die schweren Fahrzeuge haben 
bereits tiefe Furchen in den sandigen Weg gegraben. Wir warten 
zunächst eine Viertelstunde, dann fangen uns die Sohlen an zu 
brennen. „Wir sind Kriegsberichter, wir müssen heut noch in 
Lemberg sein — lassen Sie uns durch!" Der Posten hat begriffen. 
Wir haben nun etwa zehn Kilometer freie Fahrt. Dann wieder 



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Zwangsrast. Fahrzeuge kommen zurück, bis zu drei Kolonnen 
steinen steiienweise die Lastwagen nebeneinander. Docli der 
Knoten iöst sicli baid. Wieder ein Ruck vorwärts. Dick wölkt der 
Staub durch die Kolonne, es ist heller Mittag, man sieht kaum drei 
Meter voraus. Ein Wahnsinn wär's, Vollgas zu geben; schon die 
Rücksicht auf die marschierende Truppe verlangt Mäßigung. 
Wieviel Staub müssen die armen Kerle schlucken! Sie haben sich 
gegen die fortschreitende Einzementierung gewehrt und sich 
vielfach schon Taschentücher vor Mund und Nase gebunden. 
Grau überkrustet kommen uns Meldefahrer entgegen, die sich 
vielleicht schon 200 Kilometer durch die Staubschlange gefressen 
haben. Alle Achtung vor euch, Meldefahrer! Für euch gibt's weder 
bei Tag noch bei Nacht geregelte Ruhezeit, nur kurze 
Atempausen habt ihr, und wieder müßt ihr zurück. Euer Essen 
faßt ihr unterwegs irgendwo bei einer Feldküche; in der Hast, die 
euer Auftrag mit sich bringt, schlingt ihr es hinunter, und weiter 
rast ihr über Stock und Stein, über Bach und Knüppeldamm. 

Wir hoffen, die Straße Pilzno — Jaslo — Krosno werde entlastet 
sein, wir rechnen mit raschem Weiterkommen. Bei Jaslo wieder 
eine gesprengte Brücke — umkehren! 30 Kilometer sind wir ins 
Leere gefahren. Darauf ist unser Benzinvorrat nicht abgestellt. 
Einen Tankwagen finden ist Glückssache. Also wieder Umweg 
über Ropczyce — Welspole — Frystak, entlang des Wislok bis 
Krosno. Das weite Ausholen der Route soll uns nicht gereuen. 
Wir lernen ein Gebiet kennen, das im Mittelalter stark von 
deutschen Bauerndörfern durchsetzt war, es ist dies der Raum 
Pilzno — Landshut — Rymanow — Sanok. Die deutschen 
Streusiedlungen — es handelt sich um viele Dutzende — 
verfielen jedoch der Polonisierung. Aber ihr deutscher Kern 
besteht noch. Diese Stämmlinge deutscher Kolonisten fühlen sich 
heute noch als etwas Besonderes. Die polnischen Nachbarn 
lieben es auch, sie deshalb „Guchoniemcy", „Schweden" und 
„Lutheraner" zu beschimpfen, ungeachtet dessen, daß jene 
polnisch sprechen und sogar katholisch sind. Vielleicht sind es 
gerade diese „Lutheraner", die uns grüßen, während wir durch die 
ärmlichen Dörfer fahren, die auf den sanften Bodenwellen 
Mittelgaliziens liegen? 

Frystak — wir vermuten, daß das Städtchen einmal einen 
deutschen Namen getragen hat — vielleicht Freistadt? — einen 
Namen, der polnisch verballhornt worden ist An der 



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Wegzweigung in Frystak braust auf dem Motorrad ein Leutnant 
des III. Bataillons des 19. IR. heran. „Ja, wo sahen wir uns denn 
zuletzt?" „Stimmt, das war bei Wegierska Gorka, als das IR. 19 
gegen die Befestigungslinie antrat..." „Was gibt's?" „Da hinten 
hat's heut' nachmittags tüchtig gekracht — Gefecht mit einer 
versprengten polnischen Gruppe — nein, nein, so friedlich ist das 
hier noch gar nicht, wie's aussieht", meint er atemlos. 
„Wiedersehen!" Und jagt davon. 

Krosno — zum ersten Male begegnen wir Bohrtürmen 
galizischer Ölfelder. Polanka — nordwestlicher Vorort Krosnos, 
hat den Ruhm, die erste Erdölraffinerie Galiziens hervorgebracht 
zu haben. Es heißt, die polnische Erdölproduktion sei dauernd 
gesunken in den letzten Jahren. Wir glauben, daß das nicht so 
sehr auf das Konto versiegender Quellen zu setzen ist, als 
vielmehr der mangelnden Energie der Polen zugerechnet werden 
muß. Wenn die Polen, hörten wir Hermann Göring in seiner 
Rundfunkrede vor den Arbeitern der Borsigwerke sagen, bisher 
10 V. H. aus ihren Bodenschätzen herausgeholt haben, so 
werden wir 100 v. H. herausholen! Mit diesen frohgemuten 
Gedanken fahren wir denn auch an dem Ölfeld von Polanka 
vorbei, dessen Türme wie Leichensteine stumm in den 
Abendhimmel ragen. 

Ankunft in Krosno. Meldung beim Armeekorps. Spät nachts 
erteilt uns Rittmeister B. den Befehl: „Sie gehen möglichst rasch 
vor zur Gebirgsjägerdivision, die sich auf Lemberg zu bewegt. 
Von hier noch 180 Kilometer! Eilen Sie, damit Sie zurechtkommen 
— der Stab ist vielleicht noch in Sambor zu erreichen." 



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Auf nach Sambor 



Die Bevölkerung bereitet uns ein herzliches 

Willkommen 

Bornia Griffel beschwört uns... 
Wir fahren ins ukrainische Siedlungsgebiet und blamieren uns bei 
Sanok Polnische Sklavenhalter 

Sambor, 12. September, 19.30 Uhr. 

Also auf nach Sambor, Kameraden! Der „Puch 500" wird gut 
zugeredet, damit sie weitermache, die Kolbengeräusche lassen 
eine plötzliche Herzlähmung erwarten und damit das 
erbarmungslose Ende unsres Auftrages. Fehlender Schlaf wird 
nach altem preußischen Rezept durch stramme Haltung und tiefe 
Züge frischer Herbstmorgenluft ersetzt. Das kommt von den 
Wanzen. Wir schliefen zwar in einer Villa eines Advokaten, die 
eine saubere Fassade zeigte. Allein wir schieden sehr bald aus 
den Betten mit dem Stigma Galiziens. Mein linkes Augenlid war 
so sehr angestochen, daß ich mich morgens vor dem 
Rasierspiegel für den Ringpartner eines Boxerheros hätte halten 
können, von dem man lakonisch sagt: „Er schloß ihm das Auge." 

Nachstehend meine gesammelten Erinnerungen an die Nacht 
zu Krosno: Brrr... 

Der Öltank ist leer. Es ist 8 Uhr morgens. Die vorgerückte Zeit 
stachelt uns. Kein Öl in ganz Krosno zu haben, scheint es. Aber 
die Juden haben sicher noch welches. „Bornia Griffel, Handel mit 
Mineralöl und Lacken", beschwört uns, er habe keines. Wir 
durchsuchen den Laden, finden selbstredend Öl, das auf dem 
Rechtswege der Beitreibungsscheine in unsre Behältnisse 
überfließt. Ehe der Motor anspringt, noch ein letzter komischer 
Eindruck vom Marktplatz. Ein Gebirgsjäger drückt einem Juden 
den Besen in die Hand, damit er den Platz von Unrat befreie. Der 
Jude wimmert und fleht, als würde er zur Schlachtbank geführt. 
Begreiflich, es sollte die erste ehrliche Arbeit in seinem Leben 
sein. 

Wir lassen den Ostbereich polnischen Volkstums hinter uns. 
Schon begegnen wir vereinzelt ukrainischen Streusiedlungen, 
getrennt von den Polen durch ein fanatisches nationales 



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Selbstbewußtsein und ihr grieciiiscii-uniertes Bekenntnis. Hätten 
wir Zeit, wir würden den Spuren des Deutsciitums nacliwandern, 
das im Mittelalter hier eingewandert ist und versickerte im 
fremden Volkstum. In der Ebene vor allem, die unsre Straße 
durchmißt, haben die Lutherovzy (Lutheraner) gesiedelt und der 
Landschaft Kultur gebracht mit ihren Waldhufendörfern. Das 
deutsche Anerbenrecht wirkt hier heute noch nach. 

Sanok liegt vor uns. Die Sanbrücke ist zerstört, wir durchfurten 
also den wasserarmen San ohne Beschwernis. Mit dem anderen 
Ufer haben wir auch die westliche Grenze des beginnenden 
geschlossenen ukrainischen Siedlungsgebietes erreicht. Die 
Ukrainer grüßen uns mit lachenden Gesichtern, als wir den 
Uferdamm hinaufschnauben, wir begegnen einem gutmütigen, 
selbstbewußten Volk, das schwer an der polnischen 
Bevormundung zu tragen hatte. Brandruinen säumen unsren 
Weg. Die haben flüchtende Polen den Ukrainern zum Andenken 
an eine nie wiederkehrende Herrschaft hinterlassen. Aber — 
sehen wir recht? Noch glimmen die verkohlten Balken dort und 
da, und schon sind diese unentmutigten Menschen dabei, ihr 
neues Heim zu zimmern. Frisch behauene Balken erheben sich 
schon übermannshoch auf den verrußten Grundmauern — vier 
junge Bauern sehe ich da im sonnigen Morgen am Werke. Das 
heißt doch, dem Schicksal die Stirne bieten! Wie soll ich nur den 
Menschen zu verstehen geben, wie sehr mich ihr tätiger 
Optimismus erfreut — ich klatsche, indem ich hinübersehe zu 
ihrem Neubau, mit den Händen. Sie verstehen mich und winken 
zurück, stolz auf den Beifall eines deutschen Soldaten. 

Jenseits des San klettert die Straße ein wenig bergauf. „Seht 
einmal dorthin auf den Hang, Kameraden! Gefangene Polen? Wo 
sind denn nur die Wachtposten?" Nichts zu sehen. Ein Fernglas 
fehlt uns zu genauer Erkundung. Polnische Offiziere sind offenbar 
auch dabei — die inspizieren die Schützengräben. Sakra, sakra, 
haben wir uns denn am Ende ins Feindgebiet verfranzt? Aber die 
drüben nehmen von uns ja gar keine Notiz. Geheimnisvolle 
Sache auf jeden Fall. Steyr-Pistole schußfertig gemacht und 
herangepirscht. Da kommen welche die Böschung herauf und 
stehen plötzlich ein paar Schritte vor uns. „Stoj!" Der erste Griff 
gilt den Pistolentaschen der vermeintlichen Polen. 

Wie haben wir Ahnungslosen uns blamiert! Die also 
Angehaltenen lachen uns an wie die Morgensonne. „Wir sind 



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slowakisches Militär." „Herrgott, nichts für ungut, aber in euren 
grünbraunen Uniformen gleicht ihr, aus der Entfernung gesehen, 
den Polen aufs Haar!" Eine heitere Unterhaltung mit dem 
inzwischen nachgekommenen Oberleutnant beschließt humorvoll 
die voreilige „Kriegshandlung" auf der Böschung bei Sanok. 

Über Lisko geht die Fahrt nach Olszanica. Auffallend ist der 
Wandel selbst für den Vorüberhastenden. Ein anderer 
Menschenschlag lebt hier — das merkt man, wenn man nur 
flüchtig in die Gesichter der Entgegenkommenden sieht. Den 
Eindruck bestärkt sicherlich auch die freudige Aufgeschlossenheit 
der Physiognomien. Diese Menschen begrüßen uns ja als 
Freunde. Erhebend wird die Begegnung mit den Bewohnern des 
langgestreckten Dorfes an der Straße, in Ustianowa. Kinder, 
helläugig und blond, laufen zum Straßenrand, als wir die Fahrt 
abbremsen; sie bringen uns Blumen und Früchte aus den 
üppigen Gärten, sie überschütten uns damit. Den Soldaten vor 
uns wird dasselbe herzliche Willkommen zuteil. Die Bäuerin eilt 
herbei und bringt ihnen dicke Scheiben Brot; diese Kleinbauern 
haben eben nicht Überfluß daran, gerade jetzt, aber sie geben es, 
weil es Sinnbild sein soll. Blaugelbe Papierfähnchen haben sie in 
die Strohdächer ihrer niederen Häuser gesteckt, die 
Nationalfarben der Ukrainer. Die Mädchen haben sich die 
Fähnchen an die bunt gestickten Blusen geheftet und die Männer 
tragen die Farben ihres nationalen Bekenntnisses im Knopfloch. 
Sie können mit uns nicht viel sprechen, aber jene sogenannten 
„Ruthenen" — sie sind in Wahrheit Ukrainer — , die in der k. u. k. 
Armee gedient haben, sprechen doch so viel gebrochenes 
Deutsch, daß sie uns sagen können, wie froh sie sind, daß wir 
Deutschen da sind. „Ihr sagt immer, ihr seid unterdrückt worden. 
Wie sah denn eigentlich die Unterdrückung aus?" forschen wir. 
„Wenn Pole gearbeitet hat bei Pole, so hat erhalten Lohn 10 
Zloty. Wenn gearbeitet hat Ukrainer, hat erhalten für gleiche 
Arbeit 1 Zloty." Gut. jetzt wußten wir über eine Seite der polnisch- 
ukrainischen Feindschaft Bescheid. Der Anfang des Hasses aber 
war gegeben in der staatsbürgerlichen Minderbewertung des 
Ukrainers, woraus die Zurücksetzung in dutzendfacher Hinsicht 
erfolgte. Der Ukrainer aber ist zu stolz, zu selbstbewußt und 
fanatisch, als daß er für die Dauer bei polnischen Sklavenhaltern 
robotet. Mit der ukrainischen nationalen Empörung, die die Polen 
in diesen Tagen in ihrer ganzen verhaltenen oder schon 



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lodernden Leidenschaft zu spüren bekommen, geht Hand in Hand 
die soziale Empörung. 

Chyrow — ein ukrainischer Marktflecken. Buntes Gewimmel auf 
dem weiten Platze, grelle Farbskalen leuchten aus den 
Gewändern der Frauen, die in ihren Heimattrachten kamen, um 
den Einmarsch der Truppen zu sehen. Allenthalben heben sich 
entlang der Straße die Arme der Dorfbewohner zum Gruße. Wir 
erkennen genau die polnischen Streusiedlungen — am 
Nichtgrüßen. Aber viele haben's auch schon gelernt, zumindest 
die Heimkehrer, die drüben als Flüchtlinge nicht eben das Beste 
dürften erfahren haben. Wir treffen auf eine Gruppe von 30 
Männern im Alter von 20 bis 60 Jahren — durchwegs Polen. 
„Wohin wollt ihr?" — „Na domu." „Wo seid ihr zu Hause?" „Bei 
Krosno. Der Kommandär von polnisches Militär", radebrecht 
einer, „hat uns geschickt zurrick." „Was bist du von Beruf?" „Bauer 
— aber hab' kein Pferd — haben Polen mitgenommen." Wir teilen 
mit den Halbverhungerten unsren Kommißstollen, über den sie 
mit Begierde herfallen. Für sie ist der Krieg beendet. Die sehen 
nicht aus, als ob sie noch Lust hätten, uns in den Rücken zu 
fallen. Der Bauer will Frieden, der Bauer will sein Pferd wieder. 

30 Kilometer noch muß unser Beikrad pusten, es geht kaum 
mehr. Wir müssen Rast einschieben, damit der überhitzte Motor 
abkühlt Unterwegs, mitten in der Kolonne, bleiben wir stecken. 
Der ganze Zug stockt, weil so eine Kolbenstange nicht mitmacht. 
Der kalte Schweiß steht uns auf der Stirn. Die widerspenstige 
Materie läßt Gnade walten, die Maschine trägt uns durch die 
Zementwolken der Vormarschstraße mit grollenden Explosionen 
nach Sambor, wo wir noch vor Sonnenuntergang eintreffen. 



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Gebirgsartillnir 
aiij l.i inhn (; mar- 
scllierfml. [inind- 
ruinen, Stiillcn er- 
öUterleit Kampfes, 
säumen den Weg 
rirr „Sturmfahrt 
auf Lemberg' 




Einholen, einholen! 



„Wo ist die Gebirgsdivision?" 

Nächtlicher Vorstoß auf Lemberg durch die Glutesse Rudki 
Im Morgengrauen stehen wir vor der Stadt 
Kurzer Schlaf auf einer Steintreppe der Fliegerkaserne 
Um 9 Uhr soll der Angriff beginnen 

Lemberg-West, 13. September, 6.30 Uhr. 

„Wo ist die Gebirgsdivision?" fragen wir am 12. September in 
Sambor bei Einbrucli der Naclit einen Feldgendarm, der Mülie 
liat, den lieranwogenden Troß und die Truppen in die 
Ausfaltstraße zu lenken. 

„Der Stab ist schon seit mehreren Stunden fort, Richtung 
Lemberg!" — „Mensch, das ist doch nicht möglich!" — „Jawohl, 
unsre Truppen stehen bereits vor Lemberg." 

Eine Nasenlänge zu spät gekommen. Trotzdem — einholen! 
Einholen! Mag die Fahrt ins Ungewisse ausgehen wie immer! 
„Wissen Sie, Herr Leutnant", frage ich den Führer einer Abteilung, 
die eben über den Rathausplatz von Sambor reitet, „wo ich die 
Verfolgungsgruppe der Gebirgsdivision finden kann?" — „Ja, die 
ist schon weit voraus — um 15.30 Uhr stand sie bereits vor 
Lemberg." — „Ist die Straße dahin frei?" — „Kann ich nicht sagen, 
versuchen Sie mit einer Kolonne vorzukommen — ja nicht als 
Einzelfahrer!" 

Wo finde ich gleich den Anschluß? Wo ist die Kolonne, die 
vorstößt? Die Wagen hier parken vor Sambor, die Fußtruppen 
bleiben voraussichtlich über Nacht hier. Es dunkelt bereits. 

Wie weit ist's nach Lemberg? 69 Kilometer meldet der 
Wegweiser „do Lwow"... Mit dem asthmatischen Beikrad, das 
irgendwo steckenbleiben kann, können wir's nicht riskieren. Also 
umgepackt auf den Personenkraftwagen, in dem der Bildberichter 
fährt. Fertigmachen, Müdigkeit gilt nicht! Den Einmarsch nach 
Lemberg dürfen wir nicht versäumen! 

Durst haben wir, brennenden Durst. Eine Schank ist noch offen, 
Besitzer natürlich Jude. Der überschlägt sich vor lauter 
Zuvorkommenheit, bringt seine verborgenen Schätze herbei. Die 
Polen haben seinen Laden gestern fast ausgeräumt, ohne einen 



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Zloty zu bezahlen, aber die deutschen Soldaten, die bezahlen auf 
den Groschen genau, bemerkt er zufrieden. 
Tokaier sei hier — her damit! Ob wir uns die Staubmaske vom 
Gesicht waschen wollen, Wasser sei hier. — Her damit! Aber 
Tempo, Tempo. 

Der „Tokaier" schmeckt nach besserem Dörrpflaumenwasser, 
aber er löscht den Durst. Zigaretten? Her damit! Das wären die 
letzten, er sei bereit, sie uns zu schenken. Jude, Jude, wie bist du 
aus der Art geschlagen! Wohnen könnten wir auch bei ihm. Wir 
danken höflichst. 

War's nicht das beste, auch hier das Morgengrauen 
abzuwarten? Ist es vernünftig, mit einem einsamen PKW. in die 
rabenschwarze Nacht hineinzustoßen, um vielleicht von einem 
Rudel versprengter Feinde abgefangen zu werden? Das 
lungenschwache Beikrad mit den ausgeleierten Kolben muß 
hierbleiben, das steht fest. Aber uns reißt dieselbe Unrast fort, die 
auch jene Gebirgstruppen vorwärtsgetrieben hat, die wir noch in 
Sambor hätten treffen müssen. 

Denn was heißt in einer Stunde wie dieser vernünftig? Hat etwa 
Vernunft unsren Kameraden, die, vielleicht hart bedrängt, vor 
Lemberg auf Verstärkung warten, die Schwungkraft gegeben, den 
Feind bis hinter die Tore der Stadt zurückzuschlagen? Führung 
und Mannschaft waren jedenfalls frei von jener „falschen 
Klugheit", die jeweils der wohlgetarnte Feind jedes Gelingens war. 

Fahren wir also los! Sind die Taschenlampen in Ordnung? 
Karabiner schußfertig? Völlig lichtlos tastet unser alter Ford-Eifel 
durch die tintendunkle Nacht in die Vorstadt hinaus. Das muß, 
wenn wir die Karte richtig lesen, die Chaussee nach Rudki sein. 
Kein Laut vor uns, das Ungewisse reißt gähnend das Maul auf. 
Eben noch erkennbar hebt sich der Straßenstaub aus dem 
Dunkel und bezeichnet so dürftig unsren Weg. Vorsicht — 
Granattrichter! Und wieder einer! Keine Seele weit und breit. 
Haben wir uns nicht verfahren? Die Taschenlampe blitzt auf den 
Wegweiser: Stimmt, 15 Kilometer bis Rudki. Am Horizont flammt 
jetzt gelber Feuerschein auf und verlöscht wieder in der Nacht. 
Vor uns aber steht nordostwärts ein dunkelrotes Glimmen am 
Himmel. Dort muß Rudki sein. 

Es pochen die Knüppel einer Brücke, die wir langsam 
überfahren. Rotlicht am anderen Ende befiehlt Halt. Deutsche 
Feldposten. 



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„Kommen wir durch — wir wollen über Rudki nach Lemberg?" 
„Zur Zeit ausgeschlossen, es wird vorne noch wüst geschossen. 
Hier im Wald liegt auch noch der Feind, warten Sie etwas, wir 
werden gleich mit Geländewagen abgeholt zu unsrer 
Nachrichtentruppe, wir legen nämlich eine Fernsprechleitung, da 
fahren wir zusammen die fünf Kilometer. Ist sicherer." 

Der Wind weht jetzt den Lärm des Gefechtes herüber zu uns. 
Wir hören eine marschierende Kolonne auf uns zukommen: 
Gefangene. Ein langer Zug, es mögen wohl 300 Mann sein. Nur 
ein paar Soldaten, Bajonett auf, führen sie ab. Gerade ist, 
erzählen uns die Posten, dieser Gefangenenzug in einen 
Feuerüberfall, vielleicht der Freischärler, geraten. Ein Teil der 
Gefangenen ist bei dieser Gelegenheit entkommen. Kampfmüde 
schleppen mit schlürfenden Schritten die Gefangenen sich weiter. 
Der Geländewagen ist nun da. Wir müssen ihm auf den Fersen 
bleiben. Aber wir halten sein Tempo nicht durch, nach zwei 
Kilometern sind wir abgehängt und die gute Spürnase des 
Fahrers ist das einzige Richtmaß. Wir tappen uns bis zu den 
Pionieren durch, welche die von Granateinschlägen zerfetzte 
Straße bei kümmerlichem Licht instandsetzen. Ein paar hundert 
Meter noch und dann halt! Die Flammengarben des brennenden 
Dorfes schießen auf über der Höhenstraße, auf der eine 
Wagenkolonne wartet. „Wo ist der Divisionsstab?" Es bestätigt 
sich, er ist mit geringen Kräften bis Lemberg vorgestoßen heute 
nachmittags, er hat Verstärkung durch zurückkommende Melder 
angefordert. Hier steht sie. Aber noch hemmt ihr Vorrücken die 
Flammen- und Kugelbarriere von Rudki. Wir gehen die Straße 
entlang, schauen hinab in das schauerlich schöne Bild der 
entfesselten Flammen. 

Ein Zivilist kauert am Wegrand. „He Alter, was ist mit dir?" „Ich 
bin Deutscher, bin Branntweinbrenner in Rudki, mein Haus brennt 
da unten." Er starrt regungslos hinein in die Rotglut, die ihren 
gespenstischen Schein über die Höhe wirft. Es ist 22 Uhr 
geworden. Wie durch ein Wetterleuchten hellt sich plötzlich der 
Himmel grell auf — die Flammenfontäne im Osten muß von 
einem explodierten Benzinlager stammen. 

Die Polen wollen uns nichts zurücklassen. 

Durch diesen brennenden Kessel Rudki müssen wir also durch, 
dahinter zweigt die Chaussee rechts ab nach Lemberg. Das 
Geknatter hat aufgehört. Verstärkung wird nachgezogen. Um 



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Mitternacht fahren die ersten Lastwagen mit Jägern an. Unser 
PKW. soll vorläufig zurückbleiben. Ich springe daher auf einen 
vorbeirollenden Lastkraftwagen und plumpse hinein auf 
dichtgepferchte Leiber. „Laßt mich mitfahren — ich muß nach 
Lemberg." „Wer bist du denn überhaupt?" „Kriegsberichter." — 
„Ja, gibt's denn dös aaa?" 

Nun wußte ich, daß ich unter Angehörige des bajuwarischen 
Stammes geraten war. 

Eine rotglühende Esse ist dieses Rudki, wir starren hinein in das 
wilde Toben des Elementes, die Glut brennt uns in den 
Gesichtern. Rasch hindurch — Vollgas! Aber wir haben die 
Blickverbindung mit den Wagen voraus verloren. Halten! Gottlob, 
hier steht noch unversehrt ein Wegweiser „Do Lwow 45 km". Ein 
Abirren könnte verhängnisvoll werden für uns alle. 

Wiederholt stockend schiebt sich die Wagenreihe ins Dunkel 
nach vorne. Es muß gesichert werden, Späher sind voraus. 

Unsere Gedanken fliegen bald nach vorne zu denen, die in der 
westlichen Vorstadt Lembergs stehen, bald sind sie gebannt von 
den gespenstisch vorbeihuschenden, durch Brände erhellten 
Häuserfronten, aus deren zerborstenen Fenstern wie aus 
Totenschädeln die lauernde Gefahr eines hinterhältigen Feindes 
grinst. Stunden der Sprungbereitschaft vergehen. Die Uhr zeigt 3 
Uhr morgens. Ein leises Grau schimmert im Osten. Fröstelnd 
sitzen wir ohne Mäntel im Wagen, es ist bitter kalt geworden. Und 
wieder ein Ruck, wir stehen jetzt knapp an der Wegzweigung bei 
Kaltwasser (Zimna Voda). Eine winselnde Stimme schlägt uns 
aus dem Wald entgegen. Ein verdächtiger Zivilist wurde gefaßt, er 
beteuert seine Harmlosigkeit mit ekelhaftem Weibsgetue. In den 
morgengrauen Osthimmel hebt sich immer deutlicher der Umriß 
der Vorstadt. 

Lemberg! Lemberg! 

Deutsche Truppen stehen am 13. Tage des Feldzuges vor den 
Toren der uralten Metropole Ostgaliziens — wir können das noch 
nicht fassen. Glück durchströmt uns, Soldatenglück, wie wir es 
uns nicht lockender vorstellen könnten, alles scheint wie ein 
wirbelnder Traum. 

Im hellen Morgen bringt uns ein Kraftrad ganz nach vorn an die 
polnische Fliegerkaserne bei Lemberg. Auf der Grodecka, der 
Ausfallstraße nach Grodek-Jagiellonski, stehen die Fahrzeuge 
der motorisierten Verfolgungsgruppe Schörner. Dort und da gellt 



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ein Schuß der Gefechtsvorposten. Aber ein Teil der Männer, die 
gestern den verwegenen Vorstoß bis in den Westteil der Stadt 
unternahmen, liegt jetzt übermüdet in kurzem Schlaf unter freiem 
Himmel und scheint die Kälte gar nicht zu fühlen, die einem das 
Mark in den Beinen frieren läßt. In den paar Stunden müssen sie 
die Kraft gewinnen für den Angriff auf Lemberg, der mit der 
eingelangten Verstärkung in den Vormittagsstunden 
unternommen werden soll. Der Gegner ahnt wohl nicht, welche 
geringen Streitkräfte ihn gestern und heute nacht bekämpft 
haben. Sein Nervenschock ließ den Gedanken eines Ausfalles 
wohl gar nicht aufkommen. 

Ein wundersamer goldener Septembermorgen geht über der 
belagerten Stadt auf, ein Morgen, unbefangen heiter, der nichts 
wissen will von Kampf und Tod. Nun drückt die Ermattung auch 
uns die Augenlider zu. Eine Steinstufe in der mit Schläfern dicht 
gefüllten Flurstiege der Fliegerkaserne wird uns zum Bett. Die 
Sonne steht schon hoch, als uns der Lärm des Aufbruches weckt. 
Ein paar Schluck vom kalten Tee der Feldflasche — und der 
Körper hat bis auf weiteres nichts mehr zu fordern. 

Um 5.30 Uhr kurze Meldung bei Generalmajor K. Der 
Kriegsberichter, heißt es, soll mit dem Divisionsgefechtsstand 
vorgehen. Um 9 Uhr Angriffsbeginn. 



Wir fahren die breite Chaussee stadteinwärts, der zerschossene 
Troß der Polen, ihre jäh verlassenen Geschütze, die zerbeulten 
Straßenbahnwagen der Linie 8 bezeichneten die gestrige 
Überrumpelung des Feindes, der nun mit MG. -Beschuß und 
Schützenfeuer aus eilends errichteten Barrikaden unsere 
Bereitstellung zu stören versucht. 

Hier auf der Wiese neben der Grodecka sind unsre Batterien in 
Stellung gebracht, ein paar Schritte daneben vor dem stillen 
Gartenhäuschen unter fruchtschweren Apfelbäumen schlägt die 
Division ihren Gefechtsstand auf. 



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Eine Ruhmestat unserer Gebirgsjäger 

Stählerne Gewitter über Lemberg 

Feindliche Übermacht in der Verteidigung 
Befehlsausgabe unter dem Donner des Artillerieduells / Feuerüberfall 
auf den Divisionsgefechtsstand / Häuserkampf im Westen der Stadt 
Die Schlacht um Lemberg hat begonnen / Der Verbandplatz kennt 
keine Feinde mehr / „Wenn nur mein Vaterland..." 

Vor Lemberg, 13. September, 20 Uhr. 

Am 12. September, 15.30 Uhr, rückten deutsche Truppen in die 
westlichen Bezirke der Stadt Lemberg ein. Die motorisierte 
Verfolgungsgruppe, Oberst Schörner, unternahm unter der 
Führung des Kommandeurs der Gebirgsdivision einen kühnen 
Vorstoß von Sambor über Rudki — Wik — Lubien — Stawczany 
— Kaltwasser bis nach Lemberg. Der sich auf der genannten 
Strecke entgegenstellende Feind wurde von der 
Verfolgungsgruppe in völlig überraschenden Gefechten 
aufgerieben oder in die Flucht geschlagen. In der Nacht zum 13. 
September wurden die Gebirgsjäger der Regimenter 98 und 99 
auf Kraftwagen eilig nachgezogen, um die 69 Kilometer weit 
vorgepreschte Verfolgungsabteilung, die nur die Stärke eines 
Bataillons hatte, zu unterstützen. Über die Nacht hielt der Kampf 
gegen die Verteidiger Lembergs an. Nach der Bereitstellung 
gingen unsre Truppen um 10.15 Uhr zum Angriff über. Seine 
Ziele wurden erreicht, die Höhen nordostwärts Lemberg — 
Holosko — Wik und Zboiska wurden eingenommen, desgleichen 
gelang es, im Süden der Stadt den Gegner nach heftigen 
Gefechten zwischen Häusern und in den Gärten des Stadtrandes 
zurückzudrängen. Lemberg ist von Norden, Nordosten und von 
Süden her umfaßt. 

Unsre Truppen machten im Räume Lemberg heute 400 
Gefangene, die Verluste des Gegners sind unverhältnismäßig 
größer als die eigenen. Ein Dutzend MG., mehrere auf der Straße 
von den Flüchtenden zurückgelassene schwere Geschütze und 
zwei Staffeln zum Teil noch unversehrter polnischer Flugzeuge — 
das ist, soweit wir bis jetzt sehen, die Beute des Tages. 

Die Heftigkeit, mit der bisher der Kampf um Lemberg geführt 
worden ist, läßt erwarten, daß sich der Feind hier zu erbitterter 



58 



Verteidigung einriclitet. Wenn es dennocii gelang, ilin im Laufe 
dieses Tages aus seinen Stellungen zu werfen und ihn 
zurückzudrängen, so ist das zunächst ein Verdienst des 
Kommandeurs der Gebirgsdivision, Generalmajor K., der — und 
das mag als Sinnbild des Kampfgeistes dieser bayerischen 
Truppen gelten — seinen Gefechtsstand inmitten der Feuerlinie 
aufgeschlagen hatte. Das Vorbild seines Einsatzes befeuerte die 
kämpfende Truppe so sehr, daß sie mit dem Gegner unter den 
schwierigsten Umständen fertig geworden ist. 

Wir standen vorne in dem Kreuzfeuer der polnischen MG.- 
Schützen, die sich im Umkreise des Lemberger Radiosenders auf 
den Dächern der Lemberger Cottage versteckt hielten. Wir haben 
erlebt, wie bitter schwer um das Terrain gekämpft werden muß, 
wenn aus Gärten und von Bäumen herab hinterhältiges Feuer 
gegeben wird. Wir können deshalb bezeugen: Was von einer 
Truppe an seelischer und körperlicher Leistung überhaupt 
verlangt werden kann, ist hier vollbracht worden. Sie hatte einen 
Feind zu bekämpfen, der sich fanatisch verteidigte, und sie hatte 
gegen die Ungunst des Geländes im gesamten Angriffsstreifen 
anzurennen. Wir standen den Höhen gegenüber, von wo aus der 
verschanzte Feind unsere Aufmarschstraßen einsehen und 
beschießen konnte; der Feind mißbrauchte ferner die Kirchtürme 
als Beobachtungsstellen zur Lenkung seines Artilleriefeuers. 

Unter diesen Umständen war es selbstverständlich, daß unsre 
Artillerie mit voller Wucht den Angriff unterstützte und ihr 
Störungsfeuer in die Widerstandszentren der Stadt richtete. 
Schon vor 9 Uhr legten unsre Batterien, 24 schwere Geschütze, 
los. Um 10.15 Uhr verkündete das verstärkte MG. -Geknatter im 
gesamten Angriffsstreifen den Beginn der Kampfhandlung. Die 
Stärke des feindlichen Feuers ließ von Anbeginn auf eine 
zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners schließen. Da der 
Vorstoß des Generalmajors K. tief in Feindesland hinein es mit 
sich gebracht hatte, daß die übrigen benachbarten vorrückenden 
Verbände etwa um 150 Kilometer überholt worden sind, fehlt zur 
Stunde noch hinreichend Verstärkung. Nur ein wohlerwogener 
Angriffsplan, der die vorhandene Kampfkraft an den günstigsten 
Punkten einsetzte, konnte auf Geländegewinn rechnen. 



59 



Im Gefechtsstand haben wir Gelegenheit, das Werden des 
Angriffsplanes und die Befehlsausgabe mitzuerleben. Eiserne 
Entschiedenheit ist die Sprache dieser Stunde. 

Unsere fünfeinhalb Batterien feuern, was nur aus den Rohren 
'rausgeht, ein eisernes Gewitter rollt über Lemberg hin. Wie 
hartes Metall klingen die Worte des Generals, der mit seinen 
Offizieren den Angriffsplan bespricht. Ein Bild bietet sich uns dar, 
das keine Zeit aus unsrer Erinnerung wird löschen können: Die 
Regiments- und Bataillonskommandeure und ihre Offiziere haben 
sich auf dem Rasen unter den Obstbäumen niedergelassen rund 
um den Divisionskommandeur, die Karte zur Hand. Regungslose 
Mienen, äußerste Gespanntheit und die Bereitschaft zum 
höchsten Opfer auf allen Gesichtern. Mit der Präzision, der 
bestechenden Klarheit und Knappheit der deutschen 
Soldatensprache wird vom Divisionskommandeur die Lage 
umrissen, und unter dem Donner des Artillerieduells wird die 
Angriffsidee vorgetragen. „Die Bereitstellung ist mir zu melden — 
den Angriffsbeginn befehle ich dann. Meine Herren, ich bin fertig!" 
Mit Wünschen für den siegreichen Ausgang des Gefechtes 
beschließt Generalmajor K. seine Besprechung. Die Offiziere 
verabschieden sich, um in die ihnen zugeteilten 
Gefechtsabschnitte zu gehen. Wunderbar berührt die Ruhe und 
glatte Selbstverständlichkeit, mit der der Vorgang der 
Befehlsausgabe vor der Schlacht abläuft. 

Ganz niedrig zischen die Granaten der eigenen Artillerie über 
uns. Aber auch die feindlichen Geschütze feuern immer heftiger. 
„Das wird", meint Generalmajor K., „Lemberg teuer zu stehen 
kommen. Wenn wir heute nicht unsren Gefechtsstand im 
Lemberger Rathaus aufmachen, so morgen." 

Gefechtsordonnanzen kommen und gehen, sie könnten die 
kleine Gartenvilla in der Ulica Konduktorska, die den 
Divisionsstab beherbergt, den feindlichen Aufklärern verraten, 
wäre er nicht durch die Obstbäume gegen Fliegersicht 
ausreichend getarnt. 

Mittag ist es geworden. Wir essen verdorrte Krumen aus dem 
Brotsack und trinken das schmutzigbraune Brunnenwasser. In der 
Erregung des Kampfes ist der Hunger bald gestillt. Ein Flieger 
kreist jetzt nicht sehr hoch über uns: Polnischer Aufklärer. 
Wütendes Feuer empfängt ihn, er erwidert es jetzt mit seinem 
MG. Hat er unsre Batterien entdeckt? Dann gibt's für uns dicke 



60 




Volltreff er unserer Bomber 
in einer Montagehalle des 
Lemberger Flugplatzes 

(Seite 72) 



DieVerpfleguna wird knapp 
vor Lemberg. Die Luftwafje 
ließ höchst willkommenen 
Bombenregen auf uns nie- 
dergehen: Verpflegungs- 
bomben (Seite 84) 



Bohnen in der nächsten halben Stunde, denn wir liegen dicht bei 
unsren Geschützen. Der polnische Flieger kommt durch. 

Bald hier, bald da, jedenfalls wo wir es nicht mehr vermuten 
würden, flackert das Feuer auf. Ganz nah an uns heran kommt es 
jetzt, auf die Dächer der Nachbarhäuser prasseln die Kugeln 
herein, ein wildes hohes Zirpen der Geschosse hebt an, durch 
Zaun und Busch pfeift es herein — wir lehnen gerade an den 
Bäumen, die Müdigkeit schleicht sich auf leisen Sohlen an uns 
heran, die wir um den Gefechtsstand sind. Die Überraschung war 
dem Gegner geglückt, aus einem Hinterhalt sind die Polen 
hervorgebrochen, unsre Schützenlinien konnten ja nicht dicht 
genug vorgehen für dieses undurchsichtige Gelände. Der Feind 
steht im Rücken, das wird uns blitzschnell bewußt. Ein Gehirn 
arbeitet fieberhaft hier in der kleinen Gartenvilla, der General. Die 
Größe der Gefahr für ihn, für uns alle, wird uns klar, indem wir 
uns hastig den Stahlhelm festbinden, den wir einen Augenblick 
abgelegt hatten. Eine Handvoll Männer sind wir um den 
Divisionsgefechtsstand, mehr nicht. Die paar Offiziere, die 
Stabswache, ein paar Melder und Kradfahrer — das ist alles. Und 
jetzt 'raus allesamt und gefeuert, als hätten wir ein ganzes 
Bataillon im Rücken. Krach machen, Furcht und Schrecken 
verbreiten! Das war die Parole der motorisierten 
Aufklärungsgruppe Wintergerst-Schörner, und das muß uns auch 
weiterhelfen — in Teufelsnamen. Feststellen, woher das Feuer 
kommt! Nichts zu machen. Kein Feind zu sehen, nur dieses 
dünne Pfeifen um die Ohren von irgendwoher. Ein Leutnant 
stürmt vor, Handgranaten in den Händen, und feuert die Männer 
an, die ihm folgen. Ja — aus den Häusern wird gefeuert! Den 
Straßengraben entlang arbeiten wir uns vor gegen den 
unsichtbaren Feind. Der Feuerstärke zufolge muß das eine ganze 
Kompanie sein, drüben in den Gärten und Villen. Hartnäckiges 
MG. -Feuer hält uns in Deckung nieder — das kann aus drei 
Dutzend Dachluken stammen, die auf uns niederstarren. Drauflos 
und wieder: Auf — vorwärts! Handgranaten, die unsere Männer in 
die Villen Lembergs werfen, krepieren hinter den Fenstern und 
scheuchen den Feind — jetzt haben wir ihn gestellt. Hurra — 
drüben der erste Nahkampf! In den mit Handgranaten belegten 
Häusern ist es still geworden, so denken wir, aber schon feuert's 
wieder in unserem Rücken — ein Kampf voll Heimtücke. 



61 



Im Obstgarten drüben haben sie sich zusammengerottet — eine 
freie Wiese ohne Deckung davor. Aber wir müssen drüber, es ist, 
als wäre eine sinnverwirrende Trunkenheit über uns gekommen; 
das Gebot der Deckung, sich heranzurobben an den Feind, ist 
vergessen. Wütendes Gewehrfeuer. Sturm — Sturm! Mit Hurra 
geht es auf den Zaun des Obstgartens zu — wir stoßen die 
Planken ein mit Gewehrkolben, es flitzen die Polen aus dem 
Gartenhäuschen davon, Handgranaten machen ihnen Beine. 
„Stoj! — Stoj!" Wir brüllen, was wir aus der Kehle bringen, jeder 
schreit für drei andere — mindestens. Sie ergeben sich der 
Übermacht unsres wütenden Kriegsgeschreies. Die Hände hoch, 
kommen sie zuhauf hervor, Angst starrt aus ihren Blicken und ihre 
Lippen stammeln Mitleidheischendes; wie die Füchse fliehen sie 
aus ihrem Bau in Scharen. Einige Polen feuern, noch eine 
Handgranate in die weichende Gruppe macht ihnen den Garaus 
— da liegen an die 20 Polen leise stöhnend, verwundet, zum 
Großteil tot, ein paar lehnen an der Straßenböschung mit 
wachsbleichen Gesichtern, als schliefen sie. Wir halten inne, ein 
paar Atemzüge lang — die Ehrfurcht faßt uns an vor dem 
ehrlichen Soldatentod des Gegners. An die 30 Gefangene führen 
unsre braven Jäger fort — einige Augenblicke der Stille über dem 
Kampffeld. Mit dumpfem Gedröhn wühlen jetzt wieder die 
polnischen Granateinschlage die Wiese auf. 

Drüben, 50 Schritte von hier, ein Brückenkopf. Er muß unser 
werden. Wir stürmen draufzu, gefaßt, daß eine MG. -Garbe uns 
empfängt. Aber kein Schuß dringt aus der Barrikade — die 
ausgeworfenen Gräben sind geräumt, die Wälle aus 
Pflastersteinen verlassen. Das MG. fällt uns in die Hände. Über 
die Brücke geht's jetzt hinweg. Leutnant Frobenius kommt jetzt 
nach mit ein paar Jägern, als Gefechtsvorposten durchstöbern wir 
die Villen. Munition ist knapp geworden. Befehl: Meldung an 
Hauptmann N. überbringen, der mit ein paar Jägern den 
Brückenkopf sichert: »Wir halten den Posten, bis weitere Befehle 
folgen. Munitionsnachschub dringend nötig." Wir laufen als 
Melder zur Eisenbahnbrücke, zum Damm, der am Lemberger 
Sender vorbeiführt. Die feindliche MG.-Garbe bestreicht ohne 
Unterlaß den Brückenkopf. Es ist schwer, an der flachen 
Böschung hinreichende Deckung zu finden. 

Das erbeutete polnische MG. ist in Stellung gebracht, allein, es 
ist nicht flottzukriegen. Ladehemmung. Wir hätten es jetzt, weiß 



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Gott, gebrauchen können. Die feindliche Granatwerfertätigkeit 
wird zusehends heftiger. Unser Angriff, wir haben inzwischen 
Verstärkung erhalten, stockt deshalb. Die pulvertrockene Erde 
stäubt auf, von den Dächern herab erhalten wir seitlich Feuer. Ein 
Jäger ist hinter uns, gedeckt durch die Brückenmauer. Er hat sich 
vorgewagt, er wollte vielleicht zu uns stoßen, ein Aufschrei — und 
ein Aufseufzen. Wißt ihr, wie furchtbar das ist, einen Kameraden 
stöhnen zu hören? Zu wissen, daß er aus einer Wunde blutet, 
vielleicht verblutet? Sanität ist noch keine da — aber wir selbst 
haben doch unser Verbandzeug bei uns. Eine Feuerpause 
abgewartet — ein Sprung zurück. Da sind wir, Kamerad, was ist? 
Er hat die Augen geschlossen, er deutet nur. Bauchschuß. 
Kamerad, sei ruhig, wir helfen schon. Der Verband ist angelegt, 
der Unteroffizier hat dabei geholfen. Er selbst hat heute schon 
eins, nein zwei abgekriegt. Er trägt Kopfverband unterm 
Stahlhelm, Streifschuß. Der Stahlhelm selbst ist einmal 
durchschossen und überdies zerbeult von einem Querschläger. 
Glück gehabt, Unteroffizier. Hoffentlich kommt der da auch durch. 
Wein ist noch in der Feldflasche — sogenannter „Tokaier" aus 
einer Schenke in Sambor. Bauchschuß und trinken — nein. Aber 
wir träufeln das Naß auf die Stirn des Verwundeten und legen die 
Hand darauf. Es wird gut werden, alles wieder gut werden, 
Kamerad, wirst sehen. „Sanität — Sanität!" rufen wir. „Fort von 
da, fort von da", fleht er. 

Zeltblatt her — und noch eins. Vorsichtig betten wir den 
Schwerverwundeten in die behelfsmäßige Tragbahre. Schultern 
die Last und schleppen den Kameraden glücklich durch die 
Feuerlinie, bringen ihn in einen schußsicheren Winkel. 

Weitere Verstärkung trifft ein — wir treiben den Feind vor uns 
her. Von den Dächern feuern plötzlich polnische MG. Ziel erkannt. 
Auch unsre Jäger verlegen den Kampf auf die Dächer. Feuerduell 
von Dach zu Dach. Bald schweigt der Feind im Hinterhalt. Der 
Abschnitt ist gesäubert. Es ist 17 Uhr geworden. Wir kommen 
zurück zum Divisionsgefechtsstand. Hauptmann N. macht seinem 
General auf der Stiege der kleinen Gartenvilla die Meldung: 
„Feind zurückgeschlagen, 30 Gefangene, vier MG. erbeutet..." 

Auch Leutnant Frobenius ist wieder zurück mit seinen Männern. 
Wir erkennen ihn kaum wieder. Blut läuft ihm über die Wangen — 
eine Schramme über dem Nasenrücken ist erkennbar. Vielleicht 
ein Streifschuß. Er betastet seine Nase. „Renommierblut", sagt er 



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lachend und geht zum Brunnen, um es abzuwaschen. Er hat noch 
nicht verschnauft, aber Leutnant Frobenius zieht einen Eimer 
Wasser hoch aus dem Brunnen — sieht hinüber zu den 
verwundeten Polen, die eben die Sanität eingebracht hat. Ein 
junger Bursche mit Augengläsern, mag wohl ein Studentchen 
sein, lehnt am Zaun da, todmatt, todbleich mit zerschossenem 
Arm. Ein anderer, ein polnischer Bauernbursche, mit schwerer 
Beinwunde. Leutnant Frobenius — ob er selbst schon getrunken 
hat, sahen wir nicht — aber wir sehen, wie er seine Eßschale füllt 
mit dem lehmgrauen Wasser, das für uns köstlich schmeckt an 
diesem fieberheißen Tag, und wie er hinübergeht zu den 
verwundeten Polen — wie er jedem einzelnen Wasser reicht mit 
einem Blick, dem es schwerfällt, die Güte zu verbergen. Er tut 
beim Verbinden mit. 
„Das ist der Pole", sagt er, „der mich draußen flehentlich bat, ihm 
den Gnadenschuß zu geben. Ich tat es natürlich nicht, ich glaube, 
er wird durchkommen." Die Sanität tut ihr Werk, auch am Feind, 
unterschiedslos. Und hier, im Anblick des Leidens ehrlich 
kämpfender Soldaten beider Heere, hat der Krieg für Augenblicke 
ausgesetzt. Wir teilen die paar Zigaretten, die wir noch bei uns 
haben, mit den verwundeten Polen, die auf den Transport warten. 
Mit Begierde raucht sie dieser verletzte polnische Soldat, sein 
Blick ist voll Dank. Vielleicht ist auch ein starkes Erstaunen darin 
über uns — Hunnen? 

Wir fallen hin auf den Rasen des Obstgartens und in 
Augenblicken sind wir in den Dämmer des Halbschlafes verfallen. 
Als wir wieder erwachen, ist die Sonne versunken. Das Feuer 
verebbt ein wenig. Der Abend neigt sich über dem Kampffeld vor 
Lemberg. Kurze Atempause für Freund und Feind. Aber die Nacht 
kann voll Überraschung sein — wir sind auf der Wacht. 

Der General bezieht seinen endgültigen Gefechtsstand in der 
Grodecka, nahe dem Flugplatz. Auf dem Trittbrett des 
Geländewagens stehend, fahren wir über die breite Chaussee, 
die die Straße unsres Sieges über Lemberg werden soll. 

Es war ein harter Tag, der der ersten Kampfnacht vor Lemberg 
gefolgt war. Stunden des Schlafes erscheinen uns 
wunderverheißend wie ein Paradies. Die Maschine hat das Ihre 
getan und der Himmel hat das gute Wetter zum Erfolg gegeben, 
aber nur der Mensch hat mit der Spannkraft seiner Seele und der 
Kühnheit seines Geistes das Gelingen vollbracht Deutscher 



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Soldat, die verwegenste Hoffnung kann auf dich bauen, diese 
Tage lelirten uns das. Ein leuclitendes Ziel steht vor uns und das 
befiehlt uns, alles gern zu ertragen. 

Glaubt ihr denn, die ihr diesen Bericht in der Heimat lesen 
werdet, glaubt ihr denn, es wäre nur Schall und nicht zugleich 
glühendes Bekennen gewesen, als unsre Truppe beim 
Durchmarsch durch Sambor, da die Nachricht vom Vorstoß auf 
Lemberg wie eine Stichflamme durch die Kolonne flog, gestern 
abend sang: „...kehr' ich nicht mehr zurück, was ist dabei, wenn 
nur mein Vaterland, wenn Deutschland frei!" 



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In der Fliegerkaserne Lemberg-West 



Luftbeschuß auf den Divisionsgefechtsstand 

Kommißbrot für angenähte Knöpfe 
Was man mit einer Tasse Wasser alles beginnen kann 
Luftkrieg auf zweierlei Art / Der Jude beteuert, der Jude wimmert 
„Ja, seid ihr denn Deutsche...?" 

Vor Lemberg, 14. September, 13 Uhr. 

Wir lagen in einem abgründigen Sciilaf lieute naclit, kein 
Gesciiützdonner konnte uns aufwecken. Wir sciiliefen in einem 
eliemaligen Unteroffizierswolinbau der polnisciien Flieger. Die 
Wohnung eines polnischen Unteroffiziers gab uns Herberge. Die 
Kinder sind fort, seine Frau ist allein geblieben. Sie war sehr 
aufmerksam beim Bereiten der Betten und trägt ihr Los recht 
standhaft. Wir teilen mit ihr das Kommißbrot und die dicke 
Reissuppe. Sie näht uns die ausgerissenen Knöpfe an, sie 
verdrückt dabei ein paar Tränen. Wenn eine polnische Granate zu 
nah beim Hause einschlägt, ringt sie die Hände und wir beruhigen 
sie. Das gibt so ein Hin und Wider der kleinen Hilfe in Tagen des 
Krieges. Sie anerkennt unser Verhalten, das anders aussieht als 
die Schilderung von deutscher Barbarei in polnischen Gazetten. 

Mit dem Wasser hat es seine Not. Morgens floß es aus der 
Leitung noch dünn, es langte nicht für alle. Man mußte es aus 
dem Keller holen. Nun ist es auch unten aus. Etwas Wasser hat 
unsre Wirtin noch im Eimer. Eine Tasse davon erbitte ich mir. Die 
muß zum Rasieren langen, und dann eine zweite. Wir lernen die 
Kunst, uns mit einer Tasse Wasser zu rasieren, die Hände zu 
waschen und zugleich eine verschmachtende Blattpflanze zu 
begießen. Mittag. Wir essen gerade unsren Reisbrei. Ein wenig 
Gewürz hinein, dann schmeckt's noch besser. Frau Wirtin greift 
eben danach — da haben wir unser Gewürz, da pfeffert's und 
knattert's hinein in die Häuser. Feuerüberfall? Wir schnappen die 
Gewehre, ein erbeuteter polnischer Karabiner soll jetzt zeigen, 
was er wert ist. Da hören wir auch schon, wie die Angreifer — 
zwei im Tiefflug heranpfeifende polnische Kampfflieger — 
davonbrausen. Die Frau zittert am ganzen Leib und heult. Aber 
jetzt schlägt sie wieder mit der Klappe wütend nach den Fliegen 



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in ihrer Küclie, die lierbstlicli gesegnet ist mit 
Fliegengesciiwadern. „Das ist aucli Luftkrieg — llir Luftkrieg, 
bravo, Frau B.!" Sie laclit jetzt und der Sciireck ist fürs erste 
vorbei. 

Fürs erste, denn in dem Augenblick, da wir dies sciireiben, 
brummelt sciion wieder was lieran — jetzt fliegen sie genau auf 
unsern Wohntrakt zu, Abwehrfeuer setzt ein — die Angreifer 
speien MG. -Hagel herab, der die Hausfront zerhackt. 

Was eben geschah, berührt nebenan unsren Zimmernachbarn, 
den Kriegsgerichtsrat und seine Mitarbeiter, nicht. Die 
Amtshandlung in Sachen des Juden Kurzer, der wegen Verteilung 
von Waffen an Freischärler dem Kriegsgericht Rede stehen muß, 
nimmt ungestört ihren Fortgang. Der Jude beteuert, der Jude 
wimmert, alles sei nur Pression durch die Polen gewesen... 

Wir könnten nun ziemlich sicher nach der Lufterkundung mit 
Artilleriefeuer auf unser Quartier rechnen, meint der 
Oberstleutnant, der, über die Karte von Lemberg gebeugt, die 
neuen militärischen Ziele einzeichnet auf Grund der Aussagen 
Gefangener. 

Heute morgen kommen wir auf der Suche nach versprengten 
Kameraden an einem Bauernhof vorbei. Man grüßt deutsch, 
bietet uns Milch zum Frühstück. — „Ja, seid ihr denn Deutsche? 
Ihr seht aus wie Deutsche, sprecht wie Deutsche?" — „Ja", 
kommt es lachend zurück, „wir sind Deutsche. Wir sind Kolonisten 

— rund um Lemberg sind deutsche Siedlungen. Gott sei Dank, 
daß ihr da seid, wir sind ja so froh — " 

Die junge Frau, die uns das gesteht, ein blondes Weib, eine 
bäuerliche Schönheit, trägt ein Kind am Arm, ihr Bruder dort — 
der Typ des deutschen Kolonisten, kämpfender Deutscher, ums 
Brot ringender Bauer. 

Wieder rollt wie ferner Donner ein dunkles Gebrumm heran. 
„Fliegerdeckung!" ruft unten im Hof einer. Diesmal blinder Alarm 

— aus Wolken, die heute den glühenden Himmel etwas verhüllen, 
kommt eine Staffel deutscher Sturzbomber, begleitet von 
dahinflitzenden Jagdflugzeugen. 

In Lemberg ist's nun still geworden, der Artilleriebeschuß hat 
aufgehört. Unsre Luftwaffe hat gut gearbeitet. In der Miene jedes 
Mannes unsrer Truppe spiegelt sich das Glück, da droben so 
tüchtige Kameraden zu wissen. 



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In zügig kühnem Angriff 



Gefechtsgruppe Schörner nimmt Zboiska 

„Bei Grodek auf den Höhen..." Weltkriegslied mit neuem Sinn 
PrzemysI soll gefallen sein / Parole Rückendeckung 
Ein Volksdeutscher Patrouillenführer quittiert polnischen Zwangsdienst 

Vor Lemberg, 14. September, 20 Uhr. 

In zügig kühnem Angriff liat gestern in kurzer Zeit die 
Gefeclitsgruppe Sciiörner die Lemberg beiierrsciiende Hölie 
Zboiska genommen. Um 12.30 Ulir, zweieinlialb Stunden nacli 
Angriffsbeginn, waren die befolilenen Ziele erreicht. Als Dorn im 
Fleisch des weitaus überlegenen Gegners sitzt die Gruppe da 
oben auf der Anhöhe im Norden der Stadt. Die Gruppe Rohmeder 
hält die Stellung im Westen Lembergs, wo der Kampf als 
Häuserkampf abläuft, die Gruppe Fleischmann den Süden. Unsre 
schweren Waffen müssen die Vorteile des Verteidigers 
aufwiegen. 

PrzemysI soll gefallen sein. Man muß damit rechnen, daß 
zersprengte feindliche Verbände sich entlang der Straße 
PrzemysI — Janow — Grodek — Lubien nach Lemberg 

durchschlagen. Unsre Division muß ihre eigene Rückenstellung 
sichern. 

Der Abendhimmel ist ein lodernder Feuerbrand. Abergläubische 
Gemüter könnten einen bitteren Kampftag vorausahnen. 
Rotviolett glimmt die Wolkenbank eines fernen Gewitters tief 
unten am flachen Horizont, die Feuerhengste der sinkenden 
Sonne sprengen über diese Wolkenhürden, rotgoldne Flut ergießt 
sich über das monotone ostgalizische Land. Man hält stumme 
Zwiesprache mit dieser Landschaft, über die der apokalyptische 
Reiter Krieg so oft schon hinüber und herüber gebraust ist. Vor 25 
Jahren haben unsre Väter hier geblutet. „Bei Grodek auf den 
Höhen...", wir entsinnen uns, als Kinder dieses wehmütig 
gedehnte Soldatenlied gesungen zu haben. Aus der Tiefe der 
Erinnerung steigt jetzt die Melodie herauf und es liegt nun an uns, 
bei Grodek und Lemberg zu kämpfen und zu siegen oder zu 
sterben. Ein Lied umspannt das Erlebnis zweier Generationen, 
die auf genau denselben Schlachtfeldern angetreten sind. 



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Im September 1914 verbluteten Truppen der k. u. k. Armee in 
der zehntägigen Rückzugsschlacht bei Grodek. Am 15. Juni 1915 
steht Mackensen wieder nordwärts Grodek. Am 22. Juni fällt 
Lemberg wieder in deutsche Hand. 250 Kilometer tief ist damals 
innerhalb vier Wochen die russische Invasion zurückgestaut 
worden. Dann wälzten sich wieder die russischen 
Gegenoffensiven über dieses Galizien, das das Blut unsrer 
Besten trank. 

Zwei Gefangene sind eben eingeliefert worden. Der eine, 
angeblich ein Ukrainer, will die Feuerlinie überschritten haben, um 
uns zu warnen. Der andre ist ein Volksdeutscher aus Lodz. Seine 
erste Frage: „Ist Lodz schon eingenommen? Ich bange um meine 
Verwandten." Heute hätte er eine Patrouille geführt, er genoß 
wegen seines polnischen Namens gewisses Vertrauen — und 
dabei hätte er „den Dienst quittiert", er fürchte Repressalien an 
seinen Eltern in Lodz. Drüben, erzählt er, mangle es an dem 
Nötigsten: Keine Stahlhelme, kein Seitengewehr, wenig 
Uniformen. 

Der Ukrainer meldet polnische Regimenter aus der Gegend Stry 
im Anmarsch auf jene ukrainischen Gegenden, wo man zur Zeit 
bereits polnische Truppen entwaffnet. Also wiederum die 
berüchtigten polnischen „Pazifizierungsregimenter" wie 1924. 

Die einzige Kerze, bei deren kümmerlichem Licht wir schreiben, 
zuckt mit letztem Schein. Die Schreiberei hat gleich ein Ende. 
Was wird diese schwarze Nacht bringen der dünnen Kette unsrer 
Gefechtsvorposten auf dieser kühnen Front vor Lemberg, die wie 
ein Würgegriff die Stadt an der Kehle faßt? 



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Igelstellung von 10 Kilometer Umfang 

Kampfgruppe bei Zboiska von uns abgeschnitten 

Gemütsruhige Weltkriegsteilnehmer 
Erbitterte Ausfallversuche des Feindes / Truppe lebt von rohen 
Feldfrüchten / Barriere gegen zurückdrängende Polen 

Vor Lemberg, 15. September, 17 Uhr. 

Die feindliche Artillerietätigl<eit wird nacli melirmaliger 
Lufterkundung über dem Divisionsgefeclitsstand zuseliends 
reger. Ein nalier Einsciilag wirft, sei es durcli Luftdruck oder 
durcli Sciiockwirkung, den Bericliter, der vor seiner 
Seil reibmascii ine sitzt, buclistäblicli vom Stulil. Er ruft, am Boden 
liegend, in den Nebenraum hinein, was denn nun los sei. „Ach, 
der Einschlag ist noch weit weg", sagt in unerschütterter 
Gemütsruhe ein Oberstleutnant, ein alter Weltkriegsartillerist. Da 
merkt unsereins die Überlegenheit der alten Garde. 

Um dem Beschuß kein massives Ziel zu bieten, wird der 
Wagenpark über die Wiese aufgeteilt. 

Ein Melder der Kampfgruppe Schörner ist heut morgen 
eingetroffen, sie ist nahezu abgetrennt von jedem Nachschub, 
hält eine Art Inselstellung auf den strategisch wichtigen Höhen 
Zboiska — Holosko und sperrt die Ausfallstraßen von Lemberg 
nach Norden und Nordwesten. Die Gruppe hat einen Igel 
gebildet, der seine Stacheln über eine Front von 10 Kilometer 
Länge gegen den erbittert anrennenden Polen starren läßt, der 
immer wieder versucht, unsre Stellungen aufzurollen und zu 
durchstoßen. Unsre Verluste dort oben sollen schon beträchtlich 
sein. 

An geordneten Verpflegungsnachschub dieser vorgeworfenen 
Einheit ist vorläufig nicht zu denken; deren tapfere Jäger, so 
hören wir eben, nähren sich von rohen Feldfrüchten, Kohlrüben, 
Tomaten und Krautköpfen. Vermehrte Artillerieunterstützung wird 
von der Division angefordert, indes, die Lage der Division wird 
von Stunde zu Stunde schwieriger. 

Die bei PrzemysI von einer Münchener Division zersprengten 
Teile mehrerer größerer polnischer Verbände drücken über 
Janow — Janorow auf Lemberg zu. Es wird einen 



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Zweifrontenkampf geben. Mit Verstärkung durcli 
Naclibarverbände ist günstigenfalls in drei bis vier Tagen zu 
rechnen. 

Die Absicht der Polen ist klar, sie wollen sich in ihrer letzten 
Bastion, Lemberg, sammeln, aus zerschlagenen Divisionen soll 
eine neue Armee entstehen. Das zu verhindern ist zur Stunde die 
vordringlichste Aufgabe der Division K. Seit gestern ist bei Grodek 
in der Linie Hartfeld — Haliczanow von unsern Truppen eine 
Verteidigungsstellung aufgebaut worden. 

Es gilt, etwa zwei Feinddivisionen von Lemberg abzuriegeln. 
Auch unsre Verpflegung ist knapp geworden. Flieger hätten 
gestern Proviant abwerfen sollen. Aber es kam nichts. Wir leben 
also vorwiegend aus den herbstlich üppigen Gärten. 



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Zerknickte Fittiche der Einkreisermäclite 

Der Lemberger Militärflugplatz in Trümmern 

Unsere Luftwaffe hat gründliche Arbeit geleistet 
Volltreffer über Volltreffer / Ein Gang Über das Rollfeld 
Es kreischen die Raben in den Montagehallen... 

Lemberg, 16. September. 

Das war er also, der Lemberger Militärflugplatz mit seinen 
Hangars und Flugzeugmontagehallen, das, was jetzt einem 
Sturzacker ähnlich sieht, war das Rollfeld. Hier sollte die 
polnische Luftwaffe starten gegen das vorrückende deutsche 
Heer und Zerstörung bringen über deutsches Land. Es kam 
anders. Am 1. September haben unsre Bomber den dunklen 
Plänen ein jähes Ende gemacht In wenigen Minuten war die 
polnische „schimmernde Wehr" zur Luft zerbrochen. In jäher 
Flucht stob alles davon. Genau so wie die Besatzung des 
Fliegerhorstes an jenem schwarzen Tag der feindlichen Luftwaffe 
den Horst verlassen hatte, sahen wir ihn heute. 

Kilometerweit dehnt sich das Flugfeld am Westrande der Stadt. 
Eine Eisenbahnlinie zweigt in die Anlage hinein, noch stehen 
Öltanks auf den Geleisen. Ein Sprung über den Bahndamm und 
schon stehen wir im Bereich der Bombenwirkung. Die 
Zufahrtswege aufgerissen und in der Montagehalle drüben klafft 
die Flanke. Wir treten in die weiträumige hohe Halle: Ein 
Volltreffer hat die Decke in der geometrischen Mitte zerfetzt, 
Maschinen, Fräsmaschinen, Bohrmaschinen sind zerschlagen. 
Ein Flugzeugrumpf im Bau — er steht, wie ihn die Monteure 
verlassen haben, lediglich zerschründet von den Bombensplittern. 
Die unterirdischen Benzintanks haben gleichfalls Kräftiges 
abgekriegt Ein Erdtrichter ist vollgelaufen mit bläulichem 
Betriebsstoff. 

Was es hier noch an wertvollem Material zu bergen gibt, 
besorgen die Artilleristen. Die Öltanks werden geleert, sie speisen 
jetzt unsere LKW., die Benzinfässer, die herumliegen, werden 
angezapft. Eine Wohltat gerade für diese Truppen um Lemberg, 
mit denen der Nachschub nicht mehr Schritt halten konnte. Die 
zweite große Montagehalle, die „Warsztaty Parkowe 6. P. Lot" 



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weist gleichfalls Volltreffer auf. Ein Dutzend Flugzeuge sind hier 
durch die Sprengstücke außer Betrieb gesetzt worden. Es hinken 
die Flügel, die Rümpfe sind durchlöchert, die Seitensteuer 
herabgerissen. Hingegen sind 25 neue, zum Einbau bereite 
Motoren, offenbar englischer Herkunft, nahezu unversehrt. Die 
gleiche Anzahl schwerer Motoren fanden wir in einer anderen 
Halle vor. Hier stehen auch zwei nagelneue Aufklärer startfertig 
und unbeschädigt. Eine dritte Halle beherbergt einen Vorrat von 
mehreren hundert Propellern und einigen Jagdflugzeugen. 
Allesamt entweder englischer oder französischer Herkunft. 
Claudel-Hobson, Potez usw. — Alles Beweise dafür, daß die 
Einkreisermächte hier eine Waffe künstlich aufgepäppelt haben, 
die im Dienste der Vernichtungspolitik gegen Deutschland stehen 
sollte. Was die Polen aus eigenen Mitteln beigetragen haben, ist 
zumindest, nach der Herkunftsbezeichnung der eingebauten 
Instrumente zu schließen, minimal. 

Ein Blick hinaus aufs Rollfeld. Da stehen die todwund 
getroffenen Bomber und Jagdflugzeuge, da haben sich in die 
Erde Kampfflugzeuge verbohrt, die offenbar nachts auf dem 
zerstörten Flugplatz landen wollten und dabei in die 
Sprengtrichter gerieten. Da sind wohl an die 20 zerstörte 
Maschinen, die vielleicht eben starten wollten, als sie von den 
„Vögeln Hermanns" überrascht worden sind. Die Fittiche von 
Frankreichs und Englands Gnaden sind geknickt. 

Die Flügel reichen gerade noch, um der lagernden Truppe auf 
dem freien Feld Unterstand zu geben — denn es hat eben nach 
den vielen sonnenreichen Wochen zu regnen begonnen. Unsre 
Kanoniere besteigen die Pilotensitze und hantieren vergnüglich 
am Steuerknüppel herum. „Das gäbe", meint einer, „so eine feine 
Urlaubsfahrt für zwei Tage." 

Ein Brausen über uns. Ein „fliegender Bleistift", die flache, 
schnittige Ju 90, kreist über dem Flugfeld, als suche sie eine 
Landemöglichkeit. Ihre Bahn sieht aus wie eine triumphale Geste 
über dem geschlagenen Gegner. 

Beklemmende Stille, nur durch zeitweilige Granateneinschläge 
unterbrochen, liegt wieder über dem Flugfeld. Die Hallen werfen 
unsren Gesprächen ein hohles Echo zurück. Eine Schar Raben 
hat jetzt Einzug gehalten im First der Halle und füllt mit ihrem 
heiseren Kreischen den Raum. Raben haben sich eingenistet im 
Lemberger Fliegerhorst. 



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Wir schreiben diesen Bericlit in der nali dem Flugplatz 
gelegenen Wohnung eines polnischen Fliegerunteroffiziers. Ein 
Gipsmonument en miniature steht auf dem Tisch. Der polnische 
Adler beschirmt die polnische Erde, soll das wohl heißen. Allein 
einen Flügel hat der Gipsadler verloren. Mit dem anderen flattert 
er noch. Ein Zufall, der Donnerschlag einer Explosion vielleicht, 
hat hiermit ein Zeichen der Stunde gegeben. 

Raben kreisen über dem Fliegerhorst von Lemberg. Ihr habt die 
Zerstörung rechtzeitig zerstört, Kameraden der Luftwaffe, 
andernfalls — nun, wir bezeugen es gerne, daß es uns von 
Lemberg her ganz anständig aufs Dach geregnet hätte. 



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Deutsche Streusiedlung um Lemberg 

Schönthal — schwergeprüftes Kolonistendorf 

Vor 150 Jahren von deutschem Bauernfleiß gegründet Sieben bis acht 
Kinder — nichts Seltenes für die Siedlerfamilie 
„Was weißt du von Adolf Hitler?" 
Lehrer Senft von brandschatzenden Polen verschleppt 

Schönthal bei Lemberg, 17. September, 18 Uhr. 

Mühsam bahnt sich unser Wagen den Weg durch den dürren, 
tiefen Sand. Ein Stück ab von der breiten Chaussee, und schon 
beginnt das Elend der galizischen Wege. Jetzt, da es 
Trockenwetter ist, mag das noch angehen, aber wenn tagelanger 
Regen käme... Wir säßen im Pfuhl. Wir ermessen das 
Kriegsglück dieses strahlenden Herbstwetters. Einige Male 
bleiben wir stecken, wir müssen anschieben, damit der Wagen 
flott wird, die Räder rutschen im Leerlauf wie auf Glatteis. 

Föhrenwald bezeichnet den keineswegs zu fruchtbaren 
Heideboden. Durch eine Unterführung der zweigeleisigen Strecke 
Krakau — Lemberg zieht der Feldweg dahin, eine 
Praterrutschbahn kann uns nicht schöner schaukeln als diese 
Wege. 

Ein Blick in eine liebliche Landschaft, wie von einem Romantiker 
hingemalt, tut sich auf: Schönthal, ein Dorf, das deutscher 
Kolonistenfleiß aus der Öde hervorgebracht hat. Einer der 
zahlreichen deutschen Weiler, die wir rings um Lemberg finden. 

„Diese Scheuer da", meint der Kooperator der evangelischen 
Gemeinde Schönthal, „stammt noch aus der Zeit, da unsre Ahnen 
sich hier auf Geheiß des Kaisers Joseph II. angesiedelt haben. 
150 Jahre sind wir schon auf diesem Flecken Erde. Unsre Ahnen 
haben die Ziegel dieser Häuser selbst gebrannt. Da ist unsre 
Kirche und da die Schule." Weinend tritt die Frau des 
Schullehrers Senft aus der Tür. Ihren Mann haben die Polen 
mitgeschleppt. Wird er je zurückkommen? 

Das Schulzimmer — es gibt nur eines für diese Gemeinde, die 
ihren Lehrer selbst unterhielt — faßt die 42 schulpflichtigen Kinder 
der Gemeinde. Geteilter Unterricht — vormittags die höheren 
Klassen, nachmittags die Abcschützen. Die Wände sind mit den 



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Bildern Rydz-Smiglys und Moszizkys behängt und mit Lelirtafeln, 
die zum Ausbau der polnisciien Marine auffordern. Nur Joliann 
Wolfgang Goethe durfte als Zeuge deutscher Kultur im Bilde an 
der Wand hängen neben dem Porträt des Superintendenten, 
eines verdienten Volkstumskämpfers. Alle deutschen Bücher sind 
in den letzten Wochen von der Frau des Schullehrers verbrannt 
worden aus berechtigter Angst vor der Raserei der Polen. Drei 
Backöfen, gesteht sie weinend, hätte sie mit den kostbaren 
Büchern heizen können. 

Das Schulhaus war der Hort der völkischen Sammlung in den 
schweren Jahren. Der Lehrer Senft fachte immer neue Glut in den 
Herzen seiner Gemeinde. Das wußten die Polen, darum steckten 
sie seine Scheune an vor einigen Wochen. Der Brand griff um 
sich, vernichtete etliche der 40 deutschen Häuser des Dorfes, 
schonte aber das „Deutsche Haus", erbaut 1936, das uns die 
Schönthaler voll Stolz zeigen. Jetzt hausen die Obdachlosen 
darin, die durch Brandschatzung ihre Habe verloren. Aber der 
Gemeinsinn dieser Menschen, die schlimmste Verfolgung ganz 
eng aneinandergeschlossen hat, bewährt sich herrlich. Schon 
ragt das frisch gezimmerte Gebälk des Dachstuhles über den 
Grundmauern. 

Schäfer, Kunz, Vögel, Rummi, das sind einige Siedlernamen aus 
Schönthal. Mercksheim in der Pfalz, das ist einer der Heimatorte, 
die einst die Vorväter verlassen haben, die Pfalz und das Rheintal 
sandten zahlreiche ihrer Söhne vor anderthalb Jahrhunderten 
hierher. Die Kolonistenfamilien wuchsen an, deutsche Menschen 
suchten neues Land. Der heilige Frühling kam über diese 
Ostsiedler, die Jungen schwärmten aus, eine neue Heimat zu 
gründen. Im Jahre 1908 sind von hier über 50 Familien nach 
Polen gezogen. Der Kinderreichtum unsrer Ostsiedler hält die 
Waage dem Kindersegen der ukrainischen und polnischen 
Bauern. Sieben bis acht Kinder sind für die deutsche 
Siedlerfamilie um Lemberg nichts Ungewöhnliches. 

Mit Innigkeit haben die Schönthaler uns aufgenommen. Vor zwei 
Tagen ist eine deutsche Patrouille durchgezogen, die wurde mit 
Blumen überschüttet. Die Ukrainerinnen haben mit den deutschen 
Bauersfrauen vor Freude geweint. Seit Jahren sind ja die 
Ukrainer mit den Deutschen zusammen marschiert, wenn es 
darum ging, eine politische Stellung zu erobern oder gegen die 
Polen zu halten. Im Jahre 1935 stimmten sie auch in Schönthal, 



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das sie zum Teil mitbewolinten, für einen deutsciien 
Bürgermeister, gegen den protzigen polnisciien Sciilaciizizen, der 
sciion im Geiste den Diktator über die deutsciien Dörfer spielte. 

„Was weißt du von Adolf Hitler?" fragen wir die kleine Luise, die 
auf dem Anger Gänse hütet. „Er hat viel für das deutsche Volk 
getan", gibt die Achtjährige etwas befangen zur Antwort. Das 
geistige Leben der Schönthaler Gemeinde verrät eben jene 
Regsamkeit, die nur im Volkstumskampfe geboren wird. Die 
Schönthaler waren beinahe entrüstet, als wir ihnen unterstellen 
wollten, sie würden doch infolge ihrer Abgeschiedenheit nicht 
über alle Geschehnisse im Großdeutschen Reiche im Bilde sein. 

Lebt wohl, deutsche Bauern, die ihr um so glühender eure ferne 
Heimat geliebt habt, je härter euch die Faust der Polen schlug. Ihr 
habt uns den Wagen bekränzt, indes wir in der Bauernstube euer 
Brot aßen, habt Dank, Mädchen! Über und über ist unsre 
verstaubte Benzinkarre geschmückt mit Astern, Levkojen und 
Löwenmaul — als ob wir zur Hochzeit führen! 

Wir nehmen euer herzliches Grüßen nicht für uns persönlich an, 
wir lesen euer Winken und glückliches Lachen auf als Gruß für 
das Reich Adolf Hitlers, als dessen Boten wir zu eurer tapferen 
Gemeinschaft kommen durften. 



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Polnischer Oberstleutnant — unser Gefangener 

„Es ist nur mehr ein Kampf der Ehre..." 

Versorgung aus den Wolken / Riegelstellung bei Dobrostany-Grodek 
Der „Schinderberg" fordert viel Blut / Eigene Panzer in der Nähe 

Vor Lemberg, 17, September, 21 Uhr. 

„Es ist nur mehr ein Kampf der Ehre", sagte der gefangene 
polnische Oberstleutnant Willich, der Kommandeur eines 
Grenzschutzkorps, heute abend zu unsrem Dolmetscher. Die 
beiden kennen sich übrigens schon lange. In Zakopane waren sie 
zum ersten Male einander begegnet. Jetzt trafen sie wieder 
zusammen unter den merkwürdigsten Umständen. Willich war 
Organisator der Winterspiele in Zakopane, er war Führer der 
polnischen Abordnung bei den Olympischen Spielen in Berlin. Er 
kennt Deutschland gut, er verdankt seine militärischen Kenntnisse 
deutschen Instrukteuren und der deutschen Kriegswissenschaft. 
Das hat er zugegeben, wie er auch anerkannt hat die absolute 
Überlegenheit und Schlagkraft unsrer Waffen. Er habe in 
Warschau gewarnt, meinte er, die polnische Wehrmacht sei noch 
zu schwach, um es mit der deutschen aufnehmen zu können. Ein 
Krieg lasse sich mit dem Herzen allein nicht gewinnen. Er sieht 
das Ende Polens vor sich — er macht sich nichts mehr vor. 

Aber Lemberg, sagt er, werde noch der letzte große Waffengang 
der polnischen Armee sein, die, wenn sie schon untergehen 
müsse, in Ehren geschlagen sein wolle — das wäre Verpflichtung 
vor der Geschichte. Wir hätten also mit Lemberg noch zu tun... 
Wir wissen das, wir stellen uns seit Tagen drauf ein. Der Kampf 
bis zu dieser Stunde war heiß und heftig. Aber bald werden in 
eherner Sprache unsre Haubitzen dem feindlichen Widerstand 
das Grabgebet sprechen. „Der polnischen Armee den Rest 
geben", das sei, meinte kurz vor Beginn der Schlacht vor 
Lemberg Generalmajor K., die Parole. „Morgen werden sie 
vielleicht noch schießen, aber übermorgen nicht mehr", hörten wir 
ihn heute sagen. Der Feind hat offensichtlich seine Artillerie 
verstärkt. Unsre Aufmarschstraße bildet nach wie vor deren Ziel, 
besonders unser an der Straße gelegener Gefechtsstand. 



78 



Verdächtig nah schlugen ja nachmittags die Geschosse ein. Die 
Straße trafen die Polen allerdings nicht. 

Soll nun deshalb der Divisionsstab Stellungswechsel 
vornehmen? Rechts und links der Straße keine Möglichkeit der 
Unterkunft. Zurückgehen? „Das würde", meint Generalmajor K., 
indem er persönlich die Lage erkundet, „die Mannschaft 
beunruhigen, obwohl es taktisch zu rechtfertigen wäre. Also 
dageblieben!" Das ist äußerste soldatische Konsequenz. 

Ein Geschwader Ju 52 kam gestern spätnachmittags im Tiefflug 
an und ließ mit Fallschirmen Versorgungsbomben, gefüllt mit 
Nahrungsmitteln und Munition, herabregnen — 80 Stück allein auf 
der Wiese bei uns. Selbst bei größten Beschwernissen des 
Nachschubs könnte bei solcher Hilfe nie Mangel eintreten. 
Zigaretten gibt's auch wieder, dank der Versorgung aus den 
Wolken. Tief drunten am Horizont steht die rote Sonne, eine 
violette Wolkenbank zieht über die brodelnde Glut eines 
galizischen Abendhimmels. Das sind nicht bloß Wolken, das sind 
zusammengeflossene Rauchsäulen, die aufgestiegen sind über 
dem Räume Grodek — Jagiellonski — Dobrostany — Hartfeld — 
Sadowa-Wisnia, wo seit drei Tagen eine erbitterte Schlacht im 
Gange ist. Die Münchener Division treibt die zersprengten Teile 
der polnischen Divisionen vor sich her, denen bei Jaworow eine 
SS-Standarte in erbitterten Gefechten entgegengetreten war. Die 
Wälder aber geben den Polen immer wieder die Möglichkeit, sich 
zu sammeln, und damit so viel Stoßkraft, um gegen den Riegel 
anzurennen, den die Gebirgsdivision unter äußerster Anspannung 
ihrer Kräfte bei Grodek und Dobrostany dem Feinde vorlegte. 
Unsre Bomber tun das Ihre, um den Rückmarsch des Feindes zu 
stören, der nun versucht, nordwärts auf die Wälder bei Janow — 
Jaryna auszubiegen. 

Aber die Sperre hält — unsre Opfer sind freilich nicht gering. U. 
a. verlor der Divisionsstab Leutnant Frobenius, Schriftleiter einer 
Münchener Zeitung, der bei Dobrostany fiel, Leutnant von 
Weizenbeck ist schwerverletzt. „Ich habe einen Sonderauftrag", 
sagte uns gestern abend voller Freude Leutnant Frobenius, „ich 
freue mich schon so drauf — mir wird nur das Warten zu lang." 
Um 1 Uhr nachts fuhr er mit seinem Sonderauftrag fort nach 
Dobrostany. Froheste Stimmung war sein Abschied. Er ist nun 
seinem Vater, der 1914 fiel, in den Soldatentod gefolgt; ein 
Granatsplitter schlug durch seinen Stahlhelm. 



79 



Drei Kompanieführer sind lieute bei Holosko-Zboiska gefallen. 
Gestern hat ein Volltreffer eines feindlichen Mörsers droben die 
vollbelegte Verwundetensammelstelle zerstört. Es ist ein Ringen 
mit letztem Einsatz, der „Schinderberg" — so heißt dieser alte k. 
u. k. Truppenübungsplatz in der Lemberger Sprache — macht 
seinem Namen grausige Ehre. Ohne Nachschub, tagelang, 
nächtelang bestürmt von den verzweifelte Ausfälle versuchenden 
Polen, im Punktfeuer der feindlichen Artillerie, die auf den 
Truppenübungsplatz genauest eingeschossen ist, ein 
zermürbender Zweifrontenkampf einer von Tag zu Tag schwächer 
werdenden Einheit — und dennoch wird kein Schritt 
zurückgegangen, was heute an die Übermacht verlorengeht, wird 
morgen von unsren tapferen Jägern wiedergeholt — Holosko- 
Zboiska und der heißumkämpfte Judenfriedhof, jetzt schon 
Ruhmesstätten der bayerischen Gebirgsjäger... 

Mit einem Panzerzug und Panzerkampfwagen unternimmt der 
Feind Richtung Kulikow erneute Versuche, seine Umklammerung 
zu durchbrechen, den eisernen Griff, der ihn seit 12. September 
umfaßt, aufzulösen. Es sollen, hören wir, eigene 
Panzerkampfwagen bereits in der Nähe von Kulikow sein, unsre 
Panzerdivision soll Lemberg überrennen. 

Heute funkte die Gebirgsdivision in Klartext zu den Polen 
hinüber, daß die Russen die polnische Grenze überschritten 
haben. Allein, Gefangene sagten das heute aus, die Führung gibt 
sich drüben noch dem frommen Glauben hin, die Russen kämen 
zu ihrem Entsatz. Der Kampfwille wird drüben nur mehr durch 
Lügeninjektionen hochgepeitscht — stärkste Dosis: Polens Reiter 
plänkeln im Grunewald, Mussolini hat einen Schlaganfall erlitten, 
in Deutschland ist Revolution ausgebrochen, Frankreichs Poilus 
stehen tief im Reich... 

Purpurn ist der Feuerball hinter dem dunklen Rand der Welt 
hinabgesunken. Geschütze und Gefechtsvorposten ragen als 
schwarze Silhouetten in diese wogende Lava des Westhimmels, 
ein bannendes Schattenspiel. 

An vier Fronten muß zuweilen zu gleicher Zeit diese eine 
Division ihre gesamte Gefechtskraft aufbieten — noch immer 
ohne fühlbare Verstärkung. Ihre Taten können sich mit den 
kühnsten deutschen Waffentaten messen, die die galizische Erde 
im Kriege 1914—1918 sah. 



80 



Begegnungen bei Grodek 



Trümmer der polnischen Südarmee 

Chaos am Wegrand / Ausgepowertes Volk lauert auf Plünderung 
„Hoffentlich — gommen Polacken nix mehr zurrick..." 
Ukrainer — die entrechteten Parias Polens 
Fanale des Hasses gegen Warschau 

Grodek-Jagiellonski, 18. September, 11 Uhr. 

Zuckender Feuerschein und das Grollen der Schlacht gaben uns 
in der Nacht Kunde von der Stätte eines erbitterten Kampfes 
unsrer Truppen gegen die polnischen Divisionen, die hartnäckig 
bemüht waren, sich eine Bresche nach Lemberg zu schlagen. 
Heute morgen fuhren wir dahin. Die Straße war bereits gesichert, 
die Gruppen Pemsel, Utz und Kreß durchkämmen oben bei 
Dobrostany, 10 Kilometer nördlich Grodek, den Wald bis hinauf 
nach Janow , von wo die Münchener Division auf Lemberg 
vorgeht. Die Panzerwagen, hörten wir heute morgen, sollen 
bereits im Norden Lembergs stehen. Es schließt sich — auch im 
Süden der Stadt — der Ring immer dichter. Mit Lemberg geht's 
dem Ende zu, der Korpsbefehl zielt auf völlige Einschließung ab. 

Den Spuren des überhasteten Rückzuges begegnen wir auf der 
Straße nach Grodek. Eine Feldküche hat der Granatschlag in den 
Straßengraben geschleudert, verlassene Omnibusse stehen am 
Straßenrand, polnische Mützen und Tornister liegen in Massen 
umher. Wir kommen durch die ukrainischen Dörfer, da geht das 
Leben seinen Gang, als ob nichts gewesen wäre. Es zieht 
ackernd der Bauer seine Furche über das weite Feld, um die 
Wintersaat zu bestellen, es weidet das schwarzweiß gescheckte 
Rindvieh auf den Wiesen und die Mägde winden den 
Wassereimer hoch aus den Brunnenschächten, Gänseherden 
kreischen. Erquickende Frische weht aus den morgenkühlen 
Laubwäldern uns entgegen — die Sonne spielt mit dem 
glitzernden Herbsttau. Wunderbar tut sich ein Land auf, dessen 
Fruchtbarkeit in so krassem Widerspruche steht zu der Armut 
seiner Menschen. 

Ein weidwund geschossener polnischer schwerer 
Panzerkampfwagen steht am Ortseingang nach Grodek, 



81 



Pakgeschosse haben den Geschützturm zerfetzt. Ein paar 
hundert Meter dahinter legt sich ein Wall aus Ziegelsteinen 
übermannshoch quer über die Straße. Glaubten die Fliehenden, 
sich so ihre Verfolger vom Leibe halten zu können? 

Der nachrückende Gefechtstroß füllt den Marktplatz von Grodek. 
Vom Rathaus weht die ukrainische Flagge, der Bürgermeister ist 
allerdings noch geblieben, er heißt Johann Lebküchler. Sehr 
polnisch klingt der Name ja nicht. Auch einer der zahllosen Fälle, 
da deutsches Blut vom Polentum aufgesogen wurde. 

Am Rathaus begegnen wir Volksdeutschen Bauern der Grodek 
nahegelegenen Kolonistendörfer Burgthal und Hartfeld. Sie 
versuchen zurückgelassene polnische Pferde zu erhalten als 
Ersatz für die eingezogenen eigenen. Sie wollen ihr Feld 
bestellen, das Tagwerk des Bauern duldet keinen Aufschub. 

Unsre Truppen fluten durch den Ort, sie müssen vorwärts, 
vorwärts. Doch es ist nötig, daß ein Kader der Sicherheit 
zurückbleibt. Der Pöbel lauert auf Gelegenheit zum Plündern. 
Dort im polnischen Militärmagazin geht's zu wie in einem 
tollgewordenen Bienenhaus. In dem mit dickem Staub und 
Naphthalinduft erfüllten Raum wühlt Kind und Greis, Weib und 
Mann in den Klamotten. Glückstrahlend kommen sie heraus — 
der hat ein Paar Schuhe ergattert, die alte Frau ein paar 
zerrissene Hemden. Aber es könnten ja auch ein paar Waffen 
mitgehen. Deutsche Posten fordern das Gewimmel auf, das 
Magazin zu räumen. Die hören in ihrem armseligen Glücksrausch 
das Kommando nicht. Schreckschuß in die Decke. Na, das macht 
ihnen ein bißchen Beine. Ein ukrainischer Knecht, er spricht 
gebrochen deutsch, er hat ja bei der k. u. k. Armee gedient, 
macht uns klar, indem er die Drillichhose und die vertretenen 
Stiefel an die Brust preßt wie ein Kleinod: „Hoffentlich — gommen 
Polacken nix merr zurrick — nemmen mir alles wiederrr weck. 
Das Stiffel ist fir Winterr — hab kein Stiffel sonst." 

Ein Ukrainer, der in einem deutschen Dorfe aufgewachsen war 
und als Kaiserschütze an der Südfront gedient hat, erklärt uns 
seine Lage und die seiner Volksgenossen mit haßerfüllten 
Worten. „Das Volk hat ja auf einen Umschwung gewartet. Die 
Drangsalierung durch die Polen war unerträglich. Ich selbst war 
Eisendreher in der Lemberger Waggonwerkstätte. Seit Mai bin ich 
mit Tausenden von anderen Ukrainern entlassen. Unsre Bauern 
müssen Steuern zahlen bis zum letzten Groschen, weit über ihr 



82 



Leistungsvermögen. Aber kein Ukrainer konnte im Staat etwas 
werden. Darum diese Verbitterung gegen Warsciiau. Unsre 
Intelligenz haben die Polen aus Angst gar nicht einberufen, nur 
die Bauernsöhne. Sie glaubten, daß diese nicht so viel wissen, 
um den Polen gefährlich zu werden. Und dann haben wir Ukrainer 
nie vergessen die ,Pazifikation' vom Jahre 1924, wie das 14. 
Ulanenregiment in Lemberg unsre Bauern geschlagen hat. ,Wir 
kommen wieder, die deutsche Besetzung ist bald vorüber', haben 
die Polen gesagt, als sie hier fortgezogen sind vor 24 Stunden..." 

Vorbei führt uns der Weg an dem Friedhof von Grodek. Es ruht 
neben Polen und Ukrainern hier so mancher Kaiserjäger in 
galizischer Erde. 

Unübersehbar ist der Zug der Gefangenen, die von Grodek nach 
Kaltwasser geführt werden über die staubige Straße. Mit 
schlürfendem Gang und gesenkten Köpfen ziehen sie dahin. 
Geschlagene Armee. 



83 



Schlußkampf um Lemberg 



Endlich sind unsre Panzer da! 

Polen brachen bei Reszna-Rußka auf Lemberg durch 
Schönthal brennt wieder / Ju 5« versorgen uns 

Vor Lemberg, 18. September, 19 Uhr. 

Heute morgen hat die deutsche Panzereinheit die Fühlung mit 
der Gefechtsgruppe Schörner aufgenommen. Es war dies eine 
überaus nötige Verstärkung, denn der Druck der Polen, die bei 
Holosko nach Lemberg immer wieder durchzubrechen versuchen, 
wurde sehr gefährlich. Einer polnischen Einheit gelang es heute, 
sich durchzuschlagen über Reszna-Rußka; wir sahen sie um 
etwa 15 Uhr zurückfluten, unsre Flak feuerte vom Waldrand her 
auf die Kolonne, die sich in schleuniger Flucht auflöste. Eben ist 
Reszna-Rußka gesäubert worden: Die feindliche Artillerie, die seit 
dem Morgen wieder heftiger zurückfeuert, hat Schönthal in Brand 
geschossen, das deutsche Schönthal. Armes, heimgesuchtes 
Siedlerdorf... 

Ein Lemberger Blättchen ist uns heute in die Hände gefallen. 
Der „Dziennik Polski" vom 17. September schreibt, daß die 16. 
Posener Division zum Entsätze Lembergs eingetroffen sei. Das 
einblättrige Gazettchen phantasiert weiterhin, daß die polnische 
Artillerie unsre Batterien zum Schweigen gebracht habe. Wenn 
man die hartnäckigen Fehlschlüsse dieses Tages bedenkt, kann 
man dazu nur schmunzeln. Krakauer akademische Jugend sei, 
schreibt das Blatt weiter, in Lemberg eingetroffen, um hier zu 
siegen oder zu sterben. Lebensmittel gäbe es in Lemberg genug. 

Unsre Versorgung klappt jedenfalls dank eines Geschwaders Ju 
52, das nachmittags den Lemberger Flugplatz im Tiefflug — 
Schutz gegen Flakbeschuß — anflog und auf einem schmalen, 
von uns markierten, noch erhaltenen Streifen des Rollfeldes 
landete. Zwei Maschinen, die in Sprengtrichter kamen, machten 
Bruch. Wir haben nun wieder Nahrungsmittel und Munition — für 
den Endkampf um Lemberg. 



84 



NC 



1> 



Sack den Kämpfen von Dobra- 
^sUuiy. Ober den Marktplatz 
von Grodek marschieren pol- 
\ Mische Kompanien in die Ge- 
fangenschaft ( Seite 81) 



Die schwer erwartete Verstär- 
kung für unsere Gebirgstrup- 
pen vor Lemberg (Lwow) 
rückl heran (Seite 85) 



■ M ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ 




Am IS.SepUmber sehen 
siegreich vormarscbU'^ 
rende Truppen der SOä' 
armee vor dem Ober- 
schreiten des Sun ihrem 
Obersten liejehUhaber 
ins Auge. Unvergeßlich 
wird jedem dieser Mätt' 
tur der Vorbeimarsch 
bletben 



Bereitstellung zum Endkampf 



„Achtung — Achtung! 
Hier spricht das deutsche IVlilitärkommando!" 

Totale Einschließung Lembergs ist vollzogen 
Erste Fühlung mit russischen Panzerkräften / Unser Feldfunk schaltet 

sich ein / um nutzloses Blutvergießen zu verhindern" 

„An die Bevölkerung Lembergs!" 

Vor Lemberg, 19. September, 20 Uhr. 

Bereitstellung zum Endkampf — das ist die Erklärung für das 
Kommen und Gehen der Ordonnanzoffiziere und Melder, für die 
Auffahrt zahlreicher Kraftwagen und den Anmarsch der Kolonnen. 
Die anderen Divisionen sind nun nahezu bis auf Lemberg 
aufgerückt; heute, morgens 10.30 Uhr, hat die Gruppe Schi, einer 
Nachbardivision Winniki, das ist die deutsche Siedlung 
Weinbergen am Ostausgang Lembergs, besetzt und mit 
russischen Panzerkräften Fühlung aufgenommen. Damit ist die 
totale Einschließung der Stadt vollzogen. Pioniersprengtrupps der 
Gruppe Schi, ließen bei Krasne die Ostbahnlinie hochgehen, auf 
der bisher noch immer Nachschub nach Lemberg rollen konnte. 

Drinnen in der Stadt wächst die Verwirrung von Stunde zu 
Stunde — die Gefangenenaussagen ergeben darüber ein 
ziemlich genaues Bild. General Januszszeitic setzt noch 
Hoffnungen auf seine Freiwilligenkompanien, die vor allem aus 
Studenten gebildet sind. Brigadegeneral Langner versucht mit 
den Resten zerschlagener Divisionen den Wall der Verteidigung 
zu verstärken... Fieberhaft baut man drinnen noch an 
Straßenbarrikaden — aber nervenlos, fassungslos duckt man sich 
unter unsren Bombern. 

Warschau hält sich noch, auch Lublin, es wird Entsatz kommen, 
redet sich die polnische Führung ein. Das Gerücht oder die 
Tendenzlüge, die Siegfriedlinie ist bei Saarbrücken von den 
Franzosen durchbrochen worden, soll den erlahmenden 
Widerstandsgeist hinter den Barrikaden aufrichten in letzter 
Stunde. 

Nun dreht unser Feldfunk auf und sendet in Klartext, deutsch 
und polnisch, hinüber ins andere Heerlager: 



85 



„Achtung! Achtung! 

Hier spricht das deutsche Militärkommando. Der Ring um 
Lemberg ist durch das deutsche und russische Heer 
geschlossen. Morgen, den 20. September, um 7 Uhr früh, 
wird auf derselben Welle eine Aufforderung an das polnische 
Militärkommando erfolgen, um nutzloses Blutvergießen und 
die Vernichtung der Stadt zu verhindern. Achtung! Achtung! 
Morgen früh alles an die Rundfunkgeräte!" 

Die Flugzettel sind eben eingetroffen, die morgen früh über 
Lemberg niederregnen sollen: 

„An die Bevölkerung Lembergs! 

Die polnische Regierung ist ins Ausland geflohen. Das 
polnische Heer ist vernichtend geschlagen... Die Russen 
haben als Verbündete Deutschlands die polnisch-russische 
Grenze überschritten. Lemberg ist vollständig 
eingeschlossen! Jeder Widerstand ist sinnlos!" 



86 



Polnische Südarmee in den letzten Zügen 

Unsre Parlamentäre fordern Lembergs Übergabe 

Flugzettelbombardement Über Lemberg / Waffenruhe in der Grodecka 
Um 12.30 Uhr kommt mit weißer Fahne Leutnant Bialy 

Vor Lemberg, 20. September, 16 Uhr. 

Um 8 Uhr morgens überfliegen unsre Aufklärer die Stadt, 
wütendes Abwehrfeuer empfängt sie. Aber sie werfen diesmal 
keine Bomben, die Lemberg wieder in Panik versetzen könnten. 
Doch eine Sprengladung ist das immerhin, was abgeworfen wird 
über der Stadt, die im Fieberwahn verkehrter Vorstellungen liegt. 
Die Lemberger Bevölkerung und der polnische Soldat ahnen wohl 
nicht, wie nahe das Ende ist. Im Norden der Stadt wurde gestern 
noch fieberhaft an Barrikaden gebaut, man träumte ja noch von 
den Russen, die ihnen helfen würden! 20.000 Flugzettel sind der 
geistige Ekrasit, der in diesem turbulenten Lemberg das Letzte 
locker macht. Die Sinnlosigkeit weiteren Widerstandes wird ihnen 
vor Augen geführt: 

„Bedenkt: Eure Lage ist hoffnungslos! Die Masse des 
polnischen Heeres ist vernichtet, auch eure Kräfte bei 
Jaworow und Janow! Das russische Heer hat die Ostgrenze 
Polens überschritten und reicht dem deutschen Heer die 
Hand. Warschau hat seine Kapitulation angeboten. Lemberg 
ist eingeschlossen. England und Frankreich haben euch im 
Stich gelassen... Legt die Waffen nieder!" 

Sie erfahren weiteres, daß die Beck-Regierung bereits im 
Auslande weilt, und erfahren unsre Übergabebedingungen. Bis 
zum 21. September, 10 Uhr vormittags, soll die Stadt übergeben 
werden. Besteht die Bereitschaft dazu nicht, dann hat die 
Zivilbevölkerung die Möglichkeit, bis dahin auf der östlichen 
Ausfallstraße die Stadt zu verlassen. Es würde der rücksichtslose 
Einsatz der schweren Waffen erfolgen... 

Dieselbe Aufforderung richtete seit 7 Uhr unser Feldfunk 
wiederholt an die polnischen Kommandostellen. 



87 



Die Parlamentäre des Armeekorps sind gegen 11 Ulir 
eingetroffen. Wir faliren mit ilinen bis zu den Gefeclitsvorposten 
entlang der Grodecka. Um 12 Uhr, wurde den Polen durch Funk 
bekanntgegeben, würden wir ihre Unterhändler erwarten, die 
Gefechtsvorposten eines bestimmten Abschnittes sind 
angewiesen, Waffenruhe in der Mittagszeit zu halten. Wir stehen 
um Punkt 12 Uhr an der angegebenen Stelle und schauen die 
Grodecka hinab über die Barrikaden in die Stadt, die schon 
schwere Schäden durch unser Artilleriefeuer erlitten hat. Wir 
warten eine Viertelstunde, es kommt niemand; wir warten bis 
gegen 12.30 Uhr, noch immer ist niemand zu sehen. Wir schicken 
uns an, zurückzugehen. 

„Jetzt kommt er!" ruft ein Posten uns nach. Ein polnischer 
Offizier mit weißer Flagge unterm Arm kommt an, grüßt stumm, 
auffallend bleich. Übergibt einen Brief des Militärbefehlshabers 
von Lemberg für den Kommandierenden General unsres Korps 
an Rittmeister B., nachdem er die Übernahme eines Schreibens 
des Kommandierenden Generals B.... bestätigte. Kurzer 
Grußaustausch mit dem polnischen Unterhändler, Leutnant Bialy, 
der übrigens gut Deutsch sprach — unser Auftrag ist erfüllt. 

Was enthält der Brief des Lemberger Befehlshabers? Der 
verbissenen Regungslosigkeit in der Miene des Unterhändlers 
nach zu schließen bedeutet er wohl: Fortführung des Kampfes. 
Der Plan für den Generalangriff auf Lemberg ist jedenfalls bis 
aufs letzte durchdacht. Es muß, es wird gelingen. Die 
Bereitstellung zum konzentrischen Sturm auf die Stadt wird im 
Laufe des Tages erfolgen. Wir alle brennen danach, nunmehr mit 
zureichenden Kräften den siegreichen Schlag gegen die acht 
Tage belagerte Stadt zu führen, den letzten Halt der nahezu 
aufgeriebenen polnischen Südarmee zu zertrümmern. 

Die Russen sind nun auch zur Gefechtsgruppe Schörner - v. 
Hengl gestoßen. Mit der 8. russischen Kavalleriebrigade wird die 
Verbindung aufgenommen, um die Lage zu klären. So wie in 
Winniki gerät auch hier ein mit der Verbindungsaufnahme 
Beauftragter unsrer Truppen vorübergehend mißverständlich in 
„russische Gefangenschaft". 

Wir wollen nun nach Winniki fahren, wo die Nachbardivision seit 
gestern durch eine vorläufige Demarkationslinie von den 
russischen Panzereinheiten abgegrenzt ist. 



88 



Wir lösen uns von Lemberg 



Generalangriff unterbleibt! Rückmarsch! 

Erste Begegnung mit den Russen 
General Jakublow bei Generalleutnant F. / „Aaah — schurnallski?" 

Ich bin erkannt 

Dawidow, südlich Lemberg, 20. September, 

Mitternacht. 

Nach der Ablehnung unsrer Übergabebedingungen von gestern 
mittag geht der Kampf weiter. Unsre Batterien, deren Grollen sich 
in die Nacht hineinzog, raubten dem Feind die letzte 
Widerstandskraft — dazwischen einmal einen Feuerüberfall, 
hundert Schuß im Laufe einer Minute. Die polnischen Stäbe 
haben nun wohl die Nerven verloren. Noch hatten sie einige 
Stunden Zeit, um zu schwanken zwischen dem Sterbenwollen auf 
den Trümmern der Stadt oder der Ergebung. 

Spätnachmittags kommen wir nach Winniki. Wir treffen gerade 
beim Divisionsgefechtsstand ein, als der russische General 
Jakublow mit einem Kommissar sich zum Generalleutnant F. 
begibt, um schwebende Fragen zu klären. Wir fahren zur 
vorläufigen Grenzlinie, gekennzeichnet durch die zweisprachige 
Tafel „Deutsche Demarkationslinie — Oberkommando der 
Wehrmacht", und treffen auf die ersten russischen Posten. 
Neugierde hinüber — Neugierde herüber, dann beginnen 
Zeichengespräche. Als sie den Notizblock erblicken und den 
eifrigen Bleistift, bin ich erkannt. „Aaah schurnallski" — so ähnlich 
hat's geklungen, ich nicke bejahend und die Posten lachen breit 
über die gelungene Entdeckung. 

Die Dämmerung fällt ein. Es heißt, wir marschieren zurück. Noch 
in dieser Nacht. Der geplante Generalangriff auf Lemberg 
unterbleibt. Die Russen werden in Lemberg einmarschieren. 
Rascher Aufbruch! 

Eben mundgerecht gebratene Hühnchen bleiben ungenossen 
zurück. Wie weh das tut! Nur die „Machorkowie", die in der 
Zigarettenfabrik zu Winniki hergestellte und erbeutete 
fürchterliche Nikotinnudel, nehmen wir als lungenbeizende 
Erinnerung an Winniki notgedrungen mit. 



89 



Wir lösen uns von Lemberg. Regen fällt. Kolonnen fahren nach 
Dawidow, wo wir spätnachts eintreffen. In einem Landgut suchen 
wir unser Nachtlager. Beim Kerzenschein entdecken wir uns, alte 
Bekannte, ausgerechnet im tiefen Galizien vor Lemberg, Kärntner 
Landsleute. , Jo, wia kimmst denn du daher, du Zottel? Ha?" 



90 



Ein deutsches Kolonistendorf fragt sicli 

„Sollen wir flüchten — sollen wir bleiben?" 

Im Hause des Pfarrers Jaki 
Festlicher Gänsebraten für unsre Gebirgsjäger / „Die Russen kommen!" 
Angst vor der Rache des polnischen Pöbels 

Dornfeld, 21. September, 22 Uhr. 

Der Korpsbefehl, den wir mit unserem Rücl<marscli befolgen, 
lautet: „Das Armeekorps setzt sich, noch in der Nacht vom 20. 
zum 21. September beginnend, nach Westen von Lemberg ab." 
Wir übersehen auch heute morgens noch nicht, was eigentlich los 
ist — bis wir schwarz auf weiß die Rundfunkmeldung von gestern 
nachts lesen: „... unsere in der Verfolgung des Gegners bis zur 
Linie Stryj — Lemberg — Brest — Bialystok vorgestoßenen Truppen 
werden nunmehr nach der Vernichtung der dort befindlichen 
letzten Reste der polnischen Armee wieder planmäßig auf die 
zwischen der deutschen und russischen Regierung endgültig 
festgelegte Demarkationslinie zurückgenommen." 

Wir reden gerade in der Veranda des polnischen Gutshofes, 
worin wir nächtigten, über das Bedeutsame dieser politischen 
Entscheidung, als sich unser Quartiergeber, der Gutsbesitzer, 
seine Frau und seine Schwägerin ins Gespräch drängen — sie 
sprechen übrigens ausgezeichnet Deutsch — und uns 
angstgequält fragen: „Warum bleiben denn die Deutschen nicht 
hier? Wissen Sie, wann die Russen kommen? Sollen wir nicht 
von hier fortziehen, wir haben ja noch ein Gut im früheren 
Korridor? Jetzt ist noch Zeit, daß wir die Koffer packen! Was wird 
mit uns geschehen? Schauen Sie, dort in dem großen Stall 
stehen 80 Rinder, aber wir lassen das alles gerne zurück, denn 
wir können uns denken, was uns hier bevorsteht. In wieviel 
Stunden können die Russen schlimmstenfalls hier sein? Raten 
Sie uns, helfen Sie uns...!" Augen, aus denen die Bangnis starrt, 
richten sich erwartungsvoll auf uns. Wir aber suchen in dieser 
heiklen Frage eben nach einer Lösung — da stürzt eine 
Ordonnanz zur Tür herein und ruft: 

„Die Russen kommen — !" 



91 



Damit war die Frage unsres Gutsbesitzers aucli sciion 
beantwortet — durcli das eben gemeldete Ereignis selbst... 

Wir treten hinaus auf die Anhöhe und sehen, wie die russische 
Reiterspitze im Galopp ins Dorf hineinreitet, Troßwagen und 
Feldküchen im Galopp hinterher — eine fast gespenstisch 
dahinbrausende Kavalkade, der Anblick nimmt uns fast den Atem. 
Bis in die Lippen erbleicht, steht der Gutsbesitzer neben uns, 
unbeweglich sieht er auf die vorbeihastenden Reiter. Soldaten 
und Dorfbewohner strömen am Straßenrand zusammen und 
bestaunen mit offenem Munde den Einmarsch der roten 
Schwadronen in Dawidow. Schon flammt der rote Wimpel des 
Spitzenreiters am anderen Ende des Dorfes wieder auf. Es ist 
uns, als wäre eben ein apokalyptischer Reiter an uns 
vorbeigeritten, der die lodernde Flamme der Zerstörung in seinem 
Wimpel mit sich führt. Es wird uns erschreckend gewiß: Mit 
diesem seltsamen Reiterhaufen ist eine fremde Welt hier 
eingebrochen, wir stehen der Dämonie der uferlosen Steppe 
Asiens gegenüber, Angesicht zu Angesicht. Stumme Blicke, die 
wir uns einander zuwerfen, besagen in diesen Augenblicken 
mehr, als wir mit Worten je ausdrücken könnten. Fluchend 
peitschen jetzt rote Kanoniere ihre Steppenpferde zu rasendem 
Lauf vorbei an dem Spalier der Zusehen Die Frauen aus dem 
Gutshofe gehen schleppenden Schrittes zum Wohngebäude 
zurück. Neben uns steht noch immer unser Quartiergeber, nun 
schickt er sich an zu gehen. Mühsam preßt er zum Abschied noch 
einen kurzen Gruß hervor. Es gibt für uns keinen Zweifel darüber, 
welchem Schicksal er entgegengeht. Die Russen haben unser 
Gros überholt, indem sie Lemberg mit ihrer flinken Kavallerie 
auch südlich umfassen. 

Russische Motorfahrzeuge hintennach. Sie kommen schwerer 
vom Fleck, da der nächtliche Regenguß die Wiesen zu Moor 
verwandelt hat. Auch wir marschieren wieder weiter, teilweise 
über die russischen Vormarschwege. Abwechselnd überholen 
russische Kolonnen und deutsche Fahrzeuge einander. Jetzt ein 
kurzer Halt, bald hinter Dawidow. Eine russische Schwadron, 
etwas außer Atem geraten, verschnauft. Die Reiter, zum Teil 
Kirgisen und Mongolen, schlafen, an den Hals ihrer flinkbeinigen 
kleinen Steppenpferde vornübergelehnt. Aus der Feldküche einer 
Kolonne dampft der Borscht. Wir tasten mit Seitenblicken die 
Fremdlinge ab und sie uns, wir grüßen einander und fragen 



92 




Lemberg-West: Waffenruhe 
umdieMUlagszeitdes20.Sep- 

tntihcr. Die deutschen Unter- 
händler fahren bis zu den 
Qefechtsvorposlen, wo , . . 



...wir angestrengt Ausschau 
halten nach dem polnischen 
Parlamentär (Seite ^) 




Um 12.30 Uhr bestätigt der polnische Parlamentär schriftlich den 

Erhalt des Briefes an den Befehlshaber von Lemberg (Seite 88) ^ 

1 



hinüber und herüber mit Gebärden, was die Abzeichen bedeuten. 
Ein deutscher Kraftwagen, in dem ein Bataillonsstander 
mitgeführt wird, bahnt sich eben seinen Weg. Die Russen grüßen 
respektvoll. Einer russischen Sanitäterin, mit Pistole ausgerüstet, 
gilt unsere Aufmerksamkeit. 

Querfeldein geht es weiter auf die Straße Lemberg — Stryj zu. 
Wir begegnen in Agathow einer Kolonne russischer 
Panzerkraftwagen, die schon in der Nacht vorgestoßen ist. Die 
Kamera wird gezückt — das gibt Erinnerungsbilder an diesen 
verdammt denkwürdigen Tag! Aber dem sowjetischen 
Panzerkommandeur paßt dies nicht. Obwohl seine 
Panzerschützen sich bereits rund um die Panzertürme in 
heldische Pose begeben haben und fotofreudig der Linse 
zublinzeln. Der rote Kommandeur eilt heftig gestikulierend auf uns 
zu und beschwört uns: „Nix fotografirr — nix-nix!" 

Jetzt sind wir auf der Straße und sehen noch einmal hinauf nach 
Lemberg, wohin russische Panzer und Reiter über die Felder und 
Hügel vordringen. Was westlich der Straße Lemberg — Stryj liegt, 
soll erst morgen von den Russen besetzt werden. Unsre Fahrt 
führt uns nach Süden, hinab zur deutschen Siedlung Dornfeld. 

Dornfeld — Deutschtum auf einsamem Posten. Musterbild einer 
„schwäbischen" Ostsiedlung, verrät schon durch seinen 
quadratischen Grundriß und den strengen Gleichlauf der 
Dorfstraßen die bedachtsame Planung. Mit warmer Herzlichkeit 
werden die steirischen, kärntnerischen und salzburgischen 
Gebirgsjäger hier empfangen. Es gibt sogleich in jedem 
Bauernhof ein festliches Essen für die Soldaten — Gänsebraten 
mit Gurkensalat und leckere Hühnchen gehören selbstredend 
dazu. 

Uns beherbergt das Haus des evangelischen Pfarrers Jaki 
gastlich. Deutsches Leid unter der Polenherrschaft, deutsche 
Standhaftigkeit und Gesinnungstreue trotz alledem, Hoffnung auf 
das neue Reich, das wieder seiner fernsten Söhne gedenkt — 
das alles bildet den Gegenstand unseres abendlichen 
Tischgespräches. 

Immer wieder steht Pfarrer Jaki auf, um die im Flure auf seinen 
Rat wartenden Pfarrkinder, Jugend und Großväter, zu beruhigen. 
Aufgeregte Gespräche werden da draußen geführt. 

„Unsre Jugend, unsre jungen Burschen wollen fort, sie sind 
kaum mehr zu halten — und die Alten klagen, was sollen wir 



93 



allein machen?" meint der Pfarrer, als er wieder zurückkommt. 
„Nein, wir müssen alle beisammen bleiben — auf Gedeih und 
Verderb. Wenn's sein soll, werden wir alle zusammen in unsre 
neue Heimat ziehen." 

Wir haben in Myslenice einen polnischen Pfaffen kennengelernt, 
der, als rundum die erschütterte Bevölkerung eines Zuspruches 
und Rates wohl bedurft hätte, nur von dem einen Gedanken 
geplagt war: Wie komme ich von hier fort? 

Und wir sehen hier einen protestantischen Geistlichen in einer 
Stunde der Prüfung bei seiner Gemeinde verbleiben als ihr fester 
Halt. 

„Was wird morgen sein — wenn ihr Soldaten fortzieht? Da 
werden wir uns gegen den polnischen Pöbel wehren müssen, der 
nur drauf lauert, an uns Rache zu nehmen. Und was werden wohl 
die Russen mit uns treiben?" 

Ja, was wird morgen sein? denken auch wir. 



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Kämpfergemeinde ostdeutscher Kolonisation 



Leb wohl, tapferes Dörnfeld... 

Ein Nebelmorgen voll stummen Schmerzes / Die Alten des Dorfes 
beratschlagen / „Der Führer wird uns nicht vergessen..." 

Dörnfeld, 22. September, 8 Uhr. 

Das ist eine nebelverhangene Herbstmorgenstunde voll 
Schmerz und stummer Trauer. Wir müssen einen Abschied 
nehmen, der uns ans Herz greift, weiß Gott, einen Abschied, 
worin sich alle Bitternis sammelt, die das Volksdeutsche 
Kämpfertum in aller Welt so herb und so hart gemacht hat. 

Wir ziehen wie befohlen fort, um der russischen Besetzung 
Raum zu geben. Wann die russischen Vorhuten nachkommen? 
Wir wissen es noch nicht. Dem Pfarrer Jaki bangt nur vor dem 
Interregnum des polnischen rachsüchtigen Pöbels, der nie 
Bedenken hatte, den roten Hahn deutschen Bauern aufs Dach zu 
setzen — wir haben es ja in Schönthal bei Lemberg erlebt. 

Noch einen Rundgang machen wir durchs Dorf. So fröhlich das 
Getriebe gestern mittag noch war — jetzt ist es still geworden in 
dem lieben Dornfeld. In Gruppen stehen die Alten des Dorfes 
beisammen. Junge Burschen schultern ihre Koffer und eilen zu 
den Kraftwagen, die sie hinter die deutsche Interessengrenze 
bringen sollen. Es gibt ein tränenreiches, klagendes Lebewohl. 
Eine bildschöne Maid klammert sich schluchzend an den Zaun 
des Vorgartens und ist nicht zu trösten. „Ich muß ja bei den Eltern 
bleiben." 

Wir kommen zu den Alten, die da beratschlagend stehen. Wir 
sehen Tränen über die gefurchten Bauernwangen laufen. „Macht 
euch keine Sorgen, Männer, der Führer wird euch nicht 
vergessen — er wird euch heimholen, euch alle zusammen!" 

Da atmen sie auf und sagen im bewegenden Tonfall eines 
Bauerngebetes: „Ja — das glauben wir auch — der Führer, der 
wird uns nicht vergessen — er wird — schon machen." 

Die Mägde in Pfarrers Küche, die gestern noch scherzend für 
unsre Soldaten die Gänse rupften, schlucksen unter Tränen. Die 
Regimentsmusik hat ihre auf dem Vormarsch verbeulten 
Instrumente zurechtgemacht — zum Abschied ein Ständchen 



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unsrem wackeren Pfarrer Jaki, Kämpfer in einer 
Kämpfergemeinde. Vielleiclit fiele es uns leicliter oline Musik. 
Docii es ist so befolilen. Das Regimentsmusikkorps ist 
angetreten. Die Pferde der bespannten Kolonnen scharren schon 
ungeduldig. Nur mehr wenige Dornfelder sehen wir auf unsrer 
Dorfstraße, denn es gibt zu viele Menschen, die keine Zeugen 
ihres Schmerzes vertragen. 

Schmetternde Marschweisen, alpenländische Märsche, rütteln 
den diesigen grauen Morgen wach. 

Die Kolonne fährt an. Stumm reichen wir uns die Hand. Ein 
wortloser Abschied, bei dem nur mehr die Augen reden. 

Leb wohl, tapferes Dornfeld. Dornenvoll war dein Schicksalsweg 
bislang, aber blumenbekränzt wird deine Heimkehr sein in unser 
großdeutsches Vaterland... 



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Lemberg hat sieh uns er- 
geben! 20000 Polen zie/ien 
in die Qefangenschajt. — 

Selinappsehiiß in [.ein- 
her t;-\V,-^l i Seile 07) 




.... die Kommandeure er- 
weisen einander ^Formen 
der HöfUchkät, Ein Vor- 
druck überbrückt Sprack- 
schwierigkeiien 



„Mit ewigem Rulim bedeckt..." 



Lemberg hat sieh uns ergeben 

General Januszszeitic stellte anhelm / 20.000 Gefangene, 300 MG., 
100 Geschütze / „In brausender Sturmfahrt Gallzien erobert" 

Grodek-Jagiellonski, 23. September, 22 Uhr. 

Der geplante konzentrische Sturm auf Lemberg ist unterblieben, 
nach der politischen Entscheidung erschien er gegenstandslos. 
Im Laufe des 21. September haben sich die Kampfgruppen der 
Gebirgsdivision vom Feinde gelöst, der sich, völlig abgekämpft, 
teilweise bereits am Morgen des 21. September der Kampfgruppe 
Schörner übergab: 50 Offiziere, 1.000 Mann wurden 
gefangengenommen, zahlreiches Kriegsgerät wurde 
wohlverdiente Beute. Kurz bevor die Russen in Lemberg-Ost 
einmarschiert waren, erklärte der Militärbefehlshaber von 
Lemberg, General Januszszeitic, in einer Offiziersversammlung, 
er stelle es den Offizieren anheim, sich weiterhin zu verteidigen, 
sich den Deutschen bzw. Russen zu ergeben oder in Zivilkleidung 
den Verlauf der Dinge abzuwarten. Den polnischen Mannschaften 
wird der letzte Sold gezahlt. 

Im Laufe des Tages wächst die Zahl der sich ergebenden Polen 
stetig an, es sind die Reste der polnischen Südarmee. An die 
20.000 Mann sind es insgesamt, 300 MG., 100 Geschütze 
werden unsre Beute. „Lemberg", meldet der Rundfunk, „ergab 
sich gestern den bereits im Abmarsch befindlichen deutschen 
Truppen. Übergabeverhandlungen sind im Einvernehmen mit den 
am Ostrand der Stadt stehenden sowjetrussischen Truppen im 
Gange." 

Lemberg hat sich ergeben! 

Erst in Schrecken versetzt durch den jähen Vorstoß der Truppen 
vom Edelweiß bis vor die Tore der Stadt, in achttägiger Schlacht 
sturmreif gemacht, entnervt durch den Einsatz der Bomber und 
der schweren Waffen, an etwa 65 Entsatz- und Ausfallsversuchen 
gehindert durch eine heldenmütige Abwehr. Die Bildung eines 
Widerstandszentrums für Bereiche unsrer Südarmee ist durch 
unsre Sperre bei der Seenenge von Grodek und bei Dobrostany 



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unmöglich gemacht worden. Die Toten von Holosko und 
Dobrostany sind nicht umsonst gefallen. 

Nach dem Gesetz der Kühnheit, wonach diese „Sturmfahrt auf 
Lemberg" — wie der Divisionskommandeur sie nennt — 
angetreten wurde, verlaufen alle Kampfhandlungen. An der Spitze 
der Kolonne, die, Furcht und Schrecken verbreitend, in den Feind 
hineinfuhr, findet sich oft der Divisionskommandeur selbst, feuert 
selbst in die auseinanderstiebenden Polen hinein, muß einmal 
von seinen Männern aus höchster Gefahr herausgehauen 
werden. Er reißt seine Division in rasendem Tempo mit, eine 
Fahrt gegen Tod und Teufel! Draufgängerei, die dem Feind als 
lähmendes Entsetzen ins Gebein fuhr, und das verbissene 
Aushalten auf einsamem Posten, das hat den Sieg 
herbeigezwungen. Reden wir gar nicht von Kriegsglück... 

„Mit ewigem Ruhm bedeckt, beendet die Gebirgsdivision den 
Feldzug in Galizien. In unwiderstehlichen Angriffen und 
brausender Sturmfahrt habt ihr Galizien erobert und eine Woche 
Vorsprung vor allen anderen gewonnen...", ruft im heutigen 
Tagesbefehl Generalmajor K. seinen Jägern zu. 

„Lemberg ergab sich den bereits im Abmarsch befindlichen 
deutschen Truppen..." Nur wer den Herzschlag der vielen harten 
Stunden vor Lemberg mitgefühlt hat, nur wer den guten 
Kameraden zurückläßt im Heldengrab bei Lemberg, ermißt die 
Größe der soldatischen Tat, die hinter dieser knappen 
Funkmeldung liegt. 



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Der Stab verläßt Grodek 

Rückmarsch der Sieger von Lemberg 

Marschgesang, der Glück, Gebet und Dank ist 
Volksdeutsche ziehen mit uns / Gleich wird die Rote Armee uns ablösen 

Grodek-Jagiellonski, 24. September, morgens. 

Beim Morgengrauen schon weckt uns der Gesang der 
Kolonnen, die über den IVIarktplatz von Grodek zielien. Gelit's 
iieimzu oder ruft eine neue Pflicht sie fort — irgendwohin? Nach 
dem Westen? Auf jeden Fall ist das Ziel, das seit Wochen alle 
seelischen und körperlichen Kräfte befeuerte, erreicht, und 
errungen ist der Sieg! Aus den vordersten Linien Lembergs sind 
diese Truppen eben abgezogen worden. Welches Herz, das die 
Not der Feuerlinie empfunden hat, den guten Kameraden, der 
gefallen ist, beklagt, welches Herz, das mitgeglüht hat in der 
Glutesse Ungewisser Stunden, da es vorn bei den 
vorgeschobenen Posten auf Biegen und Brechen stand, schlägt 
jetzt nicht wieder frei und hochgemut? Und die Kehle formt den 
Ausdruck dieses übervollen Herzens im Liede — das ist heute 
morgen eigentlich kein Lied, das man so singt, weil sich eben 
dabei leichter marschiert, nein, dieses Lied ist Frohlocken, ist 
Stolz, ist Triumph, ist Glück und ist Gebet und Dank. Füllig strömt 
die herbe Melodie des Marschliedes und sie läßt uns aufhorchen 
wie die ukrainischen Einwohner Grodeks; die Älteren haben zum 
letzten Male im großen Kriege deutsche Soldaten singen hören. 

„Himmel, hätt' ich doch meine Harmonika da!" Stoßseufzer eines 
Kameraden neben mir, der auch irgendwas sagen möchte, was 
sich in Worten schwer sagen läßt. Aber ein Klavier steht droben 
im ersten Stock dieses Hauses — hört ihr, da hat sich schon einer 
Yangemacht! Er improvisiert mit hinreißender Leichtigkeit Arien 
und Märsche, es fluten die Akkorde und füllen das Haus. Musik, 
welche Erlösung aus der Spannung der verflossenen Kampftage, 
das Erlebnis dreier Wochen, bis zum Rande mit aufwühlendem 
Geschehen erfüllt, schmilzt zusammen unter der Wärme der 
Melodien zu einem ergreifenden Erinnerungsbild. Wir überhören 
dabei, daß dieses Klavier nicht eben auf eitlen Wohlklang 
gestimmt ist, kleine Schönheitsfehler sieht der Krieger den ersten 



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Boten der Heimkehr großzügig nacli. Der Troß füllt den 
Marktplatz und die Ukrainer stehen in Gruppen beisammen. 
Festlich gekleidet die Frauen und Mädchen, farbenfroh geschürzt 
und bunten Flitter an den schwarzsamtenen Spenzern, die alten 
Bauern im langen Leinenkittel mit breitem Strohhut. Es strömt 
jetzt die Menge ab in die Kirche, aber kein Glockenschlag ruft 
zum Gottesdienst. Die Glocken schweigen. Hierhin gehen die 
Katholiken und dahin zu dem Kuppelbau die Griechisch-Unierten. 
Gepfercht voll sind die Kirchen, im fröstelnden umwölkten Morgen 
knien die Weiber vor dem Kirchtor. Wehmütig tönt der 
mehrstimmige Chor. Die Betenden wissen alle um die 
Bedeutsamkeit dieser Stunde. Sie flehen das Erbarmen herab auf 
ihr Schicksal und das ihrer Kinder. Das ist keine Andachtsstunde 
mehr, das ist wie eine Beschwörung eines aufziehenden 
Ungewitters: Die Rote Armee rückt immer näher. Erschütternd, 
welchen Wandel die Stadt Grodek von einem Tag zum anderen 
mitgemacht hat. Jäh ist die aufflammende Hoffnung eines bislang 
geknebelten Volkstums in sich zusammengesunken: Die Stunde 
der ukrainischen Erlösung, die sie schon gekommen glaubten, 
scheint nun entschwunden für immer, für immer... Keine Inbrunst 
des Gebetes während dieses Gottesdienstes, wohl der letzte für 
nicht abzusehende Zeit, vermag mehr den Lauf der Ereignisse 
aufzuhalten. Der Himmel, zu dem die Gebete aufsteigen, ist hoch 
und der Gott, der die Erde lenkt, bleibt stumm, weil seine Gesetze 
anders walten, als bangende Menschenherzen es wollen.... Die 
blau-gelbe ukrainische Fahne, die unter dem Schutze der 
deutschen Wehrmacht als Sinnbild der ukrainischen Befreiung 
gehißt worden war, ist eben vom Rathausturm wieder herabgeholt 
worden. Deutsche zivile Flüchtlinge stehen in Gruppen 
beisammen, das Lebensnötige in einem Laken gebündelt, und sie 
warten auf die Rückkehr des Lastwagens, der ohne Unterlaß die 
Flüchtlinge zurückbringt. Die deutsche Wehrmacht hat sich dieser 
Volksdeutschen Flüchtlinge angenommen, die aus Lemberg oder 
seinem Umkreis kommen. Gefangene Polen wandern den 
Marktplatz hinab — ohne ausreichende Bewachung, sie ist wohl 
auch nicht mehr nötig. Die sehen nicht aus, als ob sie noch 
einmal Lust hätten, gegen uns den Gewehrlauf zu heben. Und 
wieder welche Gruppen kommen aus der Richtung PrzemysI und 
streben Lemberg zu... Ein Kreuz und Quer der Schicksale auf 
dem Marktplatze, der in vier Weltkriegsjahren so viel an Hin- und 



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Herüberfluten von Menschen erlebt hat, daß er sich über nichts 
mehr wundern kann. 

Die Motoren unsrer Kolonne springen an, die Turmuhr zeigt 
10.15 Uhr. Der Stab der Gebirgsdivision verläßt Grodek. 

Die Erinnerung an die erste Begegnung mit ihr bei Winniki, an 
unser Zusammentreffen mit dem roten apokalyptischen Reiter in 
Dawidow bestürmt uns nochmals, in den Augenblicken unseres 
Abschiedes von Grodek. Und als lähmender Alb bedräuet uns 
noch lange während der Fahrt nach PrzemysI eine dumpfe, 
beklemmende Ahnung.... 



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Straße des Sieges 



— Straße der Niederlage 



Rasttag in PrzemysI 

„Hobt's koan Pivo??" — und man hat Pivo / „Auf in die Feuerstellung 
nach Berlin!" / Der Briefeines Daheimgebliebenen... 

PrzemysI, 24. September, 19 Uhr. 

Heut ist doch Sonntag? Wir sahen ja einen Kirchgang zu 
Grodek? Der 23., der 24. September? Wir haben IVlühe, einen 
Haltepunkt in Raum und Zeit zu finden. Die geistige IVIaschinerie 
kann das dramatische Geschehen, das auf uns einstürmt, kaum 
noch verarbeiten. Der Rasttag wird uns allen wohl ein bißchen 
stilles Überdenken gewähren, ehe es weitergeht. 

Wie wir das eigentlich geschafft haben? Der Feuerwerker bei mir 
im Wagen, der selbst bei der Verfolgungsgruppe Wintergerst- 
Schörner mitgetan hat, schüttelt auch den Kopf übers Wunder, 
das disziplinierter Geist vollbracht hat, befeuert von jener Kraft, 
die man nur Kühnheit nennen kann. Phantastisch das alles, wenn 
man es rückschauend überdenkt, vorn Jablunkapaß bis 
Lemberg... Und hier dabei gewesen zu sein, wo das Los jeder 
Stunde voraus schlechthin unberechenbar war, ans Ziel gelangt 
zu sein nach einer Kette unerhörter Geschehnisse, dieses 
Bewußtsein erleuchtet diese Männer von innen her und das 
Lächeln will gar nicht mehr aus ihren Mienen weichen. Der 
Oberfeuerwerker schlägt einen zerknitterten Brief auf, den er von 
einem Kameraden erhalten hat, der aus zwingenden Gründen 
daheim bleiben mußte. Eine einzige Klage und ein einziger 
Schmerz spricht daraus: „Warum konnte ich nicht bei euch sein 
— ist's denn noch möglich, daß ich euch einhole im 
Feindesland?" Allein der Krieg ist aus — hier zum mindesten. 

Die Chaussee nach PrzemysI hinab vollzieht sich in einer 
Ordnung, die staunen läßt, der Abmarsch der Sieger von 
Lemberg. Es ist eine Marschstraße des Sieges — heißumkämpft, 
als Lemberg sich noch nicht ergeben hatte und feindliche 
Divisionen auf dieser Straße nach Lemberg durchzubrechen 
versuchten, und jetzt erfüllt mit dem Gesang der Tapferen. Die 
breite Straße, die fast schnurgerade Lemberg mit PrzemysI 
verbindet, ist zugleich die Marschstraße der Niederlage für die 



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Polen, die Mitte ist freigelialten für unsren Troß, die beiden 
Ränder aber geiiören der gesciilagenen Feindarmee, in langen 
Reihen gehen mit gesenkten Köpfen die Gefangenen, 
abgerissen, barhäuptig, barfüßig — die schlechten Stiefel hängen 
ihnen um die Schultern. 

Erbeutete polnische Geschütze, an Lastkraftwagen gehängt, 
überholen wir. „Der Polski ist schon weich, wir wollen heim ins 
Reich", lesen wir in Kreideschrift auf einer Panzerschutzplatte. 
„Auf, in die Feuerstellung bei Berlin", heißt es ironisch auf einem 
anderen Beutegeschütz. Und der Fahrer eines Wagens hat den 
Namen seiner Liebsten Steffy auf sein Fahrzeug gemalt, dazu ein 
Riesenherz, pfeildurchbohrt, der Pfeil weist nach „Wien". 

PrzemysI kommt in Sicht, die. Demarkationslinie ist erreicht. An 
der gesprengten Sanbrücke machen wir halt. Unser 
Oberfeuerwerker weist zum anderen Ufer hin und meint zum 
Fahrer: „Jetzt'n samma in Deutschland, dös woaßt ja?" Und 
betrachtet hierauf sachkundig die Brücke, er findet sie vom Feind 
gut gesprengt. Von der Brückenmitte bietet sich uns ein Bild, das 
als polnisches Klein-Venedig anzusprechen ist. Da haben sich 
einige Przemysliden ein gutes Dutzend Holzboote gechartert, und 
mit langen Stangen besorgen sie als Gondolieri den 
Passagierverkehr über den San — 5 Groschen die Tour. Es ist 
reizvoll, sich an dem kalten Tag in ein südliches Idyll 
hineinzuträumen, das Bootsgewimmel da unten macht's einem 
leicht. 

Schweißer und Schneidebrenner sind bereits daran, den 
herabgesunkenen Brückenteil zu zerschneiden. So fesselnd es 
ist, diese Aufräumarbeit zu betrachten, man wird nicht satt davon. 
Da oben am Platze aber steht ein Restaurant, da gibt's Kognak, 
da gibt's Bier — das erste Bier nach Wochen! — und ein 
rechtschaffenes Menü. Der Sturmruf der letzten Wochen, mit dem 
unsre bayerischen Jäger in so manche von den Polen säuberlich 
ausgesoffene „Piwarna" eindrangen, der heisere Sturmruf „Hobt's 
koan Pivo?" hat endlich ein bejahendes Echo gefunden. 

Der Bierhahn rinnt, der Zloty rasselt, der Pivo gluckst in hundert 
dürre Kehlen. 



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Befreit aus der Qual der Gefangenschaft 

Zwölf Vermißte kamen wieder... 

Dem jüdischen Pöbel preisgegeben / „Katholik oder Protestant?" 
Der Wink mit dem Galgen / Gefangenen-Parade in Lemberg 
Flintenweib mit rotem Kreuz / Die Russen marschieren ein 

PrzemysI, 26. September, 22 Uhr. 

„Unsre Gefangenen aus Lemberg sind freigelassen worden! 
Unten sind sie bei der Feldküclie, sie futtern erst einmal tüchtig! 
— Sie schlafen im Divisionsgefechtsstand in der Schule...!" So 
ruft einer zur Türe herein. Wir tasten uns durch die stockdunkle 
Nacht hinunter zur Feldküche am Sanufer und erwischen sie, 
unsre rauhbärtigen Kameraden, beim Tee-Empfang. Zwölf Mann 
hoch, bislang Vermißte — vor Stunden erst freigelassen in 
Lemberg. Eine Gruppe von 85 Mann ist freigekommen, nachdem 
deren Schicksal bis in die letzten Stunden zwischen Leben und 
Tod stand... Zwölf davon gehören zur Gebirgsdivision. 

In ihren Gesichtern lesen wir noch die Qual der überstandenen 
Zeit, noch zuckt Hunger, Schlaf und Erregung, aus Freude und 
Leid gemischt, in ihren Mienen. „Eßt erst, soviel ihr nur in euch 
'reinkriegt, und trinkt — Wasser war knapp in Lemberg, das 
wissen wir — und dann, gelt, dann erzählt uns, wie's euch 
ergangen ist...?" 

„Kahlgeschoren seid ihr alle, nanu? Billiger geben's die 
Polacken wohl nicht? Na, aber sonst seid ihr noch alle so 
halbwegs beisammen?" „Teils — teils. Die Schramme da", der 
Industriearbeiter aus Herne in Westfalen, der Pionier K., deutet 
mit dem Zeigefinger auf seinen Kopf, „hätte auch eine Spur tiefer 
sitzen können und ich wäre nicht wiedergekommen." Zehn 
Zentimeter lang furcht eine kaum verheilte Wunde den Schädel. 
„Das kam so: Ich will dir da gleich erzählen, wie ich 
gefangengenommen worden bin. Wir stehen vor Lemberg im 
Westen, du kennst die Stelle ja, dort in der Nähe, wo der einzelne 
zerschossene Straßenbahnwagen steht. Ein wenig weiter unten 
bei der Bahnunterführung, da war's. Ein polnisches Geschütz 
feuerte immer auf uns die Straße entlang, das mußten wir 
ausheben. Leutnant L., noch zwei Männer und ich gingen vor, in 



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den zweiten Stock von einem Gebäude 'rauf und salien 'runter 
zum Fenster: Alles Polen im Hof! Ganz voll Polen! Und das 
gesuchte Geschütz stand unten. Geballte Ladung Handgranaten 
'runtergeworfen — das Geschütz war erledigt. Ha, Mensch, da 
unten ging alles in Deckung, die sind nur so gespritzt! 

Aber jetzt ging's uns an den Kragen! Da kamen sie schon 
heraufgelaufen über die Stiege — ich sage den anderen, 
versteckt euch unter den Betten — ich lehne mich hinter einen 
Kasten so hin — da kommt der erste Pole. Wird umgelegt. Da 
kommt der zweite, ich schieße ihn auch nieder — und auch der 
dritte wird umgelegt. Vom vierten werde ich getroffen. Da — im 
Ellbogen steckt noch der Schuß, ein zweiter Schuß ist glatt durch 
die Hand gegangen. Bin nur so notdürftig von den Polen 
verbunden worden..." 

Jetzt bemerke ich erst seine etwas ungelenke verwundete 
Rechte. 

„Mußte mich dann ergeben." 

„Und die Schramme?" — „Ja, dann haben sie mich abgeführt — 
durch die Stadt. Da geht alles durcheinander, die große Straße 
(Grodecka) ist durchzogen von Erdbefestigungen, Zementröhren 
stehen quer über die Straße, eine Menge Zivilisten ist dabei, neue 
Barrikaden zu errichten. Wir, meine Bewachung und ich, nähern 
uns einer Zivilistengruppe, die mit Schaufeln und Brechstangen 
die Erde aufwühlt. Meine Wache, das muß ich sagen, hat mir 
nichts getan, aber die Zivilisten — die Juden in dieser Straße, die 
trauten sich, auf mich loszugehen. Wie sie das Hoheitsabzeichen 
sehen, schrien sie: ,Ein deutscher Flieger!' Sie schäumen vor 
Wut, spucken mich an, schlagen mich ins Gesicht. Und ich kann 
mich nicht wehren und mir brennt der Arm, der Ärmel ist 
vollgesoffen von Blut. Aber das genügte denen nicht und machte 
sie nicht zufrieden..." 

„Warum bist du nicht schon längst im Lazarett? Kriegst den 
Brand, dann ist der Arm steif oder gar weg — Mensch!" 

Aber der tapfere Kerl ist die Gleichmut selbst, die ein Leid ohne 
Klage trägt. Ein echter vierschrötiger Westfale mit breitem 
Gesicht, wuchtigem Schädel und athletischem Körperbau, dem 
macht das nicht zuviel Sorge. 

Im ruhigsten Tonfall erzählt er weiter: 

„,Sie deutscher Schweinehund', sagt da ein Zivilist zu mir und 
rennt mir die Brechstange in die Rippen. Ich denke mir, jetzt ist es 



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aus. Der Posten, der mich begleitet, ist maclitlos gegen diese 
Menge, sie fluclien und sciiimpfen liinter mir lier. 

Ein älterer Mann in Zivil läuft auf mich zu und haut mir von der 
Seite mit etwas — ich glaube, es war ein Gewehrkolben — über 
den Kopf. Das ist die Schramme. Ich wußte nichts mehr von mir... 

Nachdem sie das Blut spritzen gesehen haben, haben sie mich 
wohl liegen lassen... 

Als ich wieder zu mir gekommen war, haben sie mich aufs 
Kommando geschleppt. Verhör. Ich erklärte, ich sei nachts ins 
Gefecht ganz vorn eingesetzt worden, habe nicht mehr gesehen 
und gehört als die Polen selbst. Das leuchtete ihnen offenbar ein, 
sie ließen mich aus. Nur das sagte ich, daß unsre Truppen 
Lemberg dicht umschließen — und ich sehe, wie sie kreidebleich 
werden. 

Alles haben sie mir abgenommen. Füllfeder, Streichhölzer, 
Taschenmesser, Taschentuch, Geld, Uhr — alles, alles. Das war 
im Militärgefängnis. Und zu fressen gab's einen scheußlichen Brei 

— das war so was wie gekochter Hafer oder Gerste — wir haben 
das doch gegessen, weil wir furchtbaren Hunger hatten. Im 
unteren Stock waren dicke Mauern, also bombensicher. Aber sie 
haben uns gleich nach oben unter das Dach gebracht, damit die 
Fliegerbomben uns zuallererst treffen. Später kamen wir in die 
Reithalle, da schliefen wir auf purem Pferdemist. Und Trinkwasser 
gab's keines. 

Eins fiel mir auf. Beim Verhör war eine der ersten Fragen: 
,Welche Religion?' Wer , römisch-katholisch' sagte, wurde 
bevorzugt behandelt. Wer , Protestant' sagte, war erledigt." 

„Ich bin", fällt ein blonder Schwabe ein, „gefragt worden: ,Sind 
Sie Jude?' Als ich dies verneinte, meinte der Pole: ,lch bin Jude 

— aber ich schieße nix auf Daitsche.' Der roch wohl den Braten 
und wollte sich jedenfalls gutes Wetter sichern. 

,Sind Sie vom Hitler-Jugend-Verein? Ist in Deutschland alles 
nationalsozialistisch?' Das waren weitere Fragen der Inquisitoren 
zu Lemberg in den letzten Stunden ihrer Amtstätigkeit." 

„, Deutschland muß zugrunde gehen'", so erzählt uns ein anderer 
der zurückgekehrten Kameraden, „sagte oben auf der Zitadelle 
ein polnischer Korporal den Gefangenen. Er wies sie hin auf den 
galgenähnlichen Aufbau, woran der Gasalarmgong hing, und 
meinte: ,Da droben werden sie einmal hängen, eure Führer!' Er 
sprach gut Deutsch, der Korporal, und lügt, vielmehr betet gläubig 



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nach, was die polnischen Offiziere ihm vorbeten — Gestammel 
der Verzweiflung. 

Die frommen Glaubenssätze, die den letzten aufflackernden 
Widerstand der Verteidiger Lembergs noch schürten, lauteten: 
Hitler ist erschossen! Göring ist erschossen! 800 Bombenflieger 
haben Berlin in Schutt gelegt, Krupp ist kaputt, Westwall für die 
Katz, Franzosen tief in Deutschland!" 

„... dabei durfte ich nicht lachen und nicht widersprechen", 
meinte der Kamerad aus Augsburg vom x-ten IR., in Zivil 
Assessor. Er war einer der ersten Gefangenen, die vor Lemberg 
von den Polen zurückgebracht wurden. Er wurde als Rarität 
bestaunt und dementsprechend vorsichtig behandelt. Es gab für 
ihn sogar Zigaretten. 

Von einem Lager zum anderen werden sie geführt. Rastlos. Ja, 
die Mitbürger in Lemberg sollen doch ein bißchen triumphieren 
können im Anblick der Gefangenen, die müssen dem Wahne, daß 
der Kampf noch Erfolg haben könne, auf die Beine helfen. Also 
Werbezüge mit Gefangenen, da den in Lemberg umgehenden 
Zwecklügen die ohnehin kurzen Beine von der deutschen 
Artillerie immer kürzer geschossen werden! Da hat jetzt die 
sogenannte „Rotkreuzschwester" in Lemberg Gelegenheit, ihren 
schwesterlichen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Zigarette im 
Mundwinkel, fuchtelt sie mit einem Seitengewehr in der Luft. 
Flintenweib, das seine Niederträchtigkeit unter dem Genfer 
Signum verbirgt. Ihre Mimik soll die Gefangenen in Todesangst 
versetzen, ihre Grimasse und Geste redet von Halsabschneiden 
und Erstechen. 

„Und wie seid ihr frei gekommen? Wenn ihr nicht zu müde seid, 
erzählt mir doch noch, wer weiß, ob wir uns morgen wiedersehen. 
Das Ganze sieht nach raschem Aufbruch aus — es geht heimzu 
oder zum Westwall. Das ist das Leben, was? Die Kerze liegt auch 
schon in den letzten Zügen. Also — kurz!" 

„Als am 22. September, abends, die polnischen Soldaten die 
Kisten der Offiziere zunagelten, da wußten wir, wieviel es 
geschlagen hat. Das Militär war nicht mehr zu halten, die 
Speckseiten wurden in aller Hast verstaut. Ein Major hält noch 
durch den Dolmetscher eine Ansprache an uns, er spricht was 
von Übergabe. Wir sollten einstweilen noch hier bleiben. 

Das erste ist: Wir bewaffnen uns, nachdem die Wachen weg 
sind. Denn der Pöbel fällt schon her über die Magazine, plündert 



107 



und schleppt allen Kram fort. Einen Hunger müssen die gehabt 
haben! — Einen grünen Hering hat einer aufgefressen aus dem 
Dreck heraus, wo der Hering lag. 

Ukrainer bilden eine Zivilgarde, der jüdische Mob kommt für 
kurze Zeit obenauf. Das waren Renommiersoldaten, sag' ich dir! 
Hoch zu Roß kamen die Juden angeritten mit der roten Binde am 
Arm, wie ein Sack Hafer hingen sie oben am Pferderücken, mit 
dem Gewehr fuchtelten sie wild herum! Beim Plündern waren sie 
voran! Wurden sie vertrieben, wie die Fliegen kamen sie immer 
wieder. 

Die Russen marschierten ein, die Herrschaft des plündernden 
Mobs wurde abgelöst durch das brutale Regime der roten 
Stadtbesatzung. Da ist nicht viel gefackelt worden, wer sich nicht 
fügte, wurde auf der Stelle niedergeknallt. 

Die russischen Offiziere, die uns besuchten, hatten es offenbar 
daraufhin angelegt, guten Eindruck zu schinden, denn sie 
entlohnten uns mit 6 Rubel pro Tag für die Arbeit, die wir 
leisteten, und mit 100 Zigaretten für jeden Mann. „Da versuch 
einmal eine, Kamerad. Es gab nicht gar viel zu rauchen vor 
Lemberg, nicht wahr?" 

„Sagen wir, es ist die Friedenszigarette — dank dir schön — und 
nun gesunden Schlaf, gut' Nacht, Kameraden!" 



Zwölf Männer schliefen nach langer Zeit wieder den gesegneten 
Schlaf der heimgekehrten Tapferen, der unsagbar seliger sein soll 
als der Schlaf der Gerechten. 



108 



Bei der Sicherungstruppe am Ufer des San 

Das ist die Fröhlichl^eit der Tapferen! 

In der Zeclierrunde einer Panzerabwehrkompanie 
Es pumpt der Bierologe und Hektoliterat 
Heinrich v. Kleist und sein Teufelskerl mitten unter uns 

Zurawica, 10. Oktober. 

Der Westwind fegt durch die Oktobernacht, feinen Regen 
peitscht er vor sich her. Nur im Süden hellt sich die 
schwerverhangene Nacht auf — der Lichtschein Przemysls 
schimmert durch das Gewölk. Acht Kilometer davor Zurawica, 
Standort eines Regiments. Sicherungstruppe am San. Hier in der 
ehemaligen Kaserne eines polnischen Panzerbataillons haben 
unsre tapferen Jäger für einige Zeit Unterkunft gefunden. Sie 
scheinen sich ja recht wohl zu fühlen, der erste Eindruck klingt 
danach. Gesang dringt herab von den erleuchteten Fenstern, im 
Flur schwillt der fröhliche Lärm so an, daß man sofort im Bilde ist: 
Kameradschaftsabend. Stimmung: Klavier mit Pauke. Der 
Kompaniechef feiert heute mit seinem Feldwebelkorps. Da gibt's 
kein Zeremoniell, da führt eine ungezwungene Leichtigkeit das 
Zepter einer Unterhaltung, die auch den eintretenden Fremdling 
gleich mit sich fortreißt. Ja, Kameraden, ihr habt allen Grund zu 
feiern, ihr dürft mit gutem Gewissen die Annehmlichkeiten einer 
geheizten Stube, der Musik und eines köstlichen Trunkes 
genießen. Wir wissen, was hinter euch liegt und wieviel Anspruch 
ihr habt auf ein paar ruhige erholsame Tage... 

In wenigen Minuten ist uns der Frost der eisigen Nacht aus den 
Gliedern gewichen, und mit oftmaligem Prost rundum feiert man 
seinen Einstand in die heitere Runde. Ein wahrer Kongreß 
großdeutscher Stämme ist hier zusammengetreten: Ein 
Hauptfeldwebel, Lehrer aus Wien, entzaubert dem Klavier 
Sirenenklänge, ein Salzburger bedient aus innerer Berufung das 
munter zischende Bierfaß. Ein Niedersachse trinkt dem Schlesier 
zu, der Steirer hänselt den Tiroler, drei Kärntner Landsleute 
repräsentieren den Süden des Reiches mit ihrem weichen 
Zungenschlag, und der Waffenmeister F. zieht die amüsanten 
Register der schwäbischen Sprachorgel. Der Kompaniechef, der 



109 



wie seine Männer im Trainingsanzug in der Runde sitzt, aber 
stammt aus Graudenz, aus dem befreiten Korridor. Und das alles 
hat sich zusammengefunden bei einer Panzerabwehrkompanie 
der Gebirgstruppen. Die Panzerabwehr war immer vorn an der 
Spitze, sie steht auch jetzt an der Spitze, wenn es gilt, mit den 
scharfen Geschossen des soldatischen Witzes die Panzerplatte 
zurückhaltender Herzen zu zertrümmern. Die unsre ist im 
Augenblick kaputt geschossen, wir ergeben uns bedingungslos 
unter dem Eindruck dieses humoristischen Kreuzfeuers, das uns 
da um die Ohren funkt. Ja, das ist derselbe Humor, der auch 
dann lebte, wenn die Sache einmal ganz kritisch stand in den 
Wochen des Kampfes. Es ist keine flache Witzelei, die kränken 
könnte, nein, hier ist der gute deutsche Humor obenauf, der seine 
Antriebe empfängt aus der Welt und Unglück besiegenden Kraft 
des deutschen Gemütes, das immer ja und trotzdem sagt, wenn 
die Wirklichkeit nein sagen möchte. Was hier zur Heiterkeit 
drängt, was explosivisch an Freude hervorbricht, ist das nicht 
auch das Gefühl der vollbrachten Pflicht, das in den Männern 
dieser Runde von innen her leuchtet, ihre Augen funkeln und 
ihren Mund so redselig macht? 

Drei davon haben vor einigen Tagen das EK. erhalten, voll Stolz 
erzählt uns davon der Kompaniechef Hauptmann M. 

„... ein Mordsheerhaufen", flüstert er uns zu, „diese Burschen. 
Den Brüdern sieht man's gar nicht an, was sie mitgemacht 
haben... Unsre Gebirgler sind marschiert treu und brav — achtzig 
Kilometer, wenn's sein mußte, mit nur zwei Stunden Rastpause. 
Verdreckt und verstaubt kamen wir ins feindliche Feuer, Zivilisten 
haben auf uns geschossen, Pfaffen haben auf uns geschossen. 
Sehen Sie den da", unauffällig deutet der Hauptmann auf einen 
Feldwebel mit scharf vorspringender Nase, die freilich allerhand 
Draufgängertum vermuten läßt, „sehen Sie, den habe ich 
eingegeben für die Offizierslaufbahn. Das Eiserne Kreuz hat er 
schon. Seine Männer hängen an ihm, das ist eine wahre Pracht. 
Er ist der Sohn eines österreichischen Offiziers. So Fälle hab' ich 
mehr. Da ist ein Jäger gewesen — er liegt jetzt im Spital, ein 
harmloses Bürschchen, dem niemand was zugetraut hätte, der 
Höller, ein Ostmärker, steht allein an der Panzerabwehrkanone, 
vom Feind nahezu umringt, hat bereits zwei Schüsse im Arm und 
bedient allein das Geschütz weiter. Die anderen waren gefallen. 
Hab' ihn sofort zum Unteroffizier vorgeschlagen, er ist bereits 



110 



befördert worden, und zum EK. eingereicht. Als er, das muß icli 
nocii sagen, keine Munition melir liatte, da liat er mit erbeuteten 
polnisciien Handgranaten um sicli geworfen..." 

Die Unsciieinbaren, die Harmlosen, denen niemand was 
zutraute, die haben sich geschlagen wie die Helden. So sind denn 
zahlreiche von der Pak auf dem Felde der Ehre draußen 
geblieben. „Ich habe", fügt der Kompaniechef leise hinzu, „keine 
vier Züge mehr, ich habe nur noch drei. Sieben Fahrzeuge habe 
ich draußen lassen müssen. Und die anderen haben zahlreiche 
Narben davongetragen. Acht Tote zähle ich und acht 
Verwundete." 

Einen Augenblick verhält die Freude ihren Atem. Stille ein paar 
Herzschläge lang. Es ist, als ob noch welche um uns wären, die 
unser Auge nicht sieht, aber unser Herz als anwesend empfindet. 
Es mag wohl jeder im geheimen jetzt den rätselhaften Stromkreis 
durch sich fluten fühlen, der Leben und Tod aneinanderschließt. 
Der starke mannhafte Tod ist ja nicht das Dunkel, das wie ein 
Schauder alle Heiterkeit verschlingt, sondern er wirkt als die 
strahlende Kraft in unser Leben herein, die wir wohl in jenem 
Liede meinen, in dem es heißt: „... marschiern im Geist in unsern 
Reihen mit." 

Aber dem Tiefsinn gehört die Stunde nicht. Es springt wieder 
das Lachen von Mund zu Mund und das Scherzwort fliegt als 
Fangball über die Zechertafel. Es pumpt ein Bierologe und 
Hektoliterat mit Eifer aus dem Faß den lang entbehrten Trank und 
in den Gläserklang mengt sich der gutmütige Spott. Die Kärntner 
machen den Lienzern klar, daß Osttirol ja doch zu Kärnten gehöre 
aus drei Dutzend Gründen, die Lienzer bäumen sich auf in 
tirolischem Stolz und fordern Autonomie. Die Debatte endet mit 
dem Vorwurf an den einen: „In dem Dorf, wo du geborn bischt, 
müssen gar die Zigeuner im Galopp durchfahren, sonst werdn so 
von dr Bevölkerung angfalln, hascht mi verstandn?" Worauf er, 
sich als Sieger der Redeschlacht fühlend, mit Gepaffe seine 
Pfeife anraucht. „Wenn dein Wanzenhammer", zischt der Partner 
des Duells aus dem Hintergrund auf den .Sieger' zu, „wieder 
qualmt, dann bleibt kein Auge trocken..." 

„Wenn die sich so gegenseitig anpflaumen, da lach' ich mir 
immer einen Ast in den Bauch", flüstert mir der Kompaniechef zu, 
der in väterlicher Milde jeden Spaß seiner ulkigen Zecherfamilie 
mitmacht. Zwei Flaschen Wein kramt noch einer hervor. 



III 



langgehütete Schätze. Der feine Muskat sprudelt nun in den 
gläsernen Tafelaufsatz, so was wie eine Obstschale unsrer 
„Mietwohnung" in der polnischen Panzerkaserne, die nun einen 
würdevollen Gemeinschaftspokal abgibt. Zweimal kreist er in der 
Runde, und die Gemüter sind reif geworden, die tolle Geschichte 
nachzuerleben, die der alte Heinrich v. Kleist erzählt von einem 
preußischen Reiter Anno 1806. „Verfluchter Galgenstrick" heißt 
dieses Traktätchen von alter deutscher Reiterkühnheit — die 
„Soldatenzeitung", Krakauer Ausgabe, hat es heute abgedruckt. 
Her damit! Es flackert unruhig der sterbende Kerzenstummel, der 
ein Dutzend Soldatengesichter phantastisch erhellt mit rotem 
Schein. Einer liest aus dem zerknitterten Blatt. Alle lauschen, es 
wird so still in den Atempausen des Lesenden, daß wir den feinen 
Regen ans Fenster rieseln hören. „Ei was", erzählt v. Kleist von 
jenem preußischen Reiter, der als einzelner im umzingelten Dorf 
zurückgeblieben war und gemütsruhig sich drei Danziger 
Schnäpse hinter die Binde goß und sich noch eine Pfeife 
anrauchte, „ei was, spricht er, indem er ausspuckt — und faßt die 
drei Kerle blitzend ins Auge. Wenn ihrer zehn wären, ich furcht' 
mich nicht... Bassa Manelka, ruft der Kerl und gibt seinem Pferde 
die Sporen und sprengt auf sie ein, als ob er das ganze 
Hohenlohesche Korps hinter sich hätte... haut meiner Seel', ehe 
man noch eine Hand umkehrt, alle drei vom Sattel..." 

Die Geschichte vom preußischen Reiter lasen wir just zur 
rechten Zeit. Wann hätten wir uns bildhafter den Ablauf jenes 
Reiterstückes vorstellen können als jetzt, da eben noch die 
polnische Kavallerie ihre Attacken gegen uns ritt aus 
undurchdringlichen Wäldern und tückischen Dörfern? Drei gegen 
einen — so war's zumindest doch auch bei uns. Drei flogen aus 
dem Sattel und einer sprengte durch den Ring des Feindes. 
„Bassa Manelka!" — hieß es damals und „Hurra!" hieß es in 
diesen Wochen. Es hat sich übrigens in den 133 Jahren 
verdammt wenig geändert. Ein unbekannter Reiter hieb damals 
drei aus dem Sattel, und der Schankwirt damals nannte ihn einen 
Teufelskerl hin und wider. Und ein Teufelskerl kann der Jäger 
Höller heißen, der heute nicht in unsrer Runde ist, weil er seine 
Wunden ausheilt. Neben seiner Panzerabwehrkanone rechts und 
links fielen bei Ulusz seine Kameraden Friedrich und Ziegler. Er 
aber feuerte weiter, obwohl ihm das Blut infolge zweier 
Durchschüsse aus dem Ärmel troff. Teufelskerl und — um mit 



112 



Begegnung auf unserer 
Fahrt muh dem Westen ; 
Erbeutete polnische Ge- 
schütze machen ,^lel- 
lungswechsel nach 
Drill ■^(/ilinul" - aber 
etwas anders, als die 
Warschauer Strategie 
sieVs träumen Heß 





Weihnacht im Bunker, At 
dem Vorfeld des WestwaOa 
bringen Vorposten das Bäum 
chen mit, das . . . 



. . . mit seinem Glanz 
Bunker ,^um alten K* 
chen" uns warm umfi 
(SeiU 119-m) 





Kleist zu sprechen — verfluchter Galgenstrick noch dieser und 
der, der jetzt pokuliert und aufhorcht, als höre er die Geschichte 
eines seiner Kameraden, der nicht wiederkam oder der 
ungenannt bleibt, so wie jener Reiter des Hohenloheschen Korps 
Anno 1806. 

„Macht Schluß, Kameraden! Das Licht geht zu Ende — es ist 
spät nach Mitternacht!" 

Noch einen kräftigen Schluck vom goldenen Muskat aus dem 
„Pokal" — einen Schluck auf den verwegenen unsterblichen 
deutschen Reiter, der drei aus dem Sattel haut — damals und 
heute...! 



113 



Fahrt nach dem Westen 



Tagebuchnotizen vom 2. bis n. November 1939 

Die Krakauer Zeit geint dem Ende zu. Man iiört, wir würden 
veriegt werden. Die Woclien waren docli baid lierum, die Ruine tat 
wolni, Kral<au ist eine Stadt, in der es sicln besinnlicln leben läßt. 
Stadt mit „Atmosphäre", in der man sich bald zu Hause fühlt. Was 
an Krakau gefällt, ist deutsches Kulturgut schlechthin — daran ist 
nicht zu rütteln. Das Scharmante, Liebenswürdige hat Krakau sich 
noch aus dem alten Österreich gerettet. Ein Schuß Wien ist 
überall noch dabei — Cafe „Fenix" ein klassisches Beispiel. 
Zeitlose Fensterguckerei und mokkaphilosophische Bedächtigkeit 
gedeihen hier — immer seltener werdende exotische 
Wunderblüten in diesen atemlosen Zeitläufen... 



Wie herrlich war's oben in der Tatra, in der wilden und 
wildreichen Jaworzina. Die Begegnung mit dem blonden und 
blauäugigen Bergvolk der Goralen, ein merkwürdiger 
Volksstamm. Uralte bäuerliche Symbolik, ähnlich der 
alpenländischen, verwendet Hakenkreuzmotive. Über dem 
Eingang des Goralenmuseums in Zakopane ein in Stein 
gemeißeltes Hakenkreuz mit Jahreszahl 1922. Jüdische Kurgäste 
hatten, erzählt uns der Museumsdirektor, viel Anstoß daran 
genommen. Auf der nächtlichen Heimfahrt bis über die Knie im 
Dreck versunken, der Wagen mußte mit zwei Pferden und einem 
Dutzend Männerarmen aus dem Moorgrund gehoben werden. 
Herbst in Polen. 



Es steht bereits fest: Die Kompanie wird geteilt, Hälfte bleibt in 
Polen, Hälfte marschiert nach dem Westen. Es wird eben feste 
herumgerätselt, wer zu jenen und wer zu diesen gehört. Wenn 
man Soldat ist, weit vom Schuß zu bleiben, nicht dort sein 
können, wo noch Funken aus der Klinge sprühen — verdammt 
hart. Alle möchten sie nach dem Westen, alle. — Wir wissen jetzt, 
wer bleibt, wer geht. Die Bleibenden sind recht einsilbig 



114 



geworden, uns anderen zuckt schon die Vorfreude im Blut aufs 
Marsciiieren — irgendwoliin. War' nur lialb so sciiön, wenn man 
sciion wüßte woliin... 



* 



Verladebalinliof Krakau. Seit morgens werden zwei Züge der 
Propagandakompanie samt Motorfalirzeugen verfraclitet. Die 
Feldküclie reiclit uns ein Absciiiedsmaiil zwisciien den 
Sciiienensträngen. Knapp vor Abgang unsres Transportes trifft 
nocii die Beförderungsliste ein, ein schöner Zufall; wir erfahren, 
daß wir als Gefreite, daß wir als Unteroffiziere die Fahrt nach dem 
Westen unternehmen — immerhin eine erfrischende 
Reisezehrung. Mit dem Wunsche, daß uns reiches Soldatenglück 
beschieden sein möge, entläßt uns der Kompaniechef. Dann 
kommt das Weh: Abschied vom guten Kameraden, der hier 
verbleibt. In stummer Linie stehen sie nah am Geleise, ein 
langgedehnter Pfiff, der Zug rollt an, sie grüßen still, wir getrauen 
uns kaum zu winken, ein schmerzlich bewegender Abschied... 



Trüber Morgen irgendwo in Deutschland. Wir reiben uns den 
Schlaf aus den Augen, gucken auf den Bahnsteig eines kleinen 
menschenleeren Bahnhofs hinaus, wo wir kurzen Aufenthalt 
haben. Bahnbeamter kommt auf unser Fenster zu: „Wißt ihr 
schon, Kameraden, was passiert ist?" „Was denn um Gottes 
willen?" „Sprengstoffattentat auf den Führer im Bürgerbräukeller 
— gestern abend. — Der Rundfunk", sagt der Mann und holt Luft, 
„hat's eben durchgegeben." „Und — und??" „Der Führer lebt — 
aber es hat mehrere Tote gegeben." Im Nu setzt die Nachricht 
unseren Transport in flammende Empörung: „Attentat — 
Bürgerbräukeller!" Ein Stichwort füllt während der Weiterfahrt: 
Secret Service. Na, das wollen wir euch heimzahlen. 
Mordgesellen am anderen Ufer des Kanals! Eine Empörung, ein 
Schwur, ein Haßgebet. Der Rest ist Bewunderung für das 
Wunder, das den Führer errettet hat... 



115 



Wir sind am Ziel — nacli fast fünftägiger Falirt. Großstadt im 
Westen. Bei Einbrucli der Naclit wird nocii ausgeladen. 
Verdunkelung, Luftschutz — für uns neuartige Dinge. Leeres 
Schulgebäude wird unser Revier. Werden es Tage sein oder 
Monate, die wir hier verbringen werden, ehe wir zum 
vernichtenden Schlage ausholen gegen den Feind im Westen? 
Werden wir die Selbstzucht des gläubigen Wartens üben müssen 
den ganzen langen Winter? 



116 



Die Westwallzeit 



117 



118 



„Herr Hauptmann, ich melde: 
Kampfanlage 103 bei der Weihnachtsfeier!" 

Bunkerweihnacht der Siegesgewißheit 

Losungswort auf einsamem Posten: Niemand ist vergessen! 

Am Westwall, 22. Dezember 1939. 

Eisig faucliender Naclitwind wülilt durclis Gebüsch und knittert 
und l<nickt das Astwerk. Wir könnten aucli glauben, es wäre 
späliender Feind, der eine stille Stunde — denn es ist 
Weihnachtszeit — nützt, um sich vorzuarbeiten im Niemandsland. 
Aber die Vorposten halten sichere Wacht draußen im Gelände, 
weit vor den Stacheldrahthürden. Wir können ruhig sein, wir 
können unbesorgt Einkehr halten bei der Kampfanlage 103 und 
Einkehr halten in uns selbst beim Anblick des Lichterbaumes, der 
uns gerade heute Sinnbild sein wird für das Schönste, das 
deutsche Menschen erleben können: Kämpfend einstehen für das 
Rechte und Wahre, dem Ruf des Lichtes folgend, das um die 
Weihnacht neu geboren wird für die Länge eines Sonnenjahres. 

Weiß Gott, so war es auch damals, im ersten Kriegswinter 
1914/1915, wo draußen in den Schlachtfeldern Flanderns, 
Nordfrankreichs und Galiziens deutsche Soldaten in den 
Schützengräben und Unterständen sich scharten um den 
immergrünen Baum, vielleicht war's auch nur ein Zweig, worauf 
ein einsames Kerzenstümpfchen flammte über ein paar 
schmückende Papierschnitzel... So war es damals 1917 auf dem 
Marsch nach Ostgalizien und vor dem Fort Verdun, auf hoher See 
im U-Boot und im Kreuzer, in der Adria und in der Nordsee. 
Selbst jene, die in Gefangenschaft waren und denen kein 
Weihnachtsbaum glänzte in ihrer grenzenlosen Verlassenheit und 
Not, bekannten sich in stiller, innerer Sammlung zu jenem Fest, 
das für uns nicht der Trubel eines lärmenden „merry Christmas" 
ist — wie bei denen jenseits des Kanals — , sondern herztiefes 
Bekenntnis. Indem wir uns so durch das Dickicht vorarbeiten zu 
unsrem Bunker, müssen wir daran denken, daß uns Deutschen 
das Schicksal seit einem Vierteljahrhundert keine anderen 
Weihnachten gegönnt hat als solche des Kampfes und der Sorge: 
erste Kriegsweihnacht 1914, Weihnacht 1919 im Zeichen des 



119 



Niederbruches, Weihnacht 1923 im Schatten der Münchener 
Novemberereignisse und des rheinischen Elends, Weihnacht 
1930: ein durch Kontributionszahlung ausgeblutetes und völlig 
verarmtes Deutschland, 1932 — Weihnacht der scheinbaren 
Hoffnungslosigkeit... Doch mit der Sonnenwende kam die 
deutsche Schicksalswende. 1933 ein Julfest des 
wiedererwachten Glaubens. Allein die kämpferische Weihnacht ist 
wieder da in den Jahren 1934 bis 1937, die Bunkerweihnacht, 
wenn man so sagen kann, der Volksdeutschen in der Ostmark, im 
Sudetenland und im Polnischen Korridor. Als heimliche 
Verschwörer trafen sich die „Illegalen" dort und da in den 
Felshöhlen, abgelegenen Tälern und verschwiegenen Gehöften, 
um in der Julnacht ihren Schwur zu erneuern. 

Und die Bunkerweihnacht ist unser Schicksal heute. Denkt nicht, 
daß wir darüber traurig sind, wenn auch unsre Gedanken 
zurückwandern zur Mutter, zu Frau und Kind! Glaubt, daß wir 
stolz und glücklich sind, den Sinn der neuen Lichtgeburt, die wir 
Weihnacht nennen, als Kämpfer für unser gesichertes, 
glückliches deutsches Schicksal der Zukunft zu erfüllen. Wenn 
auch in dieser Stunde die Geschützmündungen und MG. -Läufe 
aus unsrer gefechtsbereiten Betonfestung starren, so fühlen wir 
doch das Friedvolle dieser Nacht, weil auch sie uns die Gewißheit 
schenkt über unsren Sieg des Rechtes. 

Wir sind nun da. Die Panzertüre der Kampfanlage 103 ist ein 
wenig geöffnet. Warmes Licht flutet uns entgegen. Das gibt ein 
freudiges Hallo der Begrüßung! „Ah, fein habt ihr das gemacht, 
Kameraden — wie der Weihnachtsmann in höchsteigener 
Person! Woher habt ihr nur das entzückende, dichtgeästete 
Fichtenbäumchen?" 

„Denkste vielleicht, de Witwe Bolten aus'm Milchjeschäft hat et 
mitjebracht!? Nee, mein Junge, — is nich! Unsre Vorposten 
haben et aus't Niemandsland jeholt", erklärt ein Berliner Junge im 
Soldatenrock, „'n Adventskranz hatten wir ooch — klar doch bei 
unser Jemiet! — Wir Bunkerfritzen saren immer: ,Wat hab'n wir 
for 'ne sonnije Jugend und for'n reichet Innenleben'!" 

Na, der goldige Humor scheint ja hier zu gedeihen, Nord, Süd, 
Ost und West des Reiches sind da vertreten und die arglos 
heitere Hänselei zwischen den Stämmen gibt den unterhaltenden 
Ton des Bunkerlebens an... 



120 



Heute freilich ist er etwas gedämpfter als sonst — jeder sucht 
wohl sich selbst zu finden. Wir sehen in die vom harten Leben 
gemeißelten Gesichter alter Frontkämpfer, die überglüht sind vom 
rötlichen Hauch des leuchtenden Baumes, den sie alle mit einer 
andächtigen Gebärde geschmückt haben, so wie sie als Väter 
ihren Kindern zuliebe in aller Heimlichkeit Silberfäden und Kerzen 
ans Gezweig geheftet haben würden. 

Ja, die Alten von 1914 — 1918 sind auch wieder da, und die 
Jungen können sich wärmen an ihrer erprobten Kameradschaft. 
Sie haben dem Bunker auch den Beinamen gegeben „Zum alten 
Knochen" — und für sie ist es die fünfte Kriegsweihnacht draußen 
im Felde. Zum fünften Male erfüllt sie jetzt das erhebende 
Erlebnis der Kampfgemeinschaft aller Deutschen, ungeachtet 
welchen Berufes sie sind, so echt und stark, wie sie einem eben 
nur im Kampf zuteil werden kann. Die Frontkameradschaft 1939, 
ebenbürtig jener stählernen Gemeinschaft des Weltkrieges, trägt 
sie alle hinweg über irgendein bedrückendes Gefühl der 
Vereinsamung. Das Rundfunkgerät, das da neben den 
Gasmasken steht, überbringt ihnen immer wieder den Gruß der 
Heimat. 

Gemütsinnige Melodien schlichter Volksweisen beschwingen 
den niederen Bereitschaftsraum mit einer wundersamen 
Heimlichkeit. Der Holzkoksofen spendet wohltuende Wärme von 
außen her, und von innen her tun's die Heimatbriefe, die eben die 
Ordonnanz mit den Liebesgaben von rückwärts hierher gebracht 
hat. Und nun drückt sich das, was man nicht sagen, sondern nur 
fühlen kann, aus in den deutschen Weihnachtsliedern. Das, ja 
das ist ewig die deutsche Seele, innig und kämpferisch zugleich: 
Die „alten Knochen", die fronterprobten, verwegenen Kerle, sie 
singen jetzt wie die Kinder das alte Lied: „Am Weihnachtsbaum 
die Lichter brennen, wie glänzt er selig, lieb und mild, als sprach' 
er: Wollt in mir erkennen, getreuer Hoffnung stilles Bild." 

Die letzte Strophe reißt unvermittelt entzwei. „Der Hauptmann 
kommt!" heißt es plötzlich. Er teilt mit seinen Männern die frohe 
Stunde, jetzt hier, dann da, dann dort im Nachbarbunker. „Herr 
Hauptmann, ich melde: Kampfanlage 103 bei der 
Weihnachtsfeier." Der Hauptmann kommt nicht mit leeren 
Händen. Da schaut her, eine Kiste Niersteiner Domtal 1928, 
Steinhäger für die Westfälinger, und feine Zigaretten, Schokolade, 
Datteln, hm — so haben wir uns den Krieg vorgestellt. 



121 



„Im Weltkrieg", meint der Feldwebel angesichts der 
Steinhägerbatterien, „habe ich eine Schwäche gehabt für 
Steinhäger, in diesem — für Wacholder. Tja, so ändern sich die 
Zeiten." 

„Nu wolln wir erstmal eenen valötn." Einer hat das Stichwort 
gegeben und nun erfolgt der ortsübliche „Bunkergruß", der damit 
endet, daß die geleerten Gläser über die Schulter — zum Beweis 
ihrer völligen Leere — jäh gegen die Wand gezückt werden. 

„Was das Herz nur wünscht, haben sie uns geschickt, aber eins 
haben sie vergessen", stellt Schütze Maase fest, 
„Anodenbatterien für unser Radio. Heimat, wie kannst du das 
ahnen?" 

Die draußen vorm Stacheldraht sollen sich mitfreuen — die 
vorgeschobenen Posten — , der Hauptmann selbst überbringt 
ihnen die Liebesgaben. Heut gilt allein das Losungswort der 
Bunkerweihnacht: Niemand ist vergessen! 

Es ist spät nachts geworden. Kampf anläge 103 birgt in ihrem 
Betongemäuer frohgemute Soldaten. Alles ergriff uns, alles, was 
da gesungen und gesagt wurde, ein Wort aber nehmen wir von 
der Kampfanlage 103 lächelnd mit, das ein Weltkriegssoldat aus 
dem Schwabenland beim Abschied an der Panzertüre sprach: „Dr 
erschte Krieg hat eim no aufgräägt, abr dr zweite ka uns nimme 
aufrääga." 

Bunkerweihnacht der Siegesgewißheit im großdeutschen 
Freiheitskampf. 



122 



Die U-Boot-Falle der Plutokratenmoral 

Der Unfug mit dem „Gentleman" 

Was uns Soldaten im Westen in diesen Tagen zu denken gibt 

Ende Februar 1940. 

Wir sind ja seit langem gewarnt, gutgläubig jene sagenhafte 
„Fairneß" Englands hinzunehmen, zumindest seit dem Tag, als in 
Scapa Flow die deutsche Kriegsflotte versank und die MG.- 
Garben der Engländer sich auf die Boote der sich rettenden 
deutschen Seemänner richteten. Vollends haben uns die Augen 
geöffnet die Mordtaten von Jössing-Fjord und der meuchelnde 
Anschlag der Briten auf unsre „Wakama" und „Watussi". Die 
Achtung vor dem ehrlich Kämpfenden und dem im Kampfe 
verblutenden Gegner, die Schonung dessen, der sich nicht oder 
nicht mehr wehren kann, gehört mit zu dem, was wir Deutschen 
als fair bezeichnen. Wäre es auch nur gewesen, daß wir am 
Fußballplatz den Wettstreit zweier Mannschaften zustimmend 
oder mißbilligend mit „fair" oder „unfair" glossierten, wir meinten 
damit doch stets eine innere Haltung, eine Einstellung des 
Geistes und der Seele, die ganz aus der Tiefe des deutschen 
Wesens kam, die Kampf, Sieg und Gewinn wollte, jedoch nicht 
um jeden Preis. Indem wir „fair" sagten, haben wir im Grunde eine 
deutsche Tugend gemeint, uns aber eines undeutschen Wortes 
bedient. Wenn wir ausdrücken wollten, daß sich der und jener 
untadelig verhalten habe in einer schiefen Lage, sagten wir meist 
in einer Gedankenlosigkeit, die unser Volk und seine 
Vergangenheit immer aufs neue bitter strafte: „Er hat gehandelt 
wie ein Gentleman", oder gar: „Seine chevalereske Art hat uns 
bezwungen." 

Ein Gentleman! Welch ein Lob und welch ein faules Wort 
zugleich! Als ob wir nicht wüßten, was wir uns unter einem 
ritterlich handelnden Menschen vorzustellen hätten! Schließlich: 
Die Fairneß. Genau so ehrlich von uns empfunden, wie sie von 
den andren als Talmi und Flittergold verstreut und als 
Falschmünze der Moral in Umlauf gebracht wurde. Aber das war 
ja seit jeher unser Fehler, daß wir Französelei und Engländerei 
betrieben und unsren ehrlichen deutschen Empfindungen fremde 



123 



Worte aufpfropften, als gälte es, einen wilden Baum mit kostbaren 
Reisern zu veredeln. Haben wir denn nun endlich begriffen, daß 
wir „Wilden" doch die besseren Menschen sind? Der 
sprichwörtlichen deutschen Anständigkeit haben immer jene 
Vorbehalte gefehlt, mit deren Hilfe die anderen ihre Tugenden zu 
Vorteilen ummünzten. Unsre U-Boot-Männer z. B. könnten sich 
auch ihre Sache leichter machen, indem sie ohne Warnung 
verdächtige Schiffe versenkten. Allein, sie unternehmen das 
Wagnis, Schiffe unbekannter Nationalität anzuhalten und — im 
Falle der Konterbande — den Mannschaften Zeit zur Rettung zu 
geben, alles auf die Gefahr hin, von britischer Heimtücke selbst 
versenkt zu werden. 

Das ist Ritterlichkeit, das Gegenteil der Churchillschen U-Boot- 
Fallen. Wir sahen beim Angriff auf Lemberg am 13. September, 
wie ein deutscher Offizier, der dürstend aus dem Gefecht 
zurückgekehrt war, einem polnischen Verwundeten Wasser 
reichte, ehe er selbst trank. Das ist deutsches Kämpfertum; um 
eine Welt verschieden von der Piraterei, die den dunklen 
Ehrenmann Old England groß gemacht, nein, aufgebläht hat. Man 
sagt, es gäbe so was wie eine Räuberehre. Wenn schon, dann 
suchen wir sie noch lieber in den böhmischen Wäldern der 
Schillerschen „Räuber" oder auf Korsika als in dem Reiche 
Albions, über dem der Gifthauch einer großen Lüge lagert. Der 
nordische Dramatiker Ibsen hat um die Jahrhundertwende diese 
fadenscheinige „Gentleman"-Welt und die „Lebenslüge" des 
Individuums gegeißelt. Wie man leben und gedeihen kann von 
einer Lüge — die im übrigen lange Beine hat, im Falle England 
sind sie 400 Jahre lang — , hat Ibsen dramatisch geoffenbart. Wie 
ein weltumfassendes Staatsgebilde, das an der Lüge „Fairneß" 
und „Gentleman" (das Commonwealth of nations ist eine holde 
Umschreibung der Brutalität, wie der Fall Irland und Indien zeigt), 
an seiner Lebenslüge sterben muß, das wird die Kraft und 
Wahrheit des Reiches Adolf Hitlers offenbaren. 

Fairneß, wie wir sie bisher verstanden, ist ein Merkmal der 
Stärke. Sie ist der dem germanischen Geist angeborene Adel, sie 
ist die Großzügigkeit, die sich die Macht gestatten darf, und die 
echte Kraft. Darum bedeutet für uns der Mord in Jössing-Fjord 
das Menetekel der Empire-"Moral", den Beginn eines 
welterschütternden Zusammenbruchs. 



124 



Mit Mühe und Not hat der „Gentleman", die Moralpuppe und 
Schaufensterfigur der britischen Diplomatie, den englischen 
Lügenreklamekrieg 1914 — 1918 überdauert, nachdem er in USA. 
mit abgehackten Kinderhänden und in Ostasien mit barbarischen 
deutschen Kadaververwertungsanstalten hausieren gegangen 
war. In Jössing-Fjord hat er sich nun restlos demaskiert. Jössing- 
Fjord war die Visitenkarte des Englands von heute, die Rachetat 
der zum Untergang Verurteilten, darin versinnbildlicht sich die 
ehr- und gefühllose Geldsackdiktatur, die blindlings um sich 
schlägt wie ein verendendes Untier. 

Wir wissen es vom Kriege 1914 — 1918 her: Es gab ein 
ritterliches Sichbegegnen, etwa in der Luft, wenn zwei 
Kampfflieger über Nordfrankreich aufeinanderstießen. Der eine 
schonte den anderen, als er merkte, daß der Gegner am MG. 
seine Patronengurten leergeschossen hatte, er drehte ab in dem 
Gefühl, keinen unebenbürtigen Kampf führen zu dürfen. Wir 
glauben an das Dasein solcher germanischer Charakterwerte, 
aber wir wissen, daß die Gesetze der Ritterlichkeit im heutigen 
England tief verschüttet sind von den Schlackenhalden der 
Plutokratie. Eben diese Erkenntnis gibt unsrem Kampfgeist die 
Unerbittlichkeit: Die Insel hat ihr nordisches Erbe seit langem 
verraten an den Goldtresor und wird nie wieder zu sich selbst 
zurückkehren, wenn nicht wir ihre Mahner sind. 

Kurzum, wir wissen, was wir von dem „Gentleman" zu halten 
haben. Ein krasser Unfug, dieses Wort weiterhin im deutschen 
Sprachschatz in Untermiete zu beherbergen, 'raus mit dem 
protzigen Mieter! 'raus mit dem moralisch parfümierten 
Hochstapler! Den Fußtritt für immer! „Gentleman" — das ist die U- 
Boot-Falle der Moral, „Fairneß" — das ist das Hokuspokus- 
Zaubertuch, unter dem „Freiheit" in Baumwolle und Christus in 
Ausfuhrüberschuß verwandelt wird. 

Lange genug sind wir dem „Gentleman" nachgelaufen und 
ließen uns von seinem Pomadenglanz täuschen. Wir liehen 
unsere Empfindung für Ritterlichkeit einem gewohnheitsmäßigen 
Wort, das wir gedankenlos gebrauchten. Das hat sein Ende 
gefunden mit der Entlarvung des Eisenbahngroßaktionärs, 
Giftgasfabrikanten und Kriegsstifters Chamberlain, einer von den 
vielen, die die Schulen Eton und Cambridge als höchstes Produkt 
ihrer Erziehungsweise hervorbringen. Sie heißt 
Selbstgerechtigkeit, auch „Cant" genannt. 



125 



Leben und leben lassen — wäre das nicht die simpelste und 
zugleich fruchtbarste Auslegung einer aufrichtig gemeinten 
Fairneß gegenüber dem mindest ebenbürtigen deutschen Volke 
gewesen? Denken wir an die Kolonialfrage. Statt dessen ist die 
Geschichte Englands mit dem Gift des Neides und der Galle der 
Unduldsamkeit geschrieben. Der „Gentleman" unseres guten 
Glaubens verhält sich zu dem gegenwärtig in England 
marktgängigen Edelmann so, wie es sich verhält Houston Stewart 
Chamberlain zu Neville Chamberlain. Ein und derselbe Name — 
aber zwei feindliche Welten. Geist steht gegen Geld. Der 
Regenschirm der Lebensversicherungs-Akt.-Ges. „Eton" gegen 
das kühne Herz des Titanen. 

Fairneß und das berühmte gentlemanlike sind bei uns nicht 
„exklusive" Begriffe feudaler Klubgesellschaften, die im Smoking 
zum eleganten Dinner fahren. Bei uns sind sie blutdurchpulste 
Erlebniswerte von Millionen. „Wenn ich Kohlen in meinem Keller 
hätte, ich gäbe dem Hauswart davon ab", hörte ich kürzlich in den 
bitterkalten Tagen einen Volksgenossen im Friseurladen sagen. 
In der erlebten deutschen Volksgemeinschaft, im Opfergeist ihrer 
Herzen ist die Fairneß — das Lebenlassen der anderen — im 
gewaltigsten Ausmaß verwirklicht. Gibt es denn eine Ritterlichkeit, 
die die Selbstlosigkeit und die Opferfreude entbehren könnte? 

Der „Gentleman" ist in Verruf geraten, sein Kurswert ist heute in 
der Welt gleich Null. Kein Ausdruck bezeichnet das Zwielichtige 
dieses „Gentlemans" so deutlich wie die bekannte 
Begriffskoppelung „Gentleman-Verbrecher". Lack und Frack und 
„der feine Benimm" und die vielen vornehm tuenden Worte, die 
von Deutschen lange genug nachgeschwatzt wurden, schützen 
nicht vor gemeiner Gesinnung. Als vollendete „Gentlemen" finden 
die Männer des Secret Service in der Welt Eingang durch die 
schmalen Türspalten der „Gesellschaft". Darum und aus Dutzend 
anderen Gründen wollen wir für immer den Boykott ausrufen über 
diesen altmodischen Importartikel „Gentleman", diesen befrackten 
Eintänzer der Kapitalistenmoral des 19. Jahrhunderts. Vom 
Gentlemanideal ist nur mehr der berüchtigte „Gent" 
übriggeblieben, der egoistische Geck und Modefatzke. Kein 
Ethos, kein tragkräftiges oder auch nur glaubwürdiges 
Bildungsideal steht mehr hinter ihm. Die Charakterwerte des 
neuen Deutschlands berühren sich mit Zucht, Form, Ehre, Güte 
und Edelsinn des deutschen Mittelalters — alles das ist 



126 



umschlossen von den Worten Ritter und ritterlich. Im deutschen 
Soldatentum ist die Tradition der Ritterlichkeit ununterbrochen 
fortgeführt worden bis auf den heutigen Tag. 

Gerade uns Soldaten im Westen drängte sich in den letzten 
Tagen diese gedankliche Auseinandersetzung mit einem 
britischen Flunkerwert immer wieder auf. Wir meinen, daß es 
eben jetzt an der Zeit ist, mit einem historischen Irrtum und dem 
Unfug „Gentleman" für immer aufzuräumen. Doch die eine 
Chance wollen wir dem Weltbluffer „Gentleman", diesem 
frömmelnden Wechselbalg aus Habsucht und Arroganz, noch 
lassen: Mit Würde zu sterben. „Gentlemanlike" sozusagen... 



127 



128 



1^ Am W.Mai, piihmorgens. 
Zwi'i Schnappschüsse vorn 
Pjcrd herab: Wir reiten 
über den Vecht-Kanal und 
überschreiten damit Hol- 
Ittnds Grenze 



I 



Kurz zuvor drehte sieh diei 
JSpieß*^ noch einmal he- 
orgt um, ob der Kriegs- 
-crichter auch noch im 
Süüel säße . . . (Seite 134) 



O b c n Die erste Feindberührung des Reiterspäktrupps bei Ccevorden 

(Seite 134) 

U nten: Immer tiefer ins Land hinein reiten wir, eine noch erhaltene 
Brücke trägt uns über den de-Krim-Kanal , . . (Seite 1351136) 



Der Feldzug im Westen 



129 



130 



Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd...! 

Denn wir reiten gegen Engeland... 

Mit Reiterspähtrupp 1 hinein ins westfriesische Land! / Die Holländer 
nach l^urzen Gefechten aus den Grenzbefestigungen geworfen 
Eine Kavalleriedivision bezwingt unwegsames Gelände 
Kavalkade zur Erde und in der Luft 

10. Mai. 

Was ist das für ein Tag! In der Front des Sieges vorzurücken mit 
dem Gedanken, nacli so langem Stillehalten dem Feinde England 
endlich den Schlag versetzen zu können, den er herausgefordert 
hat, wissen, daß man mit jedem Schritt hinein ins unbekannte und 
doch so eng mit uns verwandte Land die Herrlichkeit des Reiches 
mehrt — welches unnennbare Glück für die, die dabei sein 
dürfen! 

Wenn in diesen Morgenstunden in anderen Frontabschnitten 
Infanterie und Pioniere mit Sturmbooten über die Grenzflüsse und 
Kanäle setzen, der stählerne Keil unsrer Panzerkampfwagen dem 
Gegner blitzschnell ins Fleisch stößt und unsre Luftgeschwader 
als rollende Gewitter der Vernichtung über Feindesland 
hindonnern — 

wir reiten heute gegen Engeland! 

Nicht das Gedröhn der Motoren begleitet als sieghafter 
Rhythmus unsre Marschkolonnen, sondern das Getrappel 
tausender Pferde, das silberne Klingen der Hufe ist uns heute 
Marschmusik und Lied vor der Schlacht. Wundersam tönt es als 
einzige Melodie durch die Mainacht, da schweigsam die 
Schwadronen den Bereitstellungsraum beziehen in Laar, ganz 
nahe der Grenze, unweit von Coevorden. Schon um 3 Uhr früh 
kommt der grauende Morgen den glasklaren Horizont herauf, die 
Schwadron zieht vorbei. Mann und Roß und Wagen, dunkel 
gegen hell, ein Bild von visionärer Stärke. Vielleicht ist es die 
Empfindung von der Größe des Augenblicks, die uns alles so 
unwirklich schön sehen läßt. 

Ja, so seltsam bewegte uns auch jene Nacht zum 1 . September 
1939, kurz bevor unsre Infanterie den Jablunka-Paß stürmte. 
Aber noch viel gewaltiger ist der Aufbruch des kämpfenden 



131 



Deutschtums in dieser Stunde... „Wolilauf, Kameraden, aufs 
Pferd, aufs Pferd, ins Feld, in die Freilieit gezogen!" Ein altes 
Reiterlied erhält in diesen Augenblicken Tiefsinn und Weihe. „... in 
die Freiheit gezogen!" Das, ja das läßt uns so frohgemut lachen 
und die Gefahr nicht bedenken, die vielleicht in dem Halbdunkel 
der Grenzwälder auf uns wartet. 

„Vorwärts sehen, vorwärts denken, vorwärts reiten!" Die Parole 
gibt der Divisionskommandeur im heutigen Tagesbefehl seinen 
Reitern mit. 

Wir wissen, daß als Mahnung die ruhmbedeckten Fahnen der 
deutschen Kavallerie des Weltkrieges mit uns ziehen, so wie der 
kavalleristische Geist der Draufgängerei der ruhmvollen alten 
Waffe in den Türmen unsrer Panzerkampfwagen weiterlebt. In 
unsren Jagdgeschwadern aber blitzt das Schwert der deutschen 
Luftwaffe kühn wie der Ulanensäbel von dereinst... 

In einem Weiler haben wir haltgemacht, noch etliche Kilometer 
von der Grenze weg. Der Schwadronschef verliest die 
Kriegsartikel. Die zwei Reiterspähtrupps machen sich bereit. Es 
scharren die Hufe, es wiehert die Ungeduld der Pferde, die ihre 
ostpreußischen Reiter schon siegreich durch den Sand Polens 
getragen haben. Zurufe, Sporengeklirr, blutrote Standarte des 
Sonnenaufgangs. 

Aufbruch, 

Todesnähe, 

Siegesgewißheit, 

Fanfarengeschmetter des Kampfbeginnes... 
Ein symphonischer Satz von erregender Gewalt. 



Nun wird es für den Kriegsberichter dringlich, den Anschluß ans 
Geschehen zu finden. „Herr Rittmeister, ich bitte um ein Pferd." 

„Ja, richtig — unser Kriegsberichter! Sie haben noch kein Pferd? 
Na, da wird's aber Zeit. Wo haben wir denn nur so 'n Bock für 
ihn? Haupt — wacht — mei — sterü!" Der kommt angespritzt. 
„Schauen Sie dazu, daß der arme Mann da zu einem Pferd 
kommt." 

Der Hauptwachtmeister beginnt in der Schwadron zu suchen. 
Wenn der nun mit einem widerborstigen Gaul aufkreuzt — na, 
dann gute Nacht am frühen Morgen — , dann spielen sich die 



132 




10. Maif 6.45 Ulir. „Munu, was soll denn das denkt der 
holländische Bauer nahe der Grenze, indem er den vier im 
Gelände vorgehenden Reitern nachsieht. Die Milchkanne, 
die heute kein Fuhrmann abhoU, wird wohl versauern . . . 




Mit dem ReiUrspähtmpp voraus! tßehöner 
als der Marsch durch Triumphbogen und Ehren- 
pforten gilt der Ritt in den Feind (Seite 136) 



Kriegserlebnisse des Bericliters einseitig und restlos rund um den 
Sattelknauf seiner Mähre ab oder sie beschränken sich auf nasse 
Sturzkampfunternehmungen in den Grachten. 

Allein der Schutzheilige der Kavalleristen, Sankt Georg 
persönlich, kommt nach einer Weile lächelnd auf ihn zu und führt 
am Zügel die brave, mutige und teilweise auch gehorsame, 
rabenschwarze Stute Renate. 

Nun wird umgestiegen vom PKW.-Wanderer auf Renate. Von 50 
PS auf 1 PS, vom 20. Jahrhundert aufs 19. Jahrhundert, vom D- 
Zug aufs Fahrrad, tachometrisch gesprochen. Renate wird 
getätschelt, wird behutsam in Besitz genommen, der Name 
Renate ihr zuckersüß ins gespitzte Ohr geflötet, der junge Reiter 
tut verliebt auf den ersten Blick; Pferde sollen dafür empfänglich 
sein, er tut es weiß Gott nicht ohne Absicht. Doch Renate merkt 
nichts und wird nicht verstimmt. Merkt nicht, daß ein Reitschüler 
mit einem kümmerlichen Dutzend Stunden Sattelerfahrung auf 
ihren Rücken klettert. Oder sie ist taktvoll genug, sich nichts 
anmerken zu lassen, die Renate... 

Das Pferd wäre da, wie geht es nun weiter? 

Reiterspähtrupp? Selbstverständlich, Reiterspähtrupp. 

„Herr Rittmeister, ich bitte mit dem Reiterspähtrupp mitreiten zu 
dürfen." 

„Von mir aus ja — melden Sie sich bei dem Spähtruppführer, 
Herrn Oberleutnant Graf S...." 

„Herr Oberleutnant, ich bitte in Ihrem Spähtrupp mitreiten zu 
dürfen." 

Es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als ein Hufschlag in die 
Kehrseite. „... ich möchte ja nichts gegen Sie sagen, aber mit uns 
reiten, nein, mein Lieber, das schlagen Sie sich rasch aus dem 
Kopf. Ich habe den Auftrag, ohne Rücksicht auf Verluste zu 
erkunden... Wenn Sie da vom Pferd stürzen — Reiterspähtrupp 
ist kein Ponyreiten im Vergnügungspark. Nein, nein — aber 
vielleicht nimmt Leutnant K. Sie mit..." 

„Herr Leutnant K., ich bitte in Ihrem Spähtrupp mitreiten zu 
dürfen." 

„Ausgeschlossen. Ich habe den Auftrag, ohne Rücksicht auf 
Verluste zu erkunden... Wenn Sie da vom Pferd stürzen usw. 
Nein, nein — ." 

Abgeblitzt Die Nase hängt eine Pferdelänge nach unten... 



133 



Bis die ersten Sciiüsse fallen. Zwei Schwadronen sind eben 
daran, handstreichartig den Grenzort Coevorden zu nehmen und 
die Übergänge des Vecht-Kanals zu besetzen. Der Zeiger rückt 
auf 6.25 Uhr. Das Murren fernen Geschützdonners schwillt an, 
die leichten Feldkanonen unsrer Division stimmen jetzt ein in den 
Erzgesang. Darüber schwingt das Brummen einer Bomberstaffel, 
die über uns hinzieht — dem Westen zu. Jetzt tackert ein MG. 
Der erste Auftakt verspricht ja einen nicht zu leichten Tag... 

Der junge Morgen hat das Land verzaubert. Taufrisch stehen die 
Maiwiesen, die flach wallenden Nebel sind durch die Sonne in 
schimmernde Goldseen verwandelt. Herrliche Zuchtpferde 
sprengen über die Weiden und wiehern ihren fuchsroten 
Kriegerbrüdern zu. Ganz nahe ist die Marschsäule der Reiter 
herangetrabt an die Grenze — im Tiefflug braust jetzt eine 
Messerschmitt-Maschine über unsre Köpfe — Kavalkade zur 
Erde und in der Luft! 

Ehe wir uns recht umsehen können, haben wir auch schon die 
Stacheldrahtlücke durchritten, die Zugbrücke über dem Vecht- 
Kanal erdröhnt unter dem Getrabe der Schwadron. Hier die erste 
holländische Aufschrift, und da stehen mit aufgerissenen Augen 
Schiffer in Holzpantinen vor ihren Häusern, aus dem Schlummer 
— Pardon — etwas jäh geweckt — Holland, wir sind in Holland, 
merkt ihr das, Kameraden? Heißt das Soldatenglück oder nicht? 
Mit jedem Schritt dem Tommy näher! Granatwerfer werden in 
Stellung gebracht. Die Spähtrupps überholen die Spitze der 
Schwadron. Wir zwei, Renate, dürfen nicht mit... Ohne 
Widerstand reiten wir den Vecht-Kanal entlang, begegnen wieder 
Niederländern, die dreinsehen, als ob sie mit offenen Augen 
träumten. Ein Bauer hebt die Hand zum Deutschen Gruß. Mit der 
Lust, die nur ein Reiter nachempfinden kann, traben wir in den 
frischen Morgen hinein, lassen uns gefangennehmen von dem 
Reiz dieser Landschaft, die heute menschenarm ist und still wie 
sonntags. 

Renate ist unruhig geworden, ist kaum zu halten. Die Spitze liegt 
schon 200 Meter hinter uns, und Renate macht keine Miene 
stehenzubleiben, im Gegenteil. Renate trabt ihrem Willen nach, 
ist nicht mehr 'rumzukriegen. Renate — o — la — la. Es verfängt 
kein Koselaut. Biest — verfluchtes Biest, wohin trägst du deinen 
Reiter...? Wir sind ja im Feindesland — seit einer Viertelstunde im 
Feindesland, denk dran, Renate — hopada — hopada — hopada 



134 



— das artet ja langsam zu einem Galopp aus — ich beschwöre 
dich, ich zwing' dir meinen Willen auf und suche — laut Rindings 
„Reitvorschrift für eine Geliebte" — deine angeblich so 
suggestible Seele zu fassen — aber du hast ja gar keine, 
herzloses Pferdevieh, du störrischer Gaul — ängstigt dich mein 
Schenkeldruck? Du bebst ja — aber ich bin, nein, will sein die 
Ruhe selbst — die Alleebäume flitzen wie im Wildwestfilm vorbei 

— halt an, halt an! O — la — la — siehste, da haben wir die 
Bescherung — da knallt's ja schon rundum — vorn der 
Reiterspähtrupp, Oberleutnant Graf S. — oh, wenn der uns 
sieht... 

Ziiiu — Ziiiu — Ziiiu — . 

Das erste nahe Feindfeuer züngelt in die Reiterreihen. Die 
Rosse herumgerissen und in Deckung galoppiert hinter die 
Bauernhäuser. Renate schnaubt, aber sie hat es erreicht. Renate 
hat gezeigt, daß sie geborenes Patrouillenpferd ist und beim Gros 
nichts verloren hat. Renate hat den Drang nach vorn. 

Dank dir, Renate, du edles, mutiges Pferd... Du hast unsren 
Wunsch erfüllt und den Auftrag gerettet, vorn zu sein. 

Die Pferde sind in Deckung angehalftert. Im Straßengraben 
arbeiten wir, „die aufs Pferd gesetzte Infanterie", uns an den 
Gegner heran, der aus jenem Buschwerk feuert. Der Spähtrupp 
erwidert den Beschuß. Oberleutnant Graf S. feuert eben. 

Da kommt einer klein und häßlich in dem Graben auf ihn 
zugekrochen, knipst zunächst die erste Feindberührung und 
meldet, die Hand zum Gruß am Stahlhelmrand: „PK. zur Stelle! 
Pferd Renate mit mir durchgebrannt." 

Damit findet der Spähtruppführer sich nun lachend ab und Pferd 
Renate und Schicksal nehmen weiter ihren Lauf. 

Wir wollen den Gegner in der Flanke fassen, das Fähnlein der 
Dutzend Spähreiter wäre durch frontales Auflaufen dem 
feindlichen MG. ausgeliefert. Also die echt kavalleristische 
Lösung: Überraschendes Heranreiten an die Flanke oder den 
Feind von rückwärts packen. Im Nu ist der verschanzte Gegner 
überflügelt, er weicht zurück, wir traben über die Uferstraße 
entlang des de-Krim-Kanals so lange, bis uns erneuter Beschuß 
in die drüben hinabzwingt. Dort oben soll noch eine Brücke in 
Ordnung sein — leider nur geringe Tragkraft. Wir kommen drüber 

— das mitgeführte Funkgerät meldet die Überschreitbarkeit des 
Kanals sofort an die Schwadron. 



135 



In der Weite des unbekannten Landes offenbart nun der 
kavalleristische Spähtrupp sein eigenes Wesen. Ganz auf sich 
allein gestellt, fühlt er ins Ungewisse vor. „Der Ritt in die 
schrankenlose Weite", sagt ein Fernpatrouillenreiter des 
Weltkrieges, Gustav Rau, „wo doch hinter jedem Strauche, hinter 
jedem Baume, hinter jedem Hause Tod und Verderben lauern, 
erhebt die mutigen Herzen und gibt ihnen ein Hochgefühl, das mit 
nichts auf der Welt zu vergleichen ist." 

Kühnheit und Schnelligkeit der Entschlüsse macht hier alles aus. 
„Ganz wie in Polen", redet ein Reiter neben uns vor sich hin, 
„mutterseelenallein auf weiter Flur..." Ja, polnische Erinnerungen 
werden wieder in uns lebendig, wenn wir so in die lauernde Stille 
galoppieren. So mag's wohl den Ulanen im großen Kriege zumute 
gewesen sein, wenn sie in die Weiten Russisch-Polens sprengten 
oder in Nordfrankreich Patrouille ritten. Einer von jenen, der 
Kriegsfreiwillige Gustav Rau, bekennt: „Wer mit dem Säbel in der 
Faust als Führer einer Patrouille oder mit der Lanze hinter dem 
Führer in den Feind geritten ist, hat etwas von seinem Leben 
gehabt. Schöner als der Marsch durch Triumphbogen und 
Ehrenpforten gilt der Ritt in den Feind." 

„Brücke voraus zerstört", meldet ein Spitzenreiter. Wir erkennen 
die Wucht der Sprengung in den Dachschäden der umliegenden 
Häuser, die uns mit glaslosen schwarzen Fensteraugen 
anstarren. 

Über die Ortschaft Elim hinaus stoßen wir Richtung 
Kerkenbosch. Der rosige Traum der Apfelblüte säumt beiderseits 
die schnurgerade Straße — ein sMG. und Einzelfeuer knattert 
uns entgegen. Nun aber davongewetzt und 'runter von der 
bestrichenen Straße. Lerchenjubel und Kugelsingen — man muß 
das einmal zu gleicher Zeit gehört haben! Ein seltsamer 
Zweiklang. Eine niederländische Radfahrereinheit offenbar sperrt 
uns den Weg. Wieder Umfassung: Wir reiten entlang des de- 
Krim-Kanals nochmals an den Feind heran — schwer genug ist 
es für Reiter und Pferd, auf dem wippenden weichen Torfboden, 
der als schmaler gangbarer Streifen das Ufer bildet, ohne Unfall 
zu reiten. Nach halbstündigem Ritt beharkt uns wieder feindliches 
Feuer so eindrucksvoll, daß der Spähtrupp im Caracho nahezu 
unaufhaltsam den Ufersaum dahinstürmt. Die MG. -Garben folgen 
uns. In Fingerbreite, schwört mein Kamerad, sei es an seinem 
Stahlhelm vorbeigegangen. Wir haben Glück, Reiterglück, 



136 



lachend wie dieser Sonnenmorgen. Da stürzt zwar einer Hals 
über Kopf, die anderen jagen darüber hinweg der Deckung zu, die 
spärlich ist. Einer nimmt mit seinem Pferd ein jähes Sturzbad in 
dem moorigen, schwarzbraunen Kanalwasser. Aber sonst sind 
wir alle heil geblieben. Da gibt's, so ernst die Stunde ist, doch 
wieder zu lachen, wenn der da aus dem Kanal kriecht, sich die 
Stiefel von den Beinen quält und aus den Schäften das Wasser 
leert... 

Es ist Nachmittag geworden. Die Antenne nimmt den Befehl auf: 
„Am Feinde bleiben, Division im Vorgehen auf Elim." Schon 
sehen wir die Spitzengruppen der Schwadronen auf uns 
zukommen und wir erfahren bald, wie es den andern ging. Die 3. 
Schwadron, mit der wir ausgezogen, hat einige Tote bei 
Coevorden zurücklassen müssen, auch mehrere Verletzte zählt 
sie. 

Der Vormarsch geht weiter. Pferd und Reiter sind eine Seele. 
Wie wahr und wunderbar das vielgepriesene Glück auf dem 
Rücken der Pferde! Wir begreifen, daß der Auftrag 
„Fernpatrouille" im großen Kriege auch den müdesten Reiter 
hochriß und begeisterte, daß hier Mensch und Pferd das Letzte 
geleistet haben, Taten, von denen man vielfach nichts erfahren 
hat, weil keiner der Patrouillenreiter mehr zurückgekommen ist... 

Ermattet trabt Renate in den einbrechenden Abend des 10. Mai, 
ihre Schrittpausen werden immer häufiger. Schon recht, Renate, 
mein braves, gutes Pferdchen, o — la — la... 

Strapazen aller Art sind zu ertragen durch diese wortkarge 
Kameradschaft Tier — Mensch. Bei ihr beginnt das Hohelied auf 
die an Traditionen so reiche, ruhmbedeckte Waffe, die jung 
geblieben ist trotz alledem und alledem, was der Motor dagegen 
sagen mag. 

Dies bezeugt der erste Tag unseres Rittes gegen Engeland... 



137 



Immer tiefer hinein nacli Nordliolland 



Vormarsch — getrieben von echtem Reitergeist 

In Gewaltmärschen zur Küste 
„Der Holländer schießt gut, meine Herren..." / Wir finden das Bilderbuch 
unsrer Kindheit wieder / Blutsbrüder aus zwei Heerlagern 

Fredriksoort, auf dem Marsche zur Küste. 

11. Mai, 10 Uhr. 

Eine kleine Rast liat sicli lieute morgen unsre Kavallerie auf 
ihrem Eilmarsch durch die nördlichen Niederlande gegönnt. 120 
Kilometer ist sie in einer Nacht und einem Tag marschiert — eine 
außergewöhnliche Leistung. Heute werden es wohl wieder 90 
Kilometer werden. Nun holen wir Atem für den weiten Weg und 
überdenken noch rasch, in welcher stürmischen Bewegung der 
gestrige Tag hingegangen ist. 

Ein der Kavallerie nicht günstiges Gelände lag vor uns. Die 
vielen, dicht nebeneinander herlaufenden Kanäle, die 
Westfriesland durchziehen, lassen der Reiterei nicht Raum genug 
zu ihrer Entfaltung, etwa zum umfassenden Angriff. Um so 
weniger, als zahlreiche gesprengte Brücken das an sich schon 
unwegsame Land noch schwerer passierbar machen. Immer 
wieder gingen vor uns die Brücken hoch, nachdem die 
Sprengkommandos des Feindes uns auf etliche 100 Meter an die 
Kanäle haben herankommen lassen. Dutzende Male sahen wir 
Sprengwolken als nachtschwarze Pinien hineinwachsen in den 
Horizont. 

Freilich, der Kühnheit einiger unsrer Reitertrupps gelang es, 
durch handstreichartige Besetzung der Brückenköpfe noch 
manche Brücke unsrer Vormarschstraße zu retten. In Hoogeven 
kamen sie indes zu spät. Die Häuserfront entlang des Kanals 
wies, als wir gestern abend durchritten, schwere Verwüstungen 
durch unsachgemäße Sprengung auf. Bisher haben die 
niederländischen Bürger die schlimme Seite des Krieges 
ausschließlich durch den Übereifer ihrer eigenen 
Sprengkommandos zu spüren bekommen. Auf 
Bunkerverteidigung hat sich in Hoogeven der Feind nicht 
eingelassen. Wir sahen die Befestigungen in diesem Städtchen 
verlassen. „Der Holländer schießt gut, meine Herren, besser als 

138 



der Pole", sagte eben der Regimentskommandeur zu seinen 
Offizieren. Das stimmt, das liaben wir gestern zu spüren gekriegt 
bei Coevorden. Der Niederländer hat sich, wo er sich bisher zum 
Kampfe stellte, mutig geschlagen. Vier Studenten hielten bei 
Coevorden von ihrem Bunker aus zwei Schwadronen beträchtlich 
auf — bis Granatwerfer die Ergebung erzwangen. Wir achten den 
Kampfesmut, allein wir haben Mitleid mit der Verblendung, die die 
Holländer ihr eigenes Gut beschädigen läßt. Welches Mißtrauen 
hat vielfach die Feindpropaganda mit Erfolg aussäen können! 
Verängstigt ziehen sich in den Dörfern die Menschen in die gute 
Stube zurück, lassen die Feldarbeit im Stich. Die „Duitschers" 
könnten ihre Häuser brandschatzen, fürchten sie wohl... 
Demgegenüber verzeichnen wir mit Freude die Fälle, wo wir mit 
warmer Sympathie von den Einsichtigen aufgenommen werden. 
Gastlich hat unser Wirt uns heute den starken Kaffee gereicht und 
mit freundlichen Worten zu Tisch gebeten. 

Heute machen wir den großen Sprung nach der Küste. Wir 
kennen die Hindernisse noch nicht, die der Feind uns bereitet hat. 
Wir wissen nicht, wo er sich uns stellen wird. Ohne 
Feindberührung ziehen heute unsre Schwadronen tief ins Land 
hinein, das sich in sanfter Schwermut, die diesen Landstrichen 
eignet, vor uns auftut. Das Bilderbuch unsrer Kindheit finden wir 
hier wieder aufgeschlagen, das pittoreske Holland der 
Windmühlen, der versonnenen Grachten, der einladenden 
breitfenstrigen Häuschen, das Holland der klappernden 
Holzpantinen und der putzigen wehenden Häubchen der Maiden. 
Ein Jugendtraum hat sich erfüllt, das weite, so eigenartige Land 
erschließt sich bewundernden Augen, und es fällt uns schwer, 
uns vorzustellen, daß dies alles Feindesland sein soll. Diese 
Menschen, die nahezu denselben Zungenschlag haben wie wir, 
sollten unsre Feinde sein? Nein und wieder nein, das Gefühl, daß 
wir eigentlich auf unsrer deutschen Erde geblieben sind, lebt 
übermächtig in uns. Und diese Menschen, die uns heute noch 
scheu und befremdet anstaunen, sind ja unsres Wesens, die Art 
zu kämpfen, tapfer und vornehm, ordnet sie unsrem Weltgefühl, 
unsrem Charakter zu... Aber das ist die Tragik, die in diesen 
Stunden wie schwerer Wolkenschatten über dieses Land zieht, 
daß wir einander Feind sein müssen, wo wir einander doch so 
nahe sind. Allein, war das nicht ein Konflikt germanischen 
Wesens seit je? „Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei 



139 



Heeren", singt ein altes, ein uraltes Stabreimepos vom Zweikampf 
nächster Blutsverwandter... Zwei Reiter haben wir gestern in 
westfriesischer Erde bestattet neben Blutsbrüdern aus dem 
anderen Heerlager. Zwei Kameraden, die gestern noch mit uns im 
Sattel saßen, sind stumm zurückgeblieben, das schmerzt, aber 
wir können dennoch nicht hassen, so eigentlich hassen, es sei 
denn, wir denken immerfort, wir reiten gegen Engeland... 

Die Reiterspitzengruppe ist durch rasch beweg liehe schwere 
Waffen verstärkt worden. Eben reitet das Gros durch Fredriksoort. 
Was uns der Tag auch bringen mag: Sieg und Vormarsch wird die 
Parole bleiben. 



140 






1^ 



'i' 



i 



\\ (ihrcnd die Schwadronen 
durch das Städtchen Heeren- 
veen marschieren . . . 



. . . hnlf der Re^irnrnfskOi 
marniriir cinr /iesprrr/nin 
mit srinrm Slahc ab. I) 
liillardliscli eines Cafes wi'- 
zum Kurten tisch (Seite 141 



X 





Spätnachmittags an der Küste 



Der Vorstoß zur Nordsee geglückt 

Erstaunliche IVIarschleistung unsrer Kavallerie 
Panzerspähwagen machen feindliche Sperrversuche zunichte 
In Heerenveen werden unsre Reiter für Engländer gehalten 
Nebelschwaden bewirken blinden Gasalarm in Akkrum 

Während des Vormarsches, Seeken, 

11. Mai, 18 Uhr. 

Der große Sprung ist geglückt! Die iiolländisciie Nordseeküste 
ist von unsrer Kavallerie heute in den späten Nachmittagsstunden 
erreicht worden. Nach einer erstaunlichen Marschleistung sind 
Roß und Reiter ans weitgesteckte Tagesziel gelangt. Die heutige 
Marschleistung ist auf 90 bis 100 Kilometer zu schätzen. Nur wer 
selbst einmal im Sattel gesessen hat, wird das Überragende 
solcher Reitleistung würdigen können. 

Ein kühner Vorsatz ist Wirklichkeit geworden, unsre Reiter 
sahen bei untergehender Sonne noch in die Nordsee hinaus. Ein 
glückhafter Tag hat uns hierher gelangen lassen. Ruhig hatte der 
Tag begonnen, wir ritten mit erneuter Kraft um 6.30 Uhr morgens 
los über Fredriksoort — Nordwolde hin zur breiten Chaussee, die 
von Meppel nach Leeuwarden führt. Ein erquickender Ritt in der 
Morgenkühle führte uns durch üppige Weidelandschaften, auf 
denen prächtiges Vieh graste. Unsren Pferden merkte man die 
Anstrengung des Vortages kaum an. 

Das vordringliche Bemühen der Führung war darauf gerichtet, 
die Anmarschstraße zu sichern, Sprengungen zu verhindern. Eine 
motorisierte Vorauseinheit wird auf Befehl des Kommandeurs 
gebildet, die motorisierten Teile der Division werden 
herausgezogen und mit Sonderauftrag nach vorn geworfen. In 
Heerenveen wird in einem Cafe an der Marschstraße die 
Besprechung abgehalten. Der Billardtisch wird zum Kartentisch, 
um den die Befehlsempfänger stehen. In wenigen Minuten sind 
Lage und Auftrag klargemacht. Sneek und Bolsward müssen 
heute noch vom Gros, der Einheit erreicht werden. Die Pferde 
werden marschieren müssen bis zur äußersten Kraftanstrengung 
— nicht ohne Sorge mißt der Regimentskommandeur die 
Marschstrecke aus. Es muß geschafft werden. Omnibusse sollen 



141 



beschleunigt Reiter vor an die Küste bringen. Der 
Panzerspälitrupp wird zur Aufklärung Richtung Akkrum — 
Leeuwarden vorausgeschickt. Es geht um nichts weniger als um 
den Besitz der Schleusen, die vom Gegner zu seiner Verteidigung 
benützt werden können. In kürzester Zeit kann er damit das weite 
Polderland von Zwolle bis über Steenwijk hinaus unter Wasser 
setzen. Darüber hinaus gilt der Befehl: Schiffsraum sofort 
beschlagnahmen! 

Eben meldet ein Meldefahrer dem Kommandeur: 
„Panzerspähtrupp Ortsausgang Akkrum auf Feind gestoßen. Zwei 
mit Feind besetzte Omnibusse vernichtet." Sofort werden schwere 
motorisierte Waffen nachgeschoben, wir fegen in höchster 
Geschwindigkeit über die Klinkerchaussee Richtung Akkrum — 
Leeuwarden. Akkrum bildet ein Bild staunender Erregung seiner 
Einwohner, die nicht zu wissen scheinen, was eigentlich 
geschieht. Zehn Kilometer nördlich stoßen wir auf die beiden 
erledigten Fahrzeuge, havariert stehen sie quer über die Straße. 
Der Führer des Panzerspähtrupps, Oberwachtmeister R., der sich 
bereits in Polen das EK.I verdiente, erzählt, wie das herging: 

„Um 12 Uhr fuhren wir von Heerenveen ab. Einige Holländer 
fragten uns da, ob wir englische Soldaten wären. Ihr Erstaunen 
über unser Erscheinen war maßlos. Wir brausen die Chaussee 
über Akkrum hinaus. Plötzlich blinkt was vor uns — die Scheiben 
einiger Reiseomnibusse. Wir kommen auf 50 Meter aneinander 
heran — wir erkennen: Holländische Soldaten. Sie spritzen aus 
den Wagen heraus, suchen Deckung vor unsrem MG. -Feuer in 
den Graben zu beiden Seiten der Straße. Unsre drei 
Panzerspähwagen fahren mit Vollgas an die Omnibusse heran. 
Ein Spähwagen konnte nicht mehr abstoppen, fuhr über den 
ersten Omnibus hinaus, dessen Fahrer aber saß noch am 
Lenkrad und versuchte ihn abzuriegeln durch Querstellung des 
Omnibusses. Der Fahrer wurde niedergekämpft. An die zehn Tote 
und zahlreiche Verwundete dürfte der Gegner zu verzeichnen 
haben. Die anderen Omnibusse sind wieder davongebraust. Wir 
fuhren sofort zurück zum Ortsausgang von Akkrum, um die 
Brücke zu sichern. Plötzlich zwei Schüsse, die nach Pak klingen. 
Wir ziehen uns zurück, nebeln uns dabei im Fahren ein... Die 
guten Bürger von Akkrum haben dies leider mißverstanden. Als 
wir so nebelpustend durch die Gasse flitzten, flüchteten sie in die 
Häuser und schrien: Gas! — Gas!..." 



142 



Die Omnibusse liaben tüclitig eins abgekriegt — aber sie faliren 
nocii. Das ist die gefundene Beute, um unsre Reiter eilends nacli 
vorn zu bringen. Ein feindliclies Soldbucli finden wir in dem einen 
Omnibus — das 12. IR. aus der Garnisonstadt Leeuwarden liat 
also den vergeblichen Versuch gemacht, unsren Vormarsch zu 
sperren. 



143 



„Das Meer — das Meer!" 



Auftrag für Sonderkommando: 
„Schiffsraum sofort beschlagnahmen!" 

Motorisierte Kavallerieeinlieiten besetzen sclilagartig Ostküste der 
Zuidersee / Holländische Küstengeschütze feuern 
Wir erleben eine wunderbare Stunde / Makkum ist stark mit Feind belegt 
„Erst wenn der Schuß im Damm sitzt..." 

Gaast, am Damm der Zuidersee, 
12. Mai, 1.15 Uhr früh. 

Mitternacht ist es geworden, eine wir uns ruliig liinsetzen, unsre 
Gedanken nacli diesem stürmisciien Tag des Vorwärtspresciiens 
sammeln und einiges sciiildern können. „Ik lieb een still kammer 
noodig — ik moet srijfen", radebrechen wir der biederen Frau des 
Schlächters Y. van Boer etwas vor und vergessen natürlich nicht 
die landesübliche Höflichkeitsform: „Als't u blieft, Juffrouw." Sie 
zögert, sieht uns forschend an, und führt uns schließlich nach 
„boven", ins Unterdachgeschoß. Schließt eine Tür auf — drei 
kleine Kinder liegen hier in der Kammer dichtgepfercht im 
Bettchen. Zweite Tür — dasselbe Bild, nur sind es vier Kinder, 
dritte Tür — wieder ein Korb voll kleiner Kinder. Und im Flur — 
wieder halbwüchsige Kinder, alle schlummern sie den seligsten 
Kinderschlaf. Na, dann wollen wir die Schreibmaschine hier 
hinstellen auf die Kiste und möglichst leise tippen, damit nicht gar 

Aber es nützt doch nichts. Jetzt starren vier Paar Kinderaugen 
auf den fremden Onkel Soldat, die Schlafröte liegt noch über den 
Gesichtchen. Es fällt keinem dieser herzigen Geschöpfe ein zu 
weinen. Wir verstehen uns auf den ersten Blick und sie gucken, 
untereinander tuschelnd, zu, wie ich schreibe. Ich mache eine 
kleine Pause — schaue zum Fenster hinaus. Über den Damm 
hinweg, der nur wenige Meter vor der Haustüre liegt, sehen wir 
über die Zuidersee. Klar flimmert der bestirnte Himmel darüber 
und der Wellenschlag einer sanften Brandung rauscht heran. Die 
aufgescheuchten Kleinen schlafen wieder, ich kann 
weiterschreiben... 

Noch klingen uns die Rundfunknachrichten, die wir um 24 Uhr 
abhörten, im Ohr — seit drei Tagen erfahren wir erstmals, was 

144 



^ind Roß und Reiler, 
-> ir in der Abenddämme- 
di€ stillen KäitäU äber- 
n 



Feind erschwert unser 

eiur kommen auch da- 
ch, daß er Brücken in 
end steckt (Seite 148) 




Vormarsch in Nord- 
Holbittd mll Motor 
und Pferd in den 

Srhrittmaßen. zweier 
Jahrhunderte 




^onderkommando hat das 
^Ziel erreicht. Erster Bück 

her die Zuidersee in der 
Dämmersiimde des 11. Mai 

Seite 146) 



Batterien jener bereit am Ost- 
damm der Zuidersee. Drei 
tapfere Kanoniere haben iiier 
den Heldentod gebunden . . . 
i Siehe nächste Seite) 





II ;;• ht-^tiillrten 
iiiisiir (ii jalle- 
Hi n in diT 
Dammböschung 
und erwiesen 
ihnen die letzte 
Ehre (Seite 152} 



denn eigentlich in der Welt los ist... Unser blitzschneller Vorstoß 
zur Küste über Sneek — er führte uns bis auf wenige Kilometer 
an die feindliche Befestigung bei Kornwerderzand heran — hat 
uns ja kaum eine Atempause gegönnt. 



Im Laufe des Tages haben sich die motorisierten Einheiten 
unsrer Kavalleriedivision nach Erkundung und Marschsicherung 
durch Panzerspähwagen von Havelte, unweit Meppel (Provinz 
Drenthe), vorgearbeitet über Noordwolde — Heerenveen — 
Akkrum — Imsum — Sneek — Bolsward bis in die unmittelbare Nähe 
des Städtchens Makkum am Ijsselmeer (Zuidersee). Zwei 
Sonderkommandos sind um 2i.ioUhr, über Workum in zwei 
erbeuteten Omnibussen anrollend, an die Ijsselsee gekommen. 
„Straße von Bolsward nach Makkum unpassierbar, da vom 
Gegner zerstört", schildert der Kapitän St., Führer einer 
Marineeinheit, den beiden Führern der Sonderkommandos in den 
Abendstunden in Bolsward die Lage. „Sie müssen also nach 
Süden ausbiegen und auf einer Nebenstraße Makkum erreichen. 
Der ganze Schiffsraum ist sofort zu beschlagnahmen, sowohl in 
Makkum als auch in Piaam." 

Aufsitzen, wir rattern wieder los! Richtung Workum. 60 Mann 
stark, ausgerüstet mit Karabinern und MG. sitzen wir in den 
beiden bei Akkrum mittags erbeuteten Reiseomnibussen 
„Farway" dichtgepfercht. Eine frohgemute Fahrt ist das in den 
prangenden Abend hinein, der uns erstmalig die Luft der Nordsee 
wittern läßt. In dem für diese Landschaft typischen Tiefflug ziehen 
von der Nordsee her bizarre Wolkenungetüme den Horizont 
herauf. Die sinkende Sonne durchglüht Wasser und Wolken mit 
ihrem Gold — eine wundersame Phantasie, die uns für 
Augenblicke vergessen läßt, daß uns eigentlich ein Kampfauftrag 
hierherführt. Tja — das macht vielleicht der weichgepolsterte 
Reiseomnibus „Farway"? 

Jetzt müßten wir laut Karte nach rechts abdrehen auf Makkum 
zu. Doch wir finden die Straße dahin siebenmal quer mit tiefen 
Gräben durchfurcht. Unpassierbar auch diese Strecke. 

Noch weiter südlich müssen wir ausbiegen. Im Dorfe Parrega 
kurzer Halt — wir haben ja heute noch nichts Rechtes gegessen. 
Wir kaufen Schwarzbrot und geselchte Rinderzunge. Das hält vor. 



145 



Dichtgedrängte Zuschauermengen bestaunen die „Duitschers" 
beim schlichten Souper auf der Landstraße. Weiter geht's. Unsre 
Panzerspähwagen sind schon voraus. Ortseingang Workum ist 
erreicht. Da kommt was Verdächtiges auf uns zu. Holländischer 
Polizist, denken wir, springen ab und machen uns daran, ihn zu 
entwaffnen. 

„Mensch, jetzt war' bald 'n Unglück passiert", sagt unser 
Waffenbruder, der einem Kommando der Kriegsmarine angehört, 
nachdem wir uns noch im letzten Augenblick erkannt haben. Vor 
einigen Stunden hat die Kriegsmarine schon diesen Ort besetzt. 
Zivilisten, ein Mann, eine Frau und ein paar Mädchen, kommen 
heilrufend zu uns herüber. Das Mädel hält uns die „Berliner 
Illustrierte" entgegen, Titelblatt ein Führerbild. „Heil Hitler", rufen 
sie immer wieder. Der Mann deutet auf sein Hausdach und meint, 
er habe sich damit viel Verfolgung zugezogen. „NSB" — das 
Zeichen der Mussertbewegung sehen wir hier in Ziegelschrift 
stehen. Der wackere Mann bietet uns voll Freude seine 
Hilfsdienste an, die wir sofort in Anspruch nehmen. Auch dieser 
Weg, klärt er uns auf, sei nicht zu befahren. In Workum am 
Hauptplatz begrüßen wir die anderen Männer des 
Marinekommandos. 

Doch nun weiter, wir müssen die letzte Helligkeit des Tages 
nützen. Um 21.15 Uhr sind wir am Damm, in Deckung fahren wir 
entlang des Dammweges auf Gaast zu. Da stoßen wir auf die 
zurückkehrenden Panzerspähwagen. „Makkum stark vom Feind 
besetzt — wir fuhren bis auf 600 Meter an das Städtchen heran 
— da hören wir plötzlich einen Hornisten Alarm blasen. Wir 
konnten die Bunker deutlich erkennen — einer hat mindestens 
sechs Schießscharten. Wir mußten kehrtmachen..." 

Und wir 60 Mann werden uns für diese Nacht damit begnügen, 
in dem Dörfchen Gaast Gäste zu sein. Wir kriechen den Damm 
hinauf — der erste Blick hinaus in die weite See! Unnennbare 
Freude erfüllt uns in dieser Stunde, da wir die Zuidersee 
bleierngrau vor uns im blauen Dämmerlicht der hereinbrechenden 
Sternennacht liegen sehen. Da drüben können wir noch die 
Schleuse von Kornwerderzand erkennen... und dort die 
Kirchtürme von Makkum. Die kühle Meerluft weht uns an und 
nimmt uns die Glut aus den Wangen... Befehl: Sofort 
Telephondrähte durchschneiden, ehe Spionage getrieben werden 



146 



kann. Dann wieder einen Blick liinauf aufs Meer, dessen Zauber 
wir verfallen sind. 

Wir begreifen nun erst so richtig jenen Text des griechischen 
Geschichtsschreibers Xenophon, jenes berühmte „Thalatta — 
Thalatta!" „Das Meer — das Meer", riefen die Männer des 
Griechenheeres nach dem Zuge durch Kleinasien beim ersten 
Anblick des offenen Meeres. Das gleiche Soldatenerlebnis — 
über die Jahrtausende hinweg... 

Der dumpfe Donnerschlag eines Schusses, wohl aus dem Rohr 
des Forts Kornwerderzand, rollt zu uns herüber. Vielleicht nur ein 
Alarmschuß — ein zweiter folgt und ein dritter. Bald darauf sehen 
wir die Silhouette eines Dampfers von merkwürdigem Umriß im 
Gesichtsfeld auftauchen, er kommt aus der Richtung Enkhuizen 
auf uns zu. Auf diese Entfernung ist indes nichts Genaues 
auszumachen. Das Schiff kreuzt hin und her und kommt kaum 
von der Stelle. Wohl ein Minenleger. 

Sicherungen werden ausgestellt. Wir können uns ein wenig 
Ruhe gönnen. Wir beziehen Quartier beim Schlächter van Boer 
— Kaminfeuer spinnt bald Traulichkeit um uns. Gastlich werden 
wir bewirtet mit starkem Tee. Wieder dröhnt das Küstengeschütz 
vom Fort her. „Ich unterbreche meine Schinkenstulle erst, wenn 
der Schuß im Damm sitzt", wirft Oberleutnant Graf S. ins 
Gespräch trocken hinein. Kavallerie gerät nicht leicht aus der 
Fassung. 

So, und nun wollen wir uns lang legen auf dem blanken Boden. 
Spähtruppauftrag für morgen früh: Richtung Piaam — Makkum. 

In der Küche unten sitzen die Alten des Dorfes beisammen und 
beratschlagen flüsternd. Unruhvoll zuckt wie ein Gewitterleuchten 
Scheinwerferlicht in der bangen Nacht über der Zuidersee... 



147 



Spähtrupp geht auf die Bunkersperre bei IVIakkum vor 

Vor dem Angriff auf die Schleuse Kornwerderzand 

Der Feind steckt Brücke in Brand / Schleusen geöffnet / Wasser steigt 
Niederländische Aufklärer kreisen über uns / 100 Gefangene bei Makkum 

Gaast, Ostküste der Zuidersee, M 12. Mai, 15 Uhr. 

Der Vorstoß auf den Abschlußdamm der Zuidersee war noch 
nicht möglich, da der Feind sich vor IVIakkum in einer 
tiefgegliederten befestigten Stellung festgesetzt hatte. Zahl der 
Bunker und Stärke des Feindes zu erkunden, ist unser Auftrag für 
den heutigen Morgen. 

Unsre Reiter haben ihre Pferde weit zurückgelassen. Das 
Fahrrad muß sie ersetzen. Die Bewohner des Dorfes Gaast 
leihen uns bereitwillig ihre „Fietsen", d. h. Fahrräder, die gibt es ja 
hier in Fülle. Um 7.30 Uhr fahren wir los. Drei MG. haben wir mit 
und etliche Handgranaten. Wir fahren die dem Damm 
entlangführende Straße Richtung Piaam. Nach zwei Kilometer 
Fahrt stoßen wir auf eine Brücke, die vor kurzer Zeit erst in Brand 
gesteckt worden ist. 

Absitzen! Wir holen Eimer aus dem nächsten Bauernhaus und 
löschen den Brand. Dann hinauf auf den Damm, um die 
feindlichen Stellungen zu erkunden. Mit freiem Auge entdecken 
wir sechs Erdbefestigungen, mit Grassoden ausgezeichnet 
getarnt. Mit dem Glas erkennen wir die Besatzung, die sich noch 
arglos vor ihren Befestigungen bewegt. In der Deckung, die uns 
die Westseite des Dammes gewährt, kommen wir näher an 
Makkum heran. Jetzt hat der Gegner uns entdeckt — ein paar 
Schüsse fallen. Es ist 8.30 Uhr. Holländische Flugzeuge kreisen 
über der feindlichen Befestigung Kornwerderzand und fliegen 
auch über uns weg. Einmal müssen wir in Fliegerdeckung gehen. 

Auftrag ausgeführt, wir können umkehren. Es fällt uns während 
der Heimfahrt entlang der Wassergräben auf, daß der 
Wasserstand erheblich gestiegen ist seit gestern abend. Die 
Wiesen sind zum Teil schon überflutet. Das Wasser und die 
Schleusen, deren Öffnung das Durchkommen auf weite Strecken 
ungemein schwierig macht, sind Verbündete des Gegners. Er 
versteht von seinen Alliierten Gebrauch zu machen. 



148 



Wir machen startklar für die 
Oberquerung der Zuidersee, 
Pak wird auf Verdeck ge- 
bracht (SeiU 157) 



In den Abendstunden spren- 
I gen Pioniere dasFrachtschifff 
das der Gegner zur Sperrung 
des Hafens Stavaren ver- 
senkt hat. Die Ausfahrt ist 
frei! (Seite 161) 





GewoUsame Aufklärung Richtung Feste Kornwerderzand. 
Schwere Fhk bescMeßt erst die Festung, ehe wir . . , 
Unten: — immer wieder in die unzureichende Deckung 
gezwungen, auf dem Abschlufidamm vorstoßen (Seite 155^ 



In Gaast verläßt die Bevölkerung eben das Dorf mit Kind und 
Kegel. Es wäre nicht nötig gewesen, denn um 14.30 Uhr hat der 
Gegner bei Makkum, wohl unter dem Eindruck des gelungenen 
Vorstoßes auf Pingjum — Kornwerd, den eine Radfahrerabteilung 
erzwang, seine Stellungen geräumt und ist teilweise auf 
Motorbooten über die See nach der Befestigung Kornwerderzand 
geflüchtet. Insgesamt betrug die Zahl der Gefangenen bei 
Makkum 100 Mann, denen es nicht mehr gelang, die zur Flucht 
bereitgestellten Omnibusse zu erreichen, die unsre Beute wurden 
samt MG. und reichlicher Munition. 



149 



Bis zum Bauche im Überscliwemmungsgebiet watend 

Die dreifache Befestigungslinie im Räume 
IVIal^l^um — Harlingen durchstoßen 

Befestigungsgürtel vor Kornwerderzand im flüssigen Vorstürmen von 

Radfahrereinheiten gesprengt 
Feind aus fünfzig Erdbefestigungen herausgeworfen 
Trotz IVlinensperren und Betonriegel der Abschlußdamm erreicht 
Unsre Pak brach den Widerstand 

Pingjum am Nordseedamm, Prov. Groningen, 

13. Mai, 8 Uhr. 

Als wir gestern morgen mit unsrem Spähtrupp den 
Befestigungsgürtel erreichten, der sich im Bogen hinzieht von 
Makkum nach Harlingen, hätten wir es nicht geglaubt, daß diese 
sorgfältig ausgebaute Stellung des Feindes den Abend nicht mehr 
erleben würde. Schon durch die dreifache in die Tiefe gehende 
Gliederung der Befestigungssperre gab der Feind seinen Willen 
kund, den Zugang zum Abschlußdamm der Zuidersee mit 
höchstem Einsatz zu verteidigen. In der Tat, die Abriegelung der 
Zufahrtsstraße durch dicke Drahthindernisse, Betonpfeiler und 
„Tank"-Hindernisse ließ erkennen, wieviel dem Feind an der 
Schlüsselstellung Kornwerderzand gelegen ist. 

Allein, langanhaltende Luftangriffe durch das Geschwader 
Schumacher hatten den Feind zermürbt. Seine 
Transportkolonnen wurden durch Luftbeschuß auf dem Damm 
zersprengt, die Besatzungen des Verteidigungsgürtels waren also 
bedroht, abgeschnitten zu werden. In frontalem Angriff gingen die 
Radfahrereinheiten auf die Bunkerlinien bei Witmarsum — Pingjum 
— Schraard — Longerhou und Makkum vor. 

Der Feind hatte mit Hilfe von Deichdurchstichen weite 
Landstrecken unter Wasser gesetzt. Die Wassergräben und 
Kanäle erschwerten an und für sich schon jedes Weiterkommen 
in diesem unwegsamsten Land Europas. Zahlreiche Brücken 
fanden wir brennend. Dennoch kamen unsre Truppen 
überraschend schnell durch die Sperren. Das konnte nur gelingen 
kraft der Draufgängerei der Truppe, die zuweilen bis zum Bauche 
im Wasser watend und in flachen Tümpeln liegend sich 
vorgearbeitet hat, die unter Feindfeuer mit Floßsäcken ihre 



150 



Pakgeschütze in Feuerstellung brachte und mit gut gezieltem 
Beschuß eine Erdbefestigung nach der anderen — es sind wohl 
über 50 gewesen — erledigt hat. Die zielsichere Pak hat eine 
geradezu lähmende Wirkung auf den Feind ausgeübt, der meist 
nach einigen Volltreffern die weiße Fahne schwenkte. 

Unter dem Eindruck des Vorpreschens unsrer Kampftruppe wich 
der Feind teilweise in überstürzter Flucht zurück zu den Dämmen, 
hinter denen Motorboote zur Flucht nach Kornwerderzand 
bereitstanden. Ein überlastetes Boot ist infolge des schweren 
Seegangs gekentert, schwimmend erreichte ein Unteroffizier das 
Ufer, wo er Gefangener unsrer Pak geworden ist, die sofort ihre 
Geschütze zur Verteidigung des Dammes in Stellung gebracht 
hat. 

Um 21.10 Uhr haben die motorisierte Artillerie unsrer 
Kavalleriedivision und die Pak Makkum trotz ungezählter Draht- 
und Wasserhindernisse erreicht. Damit war die Verbindung 
entlang des Dammes von Workum an der Zuidersee über 
Makkum nach Harlingen, dem Nordseehafen Nordhollands, 
hergestellt, damit fiel auch die Auffahrt zu dem Zuidersee- 
Abschlußdamm in unsre Hand. Der Widerstand an dem Beginn 
des Dammes wurde von Stoßtrupps der Radfahrabteilung 
gebrochen. Entlang des Dammes ist Artillerie und Pak eingebaut 
worden, die Verteidigung der Deiche gegen etwaige 
Landungsversuche des Gegners ist gesichert. 

In Makkum erreicht uns die Nachricht vom Hinscheiden eines 
Kameraden, der als Bildberichter den Soldatentod beim Angriff 
auf den Befestigungsgürtel bei Pingjum gefunden hat. Aufrecht 
stehend, so erzählen die Männer, die ihn zuletzt sahen, soll er die 
Kamera auf die Stürmenden gerichtet haben, als die Kugel ihn 
traf. 

Es folgt nun die Bereitstellung zum Angriff auf die befestigte 
Schleuse Kornwerderzand mit dem Einsatz der schweren Waffen. 



151 



Unsre Stukas setzen den holländischen Kanonen- und 

Torpedobooten zu 

Hafen Stavoren, Zuidersee, 
14. Mai, 17 Uhr. 

In Zusammenarbeit mit Einlieiten der Kriegsmarine liat unsere 
Kavallerie die Ostküste der Zuidersee von Makkum — 
Hindeloopen — Stavoren — Lemmer zur Verteidigung eingerichtet. 
Der Feind versuchte von der See aus die Verteidigungsanlage zu 
zerstören. Unmittelbar nachdem unsere Artillerie in Feuerstellung 
gegangen war, erschien überraschend vor dem Hafen Stavoren 
ein feindliches Torpedoboot und feuerte aus der Entfernung von 
1.000 Meter aus drei Rohren. Nur eines unsrer Geschütze ist 
dadurch vernichtet worden. Drei Mann der Geschützbedienung 
fanden hierbei den Soldatentod. Wir betteten sie in die 
Dammböschung, dicht neben die Geschütze, deren Rohre 
hinausragen in die Zuidersee. Auf ihren Gräbern pflanzten wir die 
Blume des Landes: die Tulpe. Voll stummen Schmerzes standen 
wir vor den frischen Gräbern, die Brandung rauschte, die hellen 
Wolken flogen über uns hin, und in ihrem Flügelschlag flüsterte 
das ewige Leben. Der Batteriechef sprach in seiner Grabrede 
aus, was wir empfanden. Er sprach von der Notwendigkeit des 
Opfertodes um Deutschlands willen, er legte den drei Gefallenen 
das Gelöbnis treuen Gedenkens und den Dank des deutschen 
Vaterlandes aufs Grab. 

Die Sühne für das vergossene Blut üben an den feindlichen 
Kriegsschiffen nachmittags die Stukas. Wir sehen sie wiederholt 
aus der Deckung der tiefziehenden Wolken auf feindliche Schiffe 
herabstoßen. Aufsteigende Rauchsäulen bezeugten den Erfolg 
des Bombenabwurfs. 

Der Feind hat versucht, durch Versenkung eines 
Getreideschiffes die Hafeneinfahrt in Stavoren unbrauchbar zu 
machen. Unsre Pioniersprengtrupps haben inzwischen das 
Hindernis beseitigt. 

Verdächtige feindliche Schiffe kreuzen zwischen Mendelike und 
Stavoren, wir vermuten Minenlegschiffe. Nachts läßt der Feind 
zehn Scheinwerfer über der Zuidersee spielen. 

Drei weitere Kanonenboote sind heute durch Luftaufklärung in 
der Zuidersee festgestellt worden. 



Ein Stoßtruppunternehmen ohne Deckung 



Gewaltsame Aufklärung — 
Stoßrichtung Kornwerderzand 

Hartnäckige Verteidigung des Feindes 
Die große Dammschleuse — ein starkes Befestigungswerk 
Mit Panzersprenggranaten gegen die Betonfestung 
Radfahrerbataillon geht auf dem Damm vor 

Harlingen, Prov. Groningen, 
14. Mai, 22.15 Uhr. 

Kornwerderzand! Das stark ausgebaute Beton befestig ungswerk 
auf einer sciimalen Landzunge, die senkreclit zum 
Absciilußdannm der Zuidersee steint, ist eines der Zugangstore 
zur Provinz Holland. Sie nennt sich von altersher eine natürliche 
Festung, die bisher als so gut wie uneinnehmbar gegolten hat. 

Kornwerderzand — wir sehen von der Dammhöhe der Ostküste 
der Zuidersee mit dem Fernglas hinüber, schmale 
Kasernenbauten erkennen wir, die wuchtigen Betonblöcke sind 
wegen ihrer Tarnfarbe schwerer zu entdecken. Unablässig 
kreisen darüber unsre Aufklärungsflugzeuge, trotz des heftigen 
Abwehrfeuers des Gegners stoßen sie immer wieder auf geringe 
Höhe herab, um die Ziele für den kommenden Beschuß in die 
Kamera einzufangen. Von der Nordsee her treibt über den Damm 
schweres tiefes Gewölk, das unsre Flieger der Sicht der 
feindlichen Flak rasch entzieht. Diesig und trüb, regenschauernd, 
hängt der Himmel über dem Damm. Neben uns liegt ein 
Panzerjäger mit dem Auftrag, als Gasspürer sofort jede 
Wahrnehmung von Gas seinem Einheitsführer zu melden. Wir 
liegen unweit von dem Brückenkopf des Abschlußdammes, etwas 
nördlich Kornwerd. Beim Brückenkopf, heißt es, sei von unsren 
Stoßtrupps Senfgas aufgespürt worden — einige Kanister, mit 
„Mostardgas" überschrieben, hätten sie dort vorgefunden. 

Diese Gaswarnung wiederholte sich in Zürich, das wir auf 
Umwegen durch überschwemmtes Gebiet erreichen. Zürich, ein 
kleines Dorf, unmittelbar am Nordseedamm gelegen, ist eine 
einzige Festung. Bunker neben Bunker — die als harmlose 
Misthaufen getarnt sind, entpuppen sich bei näherem Zusehen 
als Erdbefestigung. Drahthindernisse im Verein mit tiefen 

153 



Wassergräben, Kanälen und überfluteten Wiesen lassen einen 
etwa hier angesetzten infanteristischen Angriff als kühnes Wagnis 
erscheinen. Dennoch — gestern ist es, wie berichtet, von unsren 
Radfahrern vollbracht worden. 

Eine Pionierabteilung ist eben daran, an der Chaussee, die nach 
Harlingen führt, umfängliche Betonhindernisse zu sprengen, der 
Weg muß für die Anfahrt der motorisierten schweren Flak 
freigemacht werden. In 35 Minuten soll es losgehen. Wir eilen auf 
den Damm hinauf, sehen hinab nach Kornwerderzand — 
zahlreiche Bunker und Drahtsperren quer über den Damm in 
einer Tiefe von vier bis fünf Kilometer. Vor uns die Nordsee — 
das Wattenmeer, das jetzt zur Zeit der Flut die zahlreichen Inseln 
überdeckt. Nun fahren wir hinüber zum Brückenkopf — das 
Dröhnen der Explosion und die Rauchwolke hinter uns besagen, 
daß die Straßensperre bei Zürich beseitigt ist. Wir begegnen den 
Stoßtrupps, die sich eben für das Unternehmen fertigmachen, ihr 
Sturmgepäck auf die Räder satteln und sich Handgranaten in die 
Stiefelschäfte stecken. Auch der Damm zu beiden Seiten des 
ziemlich zerschossenen Brückenkopfes steht im Zeichen der 
Bereitstellung. Bespannte Artillerie ist hier in Feuerstellung 
gegangen. Der Nordsee- und Zuiderseedamm bietet ihr Deckung. 

Drei durch Pioniere verstärkte Stoßtrupps einer Radfahrereinheit 
haben den Bereitstellungsraum erreicht. Jetzt rattern auch die 
schweren Geschütze, hart erwartet, auf den Brückenkopf zu. Es 
ist 18.35 Uhr. Ruckzuck sind sie auch schon in Feuerstellung 
gebracht — die paar durch Luftbeschuß erledigten Omnibusse, 
die die flüchtenden Holländer am Damm haben stehenlassen, 
dienen zur Tarnung. Es ist für jeden Soldaten eine helle Freude, 
zuzusehen, mit welcher Schnelligkeit und Präzision die 
Bedienungsmannschaften der schweren Geschütze arbeiten — 
Prachtkerle! Scherenfernrohr der B. -Stelle ist aufgebaut und lugt 
nach den Befestigungen hin. Feuerbereitschaft wird gemeldet. Ein 
Aufklärungsflieger zieht über dem Damm seine Kreise. Er soll 
feststellen, ob rückläufige Bewegung des Feindes nach dem 
Beschuß stattfindet. 

Der Auftrag heißt für alle: 1. Feststellen, ob der Feind sich 
verteidigt. 2. Wie stark seine Verteidigungsmittel sind, ob er über 
Artillerie verfügt. 3. Unschädlichmachen der Minensperren durch 
Beschuß, Niederkämpfen der Bunker. 



154 



Der Angriffsstreifen für die gewaltsame Aufklärung ist denkbar 
ungünstig. 20 Meter breit ist die begehbare Bahn des etwa 40 — 
50 Meter breiten Dammes. Nirgends eine Möglichkeit zu 
hinreichender Deckung — nur die vier Kilometer lange 
Asphaltstraße vor uns, die uns hinführt nach Kornwerderzand. Die 
Verteidiger aber sind auf diese Straße aufs beste eingeschossen, 
die können auf beide Seiten des Dammes MG. -Flankenfeuer 
legen und die Fahrbahn mit Artilleriebeschuß zudecken. 

18.45 Uhr. Die Beschießung hat begonnen. Die Geschosse 
zischen auf das Ziel zu. Zu kurz — zu weit. Dann aber Treffer — 
schwarzer Rauch wölkt hoch. „Panzersprenggranaten — laden", 
kommandiert in einem fort der Geschützführer. „Feuern!" In den 
Bunkern drüben rührt sich nichts. Kein Schuß wird erwidert. Von 
der B. -Stelle fliegt nach der Korrektur das Kommando herüber: 
„Feuerüberfall." Wieder sitzen die Schüsse im Ziel. Das Dröhnen 
der Kanonade schwillt an und hat längst das Rauschen der 
starken Brandung der Nordsee überschlagen. Die Artillerie feuert 
aus allen Rohren, die Ziele verschwinden für Minuten im Rauch 
der Einschläge. Über eine Stunde lang rollen die Donner der 
Batterien über Damm und See hin. Mit blaugrüner Düsternis fällt 
der Abend ein, sie wird durchflammt vom grellgrünen 
Mündungsfeuer der Geschütze. 

Stoßtrupps auf Rädern schieben sich jetzt lautlos die 
Dammstraße hinauf Richtung Kornwerderzand. Etwa zwei 
Kilometer tief sind wir schon vorangekommen — da beginnt der 
Feind dazwischenzufunken, als ob er erst jetzt aus seinem 
Schrecken erwacht wäre. Ganz dicht vor uns liegen die 
Einschläge. Alles haut sich in die eine flache Rinne seitlich der 
Fahrbahn — eine Gruppe sucht jenseits des Dammes Schutz, 
wird aber vom feindlichen Flankenfeuer zurückgetrieben. Die 
ersten Verwundeten werden in Krädern eilends zurückgeschafft. 
Dicke Luft auf diesem verdammten Damm. In langer Reihe liegen 
wir in der Rinne — dann wieder: Vorwärts, marsch — marsch! 

Bis auf 500 Meter arbeiten sich unsre tapferen Stoßtrupps an die 
Tanksperre heran, ungeachtet des wütenden Abwehrfeuers. 
Pakgeschosse zerpfauchen auf dem Asphaltbelag, man 
beschämt, am Boden liegend, an Flachheit eine Nordseeflunder... 

Der Kommandeur der bespannten Artillerie und sein Adjutant 
werden schwer verwundet auf Krafträdern zurückgebracht. 



155 



Langsam lösen sich die Stoßtrupps wieder vom Feind. Die 
gewaltsame Aufklärung hat ihren Auftrag erfüllt. 

Wir stehen knapp vor Einbruch der Nacht. Es ist 21 Uhr 
geworden. Gemessen am Ergebnis sind die Verluste gering. Das 
Stoßtruppunternehmen ohne Deckung, das todentschlossene, 
mutige Vorgehen der Trupps auf der blanken Dammstraße, den 
feuernden feindlichen Rohren kalt entgegensehend, wird als 
schneidige Tat unsres Radfahrerbataillons in Erinnerung bleiben. 



156 




Oben: Teilstück des ßefesiionni^sf^ürtels bei Makluini vor Kornwerderzand. Weder 
Stahl, Beton, noch künstliche Überschwemmungen konnten verhindern ... Unten: 
. . . die Kopitulation Hollands. Deutsche Parlamentäre, gefolgt von einem holländischen 
Pionieroffizier, überschreiten die Tanksperre der Seefeste Kornwerderzand (Seite 162) 



Gecharterte Flottille klar zum Auslaufen 

Auftrag: Gruppe Max überquert die Zuidersee 

Eine tolle Karriere: Statt des Zügels — das Ankertau 
„In Kiellinie aus dem Hafen, 
auf Kommando Max in befohlene Dwarslinie" 
Gegenbefehl in letzter Stunde / Zwischen Trauer und Freude 

Im Hafen Stavoren, an Bord derWK. 26, 

15. Mai, 0.25 Uhr. 

„An Bord der WK. 26", das klingt doch großartig! Wenn man die 
Saclilage nälier besälie, zerflatterte allerdings die Vorstellung von 
einem eleganten Schiff, auf dem es sich wohl leben läßt. WK. 26 
ist keine Luxusjacht, Gott bewahre. WK. 26 ist eigentlich auch 
kein Kriegsschiff, kein Zerstörer, auch kein Kanonenboot. 
Dennoch, es ist kein ganz friedsames Schiff. WK. 26 — WK. ist 
die Abkürzung für Workum, ein Fischerhafen an der Zuidersee — 
hat nicht mehr als 15 Bruttotonnen, also ein biederer Fischkutter. 
Hinter uns — wir sitzen und schreiben nämlich in dem engen 
Logis des Führerschiffes der Gruppe Max — haben an der Mole 
des Hafens Stavoren noch neun solche Kutter angelegt, die von 
dem Unternehmen Stein bereits am 11. Mai im Hafen Workum 
gechartert worden sind. 

Im Handstreich wurden die flüchtenden Schiffe an die Kette 
gelegt. Nach tagelanger schwieriger Vorbereitung ist es nunmehr 
so weit — das Hindernis in der Hafeneinfahrt, ein von den 
Holländern versenktes Frachtschiff, wurde gestern von Pionieren 
weggesprengt — , alle nötigen Fahrzeuge sind herbeigeschafft 
worden auf den Kanälen, und die Maschinen wurden 
instandgesetzt. Es gelang dies trotz passiver Resistenz der 
holländischen Schiffer, die wohl nicht dran glaubten, die 
„Duitschers" würden mit der gecharterten Flottille klar kommen. 

Nun ist es so weit — die Flottille ist startklar. Die Geschütze der 
bespannten Artillerie sind bereits bei sinkender Sonne auf die 
Kutter verladen worden, desgleichen die Pak. Auf der Back hat 
man sie in Feuerstellung gebracht, wohlverschanzt hinter 
Sandsäcken. Die Rohre starren in Kurslinie des Schiffes, wir sind 
gegen jede Überraschung gesichert. Die Stukas haben ja heute 
nachmittag in der Zuidersee mit den feindlichen Kanonenbooten 



157 



aufgeräumt, die können uns nicht rneiir gefälirlicli werden. Da 
liaben wir also nur nocii die Küstenartillerie gegen uns und 
wahrscheinlich die Minen. Matrose Mecklenburg und der 
Maschinist Nordheim behaupten allerdings fest, daß wir drüben 
auf den Tommy treffen werden. „Dem wollt' ich ja noch eins upn 
Kopp geb'n", stößt der Matrose hervor, „das ist mein einziger 
Wunsch." 

Eben ist Besprechung beim Kommandeur. Werden wir in See 
stechen oder nicht? Die Frage liegt uns allen auf den Lippen, 
mehr noch auf dem Herzen. Im Geiste sind wir ja schon seit drei 
Tagen an der Gegenküste der Zuidersee, in Altholland. Heute 
gegen Abend flogen unsre Stukas noch das Befestigungswerk 
Kornwerderzand an. Die Sicht war allerdings für die Stukas 
schlecht. Nur einmal dröhnten und tosten die Bombeneinschläge 
herüber über das Wattenmeer. So mag es wohl kommen, daß wir 
auf dem Seewege früher dort sein werden als jene, die über den 
Damm das andere Ufer erreichen sollen. 

Wundersames Mondlicht überflutet den Hafen Stavoren. Wir 
haben das Logis unsres Kutters für die Zeit eines 
Hafenrundganges verlassen. Es wurde uns zu heiß da drinnen, 
die Ölfunzel verbreitet ziemliche Wärme, und die Lötlampe, der 
von Mund zu Mund wandernde Genever, hat das Seine zur 
Erhöhung der inneren Temperatur getan. Ha, abenteuerlich sieht 
sie schon aus, unsre Flottille, das muß man sagen, verwegen wie 
eine Freibeuterflottille des 17. Jahrhunderts. Das Abenteuer, das 
uns bevorsteht, kribbelt schon jedem von uns im Blute. Auf dem 
Rücken des Pferdes sind wir bei Coevorden nach Nordholland 
'reingaloppiert, zwischendurch hat uns der Motor weitergetragen, 
dann haben wir uns aufs Fahrrad schwingen müssen, um 
Spähtruppaufgaben zu erfüllen, und nunmehr sind wir Seefahrer 
geworden! Von einem Tag zum andern. Selbst für vielgerittene 
Kavalleristen eine tolle Karriere... Das hätten sich unsre braven 
ostpreußischen Reiter auch nie im Schlafe einfallen lassen, daß 
sie die Zügel ihrer Pferde mit dem Ankertau vertauschen müßten. 
In Gruppen stehen sie zum Teil vor ihren Kuttern und besprechen 
in der freudigen Erregung, die durch unsren ungewöhnlichen 
Auftrag berechtigt erscheint, was wohl kommen mag. Für diese 
Reiter gilt immer noch, was ein Weltkriegs-Kavallerist von seiner 
Waffe sagt: „... denn es war das Wunder der deutschen 
Kavallerie, eines jeden einzelnen Mannes, daß der Kampf, die 



158 



Gefahr ihre schönste Freude, das Ruhen der Waffen ihre 
Verdrossenheit war." 

Sondermeldungen sollen durchgegeben worden sein, die 
Niederlande hätten kapituliert... Ob das stimmen kann? Irgendwo 
an der Mole singen Reiter und Matrosen zusammen: „... denn wir 
fahren, denn wir fahren übers Ijsselmeer..." 

Das ist eine Bombenstimmung hier, wahrhaft! Vor einigen 
Stunden noch klirrten in dem Dorfe Molkversum, wo wir in 
Quartier lagen, die Fensterscheiben unter dem Druck ferner 
Bombardements. Uns soll jetzt nichts mehr hindern, Yan an den 
Feind! Auch keine Minensperre kann uns davon abhalten. 
Trockener Seemannshumor wird mit der Zweideutigkeit der Lage 
fertig. „Matrosen mit abstehenden Ohren", scherzt der eine, 
„sollen sich klar machen zum Sammeln. Die zum Sterben 
eingeteilten Matrosen hinter den Gewehrwagen antreten zum 
Särgeempfang..." 

„Wir machen uns nichts aus dem Sterben", erklärt der 
Maschinist Horst Nordheim ohne einen Hauch von Pathos später 
im Logis unsrer WK. 26, „sie können uns hinschicken, wohin sie 
wollen. Wir haben uns freiwillig hierher gemeldet. SU. Stein 
(Sonderunternehmen Stein) ist 'n bißchen 
Himmelfahrtskommando", erklärt er auf Platt mit dem spitzen „st". 

„Wir haben uns schleifen lassen", ergänzt Matrose Mecklenburg, 
„und den Buschkrieg" — so bezeichnen Matrosen offenbar die 
infanteristische Landausbildung — „mitgemacht ein halbes Jahr 
lang. Kinner — Kinner... Wir wollten unsren Teil dazu beitragen, 
daß wir gewinnen." 

„Nich, Willem, wir lassen uns nich die Haare schneiden und 
rasieren uns nich und lassen den Sauerkohl stehen bis wir in 
England sin?" meint Horst, der Maschinist. 

„Belgien tut's auch", meint Willem, sonst oller Handelsseemann, 
„da bin ich in jedem Hafen bekannt wie ein bunter Hund — von 
Antwerpen bis Dünkirchen." 

„Ja, Horst, das war schon eine phantastische Fahrt über 
Groningen-Leeuwarden nach Makkum. Weißt du noch — in 
Bolsward haben sie uns für englische Matrosen gehalten? ,You 
are englishmen?' haben die verdutzten Holländer uns gefragt. 
,Yes', hab ich damals mit kalter Schnauze gesagt." 

„Und ich ,allright' — das einzige englische Wort, das ich kenne", 
fügt Horst hinzu. 



159 



„Hast die langen Gesichter gesellen, wie ich schließlich gesagt 
habe: ,Wij zyn Duitschers'? Ein kleiner Jung, der dabeistand, 
platzte los: ,God verdomme, dat zyn ook menschen, die zien er 
niet ZOO kwnad uit...' (soll auf niederländisch heißen: — sehen gar 
nicht so übel aus...)." 

Auf der Back poltern Schritte. „Achtung!" Der Führer der 
Spitzengruppe Max tritt herein. „Um 4 Uhr springen die 
Maschinen an, gleich darauf werden wir auslaufen. Verstanden? 
Seid vernünftig, Jungs, und stoßt kein Bier auf...!" 

Hurra! Es geht los! Kinder, her mit der Flasche Genever, noch 
ein kleiner Schluck rundum zur Feier des Tages! 

Wer denkt jetzt noch an Schlaf? Es geht schon gegen 2 Uhr. 

Wieder hören wir Schritte der Mole entlang. Ein Gespräch läßt 
uns aufhorchen. Verflucht und zugenäht, das klingt so gedämpft, 
so komisch. 

Gleich drauf ruft Leutnant R. zur Tür herein: „Für heute 
Feierabend, Jungs, ihr könnt schlafen gehen..." 

Wir sehen starr zur Türe hin. „Ja, ja — ihr könnt schlafen gehen, 
der Krieg ist aus für heute — Holland hat kapituliert." 

Aus unsrer Wikingerfahrt über die Zuidersee wird also nichts, es 
sei denn, wir fahren friedensmäßig über die See. Aber das will 
unsren Kerlen von Matrosen nicht schmecken. 

„Willem", gurgelt Horst mit gebrochener Stimme, „jetzt schreib' 
ich eine Ansichtskarte nach Haus' — Willem, Willem — jetzt 
rasieren wir uns..." Der junge Maschinist Nordheim hockt als 
Trauerkloß in der Ecke. Willem hält sich beide Hände vors 
Gesicht. Man hört den Wellenschlag durch die Bordwand. Es ist 
ganz still geworden in unsrem Logis. Die Lampe knistert, dann 
und wann ein schwerer Atemzug... 

„Willem", sage ich schließlich, „wir tun doch besser dran, uns zu 
freuen, daß es so gekommen ist. Ich kann verstehen, wie 
Seemannsblut, Soldatenblut überhaupt, in diesem Augenblick 
schäumt... Aber wir haben schon noch unsre Aufgabe vor uns, 
Willem", versuche ich ihn zu trösten, indem ich dem zerknickt 
Dasitzenden ein neues Rückgrat einfädle, „wir fahren schon noch 
gegen Engeland... Alter Knabe, Kopf hoch!" 

4 Uhr morgens ist es geworden. Der Schlaf zwingt uns in die 
Kojen. Wir schlafen hinein in den Morgen, der die Übergabe der 
Befestigung Kornwerderzand bringt und damit uns den Landweg 
öffnet zur Festung Holland hin. 



/ 



V. 



1 ■'«Jk ^■^'^'^ 

1. # 



II' 



D^r Festung Holland entoef^en reiten die Sehwadro- 
nen, vorbei an der Seefesie Kornwerderzand und . . . 

Unten: . . entlang des Abschlußdammes zwischen 
Zuidersee und Nordsee (Seite 165—166) 





Nach dem Bombarde 

von Rotterdam. Hier sah- 
wir die Stätten des he 
mütigen Kampfes nnsr 
Fallschirm jüf^er und L 
landetruppen 



Blitzschnell erfolgt die 
Setzung des Landes. Mo 
sierte Verbände kommen 

entgelten hei einer F 
nächst . \m>.ifrdam ; wir f 
ren nach Belgien weiter 




Die Friedenstaube auf der Kasematte 



Schleusenfort Kornwerderzand hat sieh ergeben 

Mit einem Parlamentär in der Sclileusenfestung 
Drelibrücke zerstört — wie kommen wir weiter? 
Holländisclier Soldat rülimt die Ritterliclikeit der deutschen Kampfflieger 
Gemeinsamer Kaffee vor dem Festungswerk A 4 

Kornwerderzand am Abschlußdamm, 

15. Mai, 17 Uhr. 

Als gestern abend unsre Radfahrereinheiten sich wieder zum 
Sturme bereitgemacht hatten — nach einem Stukaangriff auf 
Kornwerderzand sollte es losgehen — , dachten wir nicht, daß 
zwölf Stunden später die Festung den Widerstand aufgeben 
würde unter dem Eindruck der deutschen Machtmittel in anderen 
Frontabschnitten. Wir machten uns noch darauf gefaßt, unter 
stärkstem Einsatz den Widerstand der Festung zu brechen, den 
wir freilich nach der Erfahrung der gestrigen gewaltsamen 
Aufklärung nicht unterschätzten. Jetzt soll ein Stoßtrupp in Stärke 
von 125 Mann eingesetzt werden: Eine Pioniergruppe, ein 
Gasspürtrupp, ein Nebeltrupp, ein Sprengtrupp und so fort — drei 
weitere Stoßtrupps dieser Art stehen bereit. Unsre Stukas stoßen 
immer wieder auf die Höhe der Festung vor, um 17 Uhr etwa 
kündigt uns ein Tosen und Dröhnen, daß die ersten Einschläge 
gesessen haben... Dann aber tritt Stille ein. 

Inzwischen liefen die ersten Verhandlungen wegen der 
Kapitulation der holländischen Streitkräfte. Davon ahnten wir 
freilich nichts, die wir wartend auf den Einsatz am Damme lagen. 
Am 14. 5. um 19 Uhr erreichte uns der Befehl: Das Unternehmen 
unterbleibt für heute — alles zurück! Wir glaubten: Nun geht es 
über die Zuidersee mit Gruppe Max... 



Am Morgen des 15. Mai fahren wir mit einem Parlamentär der 
Pioniertruppen den Ostdamm der Zuidersee entlang nach 
Kornwerderzand. In der Nacht um 22 Uhr haben die ersten 
Verhandlungen zwischen unsrem Divisionsstabe und der 
holländischen Admiralität und der Landstreitkräfte stattgefunden. 



161 



Am heutigen Morgen von 4 — 7 Uhr wurden sie fortgesetzt. Die 
Schleusenfestung Kornwerderzand hat sich also ergeben. 
Offiziere der niederländischen Festungspioniere — Genietruppen 
nennen sie sich hier — kommen uns entgegen und erklären sich 
bereit, uns bei dem Auftrag behilflich zu sein. Es geht darum, in 
kürzester Zeit an Stelle der gesprengten großen Drehbrücke über 
die Schleuse einen Nebenweg zu erkunden bzw. zu schaffen. 

Wir erkennen im Vorüberfahren die Stelle wieder, wo wir gestern 
unter dem feindlichen Pakfeuer in der flachen Rinne rechts von 
der Fahrbahn gelegen haben. Rechts und links von uns die 
Minenfelder unter dem Rasen, die ihre Fortsetzung finden in den 
quergestellten Omnibussen, die, von der Brandung der Zuidersee 
halb überflutet, wohl das Herankommen von Motorbooten 
erschweren sollen. Wir stehen vor der großen Tanksperre — ein 
dichter Saum aus hochragenden, vorgeneigten Stahlschienen 
starrt uns entgegen. Mit dem Schneidebrenner wird gerade ein 
Weg gebrochen. Bereits entwaffnet, sind die holländischen 
Pioniere dabei, das Vorgelände zu entminen, sie schleppen die 
entschärften Tellerminen durch die Tanksperre. Vor uns liegt ein 
Bild der Zerstörung — ein Werk der von den Holländern selbst 
gestern abend noch vorgenommenen Sprengungen und die Folge 
des Beschüsses unsrer schweren Waffen. Von der Kaserne 
ragen nur mehr Trümmer auf — die Drehbrücke über die 
Schleuse ist auch schwer havariert. Dahinter die Anlagen des 
Forts mit ausgezeichnetem Tarnungsanstrich. 

Die erste Begegnung mit der Kasemattenbesatzung. Uns trifft 
kein Blick des Hasses, es liegt in den Gesichtern dieser Männer, 
die ihre Soldatenpflicht taten wie wir, ruhige Fassung, kein Zug 
von Bitternis. Mit einer stillen Würde, die uns zur Bewunderung 
nötigt, tragen diese Männer ihr Geschick. Sie grüßen uns 
freundlich und wir sehen uns offen an, als wären wir nicht zwölf 
Stunden zuvor Gegner gewesen, die aufeinander schössen. Wir 
alle, Sieger und Besiegte, fühlen: Das, was sich ereignet hat, war 
im Grund ein tragischer Konflikt. Der Krieg, den wir hier führen, 
kam nicht als zwangsläufige Folge einer innerlich verspürten 
Feindseligkeit der Menschen oder auch nur einer Fremdheit. Es 
ist das Bewegende, ja Erschütternde dieser ersten Begegnung 
mit dem geschlagenen Gegner, daß wir empfinden, das alles 
hätte nicht zu sein brauchen, gleiches Blut hätte nicht müssen 



162 



gegen gleiches Blut eingesetzt werden, wenn nicht die 
Verblendeten dort in Den Haag es leichtsinnig so gewollt hätten... 

Es drängt sich uns das Geständnis auf die Lippen, daß die 
niederländische Bevölkerung uns nahezu überall mit 
beispielhafter Vornehmheit aufgenommen hat. Die holländischen 
Festungspioniere lassen sich das gerne erzählen. „Ritterlich — 
das können wir auch von den deutschen Streitkräften sagen", 
erklärt einer der tapferen Kasematten besatzung in fließendem 
Deutsch, „eure Kampfflieger, die Jäger und Bomber, hätten auf 
diesem Damm unsre Soldaten zu Tausenden kaputtschießen 
können — aber sie haben es nicht getan." 

Wir stehen an einer schmalen Schleuse. Darüber müssen die 
Hölzer gelegt werden, damit unsre Division ihren Marsch nach der 
„Festung Holland" in kürzester Zeit antreten kann. Die 
niederländische Festungsmannschaft gibt sich unter der Führung 
ihrer Offiziere alle erdenkliche Mühe, unsre Pioniere dabei zu 
unterstützen. 

Im ersten Festungswerk empfängt uns die Besatzung mit 
freundlicher Geste. Sogleich bieten sie uns Zigarren an — wir 
nehmen sie gerne und ein erster Händedruck bekräftigt die 
Achtung vor unsrem Gegner. 

Wir erwähnen, daß wir Durst hätten. Sie bieten uns mit eben der 
vielgerühmten holländischen Gastlichkeit, die uns selbst schon 
begegnet ist, zu essen und zu trinken an. Die eine halbe Stunde, 
die wir vor dem Festungswerk A 4 mit unsrem Gegner von 
gestern zusammen Kaffee getrunken haben unter frohen 
Gesprächen, wird für uns denkwürdig bleiben. Mehr als einmal ist 
uns hier versichert worden, daß diese Männer sich uns 
Deutschen jeweils verwandter gefühlt haben als den Engländern 
gegenüber. Ein alter, in Ehren ergrauter niederländischer 
Sergeant entdeckt uns plötzlich inmitten seiner Männer. „Och", 
platzt er los, „dat zyn Duitschers!" Er hat uns hier nicht vermutet. 
Auch der wackere Alte zeigt keine Spur von Bedrückung, obwohl 
die Stunde ihm nicht ganz leicht fallen mag. Der Krieg ist für sie 
aus — sie atmen leichter, sie sind alle, Offizier und Mann, unsrer 
Achtung sicher, das fühlen sie. 

„Wann werden wir nach Hause kommen?" fragen sie uns. 
„Rasch", können wir ruhig sagen. „Unser Führer ist sehr 
großzügig, ihr werdet das bald erfahren." 



163 



Die bedeutsame Stunde gibt oft ilire Zeiclien. Wir reden vom 
Frieden in diesem sciiönen Lande und sciion flattert uns das 
Symbol des Friedens zu. Ein Taubenpaar hat sich auf dem 
begrasten Betondach der Kasematte niedergelassen und äugt zu 
uns herab. ,.Kijk eens, daar boven op zet een duif — een 
vreedesduif!" „Schaut", ruft einer, „da oben sitzt eine Taube, eine 
Friedenstaube!" Alle gucken hoch, und ein heiteres Lachen macht 
die Runde. 

Gerne nehmen wir für einen holländischen Artilleristen Post an 
seine Frau in Workum mit, sie soll rasch erfahren, daß ihr Mann 
wohlbehalten lebt. Unterwegs begegnen wir einem holländischen 
Jungmatrosen von der „Koninklijken Marine", er grüßt — wir 
trauen unsern Augen und Ohren nicht — stramm mit Heil Hitler! 

Morgen früh soll der Marsch unsrer Reiter über den Damm nach 
der Provinz Holland beginnen. 



164 



Nat li dem. Fall Antwerpens. 
Durch den noch unzer störten 
Fußgängertunnelgelangtdie 
Infanterie ans andere 
Schelde4Jfer, * . . 





Antwerpen liegt hinter 
wir stoßen auf das 
Zwyndreclu vor, das 
Feind noch verteidigt 
(Seite 



In Scliützenreihe zu bciu 
Seiten der Straße vorgieher, 
säubern wir den Or\ 
gang Zwyndreekts, P„ 
lieh verdächtiges Motor 
geräusch (Seite 1T4, Fo 
Se tzung nach Textseite 17 



Nach der Ergebung Kornwerderzands 



Kavallerie marschiert über den Abschlußdeich 

Radfahrereinheit besetzt den Brücl^enl^opf bei Den Oever 
Die Besatzungen der 13 Betonfestungen bei Den Oever werden abgelöst 
IVlilitärflugplatz bei Den Helder wird instand gesetzt 

Kriegshafen Den Helder, 
16. Mai, 15 Uhr. 

Gleich nach der Fertigstellung der Behelfsbrücke über die 
Schleuse der Festung Kornwerderzand — die Brücke wurde von 
den Pionieren auf den Namen „Generalmajor Feldt" getauft — 
fuhr noch am Abend des 15. Mai eine Radfahrereinheit über den 
Deich, um das andere Ufer, vor allem den Brückenkopf bei Den 
Oever zu besetzen. Heute morgen folgen ihr die anderen 
Einheiten der Division. Wie froh sind wir, da wir an der Festung 
vorbeizogen und den Damm entlang reiten dem anderen Ufer zu, 
das etwa 30 Kilometer vor uns liegt. Der Weg zur „Festung 
Holland" steht uns offen... 

Flüchtlinge kommen uns auf Rädern und Kraftwagen entgegen, 
freudig kehren sie in ihre Dörfer zurück, die sie zumeist in 
übertriebener Besorgnis verlassen hatten. Das Leben beginnt nun 
wieder allenthalben seinen gewohnten friedsamen Lauf zu 
nehmen und das Aufatmen nach der Ergebung ist überall zu 
vernehmen. 

Den Oever — ein in Eisen und Beton starrendes gewaltiges 
Festungswerk, bestehend aus 13 Anlagen moderner 
Festungsbauart. Wir besuchen die Anlage rechts der Straße — 
unsre Radfahrer haben sich hier bereits häuslich eingerichtet, vor 
den Festungswerken sind einige beschäftigt, aus den Händen der 
holländischen Mannschaft die Unmengen Munition zu 
übernehmen. Dort über der „Tanksperre", wo jetzt die weiße 
Fahne flattert, ist die Munition für die Küstenartillerie gestapelt. 

Links der Straße stoßen wir auf ein Werk, dessen Besatzung 
überhaupt noch keine Weisung erhalten hat. Sie warten auf 
Ablösung. „Hat man uns vergessen?" fragen sie besorgt, denn sie 
wollen heim, nur heim. Sie haben genug vom Krieg, wie sie uns 
versichern, über ein Jahr lang leben sie zum Teil schon in diesen 
Bunkern. In anderen Werken sind die Holländer schon abgelöst 

165 



worden, nur ein paar bleiben vorläufig noch zurück, um unsre 
Männer einzuweisen. Sie haben, zumeist guter Dinge, ihre 
Bündel und Koffer gepackt und fahren per Rad oder mit einem 
der stehengelassenen Omnibusse heimzu. Den Anschein hat es 
wenigstens. 

Wir haben nicht den Eindruck, Gefangene vor uns zu haben. Sie 
selbst haben wohl, wie sie uns versichern, ungeachtet ihrer 
Entwaffnung, auch nicht das Gefühl, Gefangene zu sein. 
Nirgendwo sahen wir einen Posten mit Bajonett niederländische 
Soldaten bewachen. Die Offiziere durften ihre Waffe behalten. 
Auch grüßen wir einander. Eine ritterliche Begegnung in jeder 
Weise. 

Den Helder, der Kriegshafen an der Nordspitze der Provinz 
Holland, ist ebenfalls bereits von einem Kommando der Kavallerie 
besetzt. Bevor wir in die Stadt kommen, schauen wir uns um auf 
dem Militärflugplatz. Hier hat das Geschwader Schumacher 
gründliche Aufräumarbeit geleistet unter den militärischen 
Flugzeugen, die großenteils durch Brandbomben vernichtet 
worden sind. Arbeitsstaffeln der ehemaligen „Koninklijken Marine" 
sind auf der Weite des Rollfeldes eben dabei, die Trümmer der 
Flugzeuge zu verladen bzw. abzuschleppen. Ferner werden die 
hunderte Meter langen, kreuz und quer führenden Sperrgräben 
wieder eingeebnet, die das holländische Flugplatzkommando, 
wohl um deutschen Landungen vorzubeugen, mit Motorpflügen 
hat ziehen lassen. 

In dem Hafen von Den Helder ist eben eine Einheit der Marine- 
Küstenpolizei eingetroffen, die sogleich den Kriegshafen, Festung 
und Schiffe übernehmen wird. Auf dem höchsten Krane weht die 
weiße Fahne. Zur Zeit verhandelt der deutsche Kapitänleutnant 
noch mit der Admiralität über die Art der Übergabe. Wir wandern 
hinauf zu dem Panzerfort Harssens, wo die Rohre der 
Küstenbatterien in die Nordsee hinausragen unter flachen 
Panzerkuppeln. Ein Minenlegboot liegt davor vor Anker. Die 
Besatzung räumt eben die Schiffe, die holländischen Matrosen 
kommen die Molen herauf, sie treten offenbar zum letzten Appell 
an. Einige haben ihre Mädchen untergefaßt und sie machen aus 
ihrem Glück kein Hehl, daß der Krieg für die Niederlande beendet 
ist. 



166 



Meldung an die Division, Osteingang Sclieldetunnel 9.05 Ulir 



Reichskriegsflagge 
auf Antwerpener Rathaus gehißt" 

Fortgürtel in verwegenem Vorstoß überrannt 
Ein Scheidetunnel bereits gesprengt 
400 Kisten Sprengstoff im Handstreich erbeutet 
Pak-Stellungswechsel über hunderte Stufen stiegab, stiegauf 

Vor Antwerpen, 18. Mai, 20 Uhr. 

In einem Vorstoß von ungeheurer Schwungkraft ist heute 
Antwerpen eingenommen worden. Unsre Infanterie hat wieder 
einmal gezeigt, was sie ungeachtet vorausgehender tagelanger 
Marsch- und Gefechtsleistungen aus sich herausholen kann in 
dem Augenblick, wo es drauf ankommt. Indem wir uns der Stadt 
nähern, schlagen wir in Gedanken die Brücke zurück zu dem 
glorreichen 8. und 9. Oktober 1914, da die Sturmbataillone 
General von Beselers in unaufhaltsamem Vorwärtsdrang den 
letzten Widerstand des durch die 30-Zentimeter-Skoda-Mörser 
zermürbten Festungsgürtels Antwerpen gebrochen haben und 
das Stadtzentrum besetzten. In Brandqualm lag damals die Stadt 
— diesmal liegt ein fast heiterer Maihimmel darüber. Eine 
uneinnehmbare Bastion in dem Vorfeld britischer Machtinteressen 
sollte auch diesmal wieder die Stadt an der Scheide werden... Es 
schweigen nun die Gürtel der modernen Forts, überrannt in 
verwegenem Vorstoß. Diesmal haben unsre Truppen den 
Belgiern nicht mehr den Atem gelassen, aus der verteidigten 
Stadt Ausfälle zu versuchen wie am 25. August und am 9. 
September 1914. 

„Ohne Rücksicht auf Flankierung" durchstoßen — der Gedanke 
beherrscht die Führung, er treibt unsre Truppen vorwärts. Dahin 
lautet der Korpsbefehl für den 18. Mai: 

„Das AK. setzt sich in Besitz der Festung Antwerpen und verfolgt 
den Feind in Richtung Gent. Die x. Division marschiert ohne 
Rücksicht auf Flankierung durch noch haltende Teile auf 
Antwerpen vor, stößt durch Antwerpen unter der Scheide durch 
und gewinnt auf dem Westufer der Scheide die Gegend westlich 
Zwyndrecht. Hierzu stößt IR.... auf der Straße Maria ter Heide, 



167 



Btraschaet, Merksem vor. Das Regiment nimmt Fort Merksem, 
setzt sicli in Besitz der Brücke über den Albertkanal, nacli 
sciinellem Durclistoß durcli den Nordteil Antwerpens ist die 
Besitznalime des Tunnels unter der Scheide von entscheidender 
Bedeutung." 

Der Panzerabwehrgraben liegt schon hinter uns — Pioniere und 
Infanterie haben ihn im Sturmlauf überwunden, die 
Stadtrandverteidigung ist niedergekämpft. Alles deutet darauf hin: 
Der Feind flieht! Radfahrereinheiten — Aufklärungsschwadron — 
unter Führung des Oberleutnants Seh.-S. und die vordersten 
Teile der Infanterie unter Führung des Oberleutnants R. bleiben 
ihm auf den Fersen. Den Tunnel wohlbehalten zu gewinnen, ist 
die Aufgabe dieser Stunde. 

Es schießt aus den Häusern, Handgranaten machen dem 
Franktireurspuk bald ein Ende. Osteingang des Scheide- 
Fahrtunnels ist erreicht. Von hier kann der Führer der 
Aufklärungsschwadron seinem Regimentskommandeur um 9.05 
Uhr schriftlich melden: „Scheidetunnel (1.900 Meter) erreicht. Es 
wurde versucht, Tunnel an mehreren Stellen zu sprengen. Teile 
der Decke sind heruntergestürzt. Wasser sickert an tiefster Stelle 
durch die Decke. Pioniere erbeten. Erkundungen am 
Fußgängertunnel im Gange... Letzte Truppen (Belgier) haben in 
vergangener Nacht Tunnel passiert... Hakenkreuzfahne auf dem 
Antwerpener Rathaus gehißt. Sch.-S." 

Doch der Fußgängertunnel scheint noch unbeschädigt zu sein. 
Es geht jetzt um Minuten, vielleicht hält das Kommando der 
Nachhut gerade die Lunte an die Sprengladung, wenn es 
vermutet, daß unsre Spitzen im Tunnel sind. Wie eine Falle lauert 
die diesseitige Tunnelmündung. Aber das Glück ist groß, weil der 
Mut unsrer Spitze groß ist. Im Handstreich wird der Ausgang 
erkämpft, verzweifelt rennt der Feind mit schweren Waffen 
dagegen an. 400 Kisten Sprengstoff, zur Vernichtung dieses 
zweiten Tunnels vorbereitet, werden von uns in Sicherheit 
gebracht. 

„Brückenkopf gebildet. Feuer aus Zwyndrecht. Feind feuert aus 
Fort Zwyndrecht auf Fußgängertunnel und Kathedrale. Leichte 
Kampfwagen greifen vergebens Brückenkopf an", meldet die 
tapfere Stoßgruppe vom anderen Ufer zurück, nachdem sie den 
Brückenkopf auf zwei Kilometer verbreitert hat. 



168 



Nun müssen Fähren her, es darf keinen Halt geben! Doch der 
Feind legt sein Artilleriefeuer verdammt gut auf den Strom hin. Es 
gibt beträchtliche Verluste — auch die Doppelfähre ist 
zerschossen. 

Verfolgung der belgischen Feldarmee — so hieß es auch im 
Herbst 1914, als die 4. Ersatzdivision die Belgier und Engländer 
in rasantem Vormarsch teils ins Holländische hineintrieb, teils auf 
Dünkirchen zu. Damals lernten die Belgier und die Tommies zum 
ersten Male Eilmarschtempo kennen — nach rückwärts 
allerdings. In vier Tagen waren sie bis auf Nieuport zurückgejagt 
— wir im Zeitalter des „Blitzkrieges" müssen da zusehen, das 
Tempo dieser einzigartigen Verfolgung des großen Krieges zu 
halten. Stoßrichtung der Verfolgung: Über St. Nikolas, Sas van 
Gant, Brügge — Ostende. Dorthin strömt der Feind. Einladungen 
sind beobachtet worden. 

Das feindliche Sperrfeuer, das nun — es geht gegen Abend — 
auf der Scheide und dem diesseitigen Kai liegt, wird nichts mehr 
retten können. Das II. Bataillon unsres Regiments steht bereits 
vor Zwyndrecht. Das war heute ein Kunststück besonderer Art, 
was das Bataillon vollbrachte: Über Hunderte Stufen wurden im 
stockdunklen Fußgängertunnel die Pak- und Infanteriegeschütze 
hinab- und auf der anderen Seite wieder hinaufgeschafft — damit 
wurde der Brückenkopf gehalten. 

Tief purpurn in der Abendsonne erglüht, sehen wir die 
Hakenkreuzflagge auf dem wundervollen gotischen Turm der 
Kathedrale wehen — um 8.37 Uhr hat sie die Infanteriespitze 
gehißt. Gleich darauf flatterte die Reichskriegsflagge vom 
Rathausturm. Welches Glück für diese Soldaten, ein weithin 
leuchtendes Zeichen der Besitznahme zu setzen! Noch voll 
lachender Freude erzählt uns Hauptmann H., wie ihm das gelang: 

„Ich kam gerade in dem Augenblick zu meiner Dienststelle, als 
der Spruch dort ankam, daß sich die vordersten Teile der 
Infanterie in einem Mordstempo der Stadt nähern. Ich nahm die 
Reichskriegsflagge unter den Arm und brauste mit meinem 
kämpf bewährten Fahrer auf dem Beikrad los. Minen, die wir auf 
den Bürgersteigen vermuten konnten, kümmerten uns nicht, auch 
nicht das Schießen aus den Häusern. Es trieb uns nur der eine 
Gedanke vorwärts: Hin zum Rathaus! Wo ist es denn nur? Da 
stand ein belgischer Polizist, und von dort kommt schon wie 
gerufen ein Krad angerauscht. Ich setze den Polizisten auf den 



169 



Sozius dieses Motorrads, er fülirt uns zum Ratliaus. Dort 
sciinappe icli mir einen älteren Beamten, der sciiließlicii mit 
einem dicken Sciilüsselbund angewackelt kommt. Und nun geht's 
bergauf in atemraubenden Schritten, wir stehen vorm Eingang 
zum Turm. Eine wacklige Hühnerleiter trägt uns das letzte Stück 
hoch. Da stehe ich nun, den gewaltigen Ausblick auf die eroberte 
Stadt vor mir! Jetzt wird — die Uhr zeigt 8.50 Uhr — die 
Reichskriegsflagge aufgerollt in dem frischen Morgenwind. Sie 
können mir glauben — ich will kein Hehl daraus machen — , ich 
habe dabei vor Freude gebebt. Es war der stolzeste Augenblick 
meines Lebens... Ich danke es dem Schicksal, daß es mich das 
hat vollbringen lassen." 

Mit strahlenden Augen sieht der Offizier vor sich hin. Nach 
einigen Augenblicken fährt er fort: „Dieses herrliche Erlebnis 
könnte nur noch übertroffen werden, wenn es mir vergönnt wäre, 
unsre Reichskriegsflagge auf dem Londoner Tower zu hissen..." 



170 



Stoßrichtung St. Nikolas 

Der Brückenkopf Tete de Flandre wird erweitert 

Mit Radfahrereinheiten und Infanterie durch den Scheidetunnel 
Hinhaltender Widerstand der Belgier bei Zwyndrecht 
Vor dem Kampf noch ein Auge voll Schönheit 

Vor Zwyndrecht, 19. Mai, 17.30 Uhr. 

Im Laufe des 19. Mai stieß die Infanterie, mit den ihr zugeteilten 
Waffen zusammenwirkend, in die Richtung Zwyndrecht — St. 
Nikolas vor, über das Sandplateau der Tete de Flandre hinaus; 
dadurch ist der bisher nur zwei Kilometer messende Brückenkopf 
verbreitert worden. 

Als wir uns um 15 Uhr zur Überquerung der Scheide 
bereitstellen, versucht der Feind wiederum Artilleriestörungsfeuer 
auf die beiden Ufer zu legen. Es gelingt ihm indes nicht mehr, die 
Überquerung durch die Motorfähren völlig zu verhindern, die die 
schweren Waffen am westlichen Ufer landen. Die Infanterie und 
Radfahrereinheiten gelangen durch den unzerstört gebliebenen 
Fußgängertunnel an den westlichen Brückenkopf. 

Es ist ein ganz ungewöhnliches Unternehmen, diese 
Wanderung in die Finsternis des Scheidetunnels hinein, dessen 
Eingängen die besondere Aufmerksamkeit der feindlichen 
Batterien gilt. In musterhafter Ordnung vollzieht sich der 
Durchmarsch unter Tag. Etliche hundert Stufen steigen wir mit 
Waffen und Fahrrädern hinab auf die Sohle des Tunnels, der nur 
spärlich von Öllampen erhellt wird. Gespenstische Schatten wirft 
das rötliche Licht an die Wand. Da gibt er kein Stolpern, man 
merkt deutlich, daß die Einheit aus routinierten 
Großstadtfußgängern besteht, die an U-Bahn-Atmosphäre 
gewöhnt sind. Die heiteren Bemerkungen, die dann und wann 
kernig ins Dunkel fallen, lassen erkennen, daß wir uns unter 
waschechten Berlinern befinden. 

Aber als wir wieder bei mattem Tageslicht stiegauf keuchen, da 
rinnt uns der Schweiß über die Wangen. Ein älterer Kamerad, der 
Munitionskästen trägt, bricht erschöpft neben uns zusammen. 

Für Augenblicke lassen wir uns gefangennehmen von dem 
Umriß Antwerpens jenseits der Scheide. Ehe wir in die 



171 



Bereitstellung zum Angriff gehen, nehmen wir noch ein Auge voll 
von der Schönheit der Antwerpener Kathedrale in uns auf, ein 
bezauberndes Wunderwerk der Gotik... Darüber brummen jetzt 
unsre Bomber und Stukas hin, die gegen die feindlichen 
Artilleriestellungen und Forts fliegen. Die eigenen Batterien feuern 
unablässig, die Geschosse schwirren über uns dahin, wir ziehen 
die Straße Richtung Zwyndrecht, das bereits in Brand 
geschossen ist. Südlich der Straße, wohl im Orte Burght, brennen 
riesige Öltanks, eine hunderte Meter hohe schwarze Wolke 
wächst in den heißen Frühsommerhimmel hinein. 

Es ist 18 Uhr geworden. Der Feindwiderstand in Zwyndrecht läßt 
nach. Gefangene werden eingebracht. Die Kompanien gehen 
daran, das Dorf durchzukämmen, Pak wurde entlang der Straße 
nachgezogen. Unser Bataillon verfügt nur mehr über zwei 
brauchbare Pak, denn drei Geschütze sind eben erst 
zerschossen worden. 

Der Vormarsch ist im Fluß, gleich brechen wir auf. 



172 



Der brennende Panzer 
stöhnt wie ein verendender 
Drache . . . (Seite 175) 



Pak nach vorne! hallt es dU 
Allee entlang, denn weitere 
Panzerkraftwagen sind ge- 
meldet (Seite 176) 



Vormarsch ohne Rast 



„Hurra — der Panzer brennt!" 

Franktireurs pfeffern aus den Dachluken / 
Infanterie jagt den Feind aus dem Dorfe Zwyndrecht / 
Wir denken schon: Aus — jetzt sind wir im Eimer 
Pak erledigt zwei belgische Panzerkampfwagen 

Auf dem Vormarsch nach St. Nikolas (Belgien), 

19. Mai, 21 Uhr. 

Noch pocht in unsren Schläfen das Erlebnis des heutigen 
Tages, noch wirbeln die zahllosen Bilder vor unsren Augen, die 
der geschehnisreiche Vormarsch uns brachte; doch bei dem 
sanften Licht eines Kerzenstummels beruhigt man sich 
einigermaßen und findet wohl auch die Sammlung wieder, zu 
sagen, was los gewesen ist. 

Übermüdet haben die Kameraden auf der Straße der Verfolgung 
in dem eben eroberten Dorfe Zwyndrecht kurzen Halt gemacht. 
Drei Tage und Nächte ging es schlaflos dahin, die Verpflegung 
bestand aus zwei Stullen pro Tag. Welche Feldküche könnte 
auch dieses Tempo durchhalten? Noch lebt in den Männern der 
gewaltige Eindruck, den Panzerabwehrgraben vor Antwerpen und 
dann die Scheide überwunden zu haben. Und wieder sind sie 
ganz vorne, dem Feind im Nacken. 

Das ist ihre Stärke, das ist ihr Stolz. 

Ohne euer Draufgängertum, Infanteristen, ohne eure 
Zielsicherheit in gefahrvollsten Augenblicken, Panzerjäger, wäre 
das bei Zwyndrecht heute anders ausgegangen. Wir von der 
Infanterie wären auseinandergestoben und wären wohl von den 
heranbrausenden zwei Panzerwagen niedergemäht worden wie 
der Futterklee seitlich der Straße — hätten wir euch nicht gehabt, 
Männer der Pak. Und ihr habt uns gebraucht, wenn es gegolten 
hat, den Dachschützen ein Ende zu machen, bevor ihr 
Stellungswechsel nach vorn vornehmen konntet, nicht wahr? 

Es geht gegen Abend. Es ist etwa 18.30 Uhr. Die Spitze ist nach 
ausgiebiger Artillerievorbereitung in die Ortschaft Zwyndrecht 
eingedrungen, man sah die Spuren unsres Beschüsses auf den 
Dächern, der zähe Gegner hat wohl ein Tüchtiges aufs Dach 
gekriegt. Das feindliche Artilleriefeuer wird merklich stiller auf der 



173 



ganzen Front... Das Fort Zwyndrecht schweigt völlig — es brennt 
bereits... 

In Schützenreihe nähern wir uns entlang den Wassergraben zn 
beiden Seiten der Straße, die von Zwyndrecht nach St. Nikolas 
führt, dem Ortsausgang. Die Kompanien gehen zu beiden Seiten 
vor über Hecken und Zäune. Das ist ein Gelände, wie geschaffen 
für den Schützen aus dem Hinterhalt. Es knallt bald dort, bald da. 
Aus den Häusern vor uns erhalten wir Feuer. Doch der Graben 
gewährt Deckung, wir kommen voran. Schießt nicht da so ein 
Lump aus dem ersten Stock? Schaut hin! Villa geradeaus, I. 
Etage, Fenster links! Wir greifen nach dem Karabiner. Aufsatz 
200. Peng! Peng! Hingefeuert in das verdächtige Fenster! Jetzt 
kommt Beschuß von links. Am Ende sind es die eigenen 
Kameraden, die hier Feind vermuten. Auf jeden Fall in Deckung. 
Sprungweise kommen wir dem Ortsausgang nahe. Die 
Pakgeschütze haben wir bereits überholt. Sie sind zu beiden 
Seiten der Straße in Feuerstellung gegangen, mit pfingstlichen 
Büschen getarnt. 

Wir horchen hinein in das Gebelfer der Karabiner, versuchen 
aus dem Klang die Stellung des Feindes zu erschließen. Ein 
fremder Ton schwingt da mit — Motorgeräusch, das sich von 
Augenblick zu Augenblick nähersurrt. Flieger? Nein. Was dann? 

„Feindliche Panzerwagen! — Panzerwagen!" schreit einer aus 
voller Lunge über die Straße hin. 

Ja, jetzt hören wir es deutlich, da kommt mit dunklem Brummen 
ein Fahrzeug auf uns zu, kann nicht mehr weit sein. Wir schauen 
gespannt die Straße entlang — drei, vier, fünf Sekunden. Da sind 
sie. Zwei Panzerkampfwagen biegen 300 Meter voraus um die 
Kurve. Wir denken schon: Aus — jetzt sind wir im Eimer! Wir 
spritzen auseinander nach rechts und nach links und suchen 
Deckung. Aber wir brauchen sie wohl nicht mehr; ein wenig außer 
Atem geraten, sehen wir uns um, als von der Pak mit hellem Knall 
das erste Geschoß hinüberblitzt. Ihm folgen ein Dutzend weitere. 
Wir liegen indessen da, als ob wir bereits gestorben wären — so 
flach in dem Klee, so mucksmäuschenstill. Noch immer blitzt das 
grüne Mündungsfeuer unsres Pakgeschützes. Unsre Ohren 
haben genug abgekriegt. 

„Hurra — der Panzer brennt!" frohlocken sie plötzlich an dem 
Pakgeschütz. Mit den Händen schlagen sie vor Freude um sich. 



174 



Was ist da los? Sprung auf — marsch, marsch — zur Straße hin 

Wir sehen, wie etwa 200 Meter voraus einer der zwei 
Panzerkampfwagen, entsprechend etwa dem deutschen Typ III, 
die Deckung eines Bauernhauses an der Straße aufsucht. 
Flammen schlagen aus ihm heraus. Der andere macht jählings 
kehrt. Die beiden Pakgeschütze feuern ihm nach, was noch aus 
den Rohren herauszubringen ist. Auch der zweite kommt nicht 
mehr weit, die Empfindung haben wir. Nach 300 Meter, meldeten 
uns später Männer der angelehnten Kompanie, ist er 
stehengeblieben — nicht mehr manövrierfähig. 

„Die zwei ersten Schuß haben gesessen", jubeln die Männer der 
Pak. Es ist ihr erster Abschuß gewesen. Wir hören alle Ausdrücke 
des soldatischen Entzückens in dem Tonfall zwischen Berlin und 
Neubrandenburg. Aus dieser Gegend stammen nämlich unsere 
Panzerjäger. „Wenn der Mischke heut nich 'n Kasten Bier stiftet, 
denn heiß ick Franz", wirft einer in das Gespräch, das wir im 
Vorübergehen erhaschen. „Endlich ham wa ihn erwischt", meint 
ein anderer, „der hat uns heute schon etliche Kameraden 
jekostet." — „Unser erster Panzerabschuß! Jetzt schreib'n wa ihm 
eene Ansichtskarte — der wird stolz sein auf seine Jungs... 
Sowieso..." 

Ganz nahe sind wir nun dran an dem brennenden 
Panzerwagen. Wir erkennen seine Nummer 2173. Ist die 
Besatzung drin geblieben oder ist sie in den Bauernhof 
hineingeflüchtet? Oder lauert sie hinter der Ecke, um uns 
abzuknallen? Mit Handgranaten geht einer von uns vor. Aber 
nichts rührt sich, die Besatzung ist geflohen oder verbrennt da 
drinnen. 

Wir hören, wie die schwere MG. -Munition zerplatzt in der Hitze, 
wie die Geschosse an die Innenwand des Panzers prallen. Nicht 
zu nahe herangehen, es könnte der ganze Laden explodieren. 
Nun hebt da etwas zu singen an, nein, es hört sich fast an wie ein 
Stöhnen... 

Wie ein verendender Stier röchelt der niedergekämpfte 
Panzerkampfwagen. Ein klagender Sirenenton schwingt durch 
den Abend. Das mag wohl von einem Kurzschluß in der Hupe 
kommen. Da faucht eine Granate über unsre Köpfe hin. Hat 
feindliche Pak geschossen? Woher nur? Nein, das war das durch 
dem Brand entzündete Geschoß, das noch in der 3,7-cm-Kanone 



175 



des feindlichen Panzers steckte. Es ist niclits passiert. Wir lialten 
Respektabstand von diesem Stalildraclien, der sterbend nocii um 
sicli sciilägt und Verderben speit. 

!n den Männern der Pak aber glülit die Jägerleidensciiaft. 
Stell ungsweclisel nach vorn! Wir dringen weiter vor, nachdem 
sich der Feind wieder einmal einen blutigen Kopf geholt hat. „Pak 
nach vorne! Pak nach vorne!" hallt es die Allee entlang. Ganz 
nieder zwitschern Schüsse der feindlichen Abwehr über uns 
hinweg. Einen Kampf gegen unsichtbare Gegner führen wir. Die 
Kompanien rechts und links stoßen tiefer ins Gelände hinein. Wir 
sehen, wie drüben die Stoßtrupps zu hellen Haufen die 
verdächtige Zivilbevölkerung aus den Häusern scheuchen, aus 
denen wir Feuer erhalten haben. In dem Hofe vor uns fahnden 
wir, Pistole im Anschlag, nach der feindlichen Panzerbesatzung. 
Der Besitzer beteuert hoch und heilig, er habe nichts gesehen... 

Verstärkung wird nachgezogen. Die Pause tut den Männern 
wohl. Schlafen, schlafen ist unser einziger Wunsch, um bereit zu 
sein zu neuer Tat. 



176 



Erstmalig in der Kriegsgescliiclite 



Die Gezeitenbehelfsbrücke über die Scheide im Bau 

Deutscher Pioniergeist meistert die größten Scliwierigkeiten 
Um 572 IVIeter sinkt bei Ebbe die Scheide ab / Bis 16 Uhr muß die Brücke 
stehen / Der alte Ruf gilt: „Pioniere wie immer!" 

Antwerpen, 20. Mai, 9.30 Uhr. 

Wir haben uns in einem der riesigen Magazine der Mole zu 
Antwerpen aus Warenballen und Kisten unsren Schreibtisch 
aufgebaut. Zu uns herüber tönen Kommandos der Pioniere, zischt 
der Glutstrahl der Schneidbrenner, ein Hämmern und Pochen 
erfüllt die Mole und die schweren Scheidekähne werden von 
unsren Männern mühevoll herangesteuert an den Ankerplatz, wo 
sie das Brückengelenk tragen sollen. Jeden einzelnen Pionier 
treibt das Bewußtsein, daß von seinem Einsatz es jetzt in hohem 
Maße abhängt, in welchem Tempo der Vorstoß gelingen kann. St. 
Nikolas ist ja erreicht. Das Regiment stellte heute im 
Morgengrauen fest, daß der Feind ausgewichen ist. In 
Eilmärschen sollen sich die übrigen Teile der Division auf den 
Kanal de Gant zu über St. Nikolas — Lokeren — St. Paul — 
Moerbeke bewegen. Das wäre etwa die Straße der Verfolgung 
der 4. Ersatzdivision aus den Septembertagen 1914... 

Die erfolgreiche Verfolgung ist eine Nachschubfrage. Vom 
Pionier hängt jetzt alles ab. Unablässig pendeln seit gestern 
nachmittag die Fähren hinüber, herüber, am Kai stauen sich 
Mann und Roß und Wagen. In diesem Gedränge am Ufer hatte 
der Mann der Propagandakompanie seine liebe Not, dem Offizier 
an der Fähre es glaubhaft zu machen, daß sein Auftrag zu nichts 
verpuffe, wenn er und sein Kraftwagen nicht zugleich mit der 
ersten Welle übersetzen könne... Tja, hier kommt's für unsereinen 
drauf an, davon zu überzeugen, daß wir hier hinten nichts wert 
sind, daß wir im Gegenteil vorne wichtig sind wie ein 
Pakgeschütz. Unsre Pak, unsre Waffe hat eine Reichweite über 
ein 85-Millionenvolk, das die Taten unsrer vorstürmenden 
Truppen miterleben will, miterleben muß, erglühen muß im 
Innersten — soll der Endsieg uns gehören... Es geht hier zu 
langsam — die Brücke muß her. Aller Augen sind auf die 
tüchtigen Brückenbauer gerichtet. Der Oberbefehlshaber unserer 

177 



Armee, General von Küchler, selbst befeuert seine Pioniere mit 
Zurufen der Anerkennung. 

Heute nacht ist die schwierige Vorbereitungsarbeit, das 
Heranschaffen von Bauholz usw., unter dem Störungsfeuer der 
belgischen Freischärler vor sich gegangen, die besonders in der 
dritten zur vierten Morgenstunde Gewehrfeuer auf die Mole und in 
die einmündenden Straßen legten. Es war eine unruhige Nacht. 
Welches Anrecht hätten diese Pioniere auf Schlaf gehabt! 
General von Küchler selbst hatte ihnen angesichts ihrer 
Leistungen bei dem Brückenbau über die Maas und bei der 
Besetzung der Insel Schouwen (Zeeland) mit Sturmbooten 
zugesagt, daß sie zwei Tage Ruhe haben sollten. Aber wieder ruft 
sie der höhere Befehl nach vorn, den sie freudigen Herzens 
erfüllen. Diese Männer aus dem Umkreise Wiesbadens sind zäh 
wie Leder, sie halten durch. Unter dem Gedröhn der Kanonade 
arbeiten sie, schuften sie. Mut und Todesverachtung sind für sie 
selbstverständliche Tugenden. Es bewährt sich jetzt zum 
Gelingen des Ganzen der übungsmäßig hundertmal geübte 
Handgriff — eben das, was der arrogante Engländer so oft 
geringschätzig den „preußischen Drill" genannt hat. Kommandos 
lenken den Brückenschlag: „Anker — wirf! Holt — auf! Kant — 
um! Hinterkaffe — hoch!" tönt es zur Mole herauf. 

Sauer genug haben die Belgier ihnen die Arbeit gemacht. Die 
gecharterten Kähne hatten zum Teil demolierte Maschinen, Sand 
hat die Schmierungen unbrauchbar gemacht — Sabotage auf 
allen Linien. 

Der hartnäckigste Gegner ist zur Stunde freilich die Natur selbst. 
Um fünfeinhalb Meter sinkt das Stromwasser täglich hier im 
Scheidehafen ab. Das ist ein ganz außergewöhnlicher 
Gezeitenunterschied, wenn wir bedenken, daß selbst in Hamburg 
nur zweieinhalb Meter Gezeitenunterschied verzeichnet wird. 

Das Problem ist also, die Gezeitenbrücke zu schlagen. Das ist 
nicht ein technischer Sonderfall, der in der Stille eines 
Konstruktionsbüros gelöst werden kann. Nein, mit den 
vorhandenen, leicht greifbaren Mitteln muß in abgezählten 
Stunden die Brücke erstellt werden. An beiden Ufern wächst jetzt 
eine je 70 Meter breite Gelenkbrücke — ein Teilstück der ganzen 
Brücke — hinein in die Strommitte. Dazwischen werden die 
bereitgestellten Brückenglieder — die Fährenbrücken — 
eingeschoben. Um 16 Uhr wird und muß die Brücke in einer 



178 



Länge von 332 Meter — von der man jetzt nur die Anfänge sieht 
— steinen. Dann werden die Transportl<oionnen darüber roiien 
l<önnen, die auf den Anfalirtsstraßen warten. 

„Wenn das geiingt", liörten wir eben den Kommandierenden 
General sagen, „dann nelime icli den Hut ab vor diesem 
Bataillon." „Es wird gelingen", versicherte der Führer der Pioniere, 
„wir machen keine Pause, ehe die Brücke steht." 

Es ist das erstemal in der Kriegsgeschichte, daß Pioniere die 
Aufgabe, eine Gezeitenbrücke solchen Ausmaßes herzustellen, 
lösen. Im Weltkrieg ergab sich eine solche Notwendigkeit an der 
Scheide nicht. 

Unter den berühmten Brückenschlägen der Kriegsgeschichte 
wird man auch diesen Gezeitenbrückenschlag einst erwähnen 
neben dem Donauübergang Prinz Eugens, neben dem größten 
Stromübergang aller Zeiten bei Belgrad 1915, neben dem 
Rheinübergang Blüchers. 

Der deutsche Pionier, wie wir ihn während des Polenfeldzuges 
kennenlernten, und dieser Pionier an der Maas und an der 
Scheide, ist so ganz das, wozu ihn einst General Freiherr von der 
Goltz erzogen hatte, nämlich „Kämpfer der vorderen Linie". Die 
Verlustziffern reden ihre erschütternde Sprache. Das ist kein 
militärisch verkleideter Handwerker, das ist ein Kämpfer. 
Kampfpionier darf er sich stolz nennen, in der Feuerzone liegt 
seine Werksatt. Der Geist des infanteristischen Stoßtrupps ist 
auch der seine. 

Wie wir da so zusehen, summt uns immerfort die Melodie des 
alten Soldatenliedes im Ohr von dem Savoyerprinzen Eugen: „... 
ließ er schlagen eine Brücken, daß er kunnt hinüberrucken mit 
der Armee nach Beigerad." 

Wir reden doch zuweilen sinnbildlich, um eine bahnbrechende 
Leistung zu bezeichnen, von einer „Pioniertat". Das, was hier in 
diesen Stunden geschieht unter dem Aufgebot aller materiellen 
und seelischen Kräfte im Zusammenwirken von Technik und 
deutschem Soldatengeist, das ist wahrhaft eine Pioniertat — im 
eigentlichen und ursprünglichen Sinne des Wortes. 

Das Selbstbewußtsein der Pioniere ist wohlbegründet. „Pioniere 
wie immer!" sagt der Mann mit der schwarzen Waffenfarbe von 
seiner Truppe. „... wie immer!" Die Rückschau auf die großen 
Pioniertaten der deutschen Kriegsgeschichte rechtfertigt dieses 
knappe stolze Wort. Der Stoßtrupp-Pionier des 



179 



Westvvallvorfeldes ist würdig der külinen Weltkriegssappeure, die 
in Flandern Sprengungen größten Stiles durchgeführt, an der 
Südfront Berggipfel unterminiert und in Galizien einen 
opferreichen Minenkrieg durchgestanden haben. Deutsches 
Soldatentum und deutsches Handwerk sind in unsrem Pionier seit 
über zwei Jahrhunderten einen Bund des Ruhmes eingegangen. 
Jawohl, das stimmt: „Pioniere wie immer!" 



180 




Kreuz and quer zischen ^«-J 
geln aus Qärtin and Hi 
Sern, In der Deckung 
Zäune und Büsche gehen ( 

Sturmtrupps zum Oent-Ki 
nal vor (Seite 186) 



Die Damm kr orte wurde m 
rrhittt'rtt'm K^rnpf genoi 
men. Spruiifibcrcit liegt 
Schätze auf dem Damm. Iz.^ 
wenigen Minuten setzt 
Infanterie in den Schlauch 
booten Ober 




Bei einer vorgescliobenen Division 



Im Eilmarsch bis zum Genter Kanal 

Umgehung gesprengter Brücken 
Ausweichmöglichkeiten aufs beste ausgenützt 
Dem Feinde keine Zeit lassen! / Infanterie auf Rädern schont ihre Kraft 

An der Vormarschstraße, 20. Mai, 22 Uhr. 

Nachdem der Feind seine Antwerpener Stellung hat aufgeben 
und eine schwere Nervenattacke hat hinnehmen müssen durch 
die unablässige Verfolgung, ist er eilends zurückgeflutet. Eine 
belgische Elitedivision, motorisierte Kavallerie, sollte unseren 
Vormarsch hemmen in dem Räume St. Nikolas — ^Antwerpen. In 
dem Gefechte bei Zwyndrecht wurde dieser hinhaltende 
Widerstand — anders wird man die Taktik des Feindes kaum 
bewerten können — gebrochen, der Weg nach St. Nikolas stand 
offen. In der Nacht zum 20. Mai wurde marschiert, pausenlos 
marschiert. Sechs Fähren haben die motorisierten Teile, die 
schweren Waffen, Fahrzeuge, bespannte Artillerie usw. 
übergesetzt — ohne Unfall. Die Fußtruppen benutzten den 
Fußgänger-Scheidetunnel. 

Der Feind hatte seine Erwartungen wohl darauf gesetzt, durch 
Sprengung der Brücken auf der Strecke St. Nikolas — Lokeren — 
Gent unsren Vormarsch aufzuhalten. Allein dank einer 
überlegenen Führung hat die Marschkolonne Wege 
eingeschlagen, die sie noch am Abend des. 20. Mai an das 
gesteckte Tagesziel Terdonck am Genter Kanal, 10 Kilometer 
nördlich Gent, gelangen ließen. Im Sinne der großen 
Verantwortung, die durch den Entscheid über die Marschroute der 
Führung auferlegt war, setzte sich der Divisionskommandeur an 
die Spitze der Marschkolonne, um an Ort und Stelle die beste 
Lösung zu finden. Es kam darauf an, durch eine bestmögliche 
Nutzung der Ausweichmöglichkeiten die gesprengten Brücken zu 
umgehen und das Tempo der Verfolgung zu halten. 

Das aber setzte voraus eine ebenso rasche wie ausgedehnte 
Erkundung der Wege einerseits und Sicherung der Patrouillen 
gegen etwaige Überraschungen von der Flanke her andererseits. 
Die Aufklärungsschwadron hatte keinen leichten Tag. Über St. 
Nikolas bewegte sich die Marschsäule nördlich, Richtung 

181 



Stekene, denn der Weg nach Gent über Lokeren war wegen 
mehrfacher Brückensprengungen unpassierbar. Aber auch 
nördlich dieser Straße hatte der Feind dem Vormarsch 
Hindernisse bereitet. Die Erkundung ergab, daß wir bis nach 
Kruisstraat durchkommen, nahe der holländischen Grenze. 
Ferner erwies sich als brauchbar die Straße nach Süden, 
Richtung Moerbeke. Dadurch waren die Truppen dem Genter 
Kanal schon beträchtlich nähergerückt. Spähtrupps wurden bis 
nach Holland hinein vorgeschickt, denn die Führung hätte sich 
gegebenenfalls entschlossen, dem Tagesziel zuliebe weit ins 
Zeeländische hinein auszuweichen, um eventuell über Sas de 
Gant oder Salzaete über den Kanal zu kommen. Unsre 
Aufklärung meldete allerdings aus diesem Abschnitt Feind, und 
zwar Franzosen bei Oudepolder und Zuidoorpe. 
Gegen Abend rückten wir gegen Wachtebeke vor. Lebhafte 
Erkundungstätigkeit unsrer Luftwaffe klärte diesen Raum auf. Der 
Feind hat offenbar jenseits des Genter Kanals eine starke 
Luftabwehr liegen, das erkannten wir an dem dichten 
Flakbeschuß, dem allerdings keines unsrer Flugzeuge erlegen ist. 
500 Meter nördlich Terwest erkennen unsre Spähtrupps den 
ersten Feind in der Nähe unsres Vormarsches. Es sind dies wohl 
Versprengte. 

Die Bewegung des Feindes von Brügge nach Gent, von der 
unsre Aufklärung zur Luft berichtet, verhält beim Einbruch des 
Abends zu besonderen Sicherungsmaßnahmen, da ein 
Gegenstoß in unsre Flanke möglich ist. 

Der Schwerpunkt unsres Vorstoßes liegt bei der 
Schleusenbrücke Terdonck am Genter Kanal. Wir müssen freilich 
damit rechnen, daß der Feind die Brücken hochgehen läßt. Für 
diesen Fall ist bereits die Brückenkolonne von Antwerpen her, die 
an der Scheidebrücke tätig war, zu uns in Marsch gesetzt worden. 
Die Infanterie ist in hinreichender Stärke mitgekommen, ihr 
bleiben erschöpfende Fußmärsche erspart. Die Landser sind in 
aller Eile auf beigetriebene Räder gesetzt worden, so daß sie mit 
unverbrauchter Kraft zum Kampf antreten konnten. 

In milder, monderhellter Nacht marschierten unsre Truppen 
kämpfend über Walderdonck hinaus. Handstreichartig soll die 
Brücke Terdonck in unsren Besitz gebracht werden. Die eigene 
Artillerie bereitet den Angriff vor. Feindliche Batterien haben sich 
bisher nicht spürbar gemeldet. 



Bereitstellung entlang des Kanals de Gant 

Gewaltsamer Übergang soll erzwungen werden 

Verfolgung bis zur Nordsee! Die Parole der Stunde 
Floßsäcke in die Sturmausgangsstellungen gebracht 
Langrohrgeschütze hämmern den Auftakt 

Terdonck am Genter Kanal, 
21. Mai, 18 Uhr. 

Der rollende Donner der Langrohr- und der mittleren Geschütze 
erfüllt die Stunden der Bereitstellung. Er läßt die Häuser in den 
Grundfesten erzittern, er ist für uns, die wir in anderthalb Stunden 
gegen den schwer verteidigten Kanal de Gant anrennen werden, 
eben die richtige Musik. Zu gleicher Zeit, da wir uns fertigmachen 
zur Überquerung des etwa 40 Meter breiten Wasserweges, 
kämpfen unsre Kameraden 12 Kilometer südlich in der Bannmeile 
der Stadt Gent, unterstützt von den Bombern, einen heftigen 
Kampf gegen die schwere Betonbefestigung der Hauptstadt 
Ostflanderns. Wir fühlen uns in dieser Stunde besonders 
verbunden mit jedem Kameraden, der jetzt ein Glied bildet in der 
eisernen Kette der Umschließung, die den 45 feindlichen 
Divisionen den Garaus machen soll. Unser General hat in einem 
Tagesbefehl noch einmal seine Männer zu höchstem und 
tapferstem Einsatz aufgerufen, damit uns gelinge „die völlige 
Vernichtung dieser Divisionen und die Entscheidung 
herbeigeführt wird im größten Kampfe der deutschen 
Geschichte". 

Dieses erhebende Bewußtsein, daß wir hier mithelfen dürfen, 
das Werk Adolf Hitlers durch den verheißenen glorreichsten Sieg 
zu krönen, facht den Mut, erneut unsre Leistungskraft immer 
wieder und läßt uns nicht mehr empfinden, daß uns die 
Ermüdung etlicher durchkämpfter Tage und durchwachter Nächte 
noch in den Gliedern steckt. „Freie Bahn zur Nordsee!" ist jetzt 
unsre Parole. Wir erkennen, wieviel davon abhängt, mit welcher 
Durchschlagskraft wir vorankommen, um den Feind in die Enge 
zu treiben, ihn an der Kehle zu fassen. Von den eben erhaschten 
Rundfunkmeldungen über den Vormarsch der anderen Armeen 
ist eine Welle der Begeisterung ausgegangen über uns alle. Um 
wieviel wird die eigene Kraft gestärkt, wenn man sich selbst 



183 



Inbegriffen fühlt in dem weitspannenden Arm der deutschen 
Waffen, der von Stunde zu Stunde enger den Feind umschließt. 

Zwei Aufträge hat der heutige Tag gelöst: Die Säuberung unsres 
Angriffsstreifens zwischen dem Kanal de Moervaart und dem 
Räume Axel — Saas de Gant im holländischen Zeeland. Ferner 
die Bereitstellung für das Übersetzen, verbunden mit 
artilleristischer Vorbereitung. Bis hinein nach Eecloo, wo 
vermutlich der Stab der 1. belgischen motorisierten 
Kavalleriedivision liegt, haben unsre Geschütze ihr Störungsfeuer 
gelegt. Einleitende Rückzugsbewegung des Feindes am 
westlichen Ufer wurde bereits in den Vormittagsstunden durch die 
schwere und mittlere Artillerie gestört. Wie präzise sie schießt, 
bezeugen uns die Einschläge in den bisher genommenen 
Ortschaften. Heute nacht wird sie den Feind mit einem Hagel so 
zudecken, daß er nicht für einen Augenblick zur Ruhe kommen 
wird. 

Die Schwierigkeiten des Unternehmens, das zur bereits 
befohlenen Stunde anlaufen wird, unterschätzen wir nicht. Wir 
kamen nachmittags nahe an den Damm heran, so nahe als das 
Feuer der Einzelschützen es zuließ, die aus den Häusern von 
Terdonck die Straße zur Schleusenbrücke hin unter Feuer 
nahmen. Der diesseitige Uferdamm erhebt sich etwa fünf Meter 
hoch, darauf läuft eine Straße, in der der Feind sich eingebuddelt 
hat mit schweren MG. und Granatwerfern. Vom anderen Ufer 
beschießt er die in den Bereitstellungsraum einrückende 
Infanterie und die Pioniere aus Betonbunkern. Darum war es für 
unsre Stoßtrupps heute ein sehr wagemutiges Unternehmen, auf 
die durch einen Seitenkanal südlich Terdonck gebildete Insel 
vorzugehen und die zwei Widerstandsnester niederzukämpfen. 
Der Feind verteidigt jetzt noch die Insel erbittert. 

Die mit Buschwerk dicht bestandene Sandlandschaft ist dem 
Gegner bei seiner Verteidigung behilflich. Heimtückisches Feuer 
aus den Häusern stellt unsre Infanterie vor besonders schwierige 
Kampfaufgaben. Der Feind, eine Elitetruppe, Teile der 1. 
belgischen motorisierten Kavalleriedivision und der 5. 
französischen motorisierten Division, kämpft noch am Ostufer und 
schießt ausgezeichnet. Das wird zu bedenken sein, wenn die 
Heimat die Nachricht erhält vom Durchbruch am Kanal de Gant. 

Sie wird vor allem anerkennend denken müssen an die 
Sturmtrupps der Pioniere, die als erste ihre Floßsäcke gegen das 



184 



feindliche Feuer sciileppen, um der Infanterie den Übergang zu 
bahnen und den schweren Waffen zu ermöglichen, über die 
Pontonbrücke zu folgen. 

Der Auftrag ist klar. In wenigen Minuten eröffnet die nördliche 
Angriffsgruppe das Feuer. Es ist 18.25 Uhr. 



185 



Trotz des massierten feindlichen Abwelirfeuers 

Die Dammkrone wurde im Sturm genommen 

Sprungweise voran 
Schlauchbootunternehmen auf die Insel bei Terdonck 
Nachtkampf vor brennenden Öltanks 
Unsichtbarer Feind in wendiger Verteidigung 
Letztes Schlauchboot zerschossen, Sturmtrupp schwimmt zurück 

Vordem Kanal de Gant, 22. Mai, 6.15 Uhr. 

In der Dämmerung des 21. Mai macht sich das Bataillon bereit. 
Bei fahlem Licht diktiert der Kommandeur den Angriffsbefehl, die 
Befehlsempfänger warten bereits. Die Armee greift mit zwei 
Divisionen an. Am linken Flügel 22.30 Uhr Feuerüberfall auf den 
Kanal de Gant, 22.37 Uhr zweiter Feuerüberfall unsrer Artillerie. 
Der heutige Kampfauftrag ist schwer, er fordert höchsten Einsatz 
von Führung und Mannschaft und setzt voraus das beste 
Zusammenspiel aller Waffen. Die Dammkrone des Kanals soll 
genommen werden, sie wird vom Feind mit starken Kräften 
verteidigt, wie uns der harte Tag bereits gezeigt hat. Der 40 Meter 
breite Kanal ist ein natürlicher Festungsgraben, die Scheitelhöhe 
des Deiches gewährt dem Gegner größte Vorteile für die 
Verteidigung. Ein zweifaches Wasserhindernis liegt vor uns: Es 
gilt zunächst, die durch eine Kanalabzweigung gebildete Insel 
südlich Terdonck vom Feinde zu säubern, ehe wir daran denken 
können, den Hauptkanal zu queren. 

Wir kennen die Lage. Ohne Tritt — marsch! In Schützenreihe 
gehen wir durchs Buschwerk entlang der zahlreichen 
Wasserrinnen vor in den Bereitstellungsraum. Ein milder Abend 
steht über uns, ein trügerischer Schein verhüllt uns noch die 
Härte der bevorstehenden Nacht. In das Abendrot wird sich bald 
das Gewitterleuchten der Schlacht mischen. Wir haben nun die 
Häuser erreicht, in denen nachmittags ein Volltreffer der 
Feindartillerie ein Haus über dem Bataillonsstab 
zusammenstürzen ließ. Der Feind ist hier aufs beste 
eingeschossen. Wir stoßen auf die Männer einer Kompanie, die 
seit zehn Tagen ohne Unterbrechung im Kampfe steht. Sie wird 
durch uns abgelöst. Die Feindbatterien haben es auf Terdonck 
abgesehen. Wie Blitz und Donnerschlag funkt und dröhnt es in 



186 



die schmale Häuserzeile hinein, hinter der wir uns bereitstellen. 
Tote liegen noch ungeborgen, das Astwerk der hohen Bäume ist 
zerfetzt wie nach einem Orkan, der Boden zerwühlt von den 
Granateinschlägen, die noch ragenden Wände zerhackt von MG.- 
Beschuß. „Wenn wir nur schon draußen wären aus dieser 
verdammten Ecke", meint einer der Männer, die in die verdiente 
Ruhestellung zurückmarschieren. 

Wir machen uns fertig zum Übersetzen. Noch einen Schluck aus 
der Feldflasche, noch eine Zigarette. Zwischendurch müssen wir 
immer wieder in volle Deckung gehen, denn hier pfeift der 
Zugwind des Dachschützenfeuers aus allen Winkeln und Luken. 
Die Schlauchboote sind hastig aufgepumpt worden. Die Uhr zeigt 
etwa 22 Uhr. Irgendwo klagt erbärmlich ein wundgeschossenes 
Haustier. Der Feuerschlag unsrer MG. zeigt den Augenblick an, 
wo es losgeht. Uferwechsel!!! 

Im Sprung über die Dammböschung hinab erreicht die erste 
Gruppe mit dem mitgeschleppten Schlauchboot den Seitenkanal. 
Wenn jetzt nur das flankierende Feindfeuer schweigt für ein paar 
Minuten. Mit kräftigen Ruderschlägen ist das erste Boot 
hinübergebracht. Es ist leider noch viel zu hell. Der Mond ist 
aufgegangen als gelbrote Scheibe. Zweite Gruppe, zweites Boot 
— jetzt ist die Reihe an uns. Wir halten den Atem an, rudern wie 
besessen, wie lange dauern diese Sekunden... 

Es gelingt — ohne Verlust ist unsre Kompanie am anderen Ufer, 
liegt unter dem Kugelgezwitscher in Deckung entlang der Häuser. 
Dort und da bumst eine Handgranate. 

Die Heckenzäune schützen uns gegen Sicht. Zeitweilig 
verschwinden wir beim Vorgehen in den Wassergräben. Der 
Feind deckt uns mit Granatfeuer ein und mit wohlgezieltem 
Gewehrfeuer. „Sei gepriesen, du lauschige Nacht..." summt einer, 
den der Humor nicht im Stiche läßt, neben mir. „Meine 
Feuertaufe", wispert ein anderer, der seine Nase in das Gras 
steckt, „das ist schon — interessant", meint er stockend, „das 
erstemal..." „Interessant" — eine nicht üble Umschreibung für das 
merkwürdige Prickeln, das uns anderen auch einmal bis zur 
Zehenspitze lief. „Ich bin nämlich von der Schreibstube", meint er 
ergänzend und gleichsam entschuldigend. 

Es gibt unverschämten Dunst auf der Insel. Aber warte, gleich 
kommt die eigene Artillerie, um 22.30 Uhr, dann wird dein Herz 
ruhiger schlagen... In vier Minuten funkt sie los. Nur etwa 30 



187 



Meter trennen uns mehr vom großen Deich. Eine 
ohrenbetäubende Kanonade setzt ein, das Feindfeuer verstummt 
sogleich. Schruums — schruums, sitzen die ersten Einschläge 
am anderen Ufer. Zwei Minuten stockt uns der Atem unter der 
donnernden Feuerglocke der eigenen Artillerie — Herrgott, 
schießt die prächtig. Kein Schuß geht zu kurz. Ein Heulen und 
Zwitschern, Prasseln und Dröhnen, Orgeln und Surren preßt die 
Luft. Ja, so muß es 1914/15 auch in Flandern gewesen sein — 
wir lernen das Opfer unsrer Väter in diesen Minuten so recht zu 
würdigen. Wir erhalten auch eine Ahnung von der Materialwirkung 
des Stellungskrieges in Flandern von einst, wo mehrere 
Schlachttage allein von der Artillerie durchgefochten worden sind. 
Dieser gigantische Aufmarsch von Material gegen Material, diese 
stumpfsinnige, ideenlose Kriegführung des wahnwitzig geballten 
Stoffes — das bleibt uns erspart. Wir haben es nicht nötig, uns 
länger als zwei, drei Tage einzubuddeln in den vom hohen 
Grundwasser quellenden unbarmherzigen Boden, der nicht 
einmal die Gnade eines richtigen Unterstandes gewährte... Was 
müssen die damals erlitten haben, indem sie jahrelang ertrugen, 
was für uns Vorwärtsstürmer nur Episode ist von Tagen, von 
Stunden. Und da fühlen wir das Glück so recht unsrer 
einfallsreichen draufgängerischen Führung, die uns zwar den 
Schlaf kürzt, ohne Erbarmen, die uns aber auch dadurch das 
Bitterste erspart. Lieber marschieren, marschieren als sterben. 

Erdfontänen spritzen auf — am anderen Ufer schießt eine 
Flammensäule zum Himmel und überleuchtet das Gelände so 
grell, daß der gelbe Mond verbleicht. Ein Öltank ist getroffen 
worden, er wird zur Fackel, die unser Geheimnis dem Feind 
preisgibt, sie beraubt uns des einzigen Schutzes, der 
Dämmerung. Der zweite Feuerschlag unsrer schweren 
Geschütze haut ins andere Ufer hinein. 22.37 Uhr. Da kommen 
nun die Augenblicke, wo sich die Gewalt des Schauspiels, das 
der Soldat „Feuerzauber" nennt, mächtiger erweist als das Gefühl 
für die eigene Geborgenheit. Da recken sich die Hälse über die 
Böschung des Grabens hinaus, wir sehen erschaudernd das 
grausige Farbenspiel des Vernichtungsfeuers, das von der ganz 
nahen Feindstellung her zuckt. Ein aufheulender Tornado hat sich 
auf das Gegenufer gestürzt. Die Feindbatterien haben ihre 
Sprache wiedergefunden und antworten jetzt, es ist die Hölle los 
auf der Insel Terdonck. 



188 




. . . wo ein belgischer 
Soldat aus dem Dach- 
bodenjenster feuert 



Die erste Kompanie arbeitet sicli im Kornfeld an den Damm 
lieran. Ilir Kompanieclief, Hauptmann Malle, ist eben still 
umgesunken — für immer. 

Wir folgen der ersten Kompanie, sprungweise gewinnen wir die 
steile Dammböschung. Schlauchboote sind nach oben geschleppt 
und die MG. auf dem Scheitel in Stellung gebracht. Wir sehen 
den Feind am diesseitigen Ufer in hastiger Flucht. 

Zwei Schlauchboote sind inzwischen im eben überquerten 
Seitenkanal zerschossen worden — eine böse Botschaft von 
hinten in dem Augenblick, da sich der erste Sturmtrupp zum 
Uferwechsel am Kanal de Gant bereitstellt. Die schwerste Stunde 
der heutigen Nacht hat begonnen. 

23.20 Uhr. Unsre schweren MG. legen ihre Feuerstöße über den 
40 Meter breiten Kanal in die Häuser. Unter diesem Feuerschutz 
bringt der erste Stoßtrupp seinen Floßsack über den Deich, 
blitzartig rutschen die vier Männer, von einem Unteroffizier 
geführt, die 70 Grade geneigte Steilböschung hinab. Jetzt sind sie 
in der Mitte — jetzt haben sie das andere Ufer erreicht und sind 
mit ihren MG. in Stellung gegangen, von wo aus sie ihre 
Erkundung über die Feindstärke durchführen wollen. Der Feind 
duckt sich unter dem Eindruck ihrer Feuerstöße. Mit brennender 
Sorge verfolgt umsichtig der Führer des Unternehmens, 
Hauptmann B., vom erleuchteten Damm her das Schicksal des 
Stoßtrupps am anderen Ufer. Da wird gemeldet: „Floßsack 
zerschossen — die drüben können nicht mehr zurück!" 

Ein zweiter Floßsack wird flottgemacht und gleichsam im 
Sturzflug zum Wasser hinabgebracht. Der zweite Trupp soll 
übersetzen, um die Feuerkraft der Gruppe jenseits zu verstärken. 
Immer heller lodert der Ölbrand und offenbart dem Feind unsre 
Übergangsstelle völlig. Dunkel heben sich für seine Beobachtung 
unsre bemannten Floßsäcke vom hellspiegelnden Wasser ab. 
Das sind Zielscheiben für ihn! 

Die Mitte haben unsre Männer noch nicht erreicht. Jetzt müßten 
sie doch in Sekunden sichtbar werden. Wir liegen, gequält von 
dem Gedanken, daß da etwas vorgefallen sei, am Rande des 
Deiches, bis die Ungeduld uns fortreißt und wir den Damm 
hinabstürzen, um zu erkunden. Wir kommen gerade dazu, wie ein 
schwerverwundeter Kamerad schwimmend unser Ufer erreicht. 
Der Floßsack ist zerschossen, zwei weitere Verwundete, die sich 



189 



ans versinkende Schlauchboot klammern, bemühen sich, 
zurückzukommen zum eigenen Ufer. 

Der vierte und letzte Floßsack ist zerschossen, wie bringen wir 
nur unsren ersten Stoßtrupp zurück, der ohne Hilfe drüben ist? 

Ein quälender Gedanke. 

Meisterlich getarnt hat sich der Feind zur Verteidigung am 
Damm eingerichtet, so viel wissen wir bisher, und nur 
nachhaltiger Einsatz der schwersten Waffen kann ihn werfen. 

Zwei Tote zählen wir, acht Verwundete. Diesen spricht der 
Bataillonskommandeur, Hauptmann B., Trost zu noch während 
des Gefechtes. Es ist eine erhebende Stunde des 
Zusammenstehens aller für einen und der Bewährung des einen 
für das Ganze. 

Hier auf dem Damm, über den im Augenblick die Kampflinie 
einer weltgeschichtlichen Schlacht läuft von Abbeville bis Narvik 
— bewährt sich herrlich jene innere Flamme, die Adolf Hitler im 
jungen Deutschen entzündet hat, sie verlöscht auch in dem 
rasenden Sturm dieses Stahlgewitters nicht. 

„Weiterkommen zunächst ausgeschlossen", erklärt Oberleutnant 
R., indem er hinuntersieht auf die vermutlichen Befestigungen des 
Feindes drüben. Der Angriff blieb stecken. „Aber die eine Freude 
habe ich eben erleben dürfen — meine Männer sind 
vorgegangen, daß mir das Herz gelacht hat, mit einer 
Selbstverständlichkeit wie im Manöver. Geärgert haben mich die 
Kerle oft genug, doch jetzt haben sie ihren Mann gestanden — 
der da wird von mir sofort zum Unteroffizier befördert, so viel 
Einsatzbereitschaft muß belohnt werden." 

„Ich habe vier Jahre Weltkrieg hinter mir, habe gekämpft im 
Westen und im Osten — aber einen solchen Hexenkessel wie auf 
dieser Insel habe ich noch nie erlebt", stößt fluchend Oberleutnant 
R. hervor. 

„Eingraben zur Verteidigung", wird befohlen. Es ist 1 Uhr 
morgens geworden. 
Wir Melder müssen zurück. Ehe wir uns abmelden, können wir 
noch die eine Freude mitnehmen: Der Bataillonskommandeur hat 
durch einen Schwimmer dem abgeschnittenen Spähtrupp drüben 
den Befehl übermitteln lassen, daß die vier Männer, Kleidung und 
Waffen zurücklassend, den Kanal durchschwimmen sollten. Heil 
haben sie alle unser Ufer wieder erreicht. 



190 



Nun wollen wir den Spießrutenlauf antreten durch monderhellte 
Häuserzeilen, aus denen der Gegner im Rücken durch die 
Spalten der Rolläden Kugeln speit. 

Ein Melder aber bringt um 3.45 Uhr morgens dem 
heldenmütigen I. Bataillon auf die eroberte Deichkrone den Befehl 
des Regimentskommandeurs: 

„Ich spreche dem Bataillon mit allen seinen Teilen nach den mir 
zugegangenen Meldungen meine vollste Anerkennung aus. Für 
das Mißglücken des Angriffs trifft das Bataillon keinerlei Schuld. 

Sodan." 



191 



Belgier in breiter Front zurückgeworfen 

Verteidigungslinie Kanal de Gant zerschlagen 

Ab 14 Uhr Sturmangriff in drei Wellen / Unsre Stoßtrupps am anderen 
Ufer hielten eisern stand / „Mit Gottvertrauen — dann stimmt die Sache" 

IVIunitionstransport durch die Feuersperre 
Brückenkopfbildung nach erbittertem Kampf um 2 Uhr morgens geglückt 

Vor dem Kanal de Gant, 
24. Mai, 4.45 Uhr morgens. 

Der deutsche Frontalangriff auf die belgische 
Verteidigungsstellung am Kanal de Gant wurde in der Nacht zum 
24. Mai von Erfolg gekrönt. Nach einer ungemein zähen 
Gegenwehr ist der Feind geworfen worden. Hunderte Gefangene 
wurden eingebracht. Unablässig belegt durch feindliches 
Flankenfeuer, das entlang des Kanals strich, im Splitterhagel des 
intensivsten feindlichen Granat- und schweren Artilleriefeuers, im 
Schußfeld der gut betonierten feindlichen MG. -Stände, ist das 
Übersetzen auf Floßsäcken geglückt. Stoßtrupps hielten eisern 
die schmalen Brückenköpfe so lange, bis im Laufe der 
Morgenstunden das Gros übergesetzt werden konnte. 

Das Angriffsgelände ist denkbar ungünstig, das hat Terdonck 
gelehrt. Es kommt hier nur der Frontalangriff in Frage gegen den 
Feind, der sich am anderen Ufer des Kanals mit stärksten Kräften 
eingegraben hat und aus nahezu unerkennbaren 
Betonbefestigungen, die sich das ganze Ufer entlang ziehen, in 
unseren Bereitstellungsraum schießt. Der Einsatz seiner 
schweren Waffen ist beträchtlich. Dennoch — wir müssen durch 
in kürzester Zeit. Die Notwendigkeit fühlt jeder. 

Um 14 Uhr soll der Angriff vorgetragen werden. Zwei Divisionen 
sind angesetzt, in drei Wellen gegliedert. Die Einheiten, die vorne 
am Damm sich eingegraben hatten, haben keine Zeit gefunden, 
sich so bereitzustellen, wie es wünschenswert gewesen wäre. 
Denn der Feind hat die vergangene Nacht über mit verzweifelten 
Gegenstößen unsre vorderste Kampflinie zu durchbrechen 
versucht. Teilweise war es ihm gelungen, an unser Ufer zu 
gelangen, er ist indes wieder zurückgeworfen worden. Ohne eine 
Feuerpause gehabt zu haben, steht also unsre Infanterie zum 
Angriff und zum übersetzen bereit. 



192 




Verfolgung des Feindes. Die 
,^nd csiiblichen Fahrzeuge** 
helfen Kräfte sparen. Schnel- 
ler als mit dem Bauern- 
karren ... 



. . . kommt man mit der Li- 
mousine voran, wenngleich 
die PS. leicht überlastet sind 
(Seite 197) 



Oben: Verfolgung der Belgier bis zum Kanal de la Lys. Fahr gerät aller 
Art muß herhalten, um die Schultern unserer Landser zu entlasten 

Unten: Radlos — aber nicht ratlos! Kleiner Verkehrsunfall auf der 
Vormarschstraße 



Um die Mittagszeit deckt uns das feindliclie Störungsfeuer diclit 
zu. Wir iiören genau, wie die Einsciiläge immer nälier kommen, 
die drüben liaben ja einen verteufelt genauen Sciiießplan. Die 
Feuerwalze rollt dröhnend über uns hin. Es ist ein schwüler, mit 
Gewitterwolken verhangener Tag. Gute Deckung für die 
deutschen Flieger, die eben heranbrummen. Alle sehen 
erwartungsvoll nach oben. Wenn uns jemand aus dieser dicken 
Brühe Kanal de Gant heraushaut, dann sind es die Flieger. 
„Hermann kommt! Hermann kommt!" rufen freudig erregt die 
Männer, die aus ihren Gräben und Löchern hervorkrabbeln. „Det 
is doch 'n schönet Jefühl", gesteht mit strahlendem Gesicht einer 
vom Radfahrerzug, ein Berliner, als er sieht, wie unsre Bomber 
sicher ihren Weg durch den von zerplatzenden Flakgeschossen 
schwarzgesprenkelten Himmel nehmen. „Ruumms — ruumms — 
ruumms", hauen jetzt die Bomben ein. „Schaut, wie sie die Eier 
fallen lassen!" Einige davon gelten dem belgischen 
Divisionsgefechtsstand, der durch Luftaufklärung erkannt worden 
ist. 

Gleich wird unser Artilleriewirkungsfeuer einsetzen. 13.50 Uhr. 
Die ersten Kohlenkästen rauschen ganz nieder über unsre Köpfe 
hinweg — und sitzen auch schon im Ufer drüben. Die feindlichen 
Batterien schweigen von da ab für einige Zeit. Im Schutze dieser 
Feuerwand wollen wir zum Damm nach vorne kommen. Wir 
stehen auf der Straße, die durch Terdonck nach der 
Schleusenbrücke führt. Gleich einem Orkan rast unser 
Artilleriefeuer über uns hin, ein Heulen, Toben, Zischen, Splittern 
und Krachen schlägt uns um die Ohren, die Erde zittert, brüllend 
steht das Hausvieh in den Höfen umher, die Baumkronen sind 
zersiebt, Brandsäulen steigen auf, und über alles breitet sich der 
graublaue Dunst der Explosionen. 

14 Uhr. Das Wirkungsfeuer verstummt mit einem Schlage. 
Unsre tapfere Infanterie springt „unverzagt im Stürmen" aus ihren 
Schützenlöchern, faßt die bereitgestellten Schlauchboote, stürzt 
übers Ufer hinab. Mörderisches MG. -Abwehrfeuer aus den noch 
nicht erledigten Betonbunkern am Ufer schlägt ihnen entgegen. 
Dieses und jenes Schlauchboot bleibt wie in der vergangenen 
Nacht zerschossen in der Mitte des Kanals hängen — und 
mancher gute Kamerad erreicht blutend mühsam das eigene Ufer 
wieder. Ein Stoßtruppführer ist bereits gefallen. Aber im ganzen 
gelingt es den Trupps, Fuß zu fassen. Da nicht mehr genug 



193 



Floßsäcke da sind, bringen sciiwimnnend die Melder Befehle 
hinüber. Im Angesichte solchen Opfermutes und todverachtenden 
Draufgängertums fühlen wir Jungen uns erinnert an das 
Gewaltige der deutschen Weltkriegsoffensiven von den heiß 
umkämpften Strömen Nordfrankreichs bis hinab zur Piave. 

Der Feuerschutz für die Stoßtrupps drüben wird so stark als nur 
möglich gemacht. Darum ist der Munitionsverbrauch enorm. Das 
Bataillon hat Munitionsnachschub dringend nötig. 

In einen PKW. laden wir auf Befehl des Regiments 15.000 
Schuß. Aber wie bringen wir sie nach vorn — die einzige Straße 
liegt unter dem Artilleriesperrfeuer der Belgier? Sie ist schon von 
Granateinschlägen zerrissen. Rechts im Graben liegen in voller 
Deckung die Männer. Links liegt auch einer mit der Nase auf dem 
Pflaster. „Menschenskind", ruft unser Fahrer in blutechtem 
Berlinerisch, „Menschenskind, da drüben mußte in Deckung 
jehen, nich hier auf dem blanken Parkett!" Er rüttelt ihn an den 
Schultern. Der Mann aber rührt sich nicht. „So hör doch — !" Tot. 

Abgesplitterte Baumwipfel verlegen die Straße. Explosionsrauch 
eben eingeschlagener Geschosse zieht darüber hin. Pfui Teufel 
— das sind keine sehr erfreulichen Perspektiven für unser 
Munitionsnachschubkommando. Einen Augenblick überlegen wir: 
Wenn nun ein Splitter 'reinpfaucht in unsre Pulverkisten da hinten, 
dann sind wir hopsgegangen. Klar. 

Abwarten? Und die am Damm wissen nicht, womit sie sich den 
Gegner vom Leibe halten sollen. „Nee", meint unser Berliner und 
seine Rechnung ist auch schon fertig: Sie ist so einfach, wie alles 
einfach wird im Denken und Ausdruck da vorn, wo nur der eine 
herrliche und schlichte Gedanke regiert, der Königsgedanke: 
Pflicht. „Mit Gottvertrauen — ", stößt er knapp hervor, während 
Geschosse in der Wiese dicht nebenan krepieren, „dann stimmt 
die Sache!", drückt auf die Tube, und wir sausen mit 80 Sachen 
durch die Feuersperre. 

„Mit Gottvertrauen — dann stimmt die Sache." Das ist die 
andere Seite des sogenannten „schnoddrigen" Berliners. Man 
muß freilich auf die seltene bitterernste Stunde warten, damit man 
auch diese andere Seite der scheinbar entgötterten 
Großstadtseele erblicken kann. 

Über den Seitenkanal zur Insel schleppen wir unsre Kisten, mit 
Fahrrädern schaffen wir sie weiter querfeldein und kümmern uns 



194 



einen Dreck um das Gebaffe der Baumschützen, die unsre 
liellblinkenden Munitionskisten zum Zielpunkt nelimen. 

Jetzt liegen wir wieder wie gestern Mitternacht beim I. Bataillon 
am großen Kanaldeich, Munition ist nun genügend zur Stelle, wie 
froh sind wir. Die ersten Gefangenen werden herübergerudert. Es 
sind meist Flamen. Wenn sie sich ergeben wollen, erzählen sie, 
schießen die Wallonen von rückwärts auf sie. 

„Die Sache wird jetzt vorwärtsgehen, wir haben den Belgier 
weich gemacht", meint im Schützenloch eine halbe Stunde vor 
seiner zweifachen Verwundung der Bataillonskommandeur, um 
20.30 Uhr, als beim Einbruch der Dämmerung vor uns wieder ein 
Öltank hellauf loderte, diesmal Fanal unsres Sieges bei Terdonck. 



Denn die Sache ist vorwärtsgegangen! Um 2 Uhr früh geht an 
die Division die Meldung zurück: „Bildung von Brückenkopf 
geglückt." 

Junger deutscher Infanterist, würdig hast du dich gezeigt des 
hohen Vermächtnisses der grauen Front aus dem großen Kriege. 



195 



Nach dem Durchbruch am Kanal de Gant 

Verfolgung der Belgier bis zum Kanal de la Lys 

Ein Bild überstürzter Flucht 
Tiefgegliedertes Verteidigungssystem verlassen 
„... 'ran! 'ran! Wo ihr ihn findet, wird er gepackt!" 
Lyskanal — auf 1 Kilometer 14 Bunker 

Auf dem Vormarsch zum Kanal de la Lys, 

24. Mai, 17 Uhr. 

„Divisionsbefehl für den 24. Mai 1940: 

1. Feind ist lieute morgen vor der Front der Division 
ausgewiclien. Es ist damit zu reclinen, daß er sicli liinter dem 
Kanal de la Lys erneut setzt. 

2. Die Division verfolgt den ausgewichenen Feind und 
verhindert, daß er sich erneut hinter dem Kanal de la Lys setzt." 

Nach der Flucht des Feindes, erzwungen durch die Zähigkeit 
unsrer Infanterie, durch die Schlagkraft unsrer schweren Waffen, 
durch Schockwirkung unsrer Luftbombardements und durch den 
opfermütigen Einsatz der Sturmpioniere, rollte Welle um Welle 
unsrer Vormarschtruppen über den Kanal. Zunächst waren nur 
Floßsäcke und Zwei bootfähren bereit, gegen Abend war die 
Pontonbrücke fertiggestellt, um die Kolonnen hinüberzutragen an 
das vier Tage lang umkämpfte Ufer. Stoßtrupps und Späher 
waren vorausgeeilt, um dem fliehenden Feind auf den Fersen zu 
bleiben; bis zur Stunde ist indes keine Feindberührung zu 
verzeichnen. Alle Kraft wird darangesetzt, damit er sich nicht 
wieder eingräbt. Keine Zeit dem Feinde lassen, ist schon der 
halbe Sieg. 

Wie froh sind wir, daß wir aus diesem Hexenkessel Terdonck 
heraus sind und nach vier harten Tagen wieder den Feind vor uns 
hertreiben, der zwar im Besitze einer geradezu idealen 
Verteidigungsstellung war, aber mürbe werden mußte unter der 
unablässigen Bestürmung unsrer Waffen. Etwa um 4 Uhr 
morgens folgte die Reserve unsrer Division den 
vorausgestoßenen Sturmtrupps, die im Laufe der Nacht ihre 
schmalen Brückenstellungen gegen den verzweifelt dagegen 
anrennenden Gegner zu verteidigen hatten. Schwere Waffen sind 
zugleich mit der Infanterie in Eile über den Kanal geflößt worden, 



196 



allerdings ohne die schweren Zugkraftwagen; die Männer selbst 
haben sich vor ihre Pak und IG. gespannt und die Geschütze 
kilometerweit gezogen. Fußtruppen sind, soweit es möglich war, 
auf beschlagnahmte Kraftwagen gesetzt und in Eile vorgeworfen 
worden, Bauernfuhrwerke sahen wir mit Infanteriegeschützen 
beladen, sogar mit Hilfe einräderiger Schubkarren ist das schwere 
MG. und der Granatwerfer „motorisiert" worden. Vorwärts so 
rasch als möglich, dieser Notwendigkeit dient alles, was 
Geeignetes des Weges kommt. Das Wägelchen für Speiseeis 
wird im Handumdrehen zum martialischen Troßwagen, der die 
Schultern eines Landsers entlastet. 

Pioniere schuften auch nun, wo es gilt, mit allen Kräften Truppen 
und Waffen hinü herzuschaffen. Was täten wir ohne sie, wir 
stünden händeringend am Ufer. So aber setzen sie uns glatt über 
den Kanal. 

Wir bestaunen die zermalmende Wucht unsrer Artillerie und 
Luftbomben, stehen vor den geborstenen, über zwei Meter dicken 
Betondecken der feindlichen Uferbefestigungen. Rundum liegen 
Tornister, weggeworfene Waffen und was sonst noch eine 
kopflose Flucht bezeichnet. Entlang der Vormarschstraße 
begegnen wir Hunderten Erdbefestigungen, vom Schützengraben 
und Schützenloch angefangen bis zum wohlausgebauten Bunker, 
der sich in dem friedsam aussehenden Garten eines flämischen 
Bauernhauses duckt. Viele Kilometer in die Tiefe des Landes 
hinein gliedert sich das wohl vorbereitete Verteidigungssystem des 
Feindes, das nun sinnlos geworden ist. Sein Versuch, uns durch 
Sprengtrichter auf der Landstraße aufzuhalten, wird zunichte — 
wir umfahren rasch oder lassen die Dorfbewohner die Löcher 
wieder zuschütten. 

Ein abrasierter Beobachtungsturm des Feindes und eine 
zerschossene Transportkolonne sprechen für die Zielsicherheit 
der eigenen Artillerie. Wir gelangen zu einer verlassenen 
belgischen Batteriestellung, reichlich Munition ist zurückgelassen 
worden. Um 20 Uhr des 23. Mai sind die Batterien, erzählen uns 
Dorfbewohner, ausgebüchst. Die belgische Infanterie habe 
Sleydinge um 3 Uhr des heutigen Tages verlassen. 

In breitem Fächer schwärmen unsre Radfahrerspähtrupps aus 
und durchkämmen das Gelände. Dort und da verbirgt sich eine 
Feindgruppe in einem Bauernhof und wird von unsren Männern 
vorgeholt. „Wij zyn Fläming", beeilen sich die gefangenen Flamen 



197 



zu beteuern, die uns entgegenkommen. Vielleicht wollen sie 
damit sagen: Wir haben im Grunde genommen nichts gegen euch 
— wir sind zu den Waffen gepreßt worden. 

Um 12.30 Uhr meldet eine Vorauseinheit der Pioniere der 
Division: „... Eecloo auch von deutschen Truppen besetzt. Hinter 
dem Kanal de la Lys sind Bunker, auf 1 Kilometer vierzehn Stück. 
Nach Aussage von Gefangenen gehen die Belgier noch weiter 
zurück. Sie sagen aus, ihre Kameraden wollen alle die Hände 
hochheben." 

Ein Regimentskommandeur überholt den Spähtrupp, fährt selbst 
als erster hinein ins Ungewisse. Zurückkommend feuert er seine 
Truppen an: „Yan! 'ran! Wo ihr ihn findet, wird er gepackt!" 

Was zupacken heißt, hat diese Truppe, die die Maaslinie und 
den Panzerabwehrgraben überwand, eindeutig dargelegt. Für sie 
wird es auch keinen unüberwindlichen Kanal de la Lys geben. 

„Sprengung der Brücke bei Stoktevijver über Kanal de Lieve 
konnte durch raschen Zugriff unter persönlicher Führung des 
Kommandeurs verhindert werden", meldet eine andere 
Vorauseinheit, „9. Kompanie stieß unverzüglich besonders 
schneidig über Lyskanal vor, dessen Brücke zwar gesprengt war, 
der aber mit Hilfe eines Steges überschritten werden konnte." 

Wir machen kurze Rast und senden der Heimat diesen 
Zwischenbericht vom Vormarsch, vom Siegesmarsch unsrer 
prächtigen Soldaten zurück. Von wo aus werden wir den 
nächsten Bericht absenden? Weiß Gott — vielleicht von Brügge 
aus — oder gar von Ostende? 

Schade, daß ihr daheim es nicht sehen könnt, das glückliche 
Lachen in den Gesichtern unsrer Soldaten, das alle Spuren der 
harten Tage, die hinter uns liegen, auslöscht. 



198 



Kolonnen Gefangener fluten zurück 



Die Flamen wollen nicht mehr kämpfen 

Flamen ergeben sich geschlossen In größeren Einheiten 
Vier Panzerjäger schießen weiter trotz Verwundungen / Vom General 
selbst das EK. empfangen / Engländer als Zivilisten getarnt... 

Vor dem Kanal de la Lys, 
25. Mai, Mitternacht. 

Der Feind hat sich wieder am Kanal de la Lys gestellt. 
Ungeachtet der Straßensperren — wir fanden Trichter von 
mindestens 10 Meter Durchmesser vor — und trotz der Minen 
gelang es unsren Truppen, planmäßig den Raum zwischen den 
beiden nahezu gleichlaufenden Kanälen zu besetzen. 

Dem blitzartigen Vorgehen der Vorauseinheiten ist es zu 
danken, daß es gelang, sich im Laufe des 24. Mai in den Besitz 
eines Steges zu setzen, der über den Kanal führt. Für den 
Pendelverkehr der belgischen Truppen hüben und drüben 
gedacht, fiel er unsren Radfahrern unzerstört in die Hände. Ein 
Brückenkopf ist gebildet worden, der die ganze Nacht hindurch 
dem geballten feindlichen Artilleriefeuer standgehalten hat. Wir 
müssen bedenken, daß diese Truppe zum dritten Male innerhalb 
weniger Tage vor die Aufgabe gestellt ist, eine 
Brückenkopfstellung gegen den stärksten feindlichen Druck zu 
verteidigen. 

Die Männer haben dabei wieder die Nervenprobe eines 
Trommelfeuers durchgestanden und sich dabei in einer 
beispielgebenden soldatischen Haltung gezeigt. In den Schlamm 
hineingepreßt, mußten sie stundenlang in Deckung liegen. 
Selbstredend bekam dabei das Gewehr etwas ab. Mit jener 
Gewissenhaftigkeit, die in der Mannschaftsstube der Kaserne zu 
Hause ist, gingen die Soldaten später bei dickster Luft daran, ihre 
Knarren gründlich zu reinigen, selbst das Schloß wurde 
auseinandergenommen, der Lauf durchgezogen, damit das 
Abwehrfeuer klappte. Und das geschah haarknapp am Feinde. 
Man kann das Drill nennen oder verdammtes Pflichtgefühl oder 
darin etwas von jener anspruchslosen und so respektgebietenden 
Haltung des Infanteristen sehen, die ein Stück vom stillen 
Heldentum ist — wie man eben Neigung hat. 

199 



Die vier Männer an der Pak, ein Unteroffizier und drei 
Panzerjäger, die lieute morgen bis zum Kanal vorrückten, oline 
daß ilinen ein Infanteriespälitrupp vorausgegangen wäre, dacliten 
aucli niclit daran, daß sie etwas Besonderes vollbraclit liätten, als 
sie aus 60 Meter Entfernung vom feindlichen MG. gefaßt, 
sämtlich verwundet, an ihrem Geschütz blieben und noch ein 
Dutzend Schüsse Sprenggranaten 'rausfeuerten, ehe sie sich in 
volle Deckung warfen. Ein Fall von ungezählten, die sich täglich 
und stündlich in der Feuerlinie ereignen. Der General selbst hat 
den Männern zum Ausdruck gebracht, was solch ein Einsatz 
ohne Selbstschonung für das Gelingen des Ganzen bedeutet, 
indem er persönlich den Geschützführer mit dem EK. II 
auszeichnete. Wir konnten dem Tapferen im Vorbeiziehen nur die 
linke Hand drücken, denn seine rechte war durchschossen. 

Gefangenenkolonnen fluten die Straße unsres Vormarsches 
zurück. Die gefangenen Flamen erklären wie aus einem Munde: 
„Wir wollen nicht mehr kämpfen — wir wissen nicht wofür — die 
Franzosen und Engländer haben uns im Stich gelassen — die 
letzten Franzosen sahen wir bei Antwerpen — sie haben sich 
empfohlen. Groß waren sie nur im Vorführen ihrer Paraden in 
Brüssel. Ha — aber nun , adieu mon ami, es war wunderschön'." 
Verbittert zieht ein gepreßtes Volkstum die Defizitbilanz seines 
Schicksals. 

Als Franktireurs treiben sich Engländer in unsrem Gelände 
herum, zivilistisch verkleidet, die Pistole unter dem Jackett als 
echte „Gentlemen", vergiften sie die Moral ritterlicher 
Kampfführung. Zwei davon sind heute geschnappt worden. 
Eben trifft der Divisionsbefehl für den Angriff am 26. Mai ein: 
„Feind verteidigt sich hinter dem Kanal de la Lys. Das AK. greift 
mit drei Divisionen in vorderer Linie an und wirft den Feind auf 
den Brügge — Gent-Kanal zurück. Eine Division mit einem Rgt. 
rechts und einem Rgt. links." 



200 



Vor dem Koiud de la Lys. 
Floßsäcke werden von Pio- 
nieren aufgepumpt und in die 
Sturmausgangssteüungen 
gebracht 



Die LyskanalsteUung ist zer- 
schlagen worden: Der Feind 
hat sich ergeben. Tausende 
Gefangener säumen das er- 
stürmte Ufer — rasch wer- 
den Pak-Geschütze uberge- 
setzt (SeiU202) 





Am Konoide laLys, Ineinr^ 
Breite von 10 KüomeU^ 

pendeln die Floß sacke, briz^ 
gen Waffen und Mänr.'- 
hinüber und . . . (Seite 20 j 



. . . schaffen Gefangene ur. 
Verwundete zurück. Fei 
liehe Haubitzen legen St 
rangsf euer auf denDamm . . 
(Seite 203) 



2B,Mai morgens. Deutsche 
Parlamentäre suchen einen 
belgischen F&trangsstab. 
Vor Staunen erstarrt eine 
feindliche Patrouille 



Sie wollen nicht mehr 

kämpfen und bekunden 
dies eindeiiiio angesichts 
der weißen flagge 

(Seite 208) 




Kraft des besten Zusammenwirkens aller Waffen 

Die feindliche Lys-Kanal-Stellung zerschlagen! 

Maas — Scheide — Kanal de Gant — Kanal de Lieve — Kanal de la Lys — 
unsre herrliche Infanterie nahm alles im Stürmet 
Das Wettrudern mit dem Tode / Durchbruch in breiter Front geglückt 
trotz erbitterter Verteidigung des Uferdammes 
Gesammelte Denkarbeit einer genialen Führung 

Auf dem Vormarsch zum Brügge — Gent-Kanal, 

26. Mai, 22 Uhr. 

Zum vierten Male standen während unsres Vormarsches diese 
Truppen, denen es heute abend gelang, mehrere belgische 
Divisionen zurückzuwerfen, vor einem Wasserhindernis, das der 
Gegner mit stärksten Kräften zu verteidigen entschlossen war. Es 
standen heute nicht etwa Truppen zum Angriff bereit, die Zeit 
hatten, sich auszuruhen, sondern Männer waren zum 
Sturmangriff in die Floßsäcke gesprungen, die noch vor 14 Tagen 
an dem Durchbruch der Maasstellung entscheidend beteiligt 
gewesen sind, die dann die Scheide im Hagel der feindlichen 
Artillerie überwunden haben, die den verzweifelten Widerstand 
der Belgier am Kanal de Gant in den folgenden Tagen zu spüren 
bekamen. 

Nun liegen sie wieder in ihren Sturmausgangsstellungen vor 
dem Kanal de la Lys, eingegraben in dem unheimlichen 
Moorboden, der weitum aufgewühlt ist von den Sprengtrichtern 
der belgischen Artillerie, die wütendes Sperrfeuer in unsren 
Bereitstellungsraum legt. Um 17 Uhr Angriffsbeginn. Ihm geht von 
16.35 Uhr bis 16.40 Uhr voraus der erste Feuerschlag des 
Vernichtungsfeuers aller unsrer Batterien. Dazwischen 
Feuerpause. Jetzt, 16.50 Uhr bis 17 Uhr kracht der zweite, 
doppelt so wuchtige Feuerschlag am anderen Ufer auf. 

Die Erde zittert. Der Infanterist im Schützenloch atmet auf, denn 
jetzt schweigen zum ersten Male seit Stunden die belgischen 
Geschütze, die Hauptwaffe, mit der der Feind sich noch halten 
konnte. 

Bewundernswert übrigens die Präzision dieses Punktfeuers, das 
der Feind nahezu in die geometrische Mitte der Anmarschstraße 
Waerschoot — Stoktevijver gelegt hat. Ein paar Sekunden später 



201 



um das Straßenknie gebogen, und unser braver „Wanderer"- 
PKW. wäre unser Sarg geworden. „So'n Dusel", pflegt man da 
etwas sehr knapp zu sagen, wenn man glaubt, einen behütenden 
Fittich leise rauschen zu hören. 

Wenige Minuten vor 17 Uhr. Die Bomber eines 
Kampfgeschwaders brummen heran und ziehen sicher ihre Bahn 
durch den konfusen feindlichen Flakbeschuß. Sie fliegen entlang 
des Kanals — und da dröhnt auch schon die erste Bombenreihe 
hinein in die Erdbefestigungen und Batteriestellungen. Ganz nahe 
an den Feind sind die vorgeschobenen Artilleriebeobachter 
herangekommen, sie lenken das eigene Haubitzenfeuer in die 
MG.-Widerstandsnester auf dem anderen Ufer. 

Die Nerven der Männer der ersten Welle sind gespannt bis zum 
Äußersten, sie wissen zu gut, daß eine Kanalquerung ein 
Wettrudern mit dem Tode ist, der, wenn er mild ist, einem die 
Floßsäcke unter den Füßen wegnimmt. Sie kennen die Tücke 
flankierenden MG.-Feuers, das den Kanal entlang säuselt als 
tödlicher Strichregen. Aber die Bomben haben heute drüben 
Explosionsdonner gesät, damit wir Schweigen ernten sollten. 

17 Uhr — die zusammengefaßte Feuerkraft aller unsrer Rohre 
richtet sich auf die befohlene Einbruchsstelle. Nun ein Herz 
gefaßt zum großen Sprung! „Kompanie — auf! Marsch!" Da fängt 
es an zu leben vor dem Kanal — alles schien erstorben. Noch 
MG. -Geknatter aus den Büschen diesseits. Der Wald wird 
durchgekämmt. Voran! 'rauf auf den Damm! Der Feind versucht 
sein Heil im Sperrfeuer mit schwersten Kalibern — ein Inferno aus 
Stahl und Feuer ist entfesselt, aber es liegt schon hinter der 
stürmenden Infanterie. So dick klingt das Gedröhne nicht mehr, 
es sind schon etliche belgische Batterien ausgefallen, unsre 
Schallmeßtrupps und Kampfflieger sind ja nicht müßig gewesen. 

Wir hören jetzt die eigenen Artillerieeinschläge in der Tiefe des 
feindlichen Hauptkampffeldes toben, unsre Feuerglocke schwingt 
300 Meter feindwärts. Die Dammkrone ist erreicht, die Floßsäcke 
sind zum Übersetzen bereit. Sollte der drüben mürbe geworden 
sein? Wahrhaftig, sie sind aus ihren Stellungen hervorgekrochen, 
halten die Hände gefaltet über ihre Stahlhelme. Glatt geht das 
Übersetzen vor sich — da haben wir die ersten hundert 
Gefangenen, die bald einschwenken werden in die Kolonne der 
sich ergebenden Verteidiger am diesseitigen Ufer. Die 
Leuchtpistole knallt die Rakete: „Hier sind wir!" Am anderen Ufer 



202 



Fuß gefaßt. Bald ist ein Bataillon drüben und stößt dem 
fliehenden Feind nach. Die Gefechtsaufklärung geht ihm nicht von 
den Fersen. Es ist 18 Uhr. Der Gewitterregen hat die Luft 
reingefegt, unsre Bomber haben gut erkennbare Ziele. Wie 
beruhigt doch das Brummen dort oben, wo wir die unbestrittenen 
Herren sind! 

Zwei Tage in Schlamm und Dreck gelegen ohne Schlaf unter 
dem trommelnden Feindfeuer, nichts Warmes im Magen seit 
Tagen — und jetzt stehen sie doch alle am Damm und gehen 'ran 
an den Feind mit einem Elan, der seinesgleichen sucht! Aus den 
mit Moorgrund geschwärzten Gesichtern leuchten helle Augen. 
Deutsche Infanterie 1940 schlägt sich heldenhaft wie die 1918 in 
dem Grauen des flandrischen Stellungskrieges. 

Wir sehen den schnurgeraden Kanal entlang auf und ab — in 
einer Breite von 10 Kilometer pendeln die Schlauchboote, bringen 
Waffen und Männer hinüber, schaffen Gefangene zurück. Wir 
sind jetzt wieder Ziel der feindlichen Haubitzen, die die 
Anmarschwege unter mörderisches Feuer nehmen, den Wald am 
anderen Ufer abstreuen und die Kanaldämme fassen möchten. 
Im Umkreis von 50 bis 100 Meter liegen ringsum die Einschläge, 
wir hören sie kaum mehr in der Begeisterung des geglückten 
Übersetzens, nur die Gefangenen laufen kopfscheu 
durcheinander und drängen sich nach den Booten, um aus dem 
ungemütlichen Dunst ihrer eigenen Rohre ehestens 
herauszukommen. 

Bei Einbruch der Nacht sind unsre Stoßtrupps schon 
kilometerweit nach Westen Richtung Ursel vorgedrungen, 
Stoßrichtung südlich an Brügge vorbei. Der Feind muß 
zurückgeworfen werden bis zum Gent — Brügge-Kanal. Daran 
wird das Brüllen der Haubitzen, das uns bis in die tiefe Nacht 
hinein verfolgt, nichts mehr ändern, das Brüllen des belgischen 
Löwen — vielleicht ist seine letzte Stunde schon da? 

Der Kampfgeist der Stoßtrupps hat den Sieg errungen — aber er 
ist nur möglich geworden durch das wunderbare 
Zusammenwirken aller Waffen. Die Artilleriebeobachtung hat 
ihren entscheidenden Anteil am Gelingen, das Zusammenspiel 
zwischen Erd- und Bordfunker unsrer Flieger, der Einsatz der 
Pioniere der Wagemut unsrer Bomber und über all das die 
gesammelte Denkarbeit einer genialen Führung in den Stäben, 



203 



ihre Entschlußkraft im richtigen Augenblick - dies ist in dem 
Gesamterfolg enthalten, der da heißt: 

Die Lys-Kanal-Stellung ist am 26. Mai 1940 im rasanten Angriff 
zerschlagen worden! 



204 



Tagesmeldung an die Division 



Regiment hat nur etwa 60 v. H. 

seiner Gefechtskraft..." 

„Soldaten, ihr habt neuen Ruhm erworben..." 
Allgemeine Richtung Ostende! / 6500 Gefangene am Lys-Kanal 
Ein Regiment erbeutet 5 bespannte Batterien und 8 schwere Geschütze 

Oostwinkel, 27. Mai, 3 Uhr morgens. 

In früher Morgenstunde erst überschauen wir das Ausmaß 
unsres Sieges am Lys-Kanal. Nach vorläufiger, noch nicht 
abgeschlossener Zählung wurden 6.500 Gefangene gemacht. 
Allein ein Regiment hat fünf bespannte leichte Batterien und acht 
schwere Geschütze erbeutet. Allerdings, es ist hierbei vielfach 
das Allerletzte aus Mensch und Material herausgeholt worden. 
Während unsre Batterien ihr Vernichtungsfeuer auf Knesselaere 
legen, lesen wir mit Erschütterung, die Meldung des in diesem 
Räume liegenden andern Regimentes: „.... einen Angriff, meldet 
der Regimentskommandeur, Oberstleutnant Sodan, „mit dem zur 
Zeit stark mitgenommenen Regiment halte ich augenblicklich 
nicht für erfolgreich. Das Regiment hat nur etwa 60 v. H. seiner 
Gefechtskraft und 50 v. H. seiner schweren Waffen..." 

Wir sahen heute nachmittag den Regimentskommandeur in 
seinem Gefechtsstand weit vorne, über seine Karten gebeugt, wie 
von einer unsichtbaren Last niedergedrückt „Wie geht es Ihnen?" 
fragt er uns ganz langsam. „Danke gehorsam, ausgezeichnet, 
Herr Oberstleutnant." Eine Lücke des Schweigens klafft. Dann 
rollt schwer jedes Wort seiner Entgegnung wie ein umfallender 
Steinblock: „Wohl dem — , der — das — von sich — sagen kann." 

Stumm verabschieden wir uns. Und jetzt wissen wir es genau, 
was der Kommandeur auf seinen Schultern trug: 40 v. H. 
verlorene Gefechtskraft — 50 v. H. Ausfall an schweren Waffen... 

Der Korpsbefehl für morgen ist da: „Außerordentlicher Erfolg des 
Angriffes gegen stark überlegenen und sich auf das zäheste 
verteidigenden Feind. Dieser gewaltige Erfolg ist in erster Linie 
dem unwiderstehlichen Vorwärtsdrang von Infanterie und 
Pionieren sowie ihrer vorzüglichen Unterstützung durch Artillerie 
und Luftwaffe zu verdanken. Damit ist das Armeekorps, wie stets. 



205 



wieder an der Spitze der Angriffskolonnen der Heeresgruppe B. 
Soldaten des Armeekorps, ihr habt neuen Ruhm erworben! Ich 
bin stolz auf euch!... Weichendem Feind ist nachzustoßen... in 
allgemeiner Richtung Ostende. Feindliche Landungsversuche 
verhindern." 

Das Grollen der Feindbatterien verebbt mehr und mehr. Im 
Osten geht schon der fahle Schimmer des neuen Tages auf. Der 
Divisionsbefehl trifft nun bei den siegreichen Regimentern ein: 
„Die Vernichtung der eingekreisten Feindarmee geht ihrer 
Vollendung entgegen. Vor dem Angriffsstreifen der Division ist der 
Feind entscheidend geschlagen worden. Mehrere feindliche 
schwere und leichte Batterien wurden teils nach erbittertem 
Nahkampf genommen, teils verlassen erbeutet. Die Zahl der 
Gefangenen ist noch nicht zu übersehen. Mit vielen anderen 
Waffengattungen gebührt der Lorbeer des Sieges in erster Linie 
dem Regt.... Auch das Rgt.... hat wesentlichen Anteil am Erfolg. 
Rückzugsbewegungen des Feindes. Marschkolonnen mit 
Bomben angegriffen. Feind hält noch Knesselaere-Oostmeulen. 
Die Division bleibt dem Feind an der Klinge. Nur mehr Kampf 
gegen schwache Nachhuten." 

Das Gros ist ausgerissen. Das Bild, das uns die verlassenen 
Batteriestellungen boten, bezeugte eine panische Flucht. Vom 
Tornister bis zu den angehalfterten Batteriepferden — alles, alles 
ist zurückgelassen worden. Wir stöberten da auch dicke Packen 
Kartenmaterial über Westdeutschland auf, das gebündelt und 
versiegelt den Vermerk trug in französischer Sprache: „Geprüft 
und in Ordnung befunden, 1. Juni 1933." Oh, wie vorsorglich — 
vor sieben Jahren schon völlig bereit, in Deutschland 
einzumarschieren. 

Tja, schon damals spielte der franzosenhörige belgische 
Generalstab mit dem gefährlichen Gedanken eines Feldzuges 
gegen uns. Der „militärische Spaziergang" von Brüssel nach 
Westdeutschland wird nun allerdings bald im Dünensand von 
Ostende sein Ende finden. 



206 



Die ersten Stunden nach der Kapitulation 



Deutsche Parlamentäre im belgischen Hauptquartier 

Wir suchen Fühlung mit einem belgischen Stabe 
Mit 80 Stundenkilometern hinter der weißen Fahne her 
Feindkolonnen erstarren vor Staunen / Spontane „Heil"- und Freuderufe 
und ein paar Schimpfworte Der Generalstabschef empfängt uns 

Brügge, 28. Mai, 13.30 Uhr. 

Aus dem Divisionsbefehl der x. Division vom 28. Mai, 4.45 Ulir: 

„Das belgisciie Heer liat die Kapitulation angeboten. Ab 5 Ulir 
ist das Feuer einzustellen. Die Regimenter und selbständigen 
Abteilungen stellen sofort alle auf Kraftfahrzeugen und 
Fahrrädern beweglich zu machenden Teile zu 
Vorausabteilungen zusammen." 

Aus dem Korpsbefehl des Armeekorps vom 28. Mai, 6.30 Uhr: 

„1. Der belgische Oberbefehlshaber hat die Waffenstreckung 
angeboten. Mit Widerstand in Belgien befindlicher kleiner 
französischer und englischer Truppenteile muß gerechnet 
werden. 

2. Belgische Parlamentäre sollen sich am 28. Mai, 5.40 Uhr 
deutscher Zeit, an den vordersten deutschen Linien einfinden. 
Sie sind dort durch die Division in Empfang zu nehmen. Als 
Kapitulationsbedingung gelten bis auf weitere Befehle: 
Bedingungslose Niederlegung aller Waffen, Munition und 
alles sonstigen Kriegsmaterials an Ort und Stelle." 



„Die Belgier haben die Kapitulation angeboten!" Mit diesem 
Zuruf rüttelte man uns heute frühmorgens aus dem kurzen Schlaf. 
Noch bis in die späten Nachtstunden hinein kämpften unsre 
Gefechtsvorposten vor Knesselaere, das der fliehende Feind 
noch verzweifelt verteidigte. Aber nun ist die Stunde da, die 
kommen mußte — erzwungen durch Zähigkeit und Tapferkeit 



207 



unsrer Truppen und des unbändigen Draufgängertums ihrer 
Fülirung. 

Ab 5 Ulir morgens sciiweigen die Gewelire. Die weiße Flagge ist 
iiociigezogen worden! Wir suclien, wie befolilen, die Fülilung 
aufzunelimen mit dem Feinde von gestern da drüben. Bislier sind 
nocii keine belgisciien Unterliändler bei unsren 
Gefeclitsvorposten ersciiienen. Es ist 7 Ulir morgens, die 
Notwendigkeit, Klarlieit zu sciiaffen, wird immer dringliclier. Um 
7.55 Ulir befielilt der Kommandierende General des Armeekorps, 
General der Artillerie Wodrig: 

„Sofort durch Parlamentär feststellen, ob bei den Belgiern 
Schießverbot durchgedrungen. Wenn ja, sofort mit motorisiertem 
Verband antreten. Küste so schnell wie möglich erreichen. 
Zeitpunkt des Antretens und des Erreichens der Küste sofort 
melden." 

Auch am Kraftwagen der Parlamentäre unsrer Division wird also 
die weiße Fahne aufgerichtet, sie müssen die Fragen mit der 
belgischen Führung klären, die seit 5 Uhr morgens bestehen. Wir 
fahren, wie befohlen, sofort los. Über Ursel nach dem eben noch 
heißumkämpften Knesselaere. An einem frischen Heldengrab, 
neben dem als ergreifendes Sinnbild der rote Mohn blüht, knapp 
an der Straße, vorbei, die letzten Gefechtsvorposten bleiben 
hinter uns. Hier in diesen Wäldern hat erst gestern mittag eine 
kleine Gruppe, geführt von Unteroffizier Hermann Ritter von 
Ingram, einem Steiermärker, die letzte feindliche Widerstandslinie 
durchbrochen und in verwegenem Handstreich zwei motorisierte 
Batterien, eine Feldhaubitzenstellung samt Trossen und 
Munitionslagern erbeutet und ein halbes Tausend Gefangene 
eingebracht. Aus letzter, wirklich allerletzter Kraftanstrengung ist 
diese Leistung zustande gebracht worden, dem Feind aber habt 
ihr keine Hoffnung mehr gelassen. Tapfere Kerle, endlich ist die 
Stunde für euch gekommen, um zu verschnaufen. Der Feind hat 
kapituliert, ein Leuchten steht in den Gesichtern unsrer prächtigen 
Soldaten. 

Es knattert unsre weiße Fahne im Morgenwind, wir fahren durch 
die Dörfer mit dieser Botschaft: Es ruhen die Waffen! Und mit der 
Verheißung: Es wird Friede für Belgien kommen! Freudiges 
Erschrecken zeichnet die Mienen der Zivilisten, der Männer und 
Frauen, die uns kommen sehen. „Die Deutschen sind da — der 
Krieg ist aus!" Wie eine windgepeitschte Flamme fliegt die Kunde 



208 



Wir überholen eine feind- 
liche Batterie. Der Kano- 
nier, der auf der Protze 
schläft, löfit es sich nicht 
träumen, daß . . . 



. . . der Krieg schon aus 
ist. Aach die noch voll be- 
waffnete Infanterie kann's 
noch nicht recht fassen 
(Seite im) 




M it der erhobenen Rech- \ 
ten grüßen uns freudig 
Zivilisten, Es kommt Frie- 
den f ür Belgien! 



Der Dolmetsch erklärt ei- 
ner belgischen Infanterie- 
Kompanie die Lage: Legt 
die Waff en nieder — nach 
dem Wiüea eures Königs! 

(Seite 209) 




Um II Uhr liahcn wir den 
Kasernciilioj in Zcdelghcm 
erreicht. Der Befehlshaber 
eines Armeekorps weist uns 
weifer nach Brügge in das 
Hauptqtktrtier . . . 



. . . nachdem uns bereits in 
Oostcamp ein belgischer Di- 
visionskommandeur, der sich 
nicht für zuständig hielt, an 
das Armeekorps verwiesen 
hatte (Seite 209) 



die Häuserzeilen entlang. Was Beine hat, läuft mit spontanen 
Rufen der Freude an die Straße heran. Zivilisten grüßen mit 
erhobener Hand — wir hören deutlich „Heil — Heil!" 

Dann wieder starren uns die versteinerten Gesichter derer an, 
die von der Wucht dieser Stunde wie gelähmt vor dem 
Geschehnis der Waffenstreckung stehen. Wir stoßen, indem wir 
uns über Knesselaere — Oedelgem südostwärts Brügge nähern, 
auf versprengte belgische voll bewaffnete Truppen, die nichts 
ahnen. „Es ist Waffenruhe — Krieg ist aus", machen wir ihnen 
deutlich. „Wo ist ein höherer Führungsstab?" Sie zucken die 
Schultern. Allenthalben ein Bild chaotischen Rückzuges, keiner 
weiß recht, was sich tut und wer wo ist. Immer dichter werden die 
Kolonnen der geschlagenen belgischen Armee. 

Wie vielgestaltig ist der seelische Ausdruck, den bei den 
Truppen aller Waffengattungen unser plötzliches Auftauchen 
hervorruft. Zwischen Entsetzen und heller Freude, zwischen dem 
Heilruf und dem gezischten Schimpfwort der Chasseurs 
d'Ardennes — alle Stufengrade der Überraschung können wir 
erleben. 

Manche heben die Hände hoch, als wollten sie sich gefangen 
geben. Die Flamen rufen uns in aufrichtiger Freude Frohes zu, 
ganz spontan und stark in Oostcamp südlich Brügge. 

„Fahr, daß die Fetzen fliegen!" spornen wir unsren Fahrer an. 
Wir müssen den Stab einholen, der zurückgeht — irgendwohin. 
Um 1 1 Uhr haben wir in Zedelghem ein Armeekorps erreicht, es 
weist uns weiter an das Hauptquartier nach Brügge. Bevor wir 
weiterfahren, sprechen wir kurz im Kasernenhof mit deutschen 
Gefangenen, die gestern noch am Kanal de la Lys in 
Feindeshand gerieten. „Wartet, in einigen Stunden seid ihr frei!" 
Wir können aber nichts für sie tun, denn als Parlamentäre 
müssen wir auf strengste Zurückhaltung bedacht sein. 

Wir nähern uns gegen 13 Uhr Brügge. Ein belgischer 
Polizeioffizier ist unser Lotse. Maßlos ist das Staunen in den 
Straßen bei unsrem Erscheinen. In einem herrlichen Park bei St. 
Andre, südwestlich Brügge, liegt das Hauptquartier. Ein Schloß im 
Tudorstil beherbergt den Stab. Den Soldaten der Stabswache 
fallen die Augen aus dem Gesicht vor Überraschung. Wir treten 
— nach kurzem Grußtausch mit den Generalstäblern — ein in 
das Arbeitszimmer des Generalstabschefs Michaels. Er empfängt 



209 



uns mit freundlicher Höfliclikeit. In wenigen Minuten ist unser 
Auftrag erfüllt. 

Zurück zur Division! Die Eindrücke bedrängen uns so sehr, daß 
wir für Augenblicke uns im Wagen zurücklehnen müssen. Die 
Bilder einer Armee im Zustand völliger Verwirrung fluten ohne 
Unterlaß an uns vorbei. Gestern sahen wir noch in einer 
belgischen Bürgerwohnung jenen verruchten Öldruck, der 
Erzberger zeigt, wie er bei Compiegne den Marschällen Foch und 
Weygand die Kapitulation Deutschlands anbietet. Die Bitternis, 
die in jedem Deutschen aufsteigt beim Anblick dieses höhnischen 
Bildes unsrer Entwürdigung, wird gemildert, wir fühlen es, durch 
den heutigen Tag des Sieges. Heiß fiebert es in unsren Schläfen, 
die Größe dieser Stunden erfüllt uns ganz. 

Friede ist das Wort, das wie ein Glockenhall über das Land 
weht. Das Volk wollte den Krieg nicht, es atmet auf, daß seine 
Frondienste für England so rasch vorüber sind — allerdings dank 
der Entscheidung und Kraft unsrer Waffen. 

„Wo sind die Engländer?" fragen wir einen flämischen 
Infanteristen auf der Landstraße von Brügge. „Die waren einmal 
da, aber sie spielten nur Verkehrspolizisten", meint er gallebitter. 

Die Verachtung für Albion und Frankreich ist abgrundtief. Das 
sagen nicht zuletzt die Hunderttausende zurückflutender 
Flüchtlinge, die an der belgisch-französischen Grenze vor 
verschlossenen Toren standen. 

„Ist Hitler böse auf Belgien?" fragte uns mit dem arglosesten 
Blick ein belgischer Soldat, der aufseufzend ausdrückte, wie 
glücklich er ist über das, was in aller Mund ist: „La guerre est finie 
— Der Krieg ist aus." 



210 



Stoßrichtung England — 'ran ans Meer! 

Der Siegesmarsch zur belgischen Nordseeküste 

Tagesziel Ostende — Nieuport — Zeebrügge — Blankenberghe 
Im Eilmarsch durch das Chaos einer sich auflösenden Armee 

Der Belgier, der auf der Protze schlief / nun ist es umgekehrt mit 

der Schokolade" / Erste Kampfberührung mit den Briten 

St. Georges (vor Nieuport), 
28. Mai, Mitternacht. 

Wir wollten eben nach unsrer Vorsprache im großen 
Hauptquartier der belgischen Armee, St. Andre bei Brügge, 
zurück zum Divisionsgefechtsstand nach Most, als wir unsre 
Division bereits in eiliger Marschbewegung in Oostcamp, südlich 
Brügge, wieder trafen. So schnell wie möglich nach vorn, die 
Küste gewinnen, die Städte besetzen, Ostende, Nieuport, 
Zeebrügge, Blankenberghe sind unser Tagesziel. Welch ein 
kühner Traum geht uns in Erfüllung! Abgekämpft sind unsre 
Männer, allein das Gefühl, so knapp vor der Küste zu stehen, 
Luftlinie nur 30 Kilometer, reißt uns alle wieder hoch und gibt uns 
Kraft, die Erschöpfung zu überwinden. 

Motorisierte Abteilungen sind vorgeworfen worden, sie bahnen 
sich mühsam den Weg durch die verstopften Straßen, die 
angefüllt sind mit belgischen Truppen und rollendem Material aller 
Art. 

Ein schweres Gewitter zieht von der Küste her, es grollen die 
Donner wie ein Echo der harten Kampftage, da Tag und Nacht 
die Batterien sich duellierten. Wir stehen an einer Wegkreuzung 
an der Straße Brügge — Thourout. Zwei Marschkolonnen sind hart 
im Räume aufeinandergestoßen. Für die eine ist nun endgültig 
Halt geboten: Es ist eine belgische Artillerieabteilung, der die 
motorisierten Einheiten unsrer Division entgegenkommen. 
Denkwürdig diese Begegnung zweier bewaffneter, sich eben 
noch auf Sein oder Nichtsein bekämpfender Heere. Die 
belgischen Soldaten bilden ein Spalier teils der Neugierde, teils 
des fassungslosen Staunens. Gerade haben sie erfahren, was los 
ist. Der belgische Kanonier, der auf der Protze eingeschlafen war 
und eben aufschreckt, meinte vielleicht, es würde nur, wie so oft 
in den letzten Tagen, ein kleiner Stellungswechsel nach rückwärts 



211 



vorgenommen werden. Im Spiegelbild seiner erstarrten Mienen 
und entsetzten Augen lesen wir die erdrückende Wucht dieser 
Augenblicke. „Die Deutschen — sind da!" stammelt er nach einer 
Weile. „ — die Deutschen — " und reibt sich die Augen, faßt jäh an 
die Stirn, als wolle er ein quälendes Traumbild verscheuchen. 

Nun rauscht blitzumzuckt der Sturzregen nieder auf Mann und 
Troß und Wagen, auf Freund und Feind. Klärung der 
wochenlangen wetterbangen Atmosphäre — auf dem alten 
blutgetränkten flandrischen Schlachtfeld und da droben in den 
ahnungslosen Götterwolken. Mühsam zwängt sich unsre 
Marschsäule durch die Engpässe der verstopften Straßen. 
Teilweise tragen die Belgier noch ihre Waffen, zum anderen Teil 
sind sie bereits entwaffnet. 

Vielfach haben sie schon die weiße Flagge gehißt. Belgische 
Kradfahrer haben sich ein weißes Taschentuch durchs Knopfloch 
gezogen, andere Marschgruppen haben sich um ein Fähnlein, 
bestehend aus Spazierstock mit Handtuch, geschart. Unser 
Marschweg führt uns über Lophem — Zedelghem — ^Aertrycke nach 
Eerneghem. Halbstündiges Stocken und flüssige Fahrt lösen 
einander ab. Wir haben auch mit der Gegenbewegung der 
Flüchtlinge zu rechnen, die entweder von der Küste her ins 
Hinterland ziehen oder die wieder mit uns nach der Küste wollen. 
Wir kommen an einer belgischen Artillerieabteilung vorbei. Unsre 
Sicherheit erfordert es, daß noch rasch unter Aufsicht unsrer 
Offiziere die Geschütze unbrauchbar gemacht werden. Die 
Verschlüsse fliegen ruckzuck heraus. 

Und wieder weiter, damit wir's noch bis zum Einbruch der Nacht 
schaffen. Die flämischen Soldaten wenden sich mit ihren Sorgen 
an uns: Was sie nun eigentlich machen sollten. Da guckt wieder 
ein belgischer Soldat zum Wagenfenster 'rein, tiefnaß, und redet 
uns in rheinfränkischer Mundart an. Was soll denn das? 

„In Deutschland gewesen?" 

„Nein, aber aus Eupen bin ich." 

„Menschenskind, dann bist du ja deutscher Reichsbürger!" 
Allein dieser Meldefahrer bei der belgischen Flakartillerie, 
Gruppe 4, weiß von nichts und gerät aus den Fugen vor Freude. 
„Maginotlinie durchbrochen — ja, ja." 

„Ich hab' keeeine Ahnung", meint er, von einem Staunen ins 
andere fallend. „Und da haben sie immer gesagt: Die 



212 



Ein MG.-Bataiüon überquert 
die Yser bei SL Georges. 
Hier findet unser erster Ku- 
gelwechsel mit den Englän- 
dern statt 



Leicht bespannte Artillerie 

bezieht Feuerstellung im 
Stadtkern der Hafenstadt 
Nieuport. Im hintcr^nind 
die von den En oländern bom- 
bardierte Kathedrale 

(Seite 216) 






Die ersten gegangenen Tom- 1 
mies bei Nieaport. Hm, so 

sehen sie also aus, die Bur- 
schen . . . (Seite 217) 



Die ersten gejangenen Fran- 
zosen an der Yser ( Seite 216 




Siegfriedlinie ist Sciiokolade — nun ist es umgekelirt mit der 
Sciiokolade!" 

„Reiclisbürger Peters, willst dich nicht sofort in deutsches 
Feldgrau umkleiden, wir brauchten so 'nen Kradfahrer. Deine 
,Sarolea' kannst gleich mitnehmen." 

„War' zu machen", geht der andere auf den Spaß ein, „aber 
erst", er spitzt die Lippen, „zum Frauchen, Junge, Junge!" lacht er. 
„Ja, unser General hat heute morgen mit den Tränen gekämpft, 
aber ich lache. Es war für uns Deutsche nicht ganz leicht, aber 
nun ist's vorbei. Wir sehen uns schließlich wieder!" sagt er und 
rattert hinein in sein neues Schicksal als Staatsbürger des Dritten 
Reiches. 

Volksdeutsche Tragik — wir lernten es so im Herbst 1938 in 
Böhmen kennen, im März 1939 in Brünn, dann auf dem Marsche 
nach Lemberg und nun auf dem Siegeszug an die belgische 
Nordseeküste. Diese Gewissensqual ist nun zu Ende, zum 
Soldatendienst gepreßt zu sein, um gegen das eigene Volk 
anzutreten. 

Leke — ein Städtchen, worin noch die Erinnerung schwingt an 
die deutsche Besetzung 1914 — 1918. Der Landarbeiter Delaeter 
erzählt uns, wie gut er sich mit den Deutschen, die bei ihm 
einquartiert waren, verstanden habe. Da war einmal Max 
Vogtland, Hans Vogelsang und so fort, Berliner und 
Neubrandenburger. Das Herz geht ihm weit auf, während er im 
biederen Flämisch erzählt, in dem sich auch mancher gute 
deutsche Brocken des Soldatenlexikons befindet. 

St. Pierre-Capelle ist erreicht. Flämische Soldaten erzählen uns 
während knapper Zwangsrast, wie übel Frankreich die belgischen 
Flüchtlinge aufgenommen habe, und sie beteuern, daß drüben 
den Flüchtlingen ein Glas Wasser mit 2.50 Francs berechnet 
worden ist. 



„Das belgische Heer hat kapituliert", heißt es im Korpsbefehl für 
den 28. Mai, „die im belgischen Raum befindlichen Franzosen 
und Engländer haben sich aber von der Waffenstreckung 
ausdrücklich ausgeschlossen. Sie werden sich spätestens an der 
kanalisierten Yser zwischen Nieuport und Dixmuiden zum Kampfe 
stellen. Die Armee greift den Feind an." 



213 



Um 18.15 Uhr erreicht unsre Vorausabteilung die Yser. Knapp 
vor unsrem Erscheinen auf der Straße nach St. Georges ging die 
Brücke hoch. Wir haben Franzosen vor uns, die meinen wohl, sie 
könnten noch etwas retten aus ihrer Konkursmasse. Weg nach 
Nieuport also versperrt. Auch drüben bei Schoorbakke ist die 
Brücke gesprengt. Großbritannien ist hier wieder einmal mit 
Panzerkampfwagen vertreten, die gleich zur ersten Begrüßung 
auf unsre Vorauseinheiten ballerten. Siehe da, nun hätten wir sie 
also vor uns, diese fragwürdigen Freunde Belgiens. Drei 
Messerschmitt-Maschinen umkreisen uns und schießen weiße 
Leuchtsignale ab. Die Luftwaffe wacht. Wir wollen uns einrichten, 
hier die Nacht zu verbringen. 

Entlang der Straße St. Pierre — Capelle — St. Georges bilden die 
Einheiten vor ihren Alarmunterkünften nachts den Igel. Wir hauen 
uns in dem Einzelgehöft ins Stroh und legen Taschenlampe und 
Pistole, geladen und gesichert, dicht ans mollige 
Schlummerkissen, den regenfeuchten Mantel. Artilleriefeuer, das 
wohl von englischen Schiffsgeschützen stammt, MG. -Geknatter 
und das Brummen von Feindfliegern über dem schwarzen 
Wolkenvorhang verspricht keine zu erholsame Nacht. 



214 



Die Zange schließt sicli 



Fluchtmanöver des Tommy bei Nieuport 

Wir jagen Engländer und Franzosen ins Meer I Nieuport nacli zäliem 
Häuserkampf genommen / Nur mehr ein gedeckter Rückzug — an der 
Küste warten Transporter / Unsre 15-cm-Langrohrgeschütze feuern in 
die See hinaus / Die ersten gefangenen Poilus — eine Riesenkolonne 
Das Husarenstück des Feldwebels Reinefarth 

Nieuport, 29. Mai, 21 Uhr. 

Aus dem Korpsbefehl für den 29. Mai: 

„Ostende, Westend und Mannekensvere sind von den 
Vorausabteilungen erreicht worden. Mehrere hundert 
französische und englische Gefangene wurden gemacht. 
Voraustruppen des Armeekorps erreichten Berst und Dixmuiden. 
Die Panzerdivision hat Befehl, auf Furnes vorzudringen." 

Einmal noch: Sprung auf — marsch, marsch! und wir sind am 
Meer — zum zweiten Male seit Kornwerderzand! Wir wittern die 
Seeluft schon, wir haben nur noch die Yser zu überschreiten, 
Nieuport zu säubern und wir stehen am Ziel. 

Ja, so dachten wir heute morgen in St. Georges, als uns ein 
englisches Aufklärungsflugzeug wie eine einsame Schwalbe, die 
für Albion keinen Frühling mehr bringt, umkreiste. Und nun, die 
Sonne steht noch hoch am Himmel, haben wir's geschafft. Mit 
pochendem Herzen eilen wir die Düne hinauf — frei liegt die 
blaue Nordsee vor uns, und die Rohre unsrer Geschütze, die wir 
raschest vorgezogen haben, starren hinaus in die See vor 
Nieuport. Dort unten entdeckt unser Glas den Bug des eben erst 
durch unsre Schnellboote versenkten englischen Zerstörers. Da 
liegen noch die wuchtigen Betonklötze der alten deutschen 
Befestigungen aus dem Weltkrieg, unsre Fahne ist nun über die 
alte Kampfstätte hinausgestürmt, mit tiefer Bewegung erfühlen 
wir, wie das heldische Vermächtnis der deutschen 
Küstenverteidiger von damals gleichsam wie ein Stafettenstab 
von unsren siegreichen Truppen aufgenommen und im Sturmlauf 
vorwärtsgetragen wird nach 25 Jahren. 

Wie damals das Feuer der englischen Schiffsgeschütze hier 
hereingeschlagen hat, so auch jetzt wieder, freilich nicht zu toll, 
denn unsre 15-cm-Langrohrbatterien, die seit morgens hinter den 



215 



Dünen in Stellung gegangen sind, halten die lauernden 
englischen Panzerhaie in Respektsabstand. Unsre Pak hat sich 
auf der Dammkrone der Düne eingegraben, bereit und imstande, 
jeden Landungsversuch abzuwehren. Doch hat der Tommy Lust 
dazu? Es scheint nicht. Er kämpft ja noch um Nieuport. Es 
dröhnen die Einschläge in die Hafenstadt herüber, eben sahen 
wir im Vorüberfahren, wie unter der Einwirkung einer englischen 
Brandbombe das Feuer aus dem Turm der Kathedrale schlug. 
Aber unsre Artillerie brennt dem Tommy tüchtig eins aufs Fell, der 
sich in dem Winkel zwischen Nieuport und Furnes 
zusammendrängt, wohl um den nächsten Schiffsanschluß nicht 
zu verpassen. Ja, das gibt dem heutigen Tage die köstliche 
Würze, daß wir wissen, wir haben diese Brüder in der Zange, die 
wir nun stramm schließen wollen. Ringsum greifen Engländer und 
Franzosen in die Stacheln. Es bleibt ihnen nur mehr der Weg ins 
Meer — wir werfen sie hinein, sofern sie sich nicht gefangen 
geben. 

Gestern abend haben sich englische Panzerkampfwagen noch 
bei Schoorbakke gezeigt an der Yser, als unsre Stoßtrupps 
übersetzen wollten. Aber nun ist der Spuk verraucht. Um 10 Uhr 
gehen unsre Truppen in breiter Front über den Fluß, in 
Schoorbakke allein leisten Franzosen stärkeren Widerstand. Im 
Schutze des belgischen Flüchtlingsstromes, also unter Mißbrauch 
der weißen Flagge, sind die Poilus herangekommen und feuern 
aus nächster Entfernung aufs andre Ufer. Wir dringen auf 
Evakuierung des Dorfes, und dann hagelt es auf die Poilus, die 
sich bald zu Hunderten ergeben. Welcher Stolz erfüllte diese 
Truppe, hier an der Yser den Zug der geschlagenen Franzosen 
entlangzuführen! So endet das verzweifelte Bemühen der 
Feindmächte, an der Yser noch so was wie eine allerletzte 
Verteidigungsstellung zu beziehen. Schweigend kommt die 
Kolonne der Gefangenen auf uns zu, wir glauben zunächst, es 
seien Belgier wegen der großen Ähnlichkeit der Uniformen und 
Stahlhelme. Doch da wir die Kokarde „R. F." lesen, macht der Ruf 
die Runde: „Kommt — seht — unsre ersten französischen 
Gefangenen!" 

Ein MG. -Bataillon setzt über bei St. Georges. Die Brücke ist 
gesprengt, wir haben nur einen elenden alten Kahn. 
Zurückpendelnd nimmt er Flüchtlinge auf, die aus Nieuport 
kommen. Da sehen wir wieder, wie ritterlich unsre Landser 



216 



empfinden und handeln: Sie nelinnen sicli die Zeit, einem 
Eliepaar beim Verfracliten und Ausladen eines Kinderwagens zu 
helfen — drüben und herüben. „Die typischen deutschen Greuel 
in Belgien", wirft ein Kamerad sarkastisch ein, „abgehackte 
Kinderhände..." Und dabei geraten die rauhbärtigen Landser in 
Begeisterung, als sie ein rosiges Kindergesichtchen auf dem 
Kissen liegen sehen. Doch dies soll nur als winzige Episode eines 
Tages von unerhörter Dramatik vermerkt sein. 

In Nieuport hatte der Feind nicht mehr Zeit, die Sprengladungen 
an den beiden Zugbrücken zu entzünden. Das Feuer seiner 
Artillerie liegt über der Hafenstadt und verwüstet sie sinnlos. Im 
Schutze des König-Albert-Denkmals machen sich unsre Truppen 
zum Angriff bereit. Unsre vorderste Linie geht bereits durch die 
Stadtmitte, aus der MG. -Geknatter und das Gedröhne der 
Granatwerfer herüberschwillt. Im Galopp überquert bespannte 
leichte Artillerie ein vom Feind eingeschossenes Straßenstück. 
Englische Bomber brummen heran und bombardieren die nicht 
evakuierte Stadt. Die Kathedrale steht bis auf den letzten 
Betschemel herab in Flammen — Englands Werk. Aber der 
Erzbischof von Canterbury wird gewiß heute noch eine ölige 
Pharisäerrede über religiöse Bilderstürme in Deutschland halten. 

Schallendes Hallo zieht unsre Aufmerksamkeit zum 
Gefechtsstand hin. Die ersten fünf gefangenen Tommies sind 
eingebracht worden. Verkniffene Gesichter. 

Hm, so sehen sie also aus, die Burschen. 

Das Artilleriefeuer aus dem Süden von Nieuport machte uns 
schwer zu schaffen. Nun wird's stiller, merklich stiller. Die 
Vorhutabteilung eines Regiments meldet um 18.35 Uhr: „Vier 
französische Batterien mit Munitionskolonnen gestellt und 
gefangengenommen." Ein Bravourstück des Feldwebels 
Reinefarth, das seinesgleichen sucht. 

Mit dem Auftrag: „Stellen Sie fest, aus welcher Stellung die 
französische Batterie in südlicher Richtung unseren Angriff in der 
linken Flanke aufhält", war Reinefarth als Führer einer kleinen 
Gruppe entlassen worden. Unterwegs teilt ihm ein Offizier einer 
anderen Einheit mit, daß eine feindliche Kolonne auf Avecapelle 
zu marschiere. Reinefarth sieht sie durch das Glas 
herankommen, fährt ihr entgegen, erwartet sie in der Ortschaft 
Avecapelle. An die zwanzig Belgier ergeben sich ihm und seinen 
zwei Männern sofort. Der Führer der gemeldeten Marschkolonne, 



217 



ein französischer Oberst, kommt angeritten. Reinefartli fälirt im 
Geländewagen auf ilin zu, fordert ilin mit Pistole im Anschlag auf, 
sich zu ergeben. Sofort bringt der Feind ein MG. in Stellung. Der 
Oberst weigert sich, verweist auf die zahlenmäßige Überlegenheit 
seiner Truppe. Reinefarth hat die Geistesgegenwart, ihm 
entschieden zu widersprechen, er habe ein ganzes Regiment 
hinter sich, es sei um die Franzosen geschehen, wenn nicht... 

Und doch sind nur zwei Pakgeschütze im Anrollen — gegen vier 
Batterien. Reinefarth setzt alles auf eine Karte: Entweder er 
nimmt die ganze Kolonne gefangen oder er ist mit seinem Fahrer 
und einem Schützen der Gefangene der Franzosen. Das ist jetzt 
Nervensache. Er bringt den Oberst dazu, in seinen, Reinefarths, 
Wagen einzusteigen und schließlich die Pistole abzulegen. Und in 
letzter Minute, ehe noch die Franzosen in ihrem berechtigten 
Verdacht bestätigt sind, treffen unsre beiden 
Panzerabwehrkanonen ein. Die Franzosen kapitulieren, ehe noch 
ein Schuß gefallen ist. Das Husarenstück ist gelungen: Vier 
Batterien, drei Munitionskolonnen, zwei französische Bataillone in 
unsrer Hand. Überwältigt durch Mut und Kaltblütigkeit eines 
deutschen Feldwebels. 

Das Störungsfeuer auf Nieuport war damit ausgeschaltet. 

Im zähen Häuser- und Straßenkampf ist der Feind aus Nieuport 
geworfen worden. Nur im Westen der Stadt kann er sich dank 
seiner Erdbefestigungen jenseits des kleinen Kanals noch halten. 
Durch das Bersten und Krachen des Gefechtslärmes und der 
Brände hören wir, indem wir vorgehen, aus der wie erstorbenen 
brennenden Stadt plötzlich fidele Schallplattenmusik. Ja, unsre 
jungen Soldaten haben, da sie schon durch so viele heiße 
Kämpfe geschritten sind, nunmehr die Ruhe weg. Die 
Bataillonsreserve macht sich eine vergnügte Viertelstunde, wer 
weiß, was kommt, wer hat, der hat — altes, goldrichtiges 
Soldatenwort. Das gilt wohl auch für den zweifelhaften 
Ohrenschmaus, den ein ausgeleiertes Grammophon im Lärm des 
Gefechtes trotz alledem zu bereiten scheint. 

Der Tag hat uns die Erfüllung gebracht dessen, wovon wir 
geträumt haben, als wir noch an den belgischen Kanälen im 
Splitterregen gelegen haben: An der Küste stehen, unsre 
Geschütze im Dünensand des Kanalufers sehen, hinüberschauen 
und hinüberhauen ins Land jenseits des Wassers, wo die 
Heuchler der Welt zu Hause sind. 



218 



Nun durchkosten wir das Gefühl, daß wir's schon zum guten Teil 
geschafft haben, indem wir am Strand von Westende den 
Horizont vergebens nach den „meerbeherrschenden" 
Britenschiffen absuchen. Wir empfinden zugleich, es kann diese 
Begegnung mit der Meeresküste nur ein kurzes Atemholen sein 
— jetzt beginnt die Sache erst so richtig. 

Unser Herz schlug seit dem 10. Mai wohl noch nie so hoch wie 
an der Brandung bei Westende. 



219 



Ein fiebernder Puls der Ereignisse 



Kleinigkeiten, aufgelesen an der großen 

Heeresstraße 

Wir stehen am Wegrand und warten... 
Tausende Schicksale ziehen an uns vorbei / Die Straße hat ihre Gezeiten 
Jesuiten ohne Standhaftigkeit und kopfstehende belgische Gewehrläufe 

Ghistelles, 30. Mai, 19 Uhr. 

Man hat Straßen Adern genannt, Adern des Verkehrs, durch die 
der Blutstrom des Lebens rinnt, Handel und Wandel fließt. Die 
Straße ist Ader zumal im Kriege, die zuckt und pocht unter dem 
fiebernden Puls der Geschehnisse. Wir hätten von den großen 
Dingen, die diese Tage erfüllten, nichts an Ort und Stelle zu 
erblicken brauchen, nur an einem Wegrand hätten wir stehen 
müssen und das in uns aufnehmen, was hier vorbeihastet, sich 
hier vorbeischleppt hinauf und hinab — wir würden ein 
erregendes Bild dieses Siegesmarsches zur belgischen Küste 
gewonnen haben. Die neue Kriegsführung folgt dem Gesetz der 
Straße, der atemberaubende Krieg sucht die glatteste Bahn. Der 
„Blitzkrieg" gießt auf die Straße vulkanisch seine Lava aus, die 
brodelt und siedet im Weiterfließen. 

Die Division ist für kurze Zeit zur Ruhe übergegangen. 
Heißverdiente Ruhe. Wir haben seit 20 Tagen erstmalig Muße, zu 
stehen und zu schauen, kurz: Zuschauer zu sein und nichts 
weiter. Wir stehen also am Wegrand der großen 
Vormarschstraße, die hinabführt nach Nieuport und Ostende, und 
warten, was da auf uns zukommt. 

Die Straße beginnt zu erzählen, sie spült wie ein Strom vorbei, 
trägt Flöße und Kähne mit sicherem Steuer und sie schwemmt 
das Treibholz. Sie hat ihren Wellenschlag, ihre Gezeiten und hat 
ihr Rauschen. 

Da sind einmal die Schleppkähne in endloser Reihe: Die 
ratternde Auffahrt der motorisierten Marschkolonnen, schwere 
Artillerie bringt eine donnernde Lärmbrandung mit, dann huschen 
auf leisen Sohlen Radfahrabteilungen vorbei. Die letzten 
Silhouetten davon überschneiden bereits die Gestalten der 
Gegenbewegung in diesem Strom: Gefangene Engländer ziehen 
stromauf mit schleppendem Schritt. Ihnen folgt die dünne 

220 




Am Kanal Nieuport— Farnes: Der 
Sprung ms dem Schützengrahen 



Am Kanal Nieiiporf— Far- 
nes. Die ersten setzen im 
Floßsack über — sie rudern 
um ihr Leben (Seile 224) 



In der Deckung der Gräben 

arbeitet sich in eingeschos- 
senem Gelände ein Nach- 
richtcntriipp an den Nieu- 
port-Furnes-Kanal heran 



unabsehbar lange Reihe der Flüchtlinge, die ihre Fahrräder vor 
sich herschieben, so vollgepackt, daß man kaum mehr die 
Speichen sieht. Ein schreiend buntes Durcheinander von 
Farbklecksen spiegelt die Wirrnis dieses traurigen Aufbruches. 
Mittendrin ein versprengter Gefangener. Ein Franzose. Fragt uns 
müde, wohin er sich wenden solle. Ein Landarbeiter aus der 
Bretagne. Wie glücklich er ist, daß es für ihn aus ist, beteuert er. 
Fünf Kinder! zeigt er mit der gespreizten Hand. Wieder 
Flüchtlinge, die abgehetzte Hunde vor ihre Karren gespannt 
haben nach Landessitte, um rascher nach Hause zu kommen. 
Ziel Antwerpen. Schimpfen auf die Hartherzigkeit der Franzosen, 
die ihnen sogar Wasser verweigerten. „Wir sollten eigentlich bis 
Abbeville, allein wir sind nicht hingekommen, die Deutschen 
waren früher dort", meinen die Flamen mit einem Anflug echten 
Humors auf ihrem Heimweg. 

Das vorüberhastende Schattenspiel auf dem Bühnenbild, das 
gerahmt ist von den Alleebäumen, die Laterna magica unsrer 
Vormarschstraße geistert weiter. Die jetzt nahenden Silhouetten 
sind in tiefem Schwarz gehalten: Jesuiten, sieben an der Zahl, 
haben Reißaus genommen. Auf ihren steifen Jesuitenhütlein liegt 
der Staub der frommen Wanderung. Scharlachrote Wolldecken 
haben sie sich auf den Rücken gebunden. Ihr Glaube war 
offenbar nicht so stark, um seßhaft zu bleiben und das 
Schicksalhafte abzuwarten in schöner Seelenfassung. Tja... 

In unsrer Nähe haben sich am Graben entlassene belgische 
Soldaten hingesetzt. Einer bittet uns — und nicht umsonst — um 
Zigaretten. Der andere schnitzt sich nach Soldatenart während 
der Rast einen Spazierstock. Gestern haben die Stöcke der 
belgischen Heimkehrer noch weiße Fähnchen getragen, heut' ist's 
nicht mehr nötig. 

Blicken wir den Straßengraben entlang. Verröchelte belgische 
Motorfahrzeuge, denen bereits das brauchbare Eingeweide 
entrissen ist, haben hier ins Gras gebissen. Visitenkarten der 
Panik. Dicht dabei ein alter bemooster Betonbunker, aus dem 
längst ein friedsamer Stall geworden ist. Alte deutsche 
Weltkriegsstellung, ein Stück flandrisches Inferno von einst. 

Mit Spitzhacken kommt jetzt eine Abteilung deutscher 
Brückenbaupioniere auf uns zu und beginnt ein verödetes 
Straßenbahngeleise auszuheben. Das sollen Traversen für die 
neue Brücke da drüben werden. Gehen wir an die hundert Meter 



221 



die Straße hinauf, Iiier wülilt die arme Bevölkerung in dem Wust 
verlassener belgischer Heeresgerätschaften und sucht aus 
zertretenen Hemden, Zwieback, Schreibpapier, Schuhwichse und 
Tornistern noch irgendeine Köstlichkeit zu erhaschen. 

Die Heiterkeit, die wir über diese Goldgräberemsigkeit auf 
verlorenem Posten empfinden, teilt sich auch den Männern an 
dem Pakgeschütz mit, die am Ortseingang auf der Hut sind als 
die auf allen Straßen zu findenden treuen und unermüdlichen 
Wächter. 

Eine deutsche Kolonne ist ins Stocken geraten. Ein junger 
schwarzer Köter gerät quietschend unter einen Tankwagen. Der 
Fahrer holt ihn behutsam hervor und ernennt ihn zum 
Tankwagenbegleithund und Talisman. Glückbringer an 
Kühlerhauben und Motorradgabeln sahen wir heute an die 
Hunderte. Menagerien von Figuren sind hier aufgeboten worden. 

Seht dort unten am Wegrand das bizarre Bild: Etwa ein Dutzend 
belgischer Karabiner stecken mit ihren Läufen kopfüber im 
Boden. Desgleichen einige Bajonette. Ein harmlos demonstrativer 
Abschied der Soldaten von der aufgelösten Armee. Vielleicht 
heißt das auch: Hatten wir das alles nötig? 

So erzählt die Straße ohne Unterlaß: Tausende Schicksale, 
beredte und stumme, ziehen an uns vorbei. Nur Kleinigkeiten, nur 
Treibholz im gewaltigen reißenden Geschehnisstrom dieser Tage. 
Die große Heeresstraße hat ihre Gezeiten, Straße des Kampfes, 
der Flucht, des stürmischen Vormarsches, Straße des Lachens 
und Weinens, des Sieges — sie wird bald wieder eine Straße des 
Friedens und neueuropäischen Aufbaues sein. 



222 



Das South-Lancashire-Regiment liegt uns gegenüber 

Rückzug der Engländer — erbitterte Nachhutkämpfe 

Zähes Ringen mit dem zur Küste entweiclienden Feind 
Verzweifelte Anstrengungen, den Rückzug zu decken 
Wir erleben einen Luftkampf über uns 
Englischem Jäger sitzt der rote Hahn im Nacken 
Engländer feuern auf Verwundetenträger 

Am Nieuport — Furnes-Kanal, 31. Mai, 19 Uhr. 

Zum fünften Male liegt die schlachterprobte Infanterie 
sprungbereit und sturmbereit hinter der Dammkrone eines 
belgischen Kanals. Diesmal ist der Engländer unser Feind am 
anderen Ufer, er kämpft verbissen um jeden Fußbreit des nur fünf 
Kilometer schmalen Streifens, den der Vormarsch ihm zwischen 
uns, d. h. der Küste und dem Nieuport — Furnes-Kanal, gelassen 
hat südlich des Hafens Nieuport bis hinab nach Dünkirchen. 
Entlang des Kanals Nieuport — Furnes sind unsre Truppen gegen 
den Tommy angesetzt, wir liegen ihm in schnurgerader Front 
gegenüber. Der Feind — es liegt das South-Lancashire-Regiment 
vor uns — hat eine Elitetruppe aufgeboten, um seine letzte wenig 
ruhmvolle militärische Unternehmung am Kontinent, die 
„erfolgreiche" Verschiffung durchzuführen, so wie er es tat in 
Andalsnes und Namsos. 

Wir müssen nach diesem heißen Kampftag, der zur Erde wie zur 
Luft heftige Auseinandersetzungen brachte, gestehen, daß der 
Gegner sich mit ungemein großer Zähigkeit gegen unsre 
schneidige Infanterie zur Wehr setzte, die nur schwer ihre 
Brückenkopfstellung am Schiffskanal westlich Wulpen aufrichten 
konnte. Jetzt, da es ihm selbst an den Kragen geht, wird der 
fahnenflüchtige Alliierte wild und kampfentschlossen wie ein 
Berserker; so wohlfeil ihm die Haut anderer ist, so teuer ist ihm 
seine eigene. Nur weg von dem ungemütlichen Kontinent — 
damned — heimzu, rette sich, wer kann und wie er kann, das ist 
das Ethos dieser wohl allerletzten britischen Waffentat am 
Festland. Sie wollten sich auch nicht gefangengeben, ihr eigenes 
schlechtes Gewissen stachelt sie, sie fürchten wohl Vergeltung 
für das, was sie unsren Gefangenen zufügen. Zehn Gefangene, 
die eben ein Posten vom Kanal zurückbringen wollte, sind 



223 



ausgerissen, sie liaben sdiwimmend das andere Ufer zu 
erreiclien versuclit. Keiner liat es erreiclit. 

Der Feind liat die Vorteile des Geländes für sich: Auf den etwa 
20 bis 30 Meter hohen Dünen, die sich jäh über der flachen, völlig 
eingesehenen Tafel unsres Angriffsstreifens erheben, hat er seine 
schweren Waffen in Stellung gebracht. Wir haben ihre Wirkung 
den langen Tag über zu spüren bekommen, zumal seine 
schweren MG. und sein Granatfeuer. Aber unsre Batterien 
schössen nicht faul in die Pferche des schmalen Uferstreifens 
hinein. 

Um 9 Uhr früh begann das Übersetzen am Kanal. Die übliche 
Lage: Flankierende, nahezu unerkennbare feindliche MG. 
bestreichen die Länge des Wasserweges. Es mußten diese 
Nester erst durch unsre Pak- und IG. -Züge niedergekämpft 
werden, ehe die Infanterie ohne zu große Gefahr mit ihren 
Schlauchbooten übersetzen konnte. 

Der Kampf um das diesseitige Kanalufer war allerdings von 
einer Heftigkeit, wie sie vielleicht nur noch am Kanal de Gant 
verspürt worden ist. Wären die Engländer nicht so kaltrechnende 
Taktiker — in diesem Falle geht es ihnen wieder einmal um den 
rechtzeitigen Schiffsanschluß — , man könnte glauben, das 
South-Lancashire-Regiment würde versuchen, den stark 
ramponierten Soldatenruhm des Tommy ein wenig auszubügeln 
beim Adieu vom Kontinent. Aus Dachluken zumeist mußte wohl 
das Feuer stammen, das wir zuweilen noch hinter uns 
vernahmen. Stoßtrupps hatten stundenlang zu tun. um diese 
heimtückischen Nester unwirksam zu machen. MG. -Duelle 
kennzeichneten den Nachmittag und das gezielte Einzelfeuer, 
das zu besonderer Vorsicht und Deckung zwang. 

Wir sind ritterlich genug, um ohne Zögern anzuerkennen, daß 
der Feind sich gut geschlagen hat, allein wir verachten jenen 
Mangel an Anständigkeit in der Kriegführung, den der Engländer 
heute wieder zeigte, als er unsre Sanitätssoldaten unter Feuer 
nahm. Unsre Verluste sind nicht gering. 

Der Heftigkeit des Erdkampfes um den Küstenstreifen entsprach 
eine ebensolche dramatische Auseinandersetzung in der Luft. Die 
feindliche Aufklärungstätigkeit und sein Luftbeschuß waren sehr 
rege. Das noch von Zivilbevölkerung erfüllte Nieuport nahmen 
sich englische Bomber etwa um 17.30 Uhr zum billigen Ziel, 
nachdem die feindlichen Jäger unsren Beobachtungsfesselballon 



224 




Oben: Am NieuporUFu^nes-Kanal: Ein Laufsteg wird über die Kähne gelegt, damit . . . 
Unten: ... die Sturmtrupps sich am Feindafer zu neuem Vorstoß sammeln können. 
Das South-Lancashire-Regiment, eine Eliietruppe, liegt uns gegenüber (Seite 225) 



Nach der t lacht der Briten: Landser ste 
zum ersten Male an der Nordsee . . . (Seite 2 



. . . und sehen zum ersten Male, wie so*n 
tischer Torpedo beschaffen ist, der morgens 
gerauscht kam (Seite 228) 




Oben: Ortseingmg La Panne — Verlassene britische PanzerAampf wagen 
Unten: Erster Blick auf den Strand von La Panne: Der KSrngUeh- 
Britische Kraftwagenpark zum Teil ein rauchender Trümmer häufen. 
Im Hintergrund die „Autobräcke'* (Seite 229) 




Die „Auloh rücke^' von 
Panne, ein Denkmal im ?• 
chen des britischen Sc/itai .': 
ruf es: Retle jeder sein nack- 
tes Leben! 




i 



Über den Dächern der Kraft- 
jahrzeuge ein schwankende^ 
Laufsteg angslgepeitschiir - 
Flucht, fiitsch-husch, weUr. 
reizvoller Riickziifr, weUäd 
reizvoller Krieg! (Seite 23^W 



i 



vergeblich angegriffen liaben. Den Luftraum fegten die deutsciien 
Jäger rein. Wir erlebten einen wechselvollen Luftkampf über uns, 
sahen, wie zwei deutsche Jäger den Engländer in die Feuerzange 
nahmen, bis ihm der rote Hahn im Nacken saß. Aber er blieb 
noch oben, zwei Minuten lang zog er die Flammenfahne hinter 
sich her, als könnte er ihr noch entfliehen. Dann neigte sich der 
Jagdeinsitzer plötzlich kopfüber, sauste auf die Wiese herab mit 
voller Fallgeschwindigkeit — eine Rauchsäule zeigte uns die 
Absturzstelle jenseits der Dächer. Wir fanden nur noch Trümmer 
vor, der Motor steckte tief in der Erde. Bis in den Abend hinein 
rauschte es über uns, bald waren es Feindflieger, bald zogen 
sicher unsre Bombengeschwader ihre Bahn nach dem Westen, 
obwohl der klare Himmel dicht getupft ist mit 
Flaksprengwölkchen . 

Am Kanal aber ist über den Schifferkähnen ein Laufsteg gebaut, 
worüber wir nun zur Verstärkung des Brückenkopfes eilen. Der 
vorgeschobene Beobachter, der mit uns kam, wird dafür sorgen, 
daß die Feuerglocke der eigenen Batterien sich schirmend über 
die Infanterie senkt. 

Es wird morgen reiner Tisch gemacht da drüben. 



225 



Wir stoßen ins Leere 



Heute nacht ist der Engländer ausgerückt 

Wir liegen am Kanal zum letzten Sturmangriff bereit / Aufgefangener 
englisclier Funkspruch: „Verschiffung in drei Wellen ab 12.30 Uhr!" 
Geflüchtete holländische Soldaten atmen auf 
Seebad Coxyde les Bains hat die Saison eröffnet... 
Britisches Debakel mit Bordeauxwein begossen 

Coxyde les Bains, an der belgischen Küste, 

1. Juni, 13 Uhr. 

Als wir gestern nachts noch am Kanal Nieuport — Furnes lagen 
und um jeden Zollbreit Dünenboden rangen, ahnten wir nicht, daß 
der heutige Morgen uns so froh begrüßen würde. Wir spürten das 
allerdings: Da drüben stimmt was nicht, obwohl der Tommy sogar 
Ansätze zu Gegenangriffen machte. Diese fünf Kilometer 
Gelände bis zur Küste hin hätten uns weiß Gott noch viel Blut 
gekostet. Wir bereiteten uns jedenfalls auf einen ganz bitteren 
Kampf vor, so nah am Ziel und so hart war es, das Letzte zu 
erreichen. 

Ein wachsamer Funker eines Stabes aber hat hineingehorcht in 
die Wirrnis vor uns, die bei den englischen Gefechtsvorposten 
uns gegenüber den Mut der Verzweiflung angefacht hat, er hat 
einen Funkspruch aufgefangen, als noch der Tommy uns um die 
Ohren funkte, und dieser Spruch besagte im Klartext folgendes: 
„In der Nacht zum 1. Juni verläßt per Schiff in drei Wellen die 
englische Streitmacht im Räume Nieuport — Dunkerque das 
Festland, Beginn der Verschiffung 12.30 Uhr..." 

Die vorne am Kanal liegen, einen Hahnensprung von der Küste 
ab, haben nachts eine letzte schwere Probe zu bestehen. 
Englische Flieger streuen Bomben in rauhen Mengen in das 
Gelände, wo sie die verfolgenden deutschen Truppen vermuten. 
In den Morgenstunden unternimmt das Bataillon der angelehnten 
Division eine gewaltsame Erkundung. Ergebnis: Keine Spur mehr 
vom Feind! Der Engländer ist ausgerückt. Um 7 Uhr früh tritt das 
Bataillon den Marsch zur Küste an. Ziel: Coxyde les Bains, das 
nach raschem Marsch um 10.15 Uhr erreicht ist. 

Welches Bild der heillosen Flucht bietet sich uns! Batterie über 
Batterie steht am Straßenrand und ein Riesenpark von 



226 



Fahrzeugen ist verlassen. Flak, Panzerkampfwagen, 
Gefechtswagen, Sanitätskolonnen, eine Unmenge von 
Motorrädern und was sonst noch Kriegsmaterial heißt, liegt in 
chaotischem Durcheinander an und auf der Straße. Es muß eine 
Schreckensnacht für den Tommy gewesen sein. 

All die freundlichen Hilfsgeräte, die dazu dienen sollten, 
Deutschland nach Reynauds Konzept zu zerstückeln, mußte er 
im Stiche lassen. Welche Pein des Abschiedes. Und welches 
Glück erfüllt in dieser Stunde unsre tapferen Kerle; das 
Bewußtsein, dem haben wir's heimgezahlt, aber feste, erhellt und 
erfrischt auch das müdeste Gesicht, über das der rauhe 
Soldatenbart gewachsen ist. Die Flieger da droben, die 
Kameraden in der Luft, sorgen schon, daß ihr das Glück der 
Sieger auskosten könnt! Es rauschen unsre Staffeln und Gruppen 
über die Dünen hinweg und die Jäger durchpfeifen scharfäugig 
den tiefhängenden grauen Morgenhimmel an der See. 

Der Spuk ist zerflattert, der Expeditionskorps hieß. Ruhmlos ist 
der großmäulige Fighter ausgekniffen und hurtig aus dem Ring 
gestiegen, als der deutsche Schwinger auf ihn zukam. 

Das blaugrüne Meer da draußen, aus dem die Wracks 
bombardierter Truppentransporter ragen, weint heute Wogen von 
Salztränen über die Entente cordiale. Es weinte bei Andalsnes, es 
weinte bei Namsos — es wird auch bald bei Narvik weinen. 

Grauenhaft malt sich das Bild des britischen Abganges in unsren 
Augen. Es atmen auf die ungezählten Tausende, die hier unter 
dem Terror der Engländer tagelang gelegen haben und auf die 
Stunde der Heimkehr warteten. 1.250 Holländer treffen wir im 
Vorgehen auf St. Idesbalde und 1.000 belgische Soldaten. „Ihr 
seid viel zu spät gekommen", rufen die Holländer uns zu; die 
flämischen Infanteristen, die hier vom Schicksal ihrer abrüstenden 
Kameraden getrennt gewesen sind durch die englische 
Herrschaft, sagen genau so überzeugt dasselbe. Der Haß gegen 
die Engländer, den zivile Flüchtlinge, holländische und belgische 
Soldaten uns gegenüber äußern, ist abgründig. Sie klagen über 
die englische Brutalität und nennen die Entwischten kurzerhand 
Diebe und Räuber. 

In Coxyde les Bains trägt sich um 11 Uhr folgendes zu: Ein 
Kilometer vom Strand entfernt ein englischer Zerstörer, im Glas 
erkennen wir die Nummer „H II". Unsre Stukas fliegen ihn an, drei 
Bomben fallen, der Zerstörer ist in Brand geraten, Schlagseite, 



227 



manövrierunfähig. Besatzung verläßt das Sciiiff. Sie wird aus den 
Rettungsbooten aufgenommen von einem abfalirenden 
Transporter. Das englisciie Torpedoboot „D 94" kreuzt auf, will 
den angeschlagenen Kreuzer offenbar vernichten, damit er nicht 
den Deutschen in die Hände falle, jagt vier Torpedos 'raus, die 
allesamt ihr Ziel verfehlen und auf den fashionablen Sandstrand 
von Coxyde les Bains, ohne zu explodieren, auflaufen. Hier 
bestaunen unsre Landser die dicken Zigarren Churchills, deren 
Schrauben noch surren, während eines erholsamen 
Strandspazierganges, bei dem wir Zeugen werden der 
Heimsuchung der englischen Schiffe durch unsre Luftstreitkräfte. 
Welche Mühen und Entbehrungen der letzten Wochen wiegt doch 
diese eine köstliche Stunde auf an der Kanalküste bei Coxyde. 

Übrigens: Die Saison ist eröffnet. Unsre Landser haben sie 
eröffnet. Splitternackt oder in Unterhose erproben sie die 
vielgerühmte Kraft dieses Strandes, dieses Wassers. Eine 
feierliche und zugleich sehr intime Begegnung mit der Nordsee. 
Daß der Ölschimmer der versenkten britischen Transporter und 
Zerstörer über den Wogen liegt, ist eher ein Reiz mehr... 

Nun aber ist der Augenblick da für den geziemenden 
Siegestrunk. Vor wenigen Stunden lagen wir noch am Damm im 
Kreuzfeuer der MG., aber jetzt soll uns der Tropfen schmecken, 
mit dem wir die Begegnung mit der Küste und das britische 
Debakel begießen. „1928 St. Emilion, Grand vin de Bordeaux" — 
just die passende Marke. Prost, Kameraden! Der Schluck soll uns 
wohl bekommen! 

Er gibt einen Vorgeschmack von Frankreich — Dünkirchen liegt 
nur, bedenkt, 15 Kilometer weitab. Darum hören wir das dumpfe 
Gehämmer unsrer Stukaangriffe so gut. 



228 




La Panne : Stilleben einer Flucht. 
Bück unter die „Autobrücke" 




La Panne: Stilleben einer Flucht. Unternehmen 
Lord Oort im Sande verlaufen . . . (Seite 230) 



Der Name ein Vorzeichen: La Panne 



— die Panne 



Die Briten in chaotischer Flucht gewichen 

Das nackte Leben in Sicherheit gebracht 
Ein Bild namenloser Verwirrung 
Das IVIassengrab des königlich britischen Wagenparks 
Friedhofstille über einer Szenerie des Grauens 

La Panne, belgische Küste, 1. Juni, 21 Uhr. 

Wir treiben den Tommy ins IVIeer! So dacliten wir und so ist es 
buclistäblicli gel<ommen. Der Engländer liat in lieilloser Fluclit 
Rettung bei seinem Element, dem Meere, gesucht. Wie weit er es 
gefunden hat, ist eine Frage, die zur Stunde nur die kühne 
Besatzung unsrer Stukas und Bomber beantworten kann, die dem 
Tommy den Abschied vom Kontinent noch mit dröhnenden 
Salven hinterher recht feierlich gemacht hat. 

La Panne heißt der belgische Seekurort nahe der französischen 
Grenze, wo sich heute morgen die Tragödie, besser die 
Katastrophe, für den flüchtenden Feind abgespielt hat. La Panne 
— die Ironie des Schicksals fügte es, daß dieser Ort im 
Kriegstagebuch etwa des eiligst fliehenden South-Lancashire- 
Regiments — sofern es überhaupt geschrieben werden sollte — 
nur mehr als grausames Spottwort aufscheinen dürfte. Ein kleiner 
Treppenwitz der Weltgeschichte, ein frivoles Scherzchen auf 
Kosten seiner Hoheit, des Weltbeherrschers Great-Britain: La 
Panne, die Panne... 

Dem englischen Expeditionskorps ist hier die Panne bereitet 
worden, die ihm gebührte, und die Panik hat bei diesem 
klassischen „erfolgreichen Rückzug" der Engländer die Regie 
geführt. Der Kurort La Panne ist ein Monument geworden über 
Nacht für eine kopflose, angstgepeitschte Flucht. Hier regierten in 
den Nachtstunden die Atemlosigkeit und der Schrecken, die 
Deutschen auf den Fersen zu haben und Albion, das teure, nicht 
mehr erreichen zu können. 

Die Straßen der Stadt sind verrammelt von der Fülle des im 
Stiche gelassenen rollenden Kriegsmaterials. Pak, Geschütze, 
Panzerkampfwagen, Tausende Motorräder und Personen- und 
Lastkraftwagen verbarrikadieren die Boulevards, über die 
zerfetzte Drähte der Straßenbahn baumeln. Der Eindruck, daß 



229 



sich hier eben erst eine Katastrophe abgespielt hat, wird bis zum 
fassungslosen Staunen gesteigert durch den Blick hinab zum 
Strand. Er ist übersät von Kriegsmaterial aller Art, vor allem 
Motorfahrzeugen, die zum Teil brennen. Verlassene 
Flakgeschütze und Panzerkampfwagen, tief eingewühlt im Sand, 
daneben lagern Munitionskisten und Granaten zuhauf. Ringsum 
verstreut in einer Breite von nahezu zwei Kilometer Heeresgerät, 
Tornister, Stahlhelme, Gewehre ertrinken in den Pfützen, die die 
ebbende See im Strande hinterlassen hat. Konserven, 
soldatische Bedarfsgegenstände liegen wie von einem Tornado 
durcheinandergewirbelt umher, der Navy-Cut neben der 
angebissenen Schokolade, die aufgeweichten militärischen 
Schriftstücke kleben auf dem Sand von La Panne, ein wehmütiger 
letzter Gruß an das Festland. 

Ohne Schonung und Rücksicht auf das Material ging die Flucht 
vonstatten, die wohl unter der Parole gestanden hat: Rette jeder 
sein nacktes Leben! Hunderte Motorfahrzeuge sind geopfert 
worden der nagenden Salzsee, um auf ihren Rücken — die 
Fahrzeuge stehen dicht nebeneinander und bilden eine 
behelfsmäßige „Landzunge", die etwa 350 Meter ins Meer hinaus 
reicht — einen schwankenden Laufsteg zu errichten. Darüber 
sind heute frühmorgens die Tommies hurtigen Schrittes ihren 
draußen ankernden Schiffen zugeeilt, denn die Boote reichten 
nicht. Manch einer ist gestrauchelt und ist in der See ertrunken. 

Zwei geflüchtete Holländer und ein Belgier stehen starr vor 
diesem Bild des Entsetzens: „Un cimetiere", stammelt schließlich 
der eine und er fand das treffendste Wort. Ein Friedhof. Ein 
Massengrab des königlich britischen Wagenparks, der einmal 
stolz ausgerattert war — um schließlich in Sand und Salzwasser 
zu versacken. 

Drüben brennt eben der von unsren Stukas erledigte Zerstörer 
„H II" aus, wir hören seine Granaten explodieren während seines 
Todeskampfes mit dem lauernden Meere. 

„Rule, Britannia, rule the waves" 

— so klang einst der selbstherrliche Preisgesang des 
meerebeherrschenden Großbritanniens. Und dort drüben ragt ein 
neues Wrack eines gestern vernichteten englischen 
Kriegsschiffes. 



230 



„Ruhe, Britannia, ruhe...", rauschen wohl an diesem Strande 
jetzt die Wogen, die einst unangefochten die Kiele Albions 
pflügten. 

Die Friedhofsstille über dieser Szenerie des Grauens wird nur 
noch durchbrochen von den Bombeneinschlägen, die wir vom 
nahen Dünkirchen her vernehmen. Auch dort kämpfen mit der 
Kraft der Verzweiflung Engländer gegen unsre Umschließung, sie 
kämpfen nicht der Treue wegen oder um ihre Verbündeten zu 
retten, um ihre sogenannten Ideale der Menschlichkeit zu 
verteidigen, um, geschart unter dem Banner der „Demokratie", als 
Tatbekenner zu sterben und zu verbluten mit einem letzten 
Aufschrei der Empörung, der vielleicht noch sieghafte 
Zeugenschaft geben könnte von der Heiligkeit einer Idee... 

Ach nein. Sie kämpfen nur mehr um das kleine bißchen 
Nachhausekommen. 



231 



Kleines Gespräch a m R a n d e des Geschehens 

Flüchtlinge in La Panne erzählen... 

Abscheu vor der Brutalität des englischen Expeditionskorps 
„Geradezu entzückt von der ritterlichen Art..." 
Deutsche Truppen begrüßt wie Befreier / Jüdische Schmutzgeschäfte 
mit dem Krieg / „Das war ein schauderhaftes Durcheinander" 

La Panne, 2. Juni, 18 Uhr. 

„Warum flüchteten Sie eigentlich aus Brüssel, monsieur le 
docteur?" fragen wir den Advokaten, der uns mit seiner Gattin 
gegenübersitzt. Wir sind in der Avenue de la mer in La Panne, 
dem internationalen Seebad. Eines der Häuser dieses 
„fashionablen" Kurortes beherbergt uns zur Stunde, die erbaut 
sind in der wuchernden Stillosigkeit so einer Allerweltsstadt. Wir 
brauchen nicht den schützenden Keller aufzusuchen, um unsre 
Konversation ungestört zu Ende zu führen, denn heute ist es still 
über unsren Köpfen. Der Tommy ist wohl über die Maßen 
schlaf bedürftig nach dieser katastrophalen Nacht. Unsre Luftwaffe 
beherrscht den Luftraum, kein Engländer ließ sich heute blicken 
vor La Panne. Die haben die Nase voll von gestern. 

Ruuums, ruuums — die Frau vor mir zuckt zusammen, sie will in 
den Keller gehen. „Beruhigen Sie sich, Madame, das ist nur unsre 
Artillerie, die Dünkirchen sturmreif schießt. Also, warum flüchteten 
Sie aus Brüssel?" 

„Es war eigentlich eine Dummheit, doch wir haben der britischen 
und französischen Propaganda geglaubt. Sie haben gesagt, die 
deutschen Soldaten wären bösartig. Sie würden hausen wie die 
Barbaren." 

„Und — ", werfen wir ein, „sind Sie bei der Ansicht geblieben?" 

„Ganz im Gegenteil, wir sind geradezu entzückt von der 
ritterlichen Art, mit der uns die deutschen Soldaten 
entgegenkommen. Und das sagen alle Flüchtlinge. Alle waren 
sehr begeistert — die Juden ausgenommen — von Ihrem 
Kommen." („Tout le monde etait bien enchante — exceptes les 
juifs — de vous voir arriver.") „Wir sind nun 14 Tage hier. Unser 
sechzehnjähriger Junge ist auf Befehl der Brüsseler Polizei nach 
Frankreich abgereist. Es wurde am 14. Mai öffentlich 
bekanntgegeben, daß alle Männer im Alter von 16 bis 35 Jahren 



232 



La Panne: Ende des Lauf-^ 
Steges. Die Brandung rauscht 
tJRttle, Britannia, rate the 
waves . . ./" (SeUe 230) 



Einer, der den Anschluß ver- 
paßt hat. Briti'^cher Muni- 
tionssclileppcr am flandri- 
schen Strand, im Hinter- 
grund ein versenkter briti- 
scher Zerstörer 




Vor D&nkirchen. Gefeckis- 
pause mit Tafelmusik im 
Schatten des Buschwerks. 
Pariser Chansons aus briti- 
schem Kofferapparat 

(Seite 2Jöi 



Front Dänkirchen ist zer- 
brochen! Durch die schwei- 
gende Stadt über Schutt- 
halden gelangen wir in den 
Hajen, verqualmt durch 
teuersbrünste 



Den Wirkungen unserer 

Lujtbombardemenfs begeg- 
nen wir aufSehritf und Tritt. 
Khittrr l'ranzdsise/ier Pan- 
zcrküinpiwagen auf einer 
Mole 





. 4 







jY^utA <fer Einnahme Dün- 
kirchens. Völkergemisch in 
chaotischemDurcheinander 

strömf uns entgegen. Eine 
Parade der „naturalisierten 
Franzosen''. Marokkaner 
und Neger . . . 



1 



. . . und gefluchtete Rot- 
spanier mit verwegenen 

Physiognomien 

(Seite 239-240) 



sich nach Frankreich begeben sollten. Wir wissen nichts mehr 
von unsrem Sohn. Wir wissen nur, daß alle belgischen Flüchtlinge 
in Frankreich schlecht behandelt worden sind. Ein Großteil fand 
die Grenze gesperrt. ,Wir haben kaum Brot für uns', wurde unsren 
Leuten erklärt. Ein französischer Arzt verweigerte einem 
siebzehnjährigen belgischen Jungen, der eine vereiterte Hand 
hatte, die ärztliche Hilfe. Das hat sich herumgesprochen. Die 
Belgier hassen jetzt die Franzosen und die Engländer. Es ist 
wahr, die Franzosen haben den belgischen Flüchtlingen 
Trinkwasser teuer verkauft." 

Irgendwo spielt irgendwer Klavier. Nicht eben schön, aber 
ausdauernd. Was für ein seltsamer Klang in dieser Stadt, die dem 
Luxus der reichen Leute geweiht ist und eben Stunden der 
schweren Heimsuchung hinter sich gebracht hat. Klavierspiel, 
unsre Pak knallt in die wenig geläufigen Passagen dieses 
unbekannten Pianisten, und das Dröhnen ferner Einschläge rollt 
zu uns her. Wir müssen lachen. 

Ein paar unsrer Landser kommen zur Tür herein, wir sitzen zu 
ebener Erde, knapp an der Avenue de la mer, sie bitten um 
Kaffee. Trinkwasser ist nämlich rar in dieser Stadt auf dem 
Dünensand, und der Tag ist heiß. Die Madame aus Brüssel gibt 
ihnen das Erbetene aus der vollen Kanne, man merkt es ihr an, 
wie gern sie es tut. 

„Wie waren doch die Engländer ganz anders, die kamen und 
forderten, die baten nicht. Sie verkauften uns nicht einmal eine 
Dose Kondensmilch, sie hatten Überfluß daran." 

,Ja, stimmt", fügt der Advokat aus Brüssel hinzu mit 
eindringlichem Kopfnicken, „die waren über die Maßen egoistisch 
und brutal. Drei Zivilisten, erzählte man uns gestern, haben sie in 
Furnes erschießen lassen, weil sie irgendwelchen dummen 
Anordnungen nicht folgten. Wie waren diese Burschen doch 
hochmütig!" 

„Ja — und wie erging es den belgischen und holländischen 
Soldaten, die gestern morgens von hier abrückten?" 

„Die Holländer waren todunglücklich. Sie erhielten nichts zu 
essen und zu trinken, und sie hatten kein Geld. Sie verkauften, 
was sie so Entbehrliches am Leibe hatten, im übrigen haben die 
Belgier ihre Ration mit den Holländern geteilt." 

„Wer kaufte denn den Holländern die paar armseligen Dinger 
ab?" 



233 



„Ha — wir hatten ja bis gestern an die zelintausend Juden Iiier!" 

„Icli verstelle, wir sind diesen ewigen Flüchtlingen begegnet, in 
hellen Scharen zogen sie die Landstraße dahin." 

„Eine halbe Stunde bevor die Deutschen einmarschiert sind, hat 
ein Jude, wir sahen es mit eigenen Augen, an die belgischen 
Soldaten Corned beef verkauft. Am Strand hat er die 
angeschwemmten Kisten aufgebrochen, die Büchsen in einen 
Kinderwagen verstaut — nun, das Geschäft blühte. Eine halbe 
Stunde bevor Sie kamen... Das ist die schmutzigste Rasse der 
Welt." („La race la plus sale du monde.") 

„Und welche Eindrücke haben Sie von der Flucht der Engländer 
aus La Panne empfangen, monsieur le docteur?" fragen wir 
schließlich. 

„Sie haben den Kopf völlig verloren, das war ein schauderhaftes 
Durcheinander! Ihre Toten, ihre Verwundeten sogar, haben sie 
zurückgelassen." („Iis ont completement perdu la tete, c'etait une 
desorganisation par excellence, c'etait une vraie debandade...") 



234 



Vor dem großen Angriff auf Bray-Dunes und Dünkirchen 

Im Dünensand vor Dünkirchen... 

Das Debakel von La Panne wiederholt sich / Franzosen decken die Flucht 
der Briten / Wir Überschreiten die belgisch-französische Grenze 
„... diese verdammte Wüste Sahara" 

Vor Bray-Dunes (Frankreich), 3. Juni. 

La Panne steht im Zeichen des l<atastrophalen englischen 
Rücl<zuges, der in der Nacht zum 1. Juni in völliger Kopflosigkeit 
vor sich ging. Auf der Straße, die von La Panne hinüberführt nach 
Frankreich, zwischen Adinkerke und der Grenze aber hat sich die 
Flucht der französischen Einheiten ein Denkmal der Vernichtung 
gesetzt in den unabsehbaren Kolonnen zurückgelassener 
Fahrzeuge und motorisierter Waffen. Unsre Kriegsbeute in dem 
Räume Nieuport — Furnes — Adinkerke — La Panne ist noch nicht 
abzuschätzen. Weltkriegsteilnehmer gestehen, daß sie 
dergleichen Beutemassen im Kriege 1914 — 1918 nie gesehen 
hätten. U. a. stehen drei Dutzend schwere französische 
Panzerkampfwagen unbeschädigt auf der Chaussee La Panne — 
Adinkerke, Geschütze, Artillerietrosse und Wagenkolonnen viele 
Kilometer lang. Unabsehbar, unabschätzbar, was da noch alles 
zurückgelassen wurde auf den Feldwegen und Nebenstraßen. 
Dokumente, die wir bei Adinkerke fanden, besagen uns, daß hier 
u. a. die 2. nordafrikanische Division in heilloser Flucht 
davongestoben ist. 

Nun aber verteidigt sich der in die Enge zusammengetriebene 
Franzose mit eben derselben Zähigkeit, mit der aus guten 
Gründen die Engländer ihre nächtliche Verschiffung vor zwei 
Tagen gedeckt haben. Es ist Nachmittag. Wir gehen von 
Duinhoek einige hundert Meter am Südrande der großen Düne 
vor, in der das II. und das III. Bataillon Stellung bezogen haben. 
Im fließenden feinen Sand haben sich die Männer eingegraben, 
unerkennbar für feindliche Luftbeobachtung. In diesem 
Dünensand sind auch deutsche Soldaten im Weltkrieg gelegen, 
als sie die Stellungen westlich Ostende gehalten haben, damals, 
als der belgische Generalstab in Furnes sein Quartier 
aufgeschlagen hatte. 



235 



Nun führt uns der Weg in die Düne Iiinein, in das wogende Auf 
und Ab des blendenden lichtgelben Sandes. Im Schatten des 
Buschwerkes löffeln in einer Gefechtspause unsre Männer ihr 
Linsengericht. Die Landser haben sich dazu Tafelmusik gemacht. 
Ein Beutegrammophon britischer Abkunft kreischt ein Pariser 
Chanson, die Stimmung ist quietschfidel. Man würde angesichts 
dessen es kaum für möglich halten, daß wir so nahe am Feind 
sind, der mit Granatwerfern diese Mulden und Hänge dicht 
abstreut. Unten an der Straße nach Süd-Bray-Dunes sehen wir 
den ersten französischen Betonbunker. Ein paar Schritte noch, 
wir schlüpfen durch den schmalen Spalt des Drahtverhaues, und 
wir befinden uns in Frankreich! Im dritten Feindesland seit 10. 
Mai. 

Vor 24 Stunden hat der Feind die Grenzlinie verbissen gehalten. 
Allein in der Nacht ist er zurückgewichen, er hat die erste 
Bunkerlinie geräumt, sie ist von unserer Infanterie besetzt 
worden. Nun feuert der Feind mit seiner Pak auf die eigenen 
Bunker — wir sehen den Aufprall der Geschosse, hören, wie weit 
zurück die abgeglittenen Zünder schwirren. Feindliches 
Schrapnellfeuer regnet Splitter auf die Gehöfte. Doch seine 
Artillerie ist nur mehr schwach. Die Truppen, die uns 
gegenüberliegen, gehören zur 60. französischen 
Infanteriedivision. 

Der Dünensand stäubt auf unter den MG. -Garben, die aus den 
Bunkern zu uns her zischen. Ohne Unterlaß feuert es aus dem 
gewaltigen Fort des Dunes. Da wird ohne Stukas kaum ein 
Durchkommen möglich sein. Jeder Angreifer muß ja über das 
freie Gelände, dunkel hebt er sich ab vom hellen Sand, eine 
lebende Zielscheibe. Es wird hart, sehr hart hergehen. Gefangene 
sagten eben aus, sie hätten Befehl, die Stellung unter allen 
Umständen zu halten. Wir haben die B-Stelle eines 
Granatwerferzuges erreicht und sehen hinein nach Bray-Dunes, 
das sich zum Teil noch in Feindeshand befindet dank der 
Befestigungssperre. Allein, die Truppen, die hier angreifen, sind 
an der Maas und am Kanal de Gant mit schlimmeren Dingen 
fertig geworden, die werden auch den Widerstand um Dünkirchen 
zertrümmern. Morgen wird der konzentrische Angriff auf 
Dünkirchen — Bray-Dunes den Feind aus diesem letzten 
Schlupfwinkel werfen. 



236 




I Dunkirchen. Die Totenstille dieser Stadt war unheim- 

licher als das Gewittergrollen einer Schlacht (Seite 240) 

\ 




4a 000 Franzosen haben auf den Molen des Hafens 
Dunkircken die Waffen niedergelegt (Seite 241) 



„Wenn das einmal geschafft ist, dann aber wolil kopfüber Iiinein 
in die Nordsee, gelt Kamerad? Das wird uns wohltun...!" Der 
Unteroffizier nickt heftig. „Wenn wir nur schon 'raus wären aus 
dieser verdammten Wüste Sahara." 

Brütende Hitze zittert über den Sandwellen, nur vom nahen 
Meere her kommt zuweilen ein erfrischender Luftzug. Mit dem 
Glase verfolgen wir die Spähtrupps der II. Kompanie da vorne in 
der Mulde, wie sie sich heranarbeiten an die Befestigungen, um 
zu erkunden, wie sie in die ersten Häuser von Bray-Dunes 
eindringen. Andere Spähtrupps versuchen eben jetzt, den Strand 
entlang sich vorarbeitend, das Dorf von rückwärts zu erreichen. 
Zu gleicher Stunde arbeitet ein Stab der Artillerieeinheiten den 
Schießplan aus, mindestens neun Abteilungen sind bereitgestellt. 

Stukas und Bomber ziehen über das angreifende Regiment, Fort 
des Dunes wird bald verstummen, das wissen wir. Aus dem 
blaugrauen Qualm der Bombeneinschläge ragt die schon vom 
Bombardement zernagte Silhouette der Stadt. Zwischen Türmen 
und Schloten erkennen wir die unversehrte Kathedrale. Sie wird 
Richtpunkt unsres Vormarsches sein, wir wollen sie so lange nicht 
aus den Augen verlieren, bis über der Kreuzblume auch dieses 
Turmes unsre Fahne weht. 



237 



Wirbelndes Karussell der Panik 



Das war das Ende Dünkirchens 

Zusammenbruch der Front um 4.45 Uhr früh 
Treibholz der Völker spült uns entgegen 
40.000 Gefangene auf den Molen 
Weygand war noch vor Tagen hier / Schrecken zu Lande, Tumult zur See 
Französischer General suchte den Freitod im Meere 

Dünkirchen, 4. Juni, Mitternacht. 

Der Schraubstock um Dünkirchen ist nun so straff angezogen, 
daß es nur mehr eine Frage von Stunden sein kann, bis die Front 
zerbricht. Noch hält der Gegner von seinen Sperrforts bei Bray- 
Dunes aus sich die Verfolger vom Halse, noch legt er sein 
Artilleriefeuer hinein in die bereits von uns besetzten Orte 
Adinkerke, Dunhoek, La Panne. Wir antworten mit einer 
Massierung der schweren und schwersten Waffen, bereiten jenes 
Finale Furioso unsres Siegesmarsches durch Belgien vor, das in 
der Sprache des Soldaten kurzweg Vernichtung des Gegners 
heißt. Neun Artillerieabteilungen haben ihre Rohre eingerichtet 
auf das eine Ziel, den schmalen Uferstreifen nördlich und südlich 
Dünkirchens. Noch einmal werden wir das Brüllen einer Schlacht 
vernehmen im flandrischen Raum. Morgen, den 4. Juni, um 11 
Uhr Angriffsbeginn. 

So dachten wir gestern nachts noch. Im Divisionsbefehl für den 
4. Juni lasen wir allerdings: „Es besteht die Möglichkeit, daß der 
Feind während der Nacht die Stellungen räumt." 

Darum ist es für die vordersten Teile unsrer beiden Regimenter 
nötig, unter keinen Umständen die Fühlung mit dem Feinde zu 
verlieren. Die Spähtrupptätigkeit reißt die ganze Nacht nicht ab. 
Um 3.23 Uhr befiehlt der Regimentskommandeur: „Vorderste 
Stellungen handstreichartig in Besitz nehmen." Der Einbruch 
gelingt. Der Feind wird überwältigt. 4.45 Uhr marschiert die 
Infanteriespitze durch Bray-Dunes. Das Feindfeuer verebbt, doch 
zu einem letzten Gegenstoß holt der Gegner aus, allein die sechs 
Panzerkampfwagen an der Einbruchsteile können unsren 
Vormarsch nicht mehr aufhalten. Ein französischer Unterhändler, 
heißt es, sei unterwegs. Unsre Infanteriespitze motorisiert sich mit 
Beuterädern aus dem unabsehbaren Arsenal einer zerschlagenen 



238 



motorisierten Armee, rast über Rozendael Iiinein in die Stadt, 
erreiclit um 7.15 Ulir mit drei Paks den Platz de la Republique. 

Um 8.30 Uhr empfängt der Regimentskommandeur, 
Oberstleutnant A., die Unterhändler bei dem Fort de Dunes. 
Kommandeur und Unterhändler begeben sich zum Gefechtsstand 
der 60. französischen Division, es gilt, ein formelles 
Kapitulationsangebot zu erhalten. Allein der französische 
Divisionskommandeur, General Jansen, Mitglied des 
französischen Verteidigungsrats, ist nirgends zu finden, vielleicht 
befindet er sich im Fort de Dunes, dessen Eingänge durch 
Bombentreffer verschüttet sind, die 500 Mann der Besatzung und 
höhere Offiziere sollen darin umgekommen sein. 

Wie durch jäh geöffnete Schleusen hochgestautes Wasser 
bricht, so quellen uns auf der Vormarschstraße die nicht 
abzusehenden Kolonnen der Gefangenen entgegen. Der 
Explosionsdruck dieser in dem Kessel Dünkirchen 
zusammengeballten Menschenmassen sucht sich den kürzesten 
Ausweg — fort aus dieser Hölle — aus der lähmenden Qual zehn 
Tage währender Luftangriffe — fort — fort! Das steht diesen 
Poilus auf den Gesichtern geschrieben. 

Und was kommt da nicht alles auf uns zu! 

Ein Völkergemisch in chaotischem Durcheinander, verschmutzt, 
abgerissen, demoralisiert, zieht die Straße der Geschlagenen. Da 
ist einmal eine Kolonne Rotspanier in verwegener Aufmachung, 
wandelnde Reminiszenzen an die anarchosyndikalistischen 
Blutorgien in Barcelona. Galgengesichter schauen uns an und 
Henkerphysiognomien mit brutalen Kinnladen. Einen kalten 
Zigarettenstummel in den Mundwinkel geklemmt, sehen sie scheu 
um sich, gestachelt vom bösen Gewissen. Da wird wohl mancher 
darunter sein, der ungemessene Blutschuld mit sich schleppt und 
nun den langen weitausholenden, zuweilen zögernden Arm der 
Sühne auf sich zukommen sieht. 

Dazwischen Emigrantengesindel aller Sprachen, auch Deutsch 
hören wir. Man beteuert uns, man habe ja nicht gegen uns 
gekämpft, die Franzosen hätten sie zu Arbeiten gepreßt, 
Schanzarbeiten bei Dünkirchen. Es wäre schrecklich gewesen. 

Die Reste einer nordafrikanischen Division spült dieser trübe 
Fluß von Dünkirchen her, Marokkaner, vermutlich von der 12. 
nordafrikanischen Division, deren Fahrzeugpark sein Grab an der 
Chaussee hinter La Panne gefunden hat. Hochgewundene weiße 



239 



Turbans, rote Fez, krause barhäuptige braune Köpfe wirbeln 
vorbei. Gestikulierend, „camerade — camerade" rufend und gutes 
Wetter heischend. Auch sie wollen nur Schanzarbeiten verrichtet 
haben. 

Und dann die Franzosen in schweigendem Marsch, die Köpfe 
gesenkt. 

Treibholz der Völker im Gewitterbach einer beendeten Schlacht. 
Eine Parade des „Francais naturalise", des Wahlfranzosen aus 
aller Herren Ländern, ein beklemmender Aufmarsch eines Volkes, 
an dessen Fleisch die Bastardierung frißt. Wie eine 
apokalyptische Erscheinung geistert dieser Zug der 
Geschlagenen an uns vorüber, atmet Untergang und Verrat an 
dem Naturgesetz. Eine Vision, die uns erschaudern macht. Das 
alte Europa, ausgedörrt durch die Glut des Fieberwahns von 
1789, zieht im Sinnbild dieser chaotischen Kolonne ins Tal der 
Schatten. Altes, wahngehetztes, heimgesuchtes, armes Europa. 
Sähen wir nicht den Horizont lichterer Jahrhunderte vor uns, der 
Jammer dieses Anblicks würde uns überwältigen... 

Wir fahren über Rozendael der Stadt zu durch das schwelende 
Trümmerfeld einer desorganisierten Armee. Es ist unmöglich, 
auch nur entfernt die Masse des verlassenen Kriegsmaterials 
abzuschätzen. Rudel abgehungerter Pferde weiden auf dem 
dürren Rasen, der Durst trübt ihre Augen. Sie grasen da neben 
den zahllosen Kadavern der gefallenen Pferde. Leidende, stumm 
leidende Kreatur. Wir kennen die Tierliebe unsrer Landser und 
wissen, diese Qual wird nun bald enden. 

Die eroberte Stadt empfängt uns mit einem Schweigen, das 
ungleich schwerer zu ertragen ist als das Dröhnen der Schlacht. 
Es ist ein bohrendes, nagendes Schweigen. Totenstille über den 
Trümmern zusammengestürzter Hausfronten, die Straßen verlegt 
durch Ziegelbarrikaden. Wir gehen in einen Hinterhof, ein 
betrunkenes Weib lallt uns an und lacht wie von Sinnen. 
Sandsäcke vor einem Luftschutzraum — wir steigen hinab in die 
dumpfe Kühle des Kellers. Da krabbelt was in der Finsternis 
herum, redet Unverständliches — wir stecken das Feuerzeug an: 
zwei französische Soldaten kommen auf uns zu mit erhobenen 
Händen. Auch sie haben Schlagseite, Wein ist hier in 
beruhigender Menge aufgestapelt neben Eßvorräten. Zwei alte 
französische Landsturmmänner wollen das Unglück im Rausche 



240 



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Wracks bombardierter Schiffe 
im Diinkirchener Hafen, Dicht 
neben demGrancn des Krieges 
liegt in rauhen Mengen . . . 




. . . eingegangener Sonnen- 
schein. Riesiges Rotweinlager 
zieht begeisterte Besucher an. 
Na, ein Pröstercken , . ./ 



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Das ist „Alice'', unsere nahr- 
hajteStrandbekanntschajtim ^ämm^ 
Augenblick der Entdeckung. ^^^^ 
Der erste Landser erklimmt 
gerade ihr heck . . . 



. . . Alsbald erhebt sich ein 
fröhliches Getümmel rund 
um „Alice'' — ein Ruder- 
boot wird sofort gechartert, 
damit . . . (Seite 244) 






. . . die Bergung des Beute- 
gutes leichter vonstatten 
gehe. Das ist ein wahres 
Fest, ein Strandfest, und . . . 



. . . mit glückstrahlendem 
Gesicht nimmt sich jeder 
ein kleines Andenken an : 
die ,,Atki^ mit (Seite 245) 




Die Heeressäule schiebt sich auf der Straße Lille— SenUs^ 
Paris Richtung Paris vor — ein Bild straffster Marschdisziplin 



( 



verschlafen. Der eine weint jetzt, wir trösten ilin so gut es geint 
und scliaffen die beiden aus ilirer Katal<ombe zutage. 

Auf dem Wege zum Hafen eine l<urze Visite beim l<öniglicli 
britisclien Konsul — er hat uns nur unbedeutende Souvenirs 
seiner Amtstätigkeit hinterlassen. Und jetzt hinaus zu den Molen. 
Noch brennen Schiffe, einige sind schon ausgebrannt. 

Wir kommen zu den Betonunterständen, wo vor einigen Stunden 
noch der Admiral Abrial seine Orders erteilt hat. „Bastion 32" war 
noch der einzige Rückhalt in der völligen Desorganisation im 
belagerten Dünkirchen. Weygand selbst, erfahren wir, war vor 
einigen Tagen mit dem Flugzeug nach Dünkirchen gekommen 
und hatte dem Admiral Abrial die Befehlsgewalt über die 
Landtruppen übertragen. Abrial wurde jedoch nur mehr zum 
Liquidator einer ungeheuerlichen Konkursmasse: Dünkirchen. Es 
gelang Abrial nur, einiges zu retten. Ein Teil erreichte noch die 
englische Küste — eine französische Elitedivision soll darunter 
sein — , andere verbluteten, ertranken samt ihren Transportern, 
und 40.000 Franzosen fallen uns in die Hand. Hier in den Molen 
stehen sie wartend, so wie sie seit Tagen und Nächten vergebens 
gewartet haben auf ihre Armada de salut, ihre rettende Flotte... 

Etwa 40.000 Gefangene — vier Divisionen auf engstem Raum 
zusammengedrängt auf den schmalen Zungen der Molen. Ein 
Gefangener schildert das Überstandene, ein Gemälde, in den 
Farben des Weltunterganges gehalten: 

„Wenn uns das jemand vor einer Woche vorausgesagt hätte, wir 
hätten ihn für närrisch gehalten, eine absurde Idee hätten wir 
gesagt. Nun ist es so gekommen, schrecklicher, als die Phantasie 
es hätte zeichnen können. Un desastre...", beginnt der Franzose. 

Wenn doch immer Nacht gewesen wäre, schützendes Dunkel, in 
dessen Geborgenheit die Zehntausende ihre Schiffe hätten 
besteigen und entkommen können. Aber die Brandfackel 
Dünkirchen überleuchtete alles, die brennenden Petroleumtanks 
tauchten alles in rote Glut. Flammenmauern ringsum und darüber 
Flieger. Die Artillerieeinschläge kommen von Stunde zu Stunde 
näher, werden immer dichter, immer wieder braust die Attacke 
deutscher Bomber über der letzten Zufluchtsstätte einer 
eingekreisten Armee und scheucht die Schiffe durcheinander zu 
einem wirren Knäuel, Schiffe, die in letzter Stunde die in die Enge 
getriebenen Divisionen aufnehmen sollen. 



241 



Schrecken zu Lande — wo der Brand immer weiter frißt bis 
Iiinein in die Güterzüge auf den Molen, Tausende haben die Stadt 
geflohen, haben sich in die Dünen eingegraben, hungern und 
dursten lieber, als noch eine Stunde länger in den Kellern zu 
verbleiben, über denen die brennenden Häuser 
zusammenzustürzen drohen. 

Tumult im Meere — Barkassen, Kutter, Schleppkähne, Kreuzer, 
Zerstörer, Torpedoboote, jagen hin und wider, torkeln 
durcheinander, rammen einander, kippen, saufen ab. 

Schreie durch die Nacht! — Holt uns doch endlich, warum erst 
die anderen? Nehmt uns mit — uns! Ja die Engländer — die 
haben's eilig, o diese — diese — Verräter ist noch das zahmste 
der Schmähworte, die der flüchtenden britischen Armada ins 
Meer hinaus folgen. Nie werden die Schüsse vergessen werden, 
die die Briten auf Franzosen abgaben, die mit in die englischen 
Transporter wollten. 

Schwüre hören diese Nächte in Dünkirchen: Der entnervte 
Mensch, soweit der Schrecken ihn nicht teilnahmslos gemacht 
hat, zitternd um das bißchen Leben, das jeder Augenblick ihm 
rauben kann, schwört und gelobt bei allen Heiligen des Himmels, 
wenn er nur einmal diese Stätte der Qual hinter sich hätte, er 
würde — ja, was würde er schon tun...? 

Befehle jagen Soldaten aller Einheiten bald dorthin, bald dahin, 
im nächsten Augenblick vollenden Gegenbefehle das Chaos 
dieses hoffnungsarmen Menschengetümmels. 

Verwünschungen, Flüche steigen wie züngelnde Flammen in die 
Brandnacht, Verwünschungen aus dem Munde der Verzweifelten, 
die am Ufer stehen und die Hände ringen, die Gott anklagen und 
alle jene Verführer dort in dem ahnungslosen Paris, die sie 
hineinhetzten in diese glühende Esse, dieses Fegefeuer 
Dunkerque, wo man seine Sünden auf Erden restlos büßt, weiß 
Gott... 

Und dann das Seufzen der Verletzten, dort und da und da, die 
Deutschen sind schon ganz nah vor den Toren der Stadt — wie 
lange wird der Damm der Sperrforts noch halten? 
Unglücksbotschaft über Unglücksbotschaft. 

Die „Cyclone", vollgeladen mit lebender Fracht, erhielt eben 
einen Treffer ins Vorderschiff, aber sie wagt noch die fatale Fahrt 
über den Kanal. Auch die „Jaguar" ist gesunken, draußen ragen 



242 



die Wracks aus dem schwarzblauen Wasser. Was ist aus dem 
Tanksciiiff „Salome" geworden? 

Sirenengeheul peitscht die Zermarterten stets aufs neue, 
zerquält durch die 60-Kilometer-Märsche ihrer Flucht, durch die 
sechs schlaflosen Tage und Nächte. Da kommt wieder ein 
Schiffchen heran. Tausende drängeln sich an die Mole, nur ein 
paar Dutzend können mitkommen. Als dichte Trauben hängt an 
der Barkasse ein Häuflein Soldaten. Wie in La Panne ist dieser 
und der abgeglitten und lautlos versunken, ehe er die Strickleiter 
des Transporters zu fassen kriegte. 

Ein Wettlauf mit den Minuten des neuen Tages ist das alles, 
denn mit dem Morgengrauen kommen die Schwärme deutscher 
Stukas. 

Tag und Nacht — ein wirbelndes Karussell des Verderbens. 

Die französische Truppenführung hat die Nerven verloren. Ein 
General, den Namen erfahren wir nicht, hat kurz vor unsrem 
Einmarsch heut morgen einsam ein kleines Ruderboot bestiegen 
und ist ins Meer hinaus gefahren. So berichtet uns ein 
Augenzeuge. Niemand hat ihn seither mehr gesehen... 

Mag sein, daß ein Widerschein dieses grausigen Fanals 
Dünkirchen drüben am anderen Ufer des Kanals bemerkt worden 
ist. Mag sein, daß dort noch in letzter Stunde Einsicht reift. Mag 
sein... Wir hoffen es noch, und dieses Hoffen kommt aus der 
Stärke, es wächst aus einem triumphalen Sieg... 

„Mit der Erreichung der Kanalküste", so hören wir spät nachts 
noch über den Rundfunk eine Sondermeldung, „war die 
Umschließung der feindlichen Armeen beendet. Verzweifelte 
Durchbruchsversuche der Franzosen bei Arras und Cambrai 
scheiterten. Die Verschiffungsversuche der Engländer wurden 
durch die Kriegsmarine und Luftwaffe behindert. Am 28. Mai 
entschloß sich der belgische König, die Kapitulation der 
belgischen Armee anzubieten. Am 4. Juni wurden die Kämpfe 
durch den Fall von Dünkirchen abgeschlossen. Damit ist der erste 
Abschnitt des Feldzuges im Westen beendet. Die Zahl der 
gefangenen Belgier, Franzosen und Engländer beträgt 
zusammen 1.200.000. Nicht schätzbar ist die Zahl der 
Verwundeten, Gefallenen und Ertrunkenen. Unübersehbar ist die 
Beute an Waffen und Gerät von 75 bis 80 Divisionen." 

Das war das Ende Dünkirchens. 

Dünkirchen war das Ende unsres Sturmlaufes zur Kanalküste. 



Heiterer Abschied von Flandern 



Alice — unsre nahrhafte Strandbekanntschaft 

Die guten Sachen waren eigentlich für den Tommy bestimmt 
Alice empfängt Massenbesuch / „Antreten zum Feigenblattempfang!" 
Improvisiertes Bordfest mit Signalflaggen 
Five o'clock mit Kondensmilch — eine „very fashionable" Sache 

St. Idesbalde, 6. Juni, 20 Uhr. 

Als wir vor einigen Tagen um die IVlittagszeit nacli der Fluclit der 
Engländer das luxuriöse Seebad St. Idesbalde betraten, wurde 
uns nicht eben der freundlichste Empfang zuteil. Wir kamen just 
in dem Augenblick, als ein mit Volldampf abzischender englischer 
Zerstörer vier Torpedos ans Ufer jagte — sie galten, wie berichtet, 
dem englischen Zerstörer, dem kurz vorher unsre Bomber 
schwere Schlagseite beigebracht hatten. In der Nacht hat die Flut 
die bislang noch nicht explodierten Torpedos 
gegeneinandergespült — sämtliche Fensterscheiben entlang des 
Strandes mußten dran glauben. Die Explosion schlug uns 
mächtig um die Ohren. 

Allein das Meer schickt uns nicht nur unfreundliche Grüße. Nach 
dem Fall Dünkirchens kurieren Sand und Wellen unsre müden 
Gebeine, und das Rauschen der See beruhigt uns sehr nach 
diesen drei aufwühlenden Wochen. Wir haben für die Tage der 
Rast ein frischfröhliches Strandleben aufgemacht, in dessen 
Mittelpunkt Alice steht. Des Meeres und des Zufalls Wellen haben 
uns ihre angenehme Bekanntschaft machen lassen. Alice fühlte 
sich sehr vereinsamt, Alice ist ohne Begleitung. Was war 
natürlicher, als daß Alice uns in die Hände fiel. Wir verlieren sie 
nie aus dem Auge und sind mit glühendem Eifer hinter ihr her, 
weiß Gott. Alice lohnt uns das, sooft die Ebbe sie freigibt. 
Kurzum, Alice ist unsre entzückende nahrhafte 
Strandbekanntschaft. 

Alice kommt aus England und sollte hier eigentlich Tommy 
treffen. Der aber hatte mit seiner Flucht in La Panne so viel zu 
tun, war schlechthin unabkömmlich für das Rendezvous mit Alice, 
die köstliche Dinge für ihn mitgebracht hatte. So hieß denn die 
versetzte Alice, das kleine Motorseeschiff, uns willkommen. 



244 





Oben: Vormarsch auj Paris! DU Pak wird beim Ortsausgang in Stellung gebracht. Nur 

mehr 2S km . . . 

Unten: ...denken die Männer der Injanienespiize, die entlang der Straße Senlis— Paris 
vorstoßen. Ein zugelaufenes fohlen trabbelt ein Stück Weges mit uns (Seite 256) 



Das Utxii Oificki vor Paris (Seite 256) 

Oben: Nack kuntemKugelweehsel bei der Tankstelle inDagny ergeben 
sieh die Franzosen, — Unten: ^ bas les armes!^ bräüen wir zu den 
Barrikaden hin, da kommen auch schon die ersten mit erhobenen Händen 



Wir wissen zunäciist niclit, was der einsame Kutter am Strand 
zu bedeuten liat. Einer sciiwimmt drauf zu, ergreift ein Tau, 
klimmt liinauf — sciireit nacli einer Weile Hurra, als hätte er 
Amerika entdeckt. Wir folgen sogleich klimmzügig an dem 
baumelnden Tau nach Seemannsart dem Entdecker und nehmen 
formell die fette Beute in Besitz. Im Nu wimmelt der Kahn von 
unbekleideten Gestalten — eine Badehose hat ja die HDV. fürs 
Marschgepäck des Infanteristen noch nicht vorgesehen. In 
paradiesischer Unbekümmertheit tummeln sich also die Recken 
— ein Bild von nahezu antiker Größe und Unschuld, man fühlt 
sich förmlich auf Odysseus' Schiff versetzt... 

Das Logbuch verrät uns Namen und Herkunft der vereinsamten 
Schönen. Alices Heimat ist Antwerpen und hatte wohl Mitte Mai 
Fracht geladen im „No. 2 Supply Reserve Depot, Barry Dock, 
Glamorgan". Also ein Proviantschiff für das britische 
Expeditionskorps in Frankreich. Sonnenklar. Doch der Proviant 
kam für den Tommy zu spät und für uns gerade recht. Welche 
leckeren Dinge hat Alice für uns bereit! Vollgepfropft ist unsere 
Alice mit Kisten Biskuits, Corned beef, Kondensmilch. Käse, 
Zucker und zahlreichen Flaschen königlich britischen 
Schifferrums und Whiskys. 

Ein Kahn ist bald gechartert, der diese Himmelsgaben ans feste 
Land schafft. Alsbald erhebt sich ein fröhliches Getümmel, 
Landser bereits in Zugstärke auf dem erbeuteten Schiff, jeder 
brennt danach, Hand anzulegen, wenn es gilt, die Kisten über 
Bord zu befördern, damit der Stapel am Strande wachse. Allein, 
was sich hier auf der Alice und rund um sie herum tut, ist mehr als 
nur ein Transportunternehmen marinierter Landratten — das ist 
ein wahres Fest, in dem die gesammelte Lebensfreude einer 
tapferen Truppe zum Ausdruck kommt, die die ganze Härte des 
Kampfes in Belgien an sich erfahren hat, von den Grenzkämpfen 
angefangen. 

Einer ist jetzt in der Kajüte an die Signalflaggen geraten. Sie 
werden sofort ausgegeben als behelfsmäßige Badehosen — 
Ordnung muß sein! „Antreten zum Feigenblattempfang!" Welches 
Hallo bricht aus, als da ein Teil der Kumpanei, nautische Signale 
um die Lenden, die Fracht löscht! Die Illusion von Odysseus' 
erhabnem Schiff löst sich auf in die knallbunte Maskerade eines 
improvisierten Bordfestes. 



245 



Immer dichter wird der Besucli auf der Alice, es wurlt von 
seemännisch begeisterten Landtruppen. Einer hat sich die 
verschlissene Blaujacke eines Schiffsjungen geschnappt und 
erregt damit, allerdings ohne zugehörige Hosen, berechtigtes 
Aufsehen. 

Am Strande sind eben die Kostproben im Gang. Es ist gerade 5 
Uhr nachmittags, Zeit zu einem Five o'clock. Wir leeren also auf 
die englische Tour, freilich ohne Smoking, unter Umgehung der 
feinen Londoner Plutokratensitten, die Milchkonserven wie die 
rohen Eier, nachdem wir mit dem Seitengewehr Sauglöcher 
gebohrt haben. Eine Schnitte Corned beef dazu und ein Schluck 
Whisky nebenbei, schmeckt als Kostprobe vorweg lecker, lecker, 
ansonsten erst unsrem Lunch vorbehalten. 

Um alle die guten Sachen aus dem Schiffsbauche 'rauszuholen, 
brauchten wir noch zwei Tage. Unsre ganze Division könnte 
davon schon einige Zeit leben. 

Solche reizenden Strandbekanntschaften hoffen wir übrigens 
noch öfter zu machen. Vorläufig bist du Herzenskönigin, Alice, du 
unser Schwärm... 



246 



Nach drei Tagen Daheimsein in der Kompanie 



PK.-Kolonne rollt Richtung Paris... 

Geborgenheit in der Feuerkameradschaft? / Eigentümliche Auslese der 
Geister / „Propagandakompanie? — Wir brauchen keine Propaganda..." 

„Kameraden, die Trompete ruft...!" 

Lilie, 11. Juni, 20 Uhr. 

Was wir von der Heeres-PK. bei unsrem Kampfeinsatz vielfacli 
vermissen, ist dieses Zuinausesein in der engeren 
Kameradsciiaft. Als eine Diaspora, weitliin über die Truppenteile 
verstreut, zielien wir immer dem Scliwerpunl<t der 
Kriegsereignisse nacli, sind ineute bei diesem Regiment, morgen 
bei jenem Bataillon, übermorgen bei einer anderen Division. Ein 
Kommen und Gehen, ein flüchtiges Sichbegrüßen; wenn die 
Kampftruppe zur Reservestellung übergeht, rasten kann — wir 
müssen weiter. Von einer Stunde zur andren, ohne daß oft vorher 
eine hinreichende Fühlungnahme mit den Einheitsführern 
erfolgen kann, begleiten wir die Truppe ins Gefecht, wir kennen 
den Nebenmann nicht, es fehlt uns das Bewußtsein enger 
Zugehörigkeit, es kann ja nicht immer gleich die Tuchfühlung da 
sein, die den einzelnen aus seiner Vereinsamung in den harten 
Stunden des Kampfeinsatzes reißt, die ihm erst ermöglicht, sich 
als Teil eines Ganzen zu fühlen. Fremde Stimmen, fremde 
Gesichter — und so mag es wohl oft gekommen sein, daß wir uns 
plötzlich unversehens bei einem anderen Truppenverband 
befanden. 

Das Besondere unsrer Aufgabe bringt den Verzicht mit sich auf 
das, was man die Geborgenheit in der Feuerkameradschaft 
nennen könnte. Nicht zuletzt aus dem Gefühl heraus, das schale 
Außenseitertum so rasch wie möglich überwinden zu müssen, 
greifen wir da zu, wo Not am Mann ist. Zuvor aber bestimmt den 
PK.-Mann hierbei die Begeisterung für den Kampf selbst, die es 
ihm gar nicht erlaubt, nur Zuschauer mit Respektabstand zu sein. 
Erst Soldat und dann Berichter, so wie die Tat vor dem Worte 
steht. Daraus und nur daraus erneut sich stets sein Recht, über 
Krieg zu schreiben. Ganz drinnen stehen im Geschehen des 
Krieges, erfüllt sein von ihm, daß das Blut in den Ohren singt, und 
ihn doch um einige Handbreiten überragen mit dem kühlen Kopf 

247 



des Betrachters, das Ereignis sekundensciinell in Erlebnis, Begriff 
und Wort umzuwandeln, oder das flüchtige Kampfbild auf den 
Film zu bannen, aus der Atemlosigkeit des Augenblicks heraus in 
den Notizblock ein paar kaum leserliche Worte hinzusetzen, damit 
auch das kleine in der Feuerlinie vom Nebenmann erlauschte 
Wort nicht verlorengeht und weiterschwingt in seiner 
Herzhaftigkeit, seinem Humor, seiner seelischen Stärke in dem 
täglichen Bericht, der zurückeilt zu den Rotationsmaschinen — 
das ist unsre Aufgabe, die bezeichnet ist durch die 
Kennbuchstaben PK. 

Die innere Nötigung zur soldatischen Pflichterfüllung vereint mit 
der Freiheit, die unser Auftrag gewährt, mit allen Sinnen das 
hinflutende Geschehen einfangen zu dürfen, kurz die Eintracht: 
Gewehr, Notizblock, Kamera und Mikrophon, trägt uns eine 
Erlebnisfülle ein, die es uns leicht macht, jenen daheim etwas von 
dem Gewaltigen mitzuteilen, die nur mit dem Herzen an der Front 
sein können. 

Ein kleiner Preis, den unser Auftrag verlangt, ist, wie gesagt, die 
Vereinzelung. Nur wenn eine Operation abgeschlossen ist — so 
war's nach dem Feldzug in Holland, so ist es jetzt nach der 
Niederwerfung Belgiens — , dann besitzen wir für Tage oder auch 
nur Stunden dieses „Daheim" des Soldaten in der Kompanie, in 
unsrer durch Leid und Freud gewachsenen Kameradschaft. Da 
geht die lustige Plauderei los, da sind wir wieder alle beisammen 
mit unsren Schrullen, da wartet nun jeder mit einer Perlenkette 
heiterer oder auch nur boshafter Anekdötchen auf — oh, das ist 
nicht wahr, daß im Kriege alles todernst ist! Man möchte nicht 
glauben, wie viel es zu lachen gibt, trotz alledem! 

So eine Propagandakompanie ist ja auch eine eigentümliche 
Auslese der Geister — eine Gemeinschaft von Fachmännern hat 
sich da zusammengetan, jeder bringt seine eigene Welt mit, die 
er standhaft verteidigt. Es wird kaum anderswo bei den Soldaten 
so viel, sagen wir, „Subjektivismus" auf einem Haufen beisammen 
sein. Doch hat dies nicht zum Nachteil ausgeschlagen und die 
Kennmarke PK. hat ihre Anerkennung gefunden. 

Inzwischen wohl auch bei jenen Truppenoffizieren, die uns, der 
„Neuerscheinung", zunächst mit einer gewissen wohlwollenden 
Zurückhaltung gegenüberstanden. Dieser noch nicht dagewesene 
Zusammenklang, Schriftleiter-Soldat, Rundfunksprecher-Soldat, 
Kameramann-Soldat, beunruhigte ihr Ohr. Tatmenschen halten 



248 



an und für sich vom Wort nichts oder nur wenig. Da wurden wir 
nun emsige und manchmal auch leidenschaftliche Brückenbauer 
über den Graben, der uns anfangs trennte. Wir arbeiteten uns zäh 
„im Gelände" vor gegen die Bunkerlinie der Vorbehalte und haben 
so mithelfen können, daß ein neuer Gedanke fruchtbar und mit 
ihm eine neue Waffe der totalen Kriegführung wirksam geworden 
ist. 

„Propaganda-Kompanie? Wir brauchen keine Propaganda — 
die Stimmung in unsrer Truppe ist ausgezeichnet", so wurden wir 
wiederholt mißverständlich empfangen. Aber schließlich stellte es 
sich heraus, daß unsre Aufgabe ja hauptsächlich der 
Kriegsbericht ist. 

„Von wo kommen Sie? — Propaganda-Kompanie?? — Aha." 
Das hörten wir zu unsrer stillen Belustigung so oft. In diesem 
gemessen abgesetzten „Aha" lag alles; so was wie Zweifel, so 
was wie: Nun, was sollen wir mit euch? Aber auch ein bißchen 
was Freundliches: Na, wir wollen mal sehen. Fast immer aber 
klang in dem „Aha" der Vorwurf mit: Gestern hättet ihr da sein 
müssen, gestern, da war vielleicht der Teufel los bei uns...! 



„Kameraden, die Trompete ruft, heute heißt es wandern! Morgen 
scheint die Sonne uns in England oder..." Oder wer weiß wo? 
Denn Flandern, das sich auf wandern reimt, liegt ja schon hinter 
uns. 

Es soll nach Süden gehen. Einige glauben es schon zu wissen, 
Paris. 



Fertigmachen! Mit neuem Auftrag und neuer Einsatzfreude sind 
wir bereit, auf unsrem PK.-PKW.-Streitroß loszubrausen über die 
alten Schlachtfelder des Weltkrieges — allgemeine Richtung 
Paris! 



249 



Ein neuer „retour offensiv"? 

Wir marschieren durch die Stätten der deutschen Weltkriegstragödie 

Marne 

Im Walde de Halatte, nördlich Senlis, 
12. Juni, Mitternacht. 

Die Armee ist neu gebildet worden, General von Küchler 
besuchte heute seine Divisionen, nahm Einblick in die Feindlage 
und entwarf den neuen Angriffsbefehl. Nach den tagelangen 
Kämpfen an der Somme befinden sich die Armeekorps wieder im 
Flusse einer zügigen Verfolgungsschlacht auf Paris, auf den 
Ourcq-Kanal, auf die Marne hin. Wir marschieren in den Raum, in 
dem sich Anfang September 1914 das ungeheuerlichste 
Geschehen des Weltkrieges zugetragen hat — das Marnedrama. 
Das erschütternde Schlachtengemälde von damals, als die 
Armee Kluck Engländer und Franzosen vor sich hertrieb und der 
Jubel über Tannenberg in jedem Deutschen flammte, ersteht in 
unsrer Erinnerung. 

Wiederum ist die französische Regierung geflohen, genau wie 
1870, genau wie 1914. Welcher Gleichlauf der Geschehnisse! 
Vielleicht setzt auch der französische Generalstab zur Stunde 
noch sein Hoffen auf die verhängnisvolle Konstellation, die unsrer 
Heerführung in der Zeit vom 6. bis zum 9. September 1914 den 
Lorbeer wieder aus den Händen nahm, als der Donner unsrer 
Geschütze schon über Paris hinrollte, unsre Flieger ihre Bomben 
in die Stadt warfen und die Armee des Generals von Kluck daran 
war, zum letzten Schlage gegen die Hauptstadt auszuholen... 

„Der Feind hält die Schutzstellung von Paris", heißt es im 
heutigen Korpsbefehl von 22.30 Uhr, „...die Armee wird 13. Juni 
nachmittags einheitlich angreifen..." 

Zwei Divisionen sollen mit der Korpsreserve angreifen, Senlis ist 
seit heute morgen bereits ganz in unsrer Hand. Durch die Wälder 
und Parks hat der Feind seine Verteidigungslinie gezogen — die 
Pariser Schutzstellung, bestehend aus Erdbefestigungen und 
betonierten Unterständen. Zwei und einen halben Tag leistet hier 
der Feind schon Widerstand mit dem Mut und dem Kraftaufwand 
der Verzweiflung. 

Wird der Gegner sich hier zu entscheidender Schlacht stellen, 
wird er nur hinhaltend kämpfen und morgen weichen? Das ist zur 

250 



stunde noch ungewiß. Wird ein neuer Joffre, ein neuer Gallieni 
nacli dem Grundsatz des „retour offensiv" ein zweites Wunder an 
der Marne lierbeifüliren wollen, wird noch einmal die Joffresche 
Parole vom 6. September 1914 triumphieren über die Panik der 
Flucht, jenes Wort: „Lieber auf der Stelle sterben als 
zurückweichen!"? Wird der Feind sich erst an der Seine stellen? 
Wir wissen das noch nicht. 

Unsre Führung legt jedenfalls alles darauf an, mit dem Einsatz 
der stärksten Kräfte die Feindstellung zu zerschlagen. Der 
Aufmarsch unsrer Artillerie ist noch im Gange, es kann vermutlich 
erst morgen nachmittag 16 Uhr losgehen. Der Schwerpunkt der 
Armee liegt in unsrem Angriffsstreifen. 



Eine Gefangenenaussage in den Abendstunden, wandelt jäh die 
bisherige Auffassung; die Poilus, so was wie alte 
Landesschützen, erklären, daß die Stellungen südlich Senlis nur 
mit schwachen Kräften gehalten würden, das Gros der Truppen 
würde sich ungeordnet nach Süden zurückziehen. 

Also noch keine Entscheidungsschlacht? Die Feindberührung in 
keinem Augenblick zu verlieren, lebhafte Gefechtsaufklärung, 
nachzustoßen, wo und wie es nur irgend geht, wird darum die 
Taktik für diese Nacht sein. 



251 



Die Pariser Schutzstellung zerschlagen! 

Wiener Regiment Icämpft gegen Schiwarze 
Tiefgegiiedertes Verteidigungssystem in Parlciandschiaft 

Bei Mont l'Eveque, 13. Juni, 10.30 Uhr. 

Die Pariser Pakschutzstellung, das seit 1936 wohlausgebaute 
Verteidigungssystem, ist bei Morgengrauen durchbrochen 
worden! Unsre Infanterie ist dem Feind durch die Wälder südlich 
Senlis gefolgt, es geht auf Paris zu! Ein Taumel der Freude erfaßt 
uns und eine fiebernde Ungeduld zugleich. Wir begegnen den 
Spuren des überhastet fliehenden Feindes, der sich mit 
Verschleierungskräften heute nacht von uns abgesetzt hat. 
Genau wie im September 1914 sind diesmal Marokkaner und 
Schwarze in diesen verzweifelten Rückzugsgefechten von Paris 
eingesetzt gewesen. Wir sind jetzt bei einem Infanterie-Regiment 
einer ostmärkischen Division. Dem Traditionsregiment der Hoch- 
und Deutschmeister ist es gelungen, den Feind aus Mont 
l'Eveque zu werfen. Die Marokkaner und Schwarzen haben bis in 
die Nacht hinein die Stellungen noch erbittert verteidigt, ein in die 
Tiefe gegliedertes Stützpunktsystem, splittersichere 
Kleinkampfanlagen, abgestellt auf den Mann-gegen-Mann-Kampf. 
Das dichtbewachsene undurchsichtige Parkgelände ist für diese 
afrikanischen Katzen wie geschaffen. Es war schon eine 
Nervenprobe für unsre Wiener, der Urwaldtaktik der Schwarzen 
beizukommen. Acht Tote haben die Farbigen zurückgelassen 
rund um diesen heiteren Sommersitz mit Fontänen und stillen 
Weihern, hinter deren Poesie die Tücke lauerte. Wir sehen 
entlang der Parkmauer die Schützengräben mit den 
Schießscharten nach dem Ortseingang, für den Rückenbeschuß 
unsrer durchziehenden Infanterie gedacht. 

Dennoch, der Feind ist geworfen worden, die Verluste des 
Regiments sind nicht unbedeutend. Die sagenhafte Wiener 
Gemütlichkeit, auf die noch kürzlich Herr Daladier starke 
Hoffnung setzte, hat sich in der Bannmeile von Paris als Wiener 
Schneid zu erkennen gegeben. 

Wir treffen hier zufällig den früheren Oberfeldwebel G. wieder, 
den wir zuletzt vor einem Jahr in Hainburg an der Donau beim 



252 





Die letzten Kilometer 
vor Paris 

Oben: Die Oefange- 
tten werden in Dugny 
gesammelt 

Mitte: .. . dann brau- 
sen wir weiter bis vor 
Le Bourget, wo wir . . . 

Rechts: ,auf die 
letzteBarrikade stoßen 




Frankreichs Weg 
nach Compiigne. 
Letztes Gelecht 
vor Paris in der 
Ortschaft DugHy 



Manöver sahen. Er ist jetzt Oberleutnant und hat heute morgen 
das EK. I erhalten. 

Entlang der großen Straße Senlis — Paris treibt die rechte 
Nachbardivision rasch ihre Aufklärung vor. Schwer ist das 
Weiterkommen der Marschkolonnen in den Sandwegen des 
Forstes von Ermenonville. 

Immer wieder müssen wir unsren PKW. mit Horuck aus dem 
Sande schieben, es fährt sich wie auf Glatteis. Dazu paßt 
schlecht unsre Ungeduld, unsre ungeheure Ungeduld, wir 
könnten den großen Augenblick verpassen, wenn unsre Spitze 
Paris erreicht. 

Der Wald brennt dort und da bereits, der Lärm kleiner örtlicher 
Gefechte dringt in den Forst, in dem wir so schwer 
weiterkommen. Ein Sturzbach von Regen rauscht jetzt nieder. 
Hinaus aus dem Wald und hin zur Chaussee Senlis — Paris, unser 
einziger, unser brennender Gedanke. 



253 



Mit motorisierter Vorausabteilung in die Vorstadt von Paris 

Um 12.45 Uhr knapp vor dem Flughafen Le Bourget 

Wir blicken über die Däclier von Paris 
„Hurra, Kameraden, der Eiffelturm!" / „A bas les armes!" — Fliehende 
Franzosen ergeben sicli / Auf dem bombardierten Flugplatz Le Bourget 
brennt es noch / Ein ahnungsloser Landbriefträger... 

Vor Paris, 13. Juni, 22 Uhr. 

Was wir gestern mittag nacli dem zälien Widerstand an der 
Pariser Sciiutzstellung nocii niclit zu lioffen gewagt liaben, 
erfüllen uns diese Stunden. Wir stehen knapp vor Paris. Le 
Bourget, der Pariser Flughafen an der Chaussee Lilie — Paris, 
liegt zum Greifen nahe vor uns. Der Umriß der Metropole 
Frankreichs schwimmt im Dunst des sengenden Mittags, über 
den lastend schwüle Gewitterwolken heraufziehen. Der Himmel, 
scheint es, spiegelt das Geschick der Stadt wider, die in diesen 
Stunden umschlossen wird von den deutschen Divisionen. Nur 
einem Zivilisten sind wir begegnet auf der stürmischen Fahrt 
hierher, die uns über Senlis — La Chapelle — Louvres bis an den 
Rand von Paris geführt hat. Wie ausgestorben liegt auch die 
Stadt; kein Schlot, aus dem Rauch kräuselt. Verlassen dehnt sich 
in Friedhofsstille der Flughafen Le Bourget, darauf wir die 
Trümmer bombardierter Flugzeuge und zerstörter Hallen 
erkennen. Es schwelt noch der Qualm der Brände über dem 
bombenzerwühlten Rollfeld. Flügellahme Kampfflieger — 
trauernde Monumente der feindlichen Luftstreitmacht. Mit dem 
Glase folgen wir dem sanften Auf und Ab der Stadt auf den 
flachen Hügeln — das drüben müßte der Mont Martre sein, ja, 
und das blinkende Bauwerk ist wohl Sacre-Coeur. Als Filigran 
ragt in den wetterbangen Himmel die Nadel des Eiffelturmes, das 
Wahrzeichen der Hauptstadt Frankreichs, und einen 
Daumensprung links davon Notre-Dame. 

„Hurra, Kameraden", schreit einer der Männer, die eben die Pak 
in Feuerstellung bringen, „Kameraden, schaut, dort, dort — der 
Eiffelturm — hurra!" Ein Lachen unbändigen Glückes fliegt über 
alle Gesichter, vergessen ist für diese Augenblicke alle uns noch 
möglicherweise drohende Gefahr eines feindlichen Hinterhaltes, 
wir gehören jetzt ganz der Gewalt dieses Erlebens. 



254 



Welche Sühne gönnt uns das Schicksal wieder für die 
erduldeten Raubkriege der Jahrhunderte, in denen sich 
Frankreich vermaß, uns zu plündern, zu demütigen, zu peinigen. 
Wir sieben deutschen Soldaten, die wir noch außer Atem hier 
stehen, als die ersten deutschen Soldaten überhaupt so nahe an 
der Metropole, die die Flamme des Hasses hütet, wir sieben 
empfinden jetzt schon das Erlösende des Bewußtseins, das darin 
liegt: Paris ist unser, Paris ist in der Zange deutscher Divisionen, 
Einmarsch in Paris! 

Die Hybris, die gallische Maßlosigkeit, hat wieder einmal ihren 
Bändiger gefunden. Es klingen uns ja noch die zynischen 
Äußerungen eines Daladier und Reynaud im Ohr, die sich schon 
an der Vision eines Berlin in Schutt und Asche berauschten; wir 
hören noch gewisse Pariser Diplomaten sich kurz vor dem Beginn 
des Feldzuges verabschieden: „Auf Wiedersehen in Berlin." 
Napoleon hat sich schon einmal den grimmigen Hohn auf uns 
geleistet, zu sagen, daß sieben Tage hingereicht hätten, um die 
Monarchie Friedrichs des Großen zu erledigen. 

Doch es wurde ein Elba aus dem Spott über Preußen, und am 7. 
Juli 1815 zog Blüchers siegreiches Heer in Paris ein. 

Es wurde später ein Sedan daraus und ein 19. September 1870, 
als 150.000 deutsche Musketiere die doppelte Zahl bewaffneter 
Verteidiger samt zweieinhalb Millionen Einwohnern von Paris 
umschlossen. Vor genau 70 Jahren. 

Und nun zieht wieder die Lenkung des Weltgeschicks mit einem 
Griffel ohne Erbarmen einen Querstrich durch die verbrecherische 
Landkarte Reynauds und der Freimaurerei, die das Reich der 
deutschen Sehnsucht wieder in ein Mosaik wollte zerfallen 
lassen. Wir sind dieser Griffel, dessen Spitze jetzt auf das Pariser 
Vernichtungskonzept vernichtend zufährt... 

Dem „Marnewunder" von einst stellt das Reich Adolf Hitlers in 
dieser Stunde das Wunder der erneuten deutschen Seele 
gegenüber. Damals, in den ersten Septembertagen 1914, 
streiften die Reiterpatrouillen des Kavalleriekorps von der Marwitz 
an die Pariser Vororte — wie wir heute, so nahmen sie damals 
die Spitze des Eiffelturmes zum Richtpunkt ihres erhofften 
Einmarsches, mit derselben Glut im Herzen wie wir heute — , bis 
das Verhängnis einbrach. 



255 



Die Schatten dieser deutsciien Tragödie zerfließen aber in 
dieser Stunde zu niclits, in dieser Mittagsstunde des 13. Juni. Wir 
seinen nacli der Ulir: es ist 12.45. 

Unsagbarer Stolz erfüllt uns, und unser Glück ist ohne Grenzen. 

Einen einsamen, vielleicht feindlichen Aufklärer sehen wir Paris 
zufliegen, sonst rührt sich nichts in der Luft. Was ist eigentlich 
los? Wird die Stadt verteidigt? Oder hat die Panik, das Werk 
unsrer atemberaubenden Verfolgung, die Stadt freigegeben? 



In La Chapelle erreichte uns die Nachricht, Paris sei als offene 
Stadt erklärt worden, würde nicht mehr verteidigt werden. Gerücht 
oder Wirklichkeit? Jedenfalls — wir brausen um etwa 1 1 .50 Uhr 
mit der motorisierten Infanteriespitze die Chaussee Senlis — Paris 
dahin, was der Motor nur hergeben kann. „Paris — 28 Kilometer" 
— zeigt der Wegweiser. „Paris — 26 Kilometer — 18 Kilometer — 
15 Kilometer" — Wir stoppen dann und wann, sichern, erkunden. 
Keine Spur vom Feind. Doch — da kommen ein paar Franzosen 
ohne Waffen entgegen, strecken die Hände hoch! Vor einer 
Stunde erst, sagt einer aus, sei das Gros seiner Truppe von hier 
abgerückt Richtung Paris-West, er habe seine Einheit verloren. 

Weiter! — Weiter! 

Kradfahrer mit leichten MG. flitzen die Chaussee hinab, Pak rast 
hinterher. Ein Wettrennen mit dem fliehenden Feind. 

Sehen wir richtig? Dort laufen doch in hellen Haufen Franzosen 
durch die Gegend! Die Bremsen zwitschern. Absitzen! Kugeln 
zirpen. Gedeckt im Straßengraben gehen wir mit MG., 
schußfertigen Karabinern und entsicherten Pistolen vor. Kurzer 
Kugelwechsel an der Tankstelle von Dugny. „Hände hoch! A bas 
les armes!" brüllen wir zu den Barrikaden hinüber. Da kommen 
auch schon die ersten mit erhobenen Händen. Die anderen holen 
wir aus der Seitenstraße — 25 Gefangene ziehen die Straße 
zurück. 

Aufsitzen! Weiter! Weiter! 

Zwei Betonklötze, als Tankabwehr gedacht, verrammeln seitlich 
die Straße. Allein alles noch unfertig. Kieshaufen und 
Zementsäcke liegen davor — Paris hat sich also schon seit 
einiger Zeit gefaßt gemacht. Da kommen noch einige Poilus 



256 



trkitndung anj dem Flugplaiz Le Bourget: 
Wir gehen entlang den Fliigzeiigliallen vor - 
gleich darauf zwingt uns eine AIQ. -Garbe in 
Deckung (Seite 258) 




riiuiKirscIi in Paris-Ost. Der Oberf^rj/ritr, nachts am 
Kanal de l'üurcq verwundet, möchte unter allen Um- 
ständen mit dabei sein . . . „Mach mir mal rasch 'nen 
aeaen Verband, Kamerad . . J** 






4 «. 



Einmarsch in Paris. Pak-Eüh 
helun überscIireiLen um 7.30 
Uhr den Kanal de VOurcq 
und f . . 



. . . gehen an den wiehUgsteu 
Punkten der Sladt in Stellung 
(Seite 259) 






Einmarsch in Paris. Kurzer Hall in der 
Vorstadt: 

Oben: „Voilä le tritz der erste 
deutsche Soldat . . staunen starr Ma- 
dame und Uire Tochter 

Rechts: Eine Mauer des Mißtrauens 
ragt. „ITtfs wiU er mr — der boche?** 

Unten: „Parbleu — jetzt hat er ein 
Witzchen gemacht . . . He-he sind gar 
nicht einmal solche Barbaren, die 
DeutschenJ" 



r 





hervorgekrochen, sie ergeben sich, wie gelähmt durch unser 
blitzartiges Erscheinen. 

Die Chaussee steigt etwas an, hinter dem Knick scheint noch 
Feind zu liegen. Artillerieeinschläge liegen dicht vor uns. Wir 
arbeiten uns vor auf den Scheitel des Hügels — unsere Pak 
bezieht Feuerstellung, wieder ein paar Gefangene, ein Poilu sucht 
mit uns im Graben Deckung, Angstschweiß läuft über sein 
Gesicht, seine Halsadern pochen vor fiebernder Erregung. Seine 
Augen starren irr. Zwischen diesen Sprüngen — in die Deckung 
— aus der Deckung — erhaschen wir den ersten Blick auf Paris. 

So hätten wir uns die erste Begegnung mit Paris auch nie 
träumen lassen. 

Unsere Pak knallt einige Panzergranaten hinab auf das schwere 
Geschütz da unten, das uns eben beharkte. Die 
Bedienungsmannschaft stiebt davon. Wie wir uns bereitmachen, 
noch tiefer zur Stadt hinabzustoßen, kommt ein Meldefahrer an 
im höchsten Tempo. „Halten — halten! Befehl von rückwärts — 
unbedingt halten!" 

Verdammt, das fällt schwer. 

Wir gehen ein Stück zurück auf Dugny, wo gerade der 
französische Landbriefträger eintrifft, um Post zuzustellen. Der 
Ahnungslose hat sein Gesicht bzw. Amtsmiene verloren, als er 
unversehens in die motorisierte Spitze eines deutschen 
Infanterie-Regiments hineingeraten war... 

In der linken Flanke steht noch zurückflutender Feind, den die 
Divisionen vor sich hertreiben. Bei Drancy geraten wir um 15 Uhr 
in ein Rückzugsgeplänkel. 

Um 16.20 Uhr wird der Spruch des Armeekorps aufgefangen: 
„Vorausabteilungen erreichen noch heute die Marneübergänge. 
Infanterie besetzt den Ourcq-Kanal." Zwischen 17.30 Uhr und 18 
Uhr gewinnen die vordersten Teile der x-ten Division bei Sevran 
das Nordufer des Ourcq-Kanales. Im Handstreich wird die 
Eisenbahnbrücke bei Sevran genommen. Die andere 
Kanalbrücke wird vom Gegner erbittert verteidigt. Er hofft noch, 
klammert sich noch an die Marnestellung. 

In der Dämmerstunde dringen wir mit einem Stoßtrupp in den 
Flugplatz Le Bourget ein, betrachten die Wirkung des deutschen 
Luftbombardements, die Sprengtrichter im Rollfeld, die 
zerschossenen Kampfflieger. Wir erhalten plötzlich über die Weite 
des Platzes hartnäckiges MG. -Feuer, suchen Deckung hinter 



257 



einem zerschmetterten Bomber, bis wir uns aus der brenzliclien 
Lage befreien. Heißt das „offene Stadt"? Wolil eine Einzelaktion 
versprengter Franzosen. 

Ein grausiges Feuerwerk glülit und sprülit nocii in die 
einbrecliende Naclit. Sperrfeuer denken wir, womit der Feind sicli 
eine Atempause liinter der Marne und Seine sciiaffen will — bis 
eine Meldung eintrifft, die die Panzerjägerkompanie von Sevran 
um 21.30 Uhr absandte: „Kein Sperrfeuer auf Bahnhof, sondern 
französischer Munitionszug, der pausenlos explodiert und Sevran 
zudeckt." 

Zwei Brückenköpfe am Südufer des Kanals de l'Ourcq sind seit 
20 Uhr in unsrer Hand. Ausgangsstellungen für die morgige 
Verfolgungsschlacht über die Marne und die Seine. 

Beim Divisionsgefechtsstand ist jedoch eben der Befehl 
eingetroffen: Abdrehen vom Ourcq-Kanal, Einmarsch in Paris und 
Besetzung der Stadt... 



258 



Der glorreiche Einmarsch in Paris 



„Nächster Divisionsgefechtsstand Tuilerien..." 

Truppenparade auf dem Platz de la Concorde und am Are de Triomphe 
Im Bann erhebender Stunden erleben wir 
den Siegesmarsch unsrer Truppen 
„Les allemands — les allemands!" 
Der deutsche Soldat Ist nicht „mechant" / Trikolore überm Rathaus wird 
eingeholt / Wien sagt Paris auf seine Art „bonjour..." 

Paris, 14. Juni, 16 Ulir. 

In den ersten Morgenstunden ist der Divisionsbefehl bei der 
Truppe eingetroffen, die diese Nacht noch kämpfte, der Befehl, 
den wir so sehr ersehnten: „Schwacher Feind am Südufer des 
Ourcq-Kanals. Es ist noch ungeklärt, ob der Feind Paris, das er 
zur offenen Stadt erklärt hat, verteidigen wird oder nicht. Es ist 
damit zu rechnen, daß er es nicht verteidigt. Die x. ID. wird, 5 Uhr 
antretend, beiderseits der Straße Le Bourget — Paris am 14. Juni 
nach Paris hineinstoßen. Dieser Angriff wird die endgültige 
Klärung über das Verhalten des Feindes bringen. Die y. ID. hat 
den Auftrag, am 14. Juni südlich des Ourcq-Kanals von Osten her 
in Paris einzudringen und die Stadt zu besetzen." 

Am 14. Juni, 7 Uhr morgens, marschieren also die Spitzen 
unsrer siegreichen Divisionen in Paris ein. 

Vier motorisierte Vorausabteilungen sandte um 7.30 Uhr die 
Besatzungsdivision in die Stadt, ein Bataillon der 
durchmarschierenden anderen Division zieht gefechtsmäßig an 
der Spitze über die Chaussee von Le Bourget her in Paris ein, 
geschlossen folgt unter Marschklängen eines Musikkorps das 
Gros. Bis etwa 11 Uhr sind die Truppen in den Avenues und 
Boulevards der Stadt zum Vorbeimarsch angetreten, der bis in die 
Nachmittagsstunden hinein währt. Die eine Marschsäule bewegt 
sich auf den Platz de la Concorde zu, wo vor dem berühmten 
Obelisken von Luxor die Generalität der Siegesparade beiwohnte, 
deren Rhythmus von dem unbändigen Stolz und der Siegerfreude 
unsrer tapferen Truppen bestimmt ist. Generaloberst v. Bock 
nimmt den Vorbeimarsch ab, neben ihm stehen die Generäle v. 
Küchler, Stumme, v. Appell, der Stadtkommandant von Paris, 
Generalmajor v. Studnitz, und Generäle der Luftwaffe. Im 



259 



Hintergrund ragt der Are de Triomphe auf, wo zur selben Stunde 
die Division v. Briesen an ilirem Einlieitsfülirer vorbeimarsciiiert. 
Es ist ein bewegendes und erliebendes Grußaustausciien 
zwisciien den militärisciien Fülirern und iliren Männern, unser 
aller Glück und Stolz aber schwingt jetzt zusammen in dem 
einzigen Gedanken und Dank an Adolf Hitler. 

Die Prunkbauten des Pariser Zentrums umranden in stiller 
klassischer Schönheit die Weite des Paradeplatzes, der Eiffelturm 
überragt kühn die grellbesonnte Szenerie, im Hintergrund jenseits 
der Seine die Abgeordnetenkammer, etwas zurückgezogen, als 
hätte sie zur Stunde nichts zu melden... Die Tuilerien prangen in 
frühsommerlicher Üppigkeit und die Champs-Elysees ziehen den 
staunenden Blick des deutschen Soldaten auf sich. Wir stehen 
alle wie gebannt von der Schönheit dieses Bildes, das durch die 
Wucht unseres Siegesmarsches ins Erhabene gesteigert ist. 

Von Lemberg bis Paris! Was überspannt doch dieses eine noch 
nicht runde Jahr an herrlichen Siegen! Inmitten der rauschenden 
Bilderflut, die Auge und Herz bestürmt, kommt in uns der heiße 
stille Dank an das Schicksal auf, das uns so viel und auch diesen 
Einmarsch hat erleben lassen. 

Welche Gewalt des Geschehens erfüllt diesen Morgen! Wir 
standen noch wartend in der Pariser Vorstadt, als an die Armee 
folgender Spruch der Division gefunkt wurde: „Bondy, 10.15 Uhr. 
Vorausabteilungen 9.30 Uhr angetreten. Infanterie folgt. Nächster 
Divisionsgefechtsstand Tuilerien." 

Nächster Divisionsgefechtsstand Tuilerien! Eine traumhafte 
Wirklichkeit, oder besser, ein handfester Traum. 

Um 10.30 Uhr setzt sich in Bondy das Gros der Division, an der 
Spitze der General mit Führungsstab, in Marsch auf der Route de 
Meaux, bald ist der Bahnhof Le Bourget erreicht. Wir begegnen 
nur wenigen Zivilisten, sie scheinen gefaßt das Ereignis 
hinzunehmen, sie sehen uns an, als wollten sie aus unsren 
Mienen lesen, wie es ihnen ergehen würde. Sichtlich dankbar 
nehmen sie unser Lachen auf und unsre beruhigenden Antworten 
auf ihre verschüchterten Fragen. „Wie glücklich ich bin, daß der 
erste deutsche Soldat so liebenswürdig ist" („tant aimable") 
gesteht eine Frau in der Vorstadt. Wieder ein kurzer Halt. Ein 
Offizier kauft im Laden Bananen, ängstlich bergen die Mütter ihre 
Kinder. Der Offizier sieht das, geht wieder in den Laden, kauft 
Schokolade und verteilt sie unter die acht Kleinen. Man fühlte das 



260 




Einmarsch durch die Arbeiterviertel im Pariser Osten. Oben : W olil aiisjj^erichtet rattert 
die Kradspilze voran, ihr ... — Unten: ... jolgt der General. ,,Les allemands les alle- 
mands!" ruft man in den Straßen, ,/iie ritzen* — die Deutschen sind da!" (Seite 261) 




Wir nähern ans dem Zen- 
trum. Vorbei an dem Denk- 
mal der Republik . . . 



. , . über den Boulevard de 
Strasbourg gelangen wir 
zu den Tailerien . . . 




1 » ff 




Die Krad-Spitze hat den 
Platz de la Concorde er- 
reicht. Feierlich tut sich die 
Weite des Pariser Prunk- 
platzes auf . , . 



Die QeneraUtät erwartet 
hier bereits den Vorbei- 
marsch. Im Hintergrund 
der Triumphbogen 

(Seite 261) 




Aufatmen der verhetzten Menge. Ein Alpdruck ist von der Stadt 
genommen mit dieser Stunde. Wolil beweint die Frau dort — „ma 
pauvre France!" klagt sie — ein Unglück, das nicht wir 
verschuldeten. Allein die Fassung scheint gemeinhin größer als 
die Bestürzung. Der deutsche Soldat ist nicht „mechant" 
(bösartig), wie ihn die Pariser Gazetten von vorgestern noch 
charakterisieren. Diese Wahrnehmung scheint den Parisern die 
Bitternis des Tages ein wenig zu mildern. 

Ein Pariser Polizist fährt als Lotse an der Spitze der 
Kradschützen, um unsre Einheit zum Platz de la Concorde zu 
bringen. Über die Vorstädte Les Lilas und Romainville kommen 
wir dem Zentrum näher, immer dichter wird das Leben auf den 
Gehsteigen entlang des Boulevard de Strasbourg, der Avenue de 
Gambetta und der Avenue de la Republique. Hausfrauen, die 
eben ihre bekannten weißen Brotknüppel, die „batons", eingeholt 
haben, sehen uns mit blassem Staunen, entsetzt oder gar mit 
einem verlegenen Lächeln an. 

„Les Allemands — les Allemandsü!" 

Ein italienisches Ehepaar nutzt unsre knappe Haltepause, um 
uns aus vollem Herzen die Begeisterung zu bekunden, die es 
jetzt empfindet, nachdem die Zeiten, da die Italiener in Paris mit 
Haß und Scheelsucht verfolgt worden waren, zu Ende sind. „Noi 
siamo contenti — contenti!" rufen sie hinter uns her, nachdem wir 
einander herzhaft die Hände geschüttelt haben. „A rivederla!" 

Durch die Rue de Rivoli fährt langsam unsere Wagenkolonne in 
den Platz de la Concorde ein — nahezu menschenleer die 
innerste Stadt. Hier wartet bereits die Generalität auf den 
Vorbeimarsch. 

Die herzhaften Soldatenlieder auf den Lippen, eben jene Lieder, 
die uns immer Stärke gaben, ziehen unsre Infanteristen mit 
hallenden Schritten über die Avenuen und Boulevards. Die 
motorisierten Verbände überholen die Fußtruppen — ein 
wuchtiges Bild der geballten Kraft bietet sich hier dem immer 
dichter werdenden staunenden Spalier der Pariser. Ein deutsches 
Kampfflugzeug donnert jetzt über die Dächer von Paris dahin. 

Diplomaten sehen wir jetzt neben den Generälen den 
Vorbeimarsch bestaunen, der italienische Vizekonsul Orlandini 
setzt gerade, den Notizblock auf die Motorhaube legend, ein 
Telegramm an den Grafen Ciano auf. 



261 



Eben wird im Pariser Ratliaus die Trikolore eingeliolt. Eine 
Menge Zivilisten ist zugegen. Ein hörbarer Seufzer geht durch die 
Menge, als der Dreifarb verschwindet und der Hakenkreuzflagge 
Platz macht. Mit stummer Verbeugung hat der Stadtpräfekt den 
Befehl des Generals, sich bei der Kommandantur einzufinden, 
aufgenommen. 

Seit 12.30 Uhr hallt der Platz de la Concorde unter dem 
Marschtritt der Kolonnen, eine sich gabelnde Marschsäule der 
Division des Generals v. Briesen bewegt sich in derselben Stunde 
vorbei an beiden Seiten des Are de Triomphe. Wir fahren hinauf 
die Champs-Elysees, sehen unsre Panzerwagen Wache halten 
vor dem hochragenden Bogen, den sich das ruhmhungernde 
napoleonische Frankreich errichtet hat. Gloire — Gloire! — Ruhm! 
Inbegriff gallischer Sehnsucht und Spitzenwert der gallischen 
Seele, so wie es für uns Ehre heißt. Unsre Infanterie zieht vorbei 
an dem Triumphbogen, dessen Reliefs die Siege über 
Deutschland verherrlichen. 

Ein junger Leutnant stellt mit seiner Kompanie die Spitze — in 
der Eile des Vormarsches sind die Spuren des Kampfes nicht 
völlig getilgt, die Anzüge dieser Männer reden noch in 
erschütternder stummer Sprache von den Tagen hinter uns, von 
den Schlachten an der Somme, an der Oise. Der junge Leutnant 
ist schon vorbeigeritten am Triumphbogen; er wird zurückgeholt, 
eben sind die Generäle eingetroffen, die ihn beglückwünschen 
wollen. Denn ihm, Leutnant Prochaska, ist es als einzigem im 
ganzen Abschnitt der Armee gelungen, mit seiner 10. Kompanie 
die Oisestellung bei l'lsle Adam zu durchbrechen und damit eine 
zweite Durchbruchsstelle über die Oise nach Paris zu erkämpfen 
— am 12. Juni morgens war das. 

Leutnant Alois Prochaska, ein gebürtiger Wiener, wie wir 
erfahren, darf also an der Spitze jener Marschkolonne in Paris 
Einzug halten, deren Tagesziel Versailles heißt. „Oh, Monsieur 
Daladier, vielleicht werden Sie meine Ostmärker noch 
kennenlernen", sagte der Führer vor vielen Wochen im Reichstag. 
Die Herren Daladier und Reynaud haben nun die Ostmärker 
kennengelernt und jenes andere, jenes deutsche Wien, das Paris 
einmal vermeinte mit Hilfe eines Schuschnigg an die goldene 
Plutokratenleine legen zu können. Wien sagt um diese 
Mittagsstunde des 14. Juni 1940 auf seine besondere Art Paris 
„bonjour", und die ganze Ostmark, die einstens heimgesuchte. 



262 



holt sich mit Blickrichtung auf das nahe St. Germain die Sühne für 
den Frevelmut jenes Vorortdiktates. Welche unaussprechliche 
Genugtuung liegt für jeden Ostmärker in dieser historischen 
Antwort seiner Heimat auf erlittene Demütigung — eine Antwort 
aus Stahl und Feuer. 
Wie der Spiegelsaal zu Versailles am 19. Januar 1871 dem 
Baumeister des Zweiten Reiches huldigen mußte, so muß im 
Jahre 1940 dieser Triumphbogen als Monument und Symbol 
ragen der großdeutschen Einigkeit und der verschworenen 
Waffenbrüderschaft aller deutschen Stämme. Huldigend wölbt 
sich der triumphale Bogen in diesen denkwürdigen Augenblicken, 
da die Wende der Zeit uns so sinnhaft, so greifbar wird über 
unsre todesmutige, lorbeerbekränzte deutsche Infanterie und den 
Baumeister unsres Dritten Reiches. 



263 



General und Mannschaft Auge in Auge 

Vom Kampfe zur Siegesparade in einem Atemzug! 

Den Nachtgefechten am Kanal de l'Ourcq folgt der erhebende 
Vorbeimarsch am Platz de la Concorde / Die Sensation des Nachmittags: 
Zwei Flugzeuge landen im Herzen von Paris / Die Pariser sind fasziniert 

von der Parade 

Paris, 14. Juni, 22 Uhr. 

Als wir gestern abend mit einem Stoßtrupp in den Flugplatz Le 
Bourget eingedrungen waren, hörten wir wenige Kilometer von 
Südosten her Geschützdonner, der bezeugte, daß die Pariser 
Besetzungsdivision noch in erbittertem Gefecht lag. Sie war, wie 
berichtet, über den Kanal vorgedrungen und hatte trotz stärkster 
Gegenwehr des Feindes einen Brückenkopf bilden können. Die 
Nacht, die erhellt war von aufsprühendem Feuerschein eines 
brennenden Munitionszuges, stellte an die Truppe die schwersten 
Anforderungen. „Wir wurden beharkt, daß uns Hören und Sehen 
verging", erzählt ihr Kommandeur. Die Ablösung ermöglichte ihr, 
sich gegen Morgen vom Feind abzusetzen und den Dank für ihre 
Tapferkeit zu empfangen: Den Einmarsch in Paris! Vom Kampf 
zur Siegesparade — in einem Atemzug! Kurz vorher noch am 
Kanal de l'Ourcq im Splitterregen der feindlichen Artillerie liegend, 
marschiert nun die Truppe an ihrem Divisionskommandeur, dem 
derzeitigen Kommandanten von Paris, Generalmajor v. Studnitz, 
vorbei am Platz de la Concorde um 17 Uhr. 

Gerade darin liegt das Ergreifende der Parade dieses eben 
abgelösten Infanterieregiments, daß wir an Mann und Roß und 
Wagen noch die Spuren der Schlacht sehen. Jedes dieser 
kantigen, rauhbärtigen Soldatengesichter sagt uns, wie hart die 
Tage und Wochen gewesen sind. Staub und Schweiß, ertragene 
Strapazen und die aufleuchtende Freude, das macht die 
Physiognomie des deutschen Soldaten hier auf dem Platz de la 
Concorde zu einem uns tiefbewegenden Eindruck. Abgekämpft 
sind sie, und doch legen die Männer einen Schritt auf das 
asphaltierte Holzpflaster, der sich sehen und hören lassen kann. 
Der preußische Marsch „Fridericus Rex" hallt über die feierliche 
Weite des Paradeplatzes, das Getrappel der Hufe mischt sich 
melodisch hinein, das Vorbeirollen der schweren Geschütze 



264 





Der F.innuirscli in Paris: T si liindcrussu-Biimderassa- 
bum-biiin-bum — so marschiert unsere Infanterie voll 

GUick und Stolz am Triumphbogen Sapokons /. *'^-^^'^- - "'»v^ ' ."i*"- • 

vorbei 't ' \- S \'\ .u V, . i v.;/- > 




; , ., . . ' ' Bespannte Artillerie folgt ihr. Dröhnend rollen die 

; - ■ Räder der schweren Geschütze. Panzer kampj warfen 

• T uttd Pak-Geschütze haben die Sicherung übernommen 







Siegrsmarsc/i durch Paris. 
Htddifrend wölbt sich der 
triumphale Bogen über 
unsre siegreiche, todes- 
mutige, lorbeerbekränzte 
Infanterie . . . (Seite 263) 



Die soldatische Tat wird 
Wort und Stimme, ein I\a- 
nierad der PK. fdngt sie 
mit dem Mikrophon für die 
Heimat ein, während die 
Marschkolonnen über den 
Platz de la Concorde 
ziehen . . . 



überdröhnt die Paukenschläge des Musikkorps. Dazwischen 
immer wieder hinein der Zuruf des Generals: „Heil Schützen!" 
oder „Heil Reiter!" — „Heil Kanoniere!" — „Heil Pioniere!" — und 
dann kommt aus strahlenden Gesichtern wie ein Donnerschlag 
der Ruf zurück: „Heil Herr General!" 

Wie geht einem das Herz auf bei dieser herzhaften Begegnung 
zwischen Führung und Mannschaft! Wir glauben, daß auch die 
Marine- und Militärattaches dieser Anblick ergriff, die beide der 
Parade beiwohnten. 

Mit den durch die Dauermärsche abgelaufenen Hufen pochen 
die klobigen Artilleriepferde über das erbebende Pflaster. 
Kamerad Pferd hat seinen Anteil an dem großen Gelingen, 
vergessen wir das nicht. In schnurgerader Linie kommt eine 
Radfahrereinheit den Platz herauf, wir sind fasziniert von so viel 
Exaktheit. Aber nicht nur wir, sondern auch der Saum der Pariser 
Bevölkerung, die das militärische Schauspiel gespannt verfolgt, 
ist gefesselt. Wir lesen es den Mienen ab. „Nun können wir 
begreifen", gesteht uns ein Pariser, „warum Frankreich die 
Schlachten verloren hat." 

Herrlich der Vorbeimarsch der Schwadronen einer 
Aufklärungseinheit! „Hört ihr der Hufe Traben, Hurra Viktoria, daß 
wir gesieget haben, hört ihr, Viktoria!" Das Reiterlied kommt uns 
in den Sinn und hat heute seinen ganz tiefen Sinn. Wir sehen 
dem Generalmajor die Freude an, daß er seinen Reitern ins Auge 
sehen kann. Sie gehören zur Torgauer Aufklärungsabteilung, zu 
eben jener Traditionseinheit, in der der Generalmajor im Weltkrieg 
gedient hat: Im Kavalleriekorps von der Marwitz, in dem die 
Torgauer seinerzeit als Husaren dienten. Am 6. September 1914 
ist Generalmajor v. Studnitz mit eben jenem Korps von der 
Marwitz, in dem auch Reichsaußenminister v. Ribbentrop gedient 
hat, bis vor Paris gekommen. Er hat damals als Patrouillenreiter 
zum ersten Male von weitem den Eiffelturm gesehen. Wie 
seltsam mag es ihn jetzt bewegen, da er zum zweiten Male nach 
26 Jahren mit seiner Truppe, seinen Torgauer Reitern, zum 
Eiffelturm siegreich wiederkehrt! 

Die Siegesparade des Regiments hat sonderbare Zuseher 
gefunden am Platz de la Concorde. An zwei Fieseier Störchen 
vorbei bewegte sich die Marschsäule. Vor einer halben Stunde 
erst kamen sie herab aus den Wolken und setzten ihre dürren 
Storchenbeine ausgerechnet auf den Platz de la Concorde, in das 



265 



Herzstück von Paris. Das ist ein Husarenstück, worauf aucli die 
Torgauer Reiter staunend seinen. Unter scliaiiendenn Haiio 
iandeten die beiden plötzliclien Gäste auf dem Platz — das war 
die Sensation des Naclinnittags, die uns alle, Soldaten und 
Zivilisten, in freudigen Aufruhr brachte. Offiziere aus dem 
Führerhauptquartier hatten sich erst, als sie über dem Platz 
kreisten, zu dieser Landung entschlossen. Einer brachte deutsche 
Zeitungen mit — sie wurden ihm aus den Händen gerissen. 

Der Vorbeimarsch ist vorüber. Mit zackigem Abmarsch im 
Paradeschritt beendet ihn das Musikkorps. Die Offiziere 
besteigen wieder ihre Störche, die haarknapp über den 
Baumwipfeln des Seineufers in den Himmel hineinrauschen. 
Unsre Gäste aus den Wolken werden als Augenzeugen die frohe 
Kunde von dem herrlichen Tag unsres Siegesmarsches durch 
Paris dem Führer ins Hauptquartier überbringen. 



266 



Rückblick auf einen gescliiclitliclien Tag 

So wurde Frankreichs Hauptstadt besetzt 

Paris in vier Besetzungsabsclinitte eingeteilt 
Um 13 Uhr 

Vollzugsmeldung des Kommandeurs der Panzer Jägereinheiten 
Es ging alles glatt und rasch vor sich 
Besuch des Botschafters Bullit beim Stadtkommandanten 
Es gab weder einen Kommuneaufstand noch ein Interregnum 

Paris, 15. Juni, 18 Ulir. 

Heute erst finden wir Zeit, eingehender darzustellen, wie sich 
der Einmarsch in Paris vollzogen hat. 

Nach unsrem ultimativen Funkspruch an die französischen 
Kommandostellen, Paris zu räumen oder zu gewärtigen, daß die 
Stadt mit Gewalt genommen wird, traf eine halbe Stunde später in 
der Nacht vom 13. zum 14. Juni die Nachricht ein, daß ein 
Bevollmächtigter der französischen Truppen abgesandt worden 
sei. Die Stadt sollte vom Feind geräumt werden, Paris wurde zur 
offenen Stadt erklärt. Damit ergab sich sogleich für die Armee, die 
Paris bedrängte, die Aufgabe, die Stadt ehest zu besetzen. Eine 
der beiden Divisionen, die von Norden und Nordosten her Paris 
bedrängten, sollte am 14. Juni durch Paris marschieren, die 
andere Division die Besetzung durchführen. 

Der endgültige Befehl, Paris zu besetzen, erreichte diese am 14. 
Juni nach Mitternacht zu einer Zeit, als die Truppen noch in 
heftigem Kampf mit dem Gegner am Kanal de l'Ourcq lagen. 
Noch in den ersten Morgenstunden ist es nicht ganz sicher, ob 
der Feind Paris wirklich geräumt hat. „Für den Fall, daß der Feind 
am Kanal de l'Ourcq noch Widerstand leisten sollte", so lautet der 
Korpsbefehl, „greift die Division über den Kanal de l'Ourcq und die 
Marne an." 

Bei Tagesanbruch stellen indes unsre Spähtrupps fest, daß der 
Feind seine Stellungen im Osten von Paris verlassen hat. Die 
kämpfende Truppe wird abgelöst durch eine Nachbardivision und 
schwenkt nach Westen, Richtung Paris, Zentrum. Um 7.30 Uhr 
stehen wir mit dem Divisionskommandeur, Generalmajor v. 
Studnitz, an der Kanalbrücke in Sevran, um 9 Uhr in Bondy. 
Befehlsausgabe erfolgt mündlich. Vier motorisierte Abteilungen 



267 



werden aus allen verfügbaren Panzerjägereinheiten gebildet. Sie 
haben sofort, also ab 7.30 Uhr, die vier durch den 
Besetzungsplan abgegrenzten Teile der Stadt in Besitz zu 
nehmen! In erster Linie die lebenswichtigen Betriebe, dann 
öffentliche Gebäude, Kasernen, Brücken, Rundfunkanlagen usw. 
Widerstand ist gegebenenfalls zu brechen! 

Blitzartig vollzieht sich der Vorgang der Besetzung. Zur selben 
Zeit, als der Divisionskommandeur über die Avenue Aristide 
Briand, den Boulevard de Strasbourg, die Rue de la Republique 
und die Rue de Rivoli zum Place de la Concorde fährt, haben die 
Panzerjägereinheiten ihre befohlenen Besetzungsabschnitte ohne 
Zwischenfall erreicht. Als erstes wurde die lle de Paris, die Seine- 
Insel, mit ihren wichtigen Staatsgebäuden in Besitz genommen. 
Dann folgten die Rundfunksender, der Eiffelturm, der 
Invalidendom, das Regierungsviertel, die deutsche Botschaft, die 
Polizeipräfektur, die Ministerien, Kasernen und Brücken. 

Inzwischen hat bereits der Siegesmarsch unsrer Truppen durch 
Paris begonnen. Um 13 Uhr hörten wir am Platz de la Concorde 
den Kommandeur der Besetzungstruppen, Major Oehmichen, 
dem Stadtkommandanten von Paris den glatten Vollzug der 
Besetzung melden. 

Um 14 Uhr wird die Reichskriegsflagge auf dem Hotel „Grillon" 
gehißt, jenem repräsentativen Hotel am Platz de la Concorde, in 
dem einst Wilson wohnte, wie eine Gedenktafel meldet. Der 
Präfekt des Departements Seine et Oise und der Polizeipräfekt 
melden sich beim Stadtkommandanten Generalmajor v. Studnitz. 
Bald darauf setzt ein Andrang zahlreicher Privatpersonen und 
französischer Amtsstellen ein — es ist die nicht zu leichte 
Aufgabe der Kommandantur, das Dringliche dieser Anliegen vom 
Unwesentlichen zu unterscheiden. 

Als bedeutsamen Besuch verzeichnen wir die Vorsprache des 
amerikanischen Marine- und des Militärattaches beim 
Stadtkommandanten. Beide haben übrigens der Parade um 17 
Uhr beigewohnt. 

Zahlreiche Auslandsjournalisten neutraler oder befreundeter 
Staaten bitten, ihren Blättern Telegramme senden zu dürfen. Eine 
der ersten Handlungen des Nachmittags ist die Bildung eines 
„Kommandostabes Militärbefehlshaber Paris", der die 
Entwaffnung der Pariser Polizei einleitet, der nur die 
Handfeuerwaffen verbleiben. Der Polizeipräfekt hat im übrigen 



268 



Vorbeimarsch auf dem Platz de la 
Concorde. ,fleil. Schätzen!" ruft 
der General seinen Männern zu. 
fjtieilf Herr Generali" hallt es wie 
ein Donnerschlag zuräek 



In schnurgerader Reihe kommt eine 
Radfahrereinheit den Platz hermf 
(Seite 265) 



EK'-VerUihang auf denkwär' 
diger Stätte (Seite 271) 




Seltsame Gäste aus den Wolken! 
Zwei Fieseler-Störclic landen 
am 14. Juni auf dem Platz de 
la Concorde 



Perspektivisches Erlebnis 
in Orlians: ,fFluchtUnien*^ 
(Seite 276) 



den deutschen Truppen an die 300 französische Gefangene 
übergeben. 500 versprengte Soldaten sind insgesamt im Laufe 
des 14. Juni in Paris gefangengenommen worden. 

Um 16.30 Uhr besucht der Militärbefehlshaber und 
Stadtkommandant von Paris, Generalmajor v. Studnitz, den 
amerikanischen Botschafter Bullit, der den Besuch heute, den 15. 
Juni, um 10 Uhr vormittags im „Grillon" erwidert. Als Doyen des 
Diplomatischen Korps bittet er um Bewegungsfreiheit der 
Diplomaten, was ihm zugesagt wird. 

In später Abendstunde des 14. Juni erscheint der 
Militärgouverneur von Paris, Korpsgeneral Dentz, beim 
Stadtkommandanten. Es werden Fragen der Übergabe der Stadt 
geklärt. Dentz wird für etwaige Sabotageakte — es sind nach 
dem Einmarsch in Paris Öltanks in Brand gesetzt worden — 
verantwortlich gemacht. 

Eine nicht ganz unwichtige Kleinigkeit des ereignisreichen Tages 
der Besetzung: Das mit Sandsäcken geschützte Grab Napoleons 
im Dom des Invalides wird von unsren Panzerjägern wieder 
freigelegt. 

Und wie hat sich der Pariser Bürger verhalten? 

Scheu und teilweise verängstigt, aber doch zu neugierig, um 
insgesamt in den Häusern zu verbleiben, sahen sie dem 
Einmarsch zu. Als sie merkten, daß ihnen nichts geschah und die 
Deutschen nicht die angekündigten Halsabschneider waren, 
schlug ihre Bedrückung in überraschtes Aufatmen um. In der 
Vorstadt begegneten wir zuweilen auch der Fassungslosigkeit. 
Einige wenige hielten uns für Engländer und jubelten den 
einziehenden Panzerjägern zu. Zum anderen Teil rissen die 
Zuschauer aus, verbargen sich hinter der Haustüre und kamen 
erst wieder hervor, als sie merkten, daß wir nichts von ihnen und 
gegen sie wollten. Da gab es frohlockende Gruppen am 
Straßenrand, zumal in der Vorstadt, die riefen: „La guerre est 
finie!" Andere wieder standen wie gelähmt bei unsrem 
Erscheinen. Wir haben auch erlebt, daß sich bei einem kleinen 
Halt in der Stadt der Kolonne einer Panzerjägerkompanie die 
Menschen wie die Trauben anhängten, die Wagen bedrängend! 

Ja, so seltsam, so widersprüchlich wurde unser Einmarsch von 
den Parisern aufgenommen! Aber über alles ging das große 
Aufatmen aller über die Tatsache: Für Paris ist der Krieg beendet. 



269 



Paris wird kein Trümmeriiaufen — in Paris wird es kein Massaker 
geben. 

Es ist in Paris zu keinem Interregnum gekommen, zu keinem 
Aufstand der Kommune wie 1871. Niclit ein Sciiuß ist gefallen, 
unversehrt ist das Wohl von Stadt und Bürgern, die sich zumeist 
mit erstaunlicher Fassung in ihr Geschick fügen. Von der ersten 
Stunde an hat die Militärbehörde die Zügel des Stadtregimes 
sicher in die Hand genommen, die Fühlung mit den in Paris 
verbliebenen Instanzen war sogleich zum Vorteile aller 
hergestellt. Zur Diplomatie und zu den Vertretern der auswärtigen 
neutralen Presse waren rasch Brücken gebaut. 

Zum ersten Male in der Geschichte vollzogen deutsche Truppen 
die totale und praktische Besetzung von Paris. Sie verlief nicht 
zuletzt infolge des ritterlichen Auftretens und der Disziplin der 
deutschen Truppen und ihrer Führung nicht nur ohne 
Zwischenfall, sondern geradezu in einer Atmosphäre der 
Entspannung. 



270 



„Vortreten zur Auszeichnung!" 

150 Eiserne Kreuze am Platz de la Concorde in Paris 

Die Tapferkeit deutsclier Soldaten wird gefeiert im Zentrum von Paris 
Besonders verdientes Infanterie-Regiment empfängt Anerkennung und 
Auszeichnung / Begegnung zweier Revolutionen 

Paris, 16. Juni, 13 Uhr. 

150 deutsche Soldaten, Offiziere und IViannsciiaften, haben 
heute mittag in Paris die schönste deutsche Kriegsauszeichnung, 
das Eiserne Kreuz I. oder II. Klasse, aus der Hand ihres 
Divisionskommandeurs erhalten. Die Verleihung des Eisernen 
Kreuzes, im deutschen Freiheitskampf gegen das napoleonische 
Frankreich 1813 gestiftet, hat durch diesen feierlichen Akt am 
Place de la Concorde ihre besondere Weihe erhalten; hier sprach 
sich der Sinn, der diesem schlichten schönen Zeichen für 
Bewährung vor dem Feinde zugrunde liegt, ergreifend aus: In 
dem EK., das heute 150 deutschen Soldaten an die Brust 
geheftet worden ist, versinnbildlicht sich der Dank des Führers 
und seiner Nation an den todesmutigen Soldaten im 
großdeutschen Freiheitskampf gegen England und gegen eben 
jenes Frankreich, das in zahllosen Angriffskriegen durch die 
Jahrhunderte die Grenze des Reiches bestürmt hat. 

Das Eiserne Kreuz erhalten unsre Tapferen im Anblick des Are 
de Triomphe! Großartiger, bedeutungsvoller könnte der Umgrund 
für den feierlichen Akt der soldatischen Ehrung eines 
kämpf bewährten Infanterieregimentes gar nicht sein, als ihn im 
Feindesland die Place de la Concorde gewährt, im Herzen von 
Paris. Jahrhunderte französischer Geschichte reden zu uns aus 
Bauwerken und Denkmälern. Ludwig XV. hat den Grundriß des 
Platzes im Zeitalter des Absolutismus festgelegt, allein sein 
Denkmal wurde hinweggefegt vom Sturm der Revolte von 1789, 
die bluttriefende Guillotine trat an Stelle jenes Reiterstandbildes. 
Maria Antoinette ist damals mit 6.000 Pariser Bürgern und 
Adeligen durch das Schreckensregiment umgekommen. Den 
ursprünglichen Namen, Place de la Revolution, hat also diese 
Stätte reichlich verdient; später wurde sie besänftigend umgetauft 
auf Place de la Concorde. 



271 



Hier begegnen sich lieute zwei Revolutionen, ein Aufrulir mit 
verliängnisvollen Parolen und eine wahrhafte Revolution, die sich 
schlicht Bewegung nennt und fortzeugendes Leben ist, weil sie 
wie jedes aufsteigende Leben schöpferische Bewegung ist. Wir 
fühlen es, wie wir nun auch äußerlich die im Inneren schon lange 
von uns überwundene Revolte von 1789 ablösen; wir empfinden 
es stark und beglückend, wie diese nationalsozialistische 
Wehrmacht dasteht als die Front eines neuen Zeitalters, vor dem 
der Rest des Selbstbetruges „Freiheit, Gleichheit und 
Brüderlichkeit" versinkt, der ach so bald in der feisten, faulen 
Bürgerlichkeit geendet war. 

Gleichsam als die Vorhut eines neuen Jahrtausends steht heute 
der deutsche Soldat auf diesem Boden, der Geburtsstätte einer 
bürgerlichen Zeit, jenes Zwischenspiels europäischen Verfalles, 
über das nun der eiserne Vorhang fällt. 

Solche Gedanken steigen in uns auf, wenn wir uns umsehen auf 
der Weite dieses Prachtplatzes, dessen vollendete Harmonie zur 
Zeit lediglich gestört wird durch die Sandsäcke, mit denen die 
Pariser Behörden den Obelisken von Luxor umgeben haben und 
die Denkmäler ringsum, die die bedeutendsten Städte 
Frankreichs allegorisch darstellen. Es fehlt auch das Rauschen 
der Fontänen, der silbern emporzischende Strahl zu beiden 
Seiten des Obelisken. Es rauscht jetzt stählern statt dessen eine 
Kette unsrer Bomber in geringer Höhe über den Platz hin, als ob 
unsre Luftflotte die Erdtruppen grüßen wollte in dieser 
erhebenden Stunde. 

Über dem Marineministerium und dem Hotel „Grillon" weht die 
Hakenkreuzflagge, sie ist auch aufgezogen worden über der 
Deputiertenkammer. Der Eiffelturm, das technische Ereignis aus 
Großvaters Jugendtagen, überragt die reichbewegte Szenerie 
dieses Platzes, über den jetzt preußische Marschmusik 
schmettert. Der General kommt, um seine Männer zu ehren im 
Namen des Führers, grüßend schreitet er die Front ab. 

„Vortreten zur Auszeichnung!" hallt das Kommando über das 
Regiment hin, das im offenen Geviert Paradeaufstellung 
genommen hat. Wir sehen über die ernste feierliche Front der 
Stahlhelme hinweg auf den Triumphbogen Napoleons I., es lösen 
sich aus Reih und Glied die Männer, die sich an der Somme, Oise 
und beim Vorstoß auf Paris durch besondere Tapferkeit 
hervorgetan haben. Sie stehen nun in langer Reihe vor der Front. 



272 



■I 





^ 3 



* ftAiümiiiiiiiiihimiiiM 



Im brennenden Orleans. Mit Getöse 
bricht eine Hausfront zusammen . . . 
Die Jungfrau von OrUans schweigt 



Ruinenstraße in Orleans. Seltsames 
Spiel des Zufalls: „Renaissance — 
Wiedrrgchtirt^' steht auf einer von 
den I'lantmen verschonten Auf- 
schrift in der Nähe des Denkmals 

(Seite 276-282) 




Frankreichs Armee ist zerschlagen. In anabseh- 
baren Kolonnen fltUen die Gefangenen zurück 




Wir aber folgen ohne Rast und Ruh dem Gesetz 
der unablässigen Verfolgung des Feindes: Wir 
marschieren, kämpfen, marschieren . . v 




Auf dem Vormarsch nach 
Tours. Verhetzte Froaen, die 
falsche Vorstellung von deut 
scher Kanipffiihrung haben, 
kommen unserer Infanterie- 
spitze mit erhobenen Händen 
entgegen 



Zuvor hatten wir mit motori- 
sierten Nachhufen inDhuizon 
ein Geplänkel. Die Gefange- 
nen werden abgeführt 

(Seite 285) 



Es erfüllt uns mit Staunen, wie sehr der Divisionskommandeur 
um die einzelnen Männer, um die Leistungen der kleinsten 
Einheiten Bescheid weiß. Mit jedem Ausgezeichneten unterhält 
sich der General kurz. „Ja, diese Kompanie hat viel geleistet beim 
Panzerunternehmen Davesnescourt...", meint er, indem er einem 
Musketier die Hand drückt. Ein Gruppenführer ist an der Reihe. 
„Sie haben Ihre Gruppe immer stramm zusammengehalten und 
schneidig geführt, im Namen des Führers darf ich Ihnen diese 
Auszeichnung überreichen..." Ein Ordonnanzoffizier, ein Melder, 
ein Sanitätssoldat folgen, der seinen verwundeten Kameraden im 
schwersten Feuer beigesprungen war. „Ja, die 9. Kompanie hat 
allerhand durchgemacht, es gibt hier viele Auszeichnungen..." 

Das Regiment befand sich immer an der Spitze der Division, die 
an die 500 Kilometer marschiert ist und die bis nach Paris sich 
vorgekämpft hat über Fluß, Kanal und Barrikaden. „Sie sind als 
Schütze vorgeschlagen von Ihrem Kompaniechef? Wenn ein 
Schütze vorgeschlagen wird, dann hat er sich durch ganz 
besondere Leistungen hervorgetan", fährt der General in der 
herben, doch herzlichen soldatischen Zwiesprache mit seinen 
Männern fort, indem er die Auszeichnung überreicht. 

„Schwerverwundeten Oberleutnant aus dem Artilleriefeuer 
geholt!" antwortete ein anderer Schütze, dessen Augen jetzt 
angesichts des Ordens der Tapferkeit aufleuchten. 

„Und Sie — Sie haben schon im Weltkrieg das EK. II erhalten!" 

„Jawohl", antwortet der Stabsfeldwebel, „in der Tankschlacht von 
Cambrai 1918." Die Spange zum EK. II schmückt nun seinen 
grauen Rock. 

Unter dem Paradeschritt des abrückenden Regimentes hallt das 
Pflaster. Erhabenes, menschlich Ergreifendes, das Bewußtsein, 
einem geschichtlich einmaligen Ereignis beigewohnt zu haben, 
erfüllte diese eine Stunde, die wir unverlierbar mit uns nehmen 
werden als kostbares Erinnern. 



273 



Adieu, Paris! 



Auf der Fahrt nach Orleans, 17. Juni. 

Drei Tage Paris — drei Tage bis zum Rande gefüllt mit Erlebnis, 
wirbelnden Geschehnissen, vom weltpolitischen Ereignis bis 
hinab zur winzigen Anekdote, wie man sie als Neuling auf Schritt 
und Tritt erlebt gerade in der verwirrenden und wohl auch 
bestrickenden Atmosphäre dieser Stadt. Drei Tage nach 
wochenlanger Feldküchenverpflegung ein französisches Menü 
zelebriert mit schwerem Silberbesteck und goldgerändertem 
Porzellan, drei Nächte in wahren Himmelbetten geruht im Hotel 
„Grillon" und „Lotti", das Raffinement eines gekachelten 
Luxusbades genossen — kurzum, man war schon daran, den 
wochenalten Staub der Vormarschstraßen aus den Stiefelhosen 
zu verlieren und das Leben eines „besseren Herrn" zu beginnen. 

Da kommt gemach so was auf wie Großstadtüberdruß. Wir 
können es selbst nicht begreifen. „Was, du auch schon 
parismüde...? Höchste Zeit, daß wir wieder 'rauskommen." 

Jawohl, höchste Zeit, drei Tage, denkt nur, drei Tage sind wir 
auf einem Fleck geblieben, 'raus — 'raus! Wir haben 
richtiggehendes Heimweh nach der Kampftruppe, die uns weit 
vorausgeeilt ist. 

Eine alte Fee von Zimmermädchen, zur Stunde allbeflissener 
Hausgeist im Hotel „Lotti", braut uns in mütterlicher Aufwallung 
Morgenkaffee, gießt uns noch aus freien Stücken einen 
Kuhschluck Kognak in die geleerten Kaffeetassen mit der 
Beteuerung, was wir doch für nette Kerle wären, schluchzt, den 
Schürzenzipfel im Augenwinkel, zwischendurch „Ma pauvre 
France — ma pauvre France..." 

Ein Pfiff der Signalpfeife: „Aufsitzen!" 

Adieu, Paris... 



274 



Im brennenden Orleans 



Das Schweigen der Jungfrau Johanna... 

Feindkolonnen suchten Zuflucht in Orleans — aber unsre Truppen 

waren schon zur Stelle 
Was Kriegshetzer Bullit von dem Mädchen Johanna erflehte 

Orleans, 17. Juni, 22 Uhr. 

Es gab heute morgen während unsrer Fahrt, dem fliehenden 
Feinde nach, einen huschenden Augenblick auf der Landstraße 
Paris — Orleans, der uns mit der geheimnisvollen Macht eines 
Symbols angerührt hat. Irgendwo zweigte nach rechts eine 
Straße ab, der Wegweiser zeigte „Versailles 25 Kilometer". Die 
Buchstaben leuchten aus der blauen Tafel heraus, sie 
überblendete eine müde und zerschlagen die Chaussee 
heraufkommende Kolonne französischer Gefangener und den 
armseligen Strom der Flüchtlinge, die Paris zustrebten. Wir 
wußten am Morgen noch nicht, worin der Tag münden würde, 
allein das eine besagte uns dieses erregende flüchtige Bild an der 
Wegkreuzung: Frankreichs Armee ist am Ende. Die 
Waffenstreckung kann nur mehr eine Frage von Tagen sein. Was 
uns in diesem Glauben bestärkte, war eben die Marschsäule 
unsrer Kampftruppen, die heute so wie vor fünf Wochen mit 
ungebrochenem Siegeswillen nach vorwärts drängte. Man muß in 
das Gesicht des deutschen Soldaten gesehen haben, in dieses 
von den Strapazen kantig gewordene und mit Schweiß und Staub 
verschmierte Gesicht, in dem nur ein helles Augenpaar blinkt — 
und man weiß, daß nicht ein aus dem Himmel fallendes 
Kriegsglück, sondern glühender Kampfgeist unsre Fahnen immer 
wieder nach vorne reißt. 

Versailles liegt also hinter uns, unsre Marschstraße hat daran 
vorbeigeführt, die Siegesstraße der Revolutionsarmeen Adolf 
Hitlers, damit aber hat der Schicksalsweg unsres ganzen Volkes 
Versailles für immer überholt — räumlich und geistig. 

Versailles liegt uns im Rücken. 

Es geht auf Orleans zu, wir wollen dem Feind auf den Fersen 
bleiben. Auf viele Kilometer hinaus zeigt die Landstraße nicht die 
geringste Spur vom Feind, nur die Reihe der Flüchtlinge will in 
keinem Augenblick abreißen. In atemloser Eile, ohne auch nur 

275 



mehr den Versuch des Widerstandes zu machen, ist hier der 
Feind ausgerissen. Später treffen wir auf die Dörfer, in denen es 
gestern noch Rückzugsgefechte gegeben hat. 

Die Einfahrt nach Orleans steht im Zeichen einer chaotischen 
Auflösung der feindlichen Streitmacht. Die verlassene Gasse ist 
weithin gesäumt von Stahlhelmen, Gasmasken und achtlos 
hingeworfenen Gewehren. Ein Spalier der Verzweiflung entlang 
des Rinnsales. Manche Häuser tragen Schußnarben, es ist heut 
nachts hier noch heftig gekämpft worden. Wir fahren entlang der 
Pionierkolonne einer ostmärkischen Einheit, die seit der Somme 
unablässig dem Feind auf den Fersen ist. 

Zusammen mit einer Einheit aus Landau ist sie auf Orleans 
vorgestoßen, eine motorisierte Vorausabteilung ist gestern 
nachmittags um 15 Uhr bereits in Orleans eingerückt — 
mittenhinein in die abziehenden Franzosen, die starr vor 
Schrecken die Waffen weggeworfen haben. 1.000 Gefangene 
finden wir in Orleans vor. Sie kamen zum Teil selbst zu unsren 
Posten. Ihr Kampfwille war bereits so gelähmt, daß das Aufzeigen 
einer weißen Flagge durch unsre motorisierten Spitzengruppen 
genügte, um die abrückenden Streitkräfte zur Waffenniederlegung 
zu bewegen. 

Nachts kam es in Orleans noch zu heftigen Straßenkämpfen. 
Wir sehen auf der Rue de Paris die zerschossenen französischen 
Schlepper, die die Feldgeschütze retten sollten. Unsre Truppen 
waren früher hier als Orleans zustrebende Feindkolonnen auf 
ihrer Flucht — sie ahnten nicht, daß unsre Pak bereits hier die 
Straßen sicherte, und rannten in ihr Verderben hinein. Über 
Orleans ist zwar schon eine Spitze Richtung Tours vorgeprescht; 
in Orleans aber fallen nachmittags noch Schüsse. 

Unversehrt ragt die herrliche Kathedrale von Orleans. Dicht 
dabei ist ein Stadtviertel in Schutt gefallen. In die Fluchtlinie einer 
noch brennenden Straße schneidet der Umriß des Denkmals der 
Jeanne d'Arc. Wir können uns denken, was sich wohl in dem 
Bürger der Stadt, der verstört über den Platz geht, beim Anblick 
dieses Denkmals, des sogenannten „größten Wunders 
Frankreichs", seelisch ereignet. 

Er denkt — wo bleibt das Wunder diesmal? 

„Sainte Jeanne garde la France et la mene a la victoire", hat erst 
kürzlich der USA.-Botschafter in Paris, der Kriegshetzer Bullit, 
erklärt, als er dem Geburtsort der Johanna, Domremy, im Namen 



276 




Sieger und Besiegter — zwei Gesichter 



t 




seines Staates ein Standbild des Wundermädcliens zum 
Gesciienk maclite. 

„Von einem Ende der Welt bis zum anderen bittet jeder 
zivilisierte Mensch", führte er in seiner „Weihe"-Rede aus, „für den 
Sieg Frankreichs... Die geistigen Kräfte der Welt werden über die 
satanischen siegen... Heilige Johanna, Frankreich ist der Garten 
deiner Tugenden geworden... Behüte Frankreich! Und, im Dienste 
Gottes und der Menschheit, führ es zum Siege!" 

Die Tageszeitung „Excelsior", Paris, 10. Juni 1940, verrät uns 
den frommen Wunsch jenes Diplomaten. Wir stehen nun ganz 
allein auf dem Platz vor dem Denkmal der ewig 
bewunderungswürdigen sogenannten „Ketzerin", lesen die 
goldenen Lettern. Was würde, denken wir, die diplomatisch 
beschworene Johanna zu jener Rede sagen, was würde sie 
insbesondere von dem gleißenden Rednerworte halten, wonach 
Frankreich 1940 der Garten ihrer Tugenden ist? 

Armes Mädchen Johanna — wohin weist du jetzt auf deinem 
Streitroß mit der Spitze des Schwertes, das dir einst Sir Baudricot 
verliehen hat? 

Doch wohl gegen dein eigenes Volk, das sich mit deinem 
einstigen Feind, dem unermüdlichen britischen Räuber, 
verbündete, um einen Krieg vom Zaune zu brechen... Nun, fleht 
man, sollst du dich wieder mit deinem unsichtbaren Gott 
verbünden, der dir Macht über die Seelen gab und aus deinem 
reinen Gemüte zu dir redete, nun sollst du ein neues Wunder 
wirken. Du aber, Heilige, kennst den „Garten deiner Tugenden" — 
der angeblich dieses Frankreich sein soll, und wirst dich 
besinnen, eh' du Hilfe gibst den Gärtnern jenes „Tugendgartens", 
die das Frankreich deines heldisch reinen Wesens haben in 
Mißwachs verkommen lassen. 

Haubitzendonner rollt wie ein aufziehendes Gewitter durch den 
schwülen grauen Nachmittag. Ein schwacher Luftzug weht uns 
die Hitze des nahen Brandes ins Gesicht. Mit Getöse bricht eine 
Hausfront zusammen, eine Wand aus Staub, Rauch und 
Flammen steigt hinter dem Monument aus Bronze hoch. 

Die Jungfrau von Orleans schweigt. Frankreich aber wartet 
vergebens auf ihr zweites Wunder. 



277 



Aus dem Leben eines Volksverräters 

Starhembergs private Aktenmappe erbeutet 

Sie fällt einer ostmärkischen Division auf dem Vormarsch in die Hände 

Infolge Panik blieb in Etampes beim Architekten Roland Bobot die 
Mappe zurück /Abgründige moralische Verkommenheit des „Lieutnants" 
der französischen Luftwaffe Starhemberg / Briefwechsel Starhembergs 
mit Daladier / Entwurf eines neuen Versailler Diktates 

Etampes, 18. Juni. 

Eine ostmärkische Division, die am 17. Juni über Orleans 
vorgestoßen ist, kam bei ihrem Siegesmarsch vorbei an der Stadt 
Etampes, die, wie sich nunmehr herausstellt, für einige Zeit den 
Volks- und Landesverräter Ernst Rüdiger Starhemberg 
beherbergt hat. Ohne davon auch nur etwas zu ahnen, hat der 
Führer einer Betriebsstoffkolonne, Hauptmann d. R. G., sein 
Nachtquartier bezogen in der Wohnung eines geflüchteten 
Architekten namens Roland Bobot. Es fiel dem Offizier bei der 
Durchsuchung der verdächtigen Wohnung neben zahlreichem, 
die Tätigkeit der Emigranten aus Deutschland belastendem 
Material auch eine Aktenmappe in die Hände, die angefüllt ist mit 
privaten Schriftstücken Starhembergs. Zufall oder Fügung, wie 
man's nun nehmen will, hat gerade einem ostmärkischen Offizier 
jene Schriftstücke in die Hände gespielt, die uns Einblick geben in 
die Verkommenheit eines Volksverräters größten Stiles, der 
seinerzeit unsagbares Unglück über seine Heimat gebracht hat. 
Unbarmherzig vollzieht die Gerechtigkeit ihren Urteilsspruch über 
den Verräter, dem sie, wie wir sehen, keine Stunde der Rast mehr 
gönnt, bis zu seiner Vernichtung. Vielleicht treiben gerade diese 
ostmärkischen Truppen den „Lieutenant" der französischen 
Luftwaffe vor sich her, über dessen soldatische Qualitäten bei den 
ostmärkischen Soldaten die entsprechenden Anschauungen 
herrschen. 

Es muß schon eine panikartige Flucht gewesen sein, die 
Starhemberg und seinen Treuhänder, den französischen 
Architekten, aus Etampes hinausgetrieben hat, da sie so heikles 
Material uns haben zurücklassen müssen. Wir blättern nur flüchtig 
die Schriftstücke durch. Ein Grauen überkommt uns beim Anblick 
der moralischen Fäulnis eines Verräters, der Karriere nach unten 



278 



genommen hat. Wir finden den Sciiriftverkeiir mit den übelsten 
Emigranten, eine Masse Protektionsscii reiben Starliembergs für 
seine politisciien Freunde, die ilinen den Weg in Paris ebnen 
sollten. Wir finden, nicht gerade zu unsrer Überraschung, 
zahlreiche Rechnungen von Pariser Schneidern und 
Amüsierhotels. Unbeglichene Rechnungen — das sind ja schon 
in der seligen Wiener Heimwehrzeit die granitenen Bausteine für 
das Starhembergsche Mitteleuropa gewesen. Denkschriften und 
gewaltige politische Programme gibt es in der Mappe in Fülle. 

Ein ganz delikates Ding sind Starhembergs Briefe an Daladier, 
worin Starhemberg nach Beteuerung seines „glühenden 
Patriotismus" bekennt: „Wir würden glücklich sein, unsre Kräfte im 
Kampfe gegen Hitlerdeutschland einsetzen zu können..." (Brief an 
Daladier vom 20. Dezember 1939.) Er legt darin Daladier auch 
seine Absicht dar, eine „österreichische Legion" zu gründen. Herr 
Daladier hat daraufhin sehr hoffnungsvoll geantwortet, wie der in 
Abschrift vorliegende Brief bezeugt. 

Starhemberg fand in Paris kein ihn sehr erfreuendes Milieu vor. 
In einer umfassenden Denkschrift kommt seine Mißstimmung 
über die Zerfahrenheit im österreichischen Emigrantenlager zum 
Ausdruck. Warum das, fragen wir, denen noch die Beteuerungen 
des „Fürsten" im Ohr klingen, wie einträchtig sich doch das 
„österreichische Volk" in der „Vaterländischen Front" 
zusammengefunden habe. Nun mußte er also die feinste Essenz 
dieser „VF." in Paris kennenlernen. Er selbst wird irre an den 
politischen Irrlichtern, die er und seine klerikalen Kombattanten in 
den Jahren 1930 — 1938 entzündet haben. Starhemberg klagt 
über „recht zweifelhafte Elemente"; außer mit Zernatto und 
Stockinger, mit denen ihn „engste Zusammenarbeit verbindet", 
befindet er sich in Widerspruch mit allen anderen Gruppen. Da 
sind die roten Propheten, die Juden Ellenbogen und Dr. Julius 
Deutsch, mit denen er zu einem Einvernehmen gelangen möchte. 
Starhemberg läßt sich von dem Juden Deutsch bescheinigen, 
daß er, Starhemberg, an dem Aufstand vom 12. Februar 
unschuldig sei, daß er kein „Arbeitermörder" sei. Es ist, als ob ihn 
doch ein Rest von Gewissen plage, welches nun der gefällige 
chancewitternde Jude Deutsch auf Wunsch beschwichtigt... 

Allein „mit dem Duc le Bar sind die Beziehungen stark getrübt", 
gesteht er über sein Verhältnis zu dem Knaben Otto von 
Habsburg, der sich neuerdings Duc le Bar nennt. Was Duc 



279 



betrifft, läßt es sich ja streiten, was den Begriff Bar und Otto 
Habsburg betrifft, sind wir alle einer Meinung. Pariser Bar-Politik 
mit Cocktailkonzeptionen, das macht denn auch den 
Hauptgegenstand der Starhembergschen Denkschriften aus. 

Da ist z. B. ein geflüchteter tschechischer Adeliger namens 
Wassitzky, der wohl auch einen politischen Salon in Paris 
aufgemacht hat. „Der Plan ist", schreibt Starhemberg, „in der 
Person des alten Wassitzky einen neuen Masaryk zu schaffen." 
Dann gibt es auch noch eine aus allen Tiegeln gesalbte Megäre 
des politisch parfümierten Pariser Salons, Madame Joanne, „die 
ehemalige Geliebte Herriots, über deren Unterbringung Herriot 
sehr angenehm berührt ist", so lesen wir in Starhembergs 
Denkschrift wörtlich. Madame Joanne hat ein Pöstchen erhalten 
bei der Desperadoclique um Starhemberg, sie wird für ihre 
Österreichpropaganda monatlich mit 3.000. — Francs bezahlt. Die 
zugehörige Madame Zuckerkandl „hat seinerzeit Dollfuß 
persönlich französische Sammelgelder überbracht", meldet das 
Starhembergsche Memorandum weiter. „Madame Zuckerkandl ist 
eine Schwester der Gattin Clemenceaus..." 

Die Kernfrage bleibt die Finanzierung dieses kläglichen 
Interessentenhaufens. Starhemberg erzählt, daß monatlich 
100.000 Francs nötig seien; England, das aus 
propagandistischtaktischen Gründen dem Gedanken einer 
„österreichischen Legion" skeptisch gegenüberstünde, würde nur 
eine einmalige 3.000-Pfund-Summe bewilligen, für den Rest 
müsse Frankreich aufkommen. „Baronin Zawisch", sagt 
Starhemberg weiter, „ist die einzige Arierin" in dem Komitee. 

Kurzum, was Starhemberg in der Seinestadt wiederfindet, ist der 
vielgepriesene „christliche Ständestaat", dargestellt durch seine 
prominentesten Vertreter. Er findet Systemösterreich wieder, so 
wie er es seinerzeit als politischer Kanzelredner propagiert hat. 
Ottos eigene Schöpfung, der „Conseil National Autrichien", der 
„österreichische Nationalrat" zu Paris, findet Starhembergs 
Zustimmung nicht, denn er verletzt die Eitelkeit des Ehrgeizlings 
Starhemberg zu sehr, da er nicht Präsident wird. Er tritt ihm bei, 
tritt jedoch bald wieder aus, denn der Duc le Bar will nichts von 
Stockinger und Zernatto wissen, die im Gerüche stehen, 
„faschistisch" zu denken. Starhemberg quält sich nun ein „Pariser 
Bekenntnis" ab auf die Art des sogenannten „Korneuburger 
Programms", damit das Brodeln im Emigrantenkessel aufhöre. 



280 



Allein, die große Lüge, 1933 in Österreich proklamiert, geht 
unbarmherzig an sich selbst zugrunde, ideenlose Grüppchen, von 
pathetisch auffrisierter Selbstsucht erfüllt, fressen einander selber 
auf voller Neid und Gehässigkeiten. Die böse Tat, die fortzeugend 
Böses muß gebären, erntet ihren Lohn. 
„Diese Zersplitterung", so muß nun Starhemberg bekennen, 
„findet ihren Niederschlag in einer Unsumme von Intrigen, 
Verleumdungen, gegenseitigen Anzeigen usw. Lauter Dinge, die 
aus den letzten Jahren der österreichischen Geschichte bekannt 
sind... Vor allem lehnen wir jede Berührung mit der in der Rue St. 
Augustin eingerichteten vereinsmäßigen Vertretung der 
österreichischen Emigration sehr energisch ab, denn dieser 
Laden besteht aus den allerübelsten Elementen, die man sich 
denken kann. Das ist ungefähr der augenblickliche Stand der 
Dinge..." 

„Ich bin der Meinung", fährt Starhemberg in der Denkschrift vom 
7. November 1939 fort, „daß man sich nicht gar zu sehr auf den 
österreichischen Standpunkt stellen soll. Es handelt sich nicht 
darum, Österreich wiederherzustellen. Es handelt sich um die 
Wiederaufrichtung eines wirtschaftlich und politisch lebensfähigen 
Donauraumes... denn noch einmal mit 600.000 Arbeitslosen und 
den ganzen übrigen Wirtschaftsproblemen unter österreichischer 
Flagge Politik zu machen, hat gar keinen Sinn, und da ist es fast 
gescheiter, man läßt Österreich bei Deutschland." 

Ach so! Die Einsicht ist dem Herrn „Fürsten" aber spät 
gekommen. „Ich selbst", schließt dieser seltsame Komödiant und 
politische Papagei, „wäre froh, mit der ganzen Politik nichts mehr 
zu tun zu haben." 

Ja, das glauben wir gerne. Die Flucht in die 
Verantwortungslosigkeit war immer die Patentlösung der 
Geschäftspolitiker — bis herauf zu Reynaud. 

Allein es gibt kein Entrinnen, Starhemberg wird, wenn er nicht 
unser Gefangener wird, der Gefangene seiner Blutschuld und 
seines Verrates werden. In welchen Abgrund, in welches Inferno 
innerer Zerrüttung hat sich der Mensch begeben, der schließlich 
beim Feind darum bittet, gegen sein eigenes Volk kämpfen zu 
dürfen. An einen Prof. Mark schreibt er am 14. Februar 1940: 
„Leider hat sich der Stand der österreichischen Angelegenheit 
nicht viel gebessert. Ich glaube, es ist verfrüht, in der Sache 
Entscheidungen zu erwarten." Der Plan mit der österreichischen 



281 



Legion in Frankreicli ist ansdieinend gesciieitert. Starliemberg 
wendet sicli von den Emigrantencliquen in Paris ab. „Icli liabe um 
Aufnalime in die französisciie Armee angesuclit und sciiätze 
micli glücklicli, daß mir dieser Wunscii erfüllt wurde und ich als 
Lieutenant in die französische Fliegerei übernommen worden bin. 
Ich halte dies für die würdigste und zweckmäßigste Form, unsren 
Idealen zu dienen." 

Dem Kommerzialrat Enrico Sochrowsky schreibt er nach Nizza 
im Frühjahr 1940: „... ich betrachte meine Einrückung gar nicht als 
Beendigung meines Lebenslaufes, vielmehr als Beginn eines 
neuen Abschnittes." 

Den Lebenslauf eines Verräters wollte Starhemberg der Welt in 
Buchform überreichen. Allein, es hat nur zum ersten Kapitel, das 
zugleich Einleitung ist, gereicht. Wie das vorgefundene Konzept 
zeigt, war es auf dreizehn Kapitel berechnet. 

Das erste Kapitel heißt: „Über mich selbst — Familie — Jugend." 

Das elfte Kapitel: „Wie bekämpft man Hitler und den 
Nationalsozialismus?" 

Das dreizehnte Kapitel: „Gedanken über das künftige Europa." 

Das war wohl eine böse 13, die Starhembergs „europäischen 
Patriotismus" bezifferte. 

Beflissen hat Starhemberg der französischen Regierung Offerte 
in der Branche gemacht, wie man Hitlerismus erfolgreich 
bekämpft. Er selbst bezeichnete sich als einen darin durch sechs 
Jahre bewährten Fachmann. „Ich kenne Adolf Hitler, ich kenne 
den Nationalsozialismus. Ich glaube zu wissen, wie man Adolf 
Hitler und den Nationalsozialismus mit Erfolg bekämpft." 

Mit Erfolg? Starhembergs sichtbarer Erfolg ist jedenfalls die 
Emigration nach Paris. Seinem Jahrmarktwundermittel fehlt also, 
meinen wir, doch die Beglaubigung. 

Mit nicht ganz gelösten Schwingen hat, scheint es, Starhemberg 
seine Lebensgeschichte zu schreiben begonnen. Denn am 
Schlüsse des ersten gequälten Kapitels flüchtet er zu dem 
entschuldigenden Satze: 

„Noch eins, ich bin kein Schriftsteller. Dies Buch ist das erste, 
das ich schreibe. Dies möge der Leser berücksichtigen." 
Entschuldigt, wir haben's ja gemerkt. 

Nun, zu guter Letzt erfahren wir aus der Aktenmappe des 
Fürsten Ernst Rüdiger Starhemberg noch, was uns beschieden 
gewesen wäre, wenn nicht wir zufällig an Etampes vorbei nach 



282 



Orleans marschiert wären, sondern etwa Herr Starhemberg mit 
seiner Emigrantenlegion in Berlin eingezogen wäre. Das 
Schriftstück, dessen Autor nicht völlig feststeht, das aber in Paris 
entstanden ist in ebendenselben Kreisen, die die berüchtigte 
Reynaudsche Landkarte des „neuen Europas" ausgearbeitet 
haben, legt die Grundlinien eines zweiten Versailler Diktates fest, 
das an Diabolik nicht mehr zu übertreffen ist. 

„Deutschland ist Preußen!" ist der oberste Grundsatz der 
Zerstückelungsstrategen. Weiter heißt es: „Denn diesmal wird die 
Rechnung restlos bezahlt, damit jeder Deutsche und andere 
Landsmann sich in Zukunft für Kind und Kindeskinder ein für 
allemal im klaren darüber ist, daß Krieganfangen eine kostspielige 
Sache ist." 

Der sogenannte „Friedensplan" aus der Aktenmappe 
Starhembergs, der sich, wie das Beutestück bezeugt, im Pariser 
Außen- und Innenministerium viel zu schaffen machte, stellt 
weiteres als Grundforderung eine hundertjährige totale Kontrolle 
„Preußen-Deutschlands" bzw. der deutschen Splitterstaaten in 
Aussicht. Daladiers und Reynauds Zynismus schwingen in 
diesem teuflischen Konzept, von dem wir nur das Wichtigste 
wiedergeben: 

Für die nächsten hundert Jahre ist eine 
Wiedergutmachungskommission über Restdeutschland 
einzusetzen, das von einem Reichsverweser verwaltet wird, den 
alle vier Jahre die Kommission der Alliierten einsetzt. Zwischen 
Oder und Elbe liegt das preußische, d. i. das deutsche 
Territorium. Ostpreußen fällt als „dürftige Wiedergutmachung" 
(wörtlich!) an Polen. Bayern und Österreich schließen sich zu 
einer katholischen Monarchie zusammen. Es würde u. a. ein 
Fürstbistum Rheinland geben, ein Fürstentum Sachsen, ein 
Fürstbistum Trier, gelenkt von Geistlichen, „die nachweisen 
können, daß sie hitlerfeindlich gewirkt haben". Selbstredend 
würden viele freie Städte gegründet werden wie Lübeck und 
Hamburg. 

Zum Schlüsse dieser sogenannten „Friedensakte" heißt es: 
„Außerdem haben in sämtlichen vorgenannten Ländern 
Eheschließungen von jetzt ab die Erbringung eines Nachweises 
gesundheitlicher wie kulturell einwandfreier Vergangenheit zur 
Voraussetzung, um der maßlosen Überbevölkerung von 
verbrecherischen Naturen (Umschreibung für die Deutschen des 



283 



Dritten Reiches! d. V.) auf Jalirliunderte liinaus endlicli Einlialt zu 
gebieten. Im übrigen darf jalirliundertelang keine Familie 
deutscher Zunge mehr als drei Kinder zur Welt bringen, um 
vorgenannte Völker nicht abermals den Gefahren und Folgen von 
unzähligen Arbeitslosen auszuliefern..." 

Hitler anhängende Deutsche — in dem Schriftstück ist nur von 
einer „Verbrecherg Ilde" die Rede — dürfen selbstredend keine 
Staatsämter übernehmen. Hundert Jahre wird eine 
Reparationskommission über der deutschen Industrie wachen, „... 
um endlich der deutschen Rasse zu ihrem eigenen Wohle ein für 
allemal Ruhe, Friedfertigkeit und Respekt vor kulturellen Werten 
beizubringen". 

Für die Dauer eines Jahrhunderts ist auf Todesstrafe zu 
erkennen, wenn ein Deutscher eine Waffe in seinem Besitz hat. 
Das deutsche Rüstungsmaterial müsse „bis auf die letzte 
Patronentasche an Polen und die Tschechoslowakei" abgeführt 
werden. 

So lautet der Kommentar zur Reynaudschen Karte vom neuen 
Europa, von dem auch „Lieutenant" Starhemberg vergebens 
träumte. Den Rest seines diabolischen Wolkentraumes wird dem 
Flieger-Lieutenant Starhemberg und seiner verruchten Clique 
wohl der Marschtritt der Ostmärker zerstören, die, an Orleans 
vorbeiziehend, die aufgenommene Fährte des Volksverräters 
Starhemberg verfolgen werden. Diesen Fall zu klären und zu 
lösen ist nun einmal ihr Vorrecht, das sich herleitet aus fünf 
Jahren erduldeter Knechtung. 



284 



In den fliehenden Feind hin- 
ein feuern unsere Batterien 
bei Tours, Ms*. . 




. . . ein Ordonnanzoffizier 

der Division dem Batterie- 
offizier den schriftlichen 
Befehl überbringt: Feuer 
einstellen ab 15 Uhr — 
Waffenstillstandsabordnung 

wird bei Tours erwartet! 
(Seite 289) 



\ 



7 



/ 4 




k3 



Intermezzo an der Vormarschstraße 



Die verspätete Salatschüssel zu Cheverny... 

Ort der Handlung: Kaff mit wunderschönem Chateauschloß Handelnde 

Personen: Drei Soldaten voll Kohldampf, die soupieren 
wollen, ein taktvoller Gastwirt, ein trommelnder Gemeindeausrufer, ein 
Friseur, der nicht zu finden ist, ein Schloßverwalter, der von Ludwig XIV. 
erzählt, ein kaltgewordenes Spargelgericht, eine welkende Salatschüssel 

und übriges Fußvolk 

Cheverny, 19. Juni, 23 Uhr. 

Bei Beaugency, südwestlich Orleans, haben wir gestern die 
Loire überschritten. Es liegt eine ruhige und erholsame Nacht 
hinter uns. Bei Morgengrauen marschieren wir weiter durch die 
duftenden Laubwälder über La Forte nach Dhuizon, wo wir mit 
motorisierten Nachhuten des weichenden Feindes ein Geplänkel 
haben. Wir machen ein Dutzend Gefangene, ganz neue 
Krafträder, deren Motor noch warm ist, werden unsre Beute. Wir 
verlieren einen guten Kameraden des Reiterspähtrupps, der eben 
am Dorfeingang gefallen ist. 

Über Neuvy rückt nun — es ist Mittag geworden — die 
Marschkolonne nach Bracieux vor. Feindliche 
Panzerkampfwagen beunruhigen unsren Marsch, der Gegner 
sucht Abstand zu gewinnen. An den sozusagen taufrischen 
Fährten der Raupenketten merken wir, wie nah sie uns sind. 

Pak voraus. 

Gegen Sonnenuntergang rücken wir in Cheverny ein. Es hat hier 
keinen Kampf mehr gegeben. Hier werden wir Alarmquartier 
beziehen. Es soll sich hier ein Chateau befinden, flüstert man. Tat 
es der blanke Boden heut nacht, so soll's diesmal wieder ein 
Himmelbett sein mit Brokat und Daunenkissen. Aber zuvor lüstet 
uns nach einem Souper, nach Salat, nach frischem Zeug. 

„Hallo, monsieur le patron", rufen wir in den Gasthof hinein, in 
dem es von verschüchterten Pariser Flüchtlingen wimmelt, „hallo, 
Herr Wirt, bereiten Sie ein erlesenes Abendessen für uns drei: 
Eine Menge grünen Salates, aber sparen Sie dabei etwa nicht 
das Öl, dann ein Rostbeef mit pommes frites und leckere 
Vorgerichte. Aber Tempo, Tempo, Herr Wirt, wir müssen weiter 



285 



und haben Hunger wie die Wölfe...!" — „Wie die Barbaren...!" 
sciierzt ein Kamerad bitterernst. 

Nacli einer lialben Stunde würde alles Gewünschte 
bereitstehen, erklärt der Patron beflissen. Eine halbe Stunde — 
na, das würde ja langen, die seit Anfang Mai unbeschnittenen 
Haare fachgemäß kürzen zu lassen. „Wo ist ein Friseur?" — „Die 
Straße da unten, erst rechts und dann links..." 

Wir machen uns auf die Suche. Wie schön ist's, einmal so ein 
Stündchen diesen bürgerlichen Verrichtungen leben zu können, 
wie Haare schneiden lassen, so ein bißchen promenieren, ah, 
einmal so richtig für sich Zeit haben — und war's auch nur eine 
Stunde. 

Die Pak sichert bereits den Platz, der Gemeindeausrufer rührt 
kräftig seine Trommel und verliest eine Kundmachung der 
Bürgermeisterei, wonach sich jeder Bürger loyal zu den eben 
eingerückten Truppen zu verhalten habe. 

Daradurn — daradaradum — daradadaradaradadum — rauscht 
der Trommelwirbel, und verängstigte Bürgerköpfe werden in den 
Fensterrahmen sichtbar. 

Hinter den Gartenmauern aber geht zu gleicher Zeit ein heftiges 
Gebelfer aus Karabinern los. 

Wo ist nur der Friseur? Kummervoll ragt das 
unvorschriftsmäßige Haupthaar über den vorschriftsmäßigen 
Kragenrand. Nicht zu finden der Bursche... 

Das Gewehrgeknatter kriecht über die Dächer immer näher. Wir 
schlendern mit unsrem unbekümmert trommelnden und 
ausrufenden Vorbild einer nervenlosen Amtsperson wieder zu 
unsrem Wirt hinauf. Da ist alles leer — keine Pak mehr da, kein 
Soldat zu sehen. Meine nächsten Kameraden verschwunden. 
Eine beklemmende Stille liegt jetzt über dem Marktplatz von 
Cheverny. 

Da stimmt etwas nicht. 

Ich überschreite die eine Straße in Gedanken an die 
Salatschüssel, die auf ihre drei Esser wartet — da, im Abstand 
von 300 Meter überquert eine voll bewaffnete feindliche Kompanie 
im Marsch-marsch-Tempo die Straße. 

O la la — I 

Jetzt wird's aber Zeit zu erfahren, wo die derzeitige Front 
verläuft. Jedenfalls, fürchte ich, liegt meine Salatschüssel jenseits 
unsrer augenblicklichen Hauptkampflinie. 



286 



Am Ortsrand treffe ich die anderen wieder. Der Appetit liat 
merklicli nacligelassen. Verstärkung rückt nacli. Wir warten bei 
dem wunderbaren alten Sciilosse Clieverny, das irgendeinem 
Comte mit unlieimlicliem Stammbaum geiiört. Ludwig XIV. hat, 
hören wir, hier schon seinen Sommersitz aufgeschlagen, dann 
wird es als einmaliges Nachtlager auch für uns gerade recht sein. 

Die historisch-romantischen Erläuterungen des 
Schloßverwalters vermögen für die Dauer die Sehnsucht nach der 
Salatschüssel nicht zu betäuben. 

Die nachgezogene Verstärkung hat inzwischen in Cheverny 
reinen Tisch gemacht. Das merken wir mit Wohlgefallen, als wir 
uns wieder an unsre Abendtafel, an unser bestelltes Souper 
heranpirschen. Wir haben uns um eine Stunde verspätet. 

Der Wirt, ein taktvoller Mann, läßt sich nichts anmerken, als er 
Spargel mit Schinken als Vorgericht aufträgt. Der Spargel ist 
allerdings etwas kalt geworden — infolge der Hitze des 
Gefechtes. 

Aber auch wir tun, als habe sich nichts ereignet, was verlohne, 
auch nur ein Wort zu verlieren. 

Nur der grüne Salat in der Schüssel läßt es uns vergrämt fühlen, 
daß in dieser Stunde der Verspätung Cheverny wieder 
französischer Besitz geworden war, aber schon wieder nicht mehr 
ist. Todtraurig ist er in sich zusammengesunken, er welkt und 
weint darüber, daß soeben eine französische Kompanie in 
Cheverny von unsren Truppen entwaffnet wurde, und er stöhnt, in 
die vom Patron sorgsam zubereitete Tunke zusammenfallend: 
„Nun ist alles Essig..." 



287 



Um 15 Uhr machen unsre Batterien Feuerpause 

Wir erwarten die französische Abordnung 

Was sich kein ostmärkischer „Illegaler" hat träumen lassen 
„Mir ham as z'legt wia a Kanarihäusl..." / Feuer einstellen! 
Atempause und froher Umtrunk vor dem Geschütz 

Thezee an der La Cher, 30 Kilometer ostwärts Tours, 

20. Juni, 16.30 Uhr. 

Seit den frühen Morgenstunden schieben sich die IVIarschsäulen 
unsrer Division nach vorn, nach Süden und Südwesten. Vor zwei 
Tagen wurde die Loire überschritten, und nun stoßen die 
Regimenter unablässig dem weichenden Feinde nach. 105 
Kilometer haben die ostmärkischen Regimenter, mit denen wir 
marschieren, zurückgelegt in zwei Tagen. 50 — 60 Kilometer, das 
ist die tägliche Marschleistung seit über einer Woche. Ein 
atemberaubender Krieg! Durch Städte und Dörfer sich 
durchkämpfen und sogleich wieder aufbrechen, Tag für Tag, um 
das weitgesteckte Ziel zu erreichen, ja es zuweilen zu überholen 
— das ist die grandiose, der Bewunderung würdige Leistung 
unsrer Fußtruppen. 

„Weit ist der Weg zurück ins Heimatland, so — weit — so — 
weit...", singen heute die Marschkolonnen, indem wir bei 
strahlendem Frühmorgenhimmel in Cheverny aufbrechen. Das 
Gefühl, im unaufhaltsamen Siegesmarsch den Feind vor uns 
herzutreiben, um ihm keine Möglichkeit mehr zu lassen, sich zur 
Verteidigung einzurichten, das Bewußtsein, unsre Fahne in den 
Süden Frankreichs hineinzutragen, in einigen Tagen vielleicht 
schon an dem Golf von Biskaya oder gar an dem spanischen 
Grenzgebirge zu stehen, das gibt den Marschierern diese 
unfaßliche Ausdauer und die unversiegliche Frohgemutheit, die 
sich im Liede Ausdruck schafft. Es klingt heute wie ein 
übermütiges Jauchzen aus dem Chor des Marschgesanges. Wer 
von diesen Wienern und Niederösterreichern, den „Illegalen" von 
ehedem, hätte es sich noch vor drei Jahren im Schlafe einfallen 
lassen, daß er das Glück haben würde, als Kämpfer Adolf Hitlers 
Paris 160 Kilometer hinter sich zu lassen? 

Wohl versucht der Feind noch, uns den Marschweg zu verlegen, 
allein er stellt sich nicht mehr auf freiem Felde; nur in den Dörfern 



288 



Compiegne, I3.I5Uhr: 
Der Führer ist da! Er 
schreitet die Front der 
Ehrenkompanien der 
drei WehrmachtsteUe 
ab und begibt sich zu 
dem einstigen Salon- 
wagen Forhs 

(Seite 291) 




Compiegne, 21. Juni, 1530 Uhr. 
Die jranzösische Abordnung ist 
eingetroffen 



Nach Entgegennahme der Waf- 
fenstiüstands-Bedmgungenbegibt \ 





Der Fuhrer verläßt Conipiegne und verabschiedet 
sich soeben von Großadmiral Dr. h, c, Raeder 



richten sich kleinere Gruppen auf Häuserkampf ein — es sind 
keine organisierten Verteidigungsgefechte, es sind wohl nur 
einige französische Offiziere, die noch ihre Grüppchen 
zusammenhalten. Das Gros aber ist in Auflösung und sucht nur 
den schleunigen, flüchtig gedeckten Rückzug, dessen stärkste 
Stütze die feindlichen Panzerkampfwagen sind. Unsere Pak muß 
denn auch den Tag über immer wieder an die Spitze rücken, um 
den Marsch durch die Dörfer zu sichern. Unsere Artillerie pfaucht 
dann und wann mit Flachbahn 15-cm-Granaten in die mit MG. 
verteidigten Hausgruppen — im Handumdrehen ist der Feind 
ausgeräuchert. „Mir ham as z'legt wia a Kanarihäusl", sagt nach 
einem Volltreffer ein Kanonier auf urweanerisch, um den 
artilleristischen Erfolg anzudeuten. 

Wie aus einem aufgefundenen Geheimbefehl hervorgeht, hat 
der Feind die Absicht, unter allen Umständen zu verhindern, daß 
unsre Truppen die großen Ausfallstraßen von Blois nach Süden 
und Südosten, besonders die Rue Nationale, erreichen, ehe eine 
motorisierte Division auf diesen Straßen Rückzug genommen 
hätte. 

Um 13.50 Uhr erreicht uns in dem Augenblick, da unsre Kolonne 
durch die Staubwolke einer Landstraße fährt, die Nachricht: „Ab 
15 Uhr Waffenruhe! Um 15 Uhr soll auf der Straße Tours— 
Poitiers eine französische Waffenstillstandsabordnung unsrer 
Führung entgegenkommen." Ein glückliches Lachen geht über die 
verstaubten Gesichter, und das sagt: Wir haben's geschafft. 

Wie es indes auch kommen mag, wir sind bereit, 
weiterzumarschieren. Infanterie wie immer — 

Eben ist ihm der schriftliche Befehl überbracht worden. Mit 
einem frohen Umtrunk wird der Augenblick der ersten Atempause 
begangen vor den siegreichen Geschützen. 

Das Ganze hat nun haltgemacht, der tapfere deutsche Soldat 
darf in dem Schatten der Bäume Schutz suchen vor dem 
glühenden Himmel und in den verdienten Schlaf der Tapferen 
sinken. 

Es ist ein abgründiger Schlaf, den der Donner einer Kanonade 
kaum würde stören können. 

Uns aber ruft ein dienstlicher Auftrag nach Paris zurück. 
Mitternachts müssen wir längstens im Vorort St. Cloud bei der 
Kompanie sein. 



289 



Ein neuer Stundenschlag der Weltgeschichte 

Das war der Tag von Compiegne 

Compiegne, 21. Juni, 19 Uhr. 

Es hat sich uns deutschen Soldaten, die wir heute im Walde von 
Compiegne Zeugen tiefbewegender Geschehnisse gewesen sind, 
schon am frühen Morgen, als noch die Nebel in den Wipfeln 
hingen, ein Bild eingeprägt für immer: Wir standen vor jenem 
Denkmal, das der Haß und die gallische Schmähsucht in dem 
Wald von Compiegne errichtet hat. Ein goldenes, 
lorbeerumranktes Schwert durchstößt den deutschen Adler, der 
mit gebrochenen Schwingen am Boden liegt und verkrampfte 
Klauen nach oben reckt. Darunter steht in goldnen Lettern etwas 
vom „Sieg des Rechts". Wir bedachten eben das kaum faßbare 
deutsche Wunder, das uns aus der Erniedrigung des 11. 
November 1918 den Weg hierher nach dem Compiegne des 21. 
Juni 1940 hat finden lassen. Da kommen deutsche Soldaten mit 
Flaggentuch herbei und umhüllen das Denkmal, das unser im 
Kampfe unbesiegtes Feldheer für alle Zeiten verunglimpfen sollte. 
Wir fühlten, wie mit diesem Akt einer der letzten Sätze des 
Schlußkapitels des Nachkriegsromans „Europa" geschrieben 
wurde. Den allerletzten hat nachmittags im Sinne des Führers 
Generaloberst von Keitel gesprochen. 

Die deutsche Reichskriegsflagge leuchtet nun über die breiten 
Parkwege hin, jenes Monument hat durch den Sinnbildakt der 
Verhüllung aufgehört dazusein. 

Ein anderes Denkmal, das eine Schmach verewigen sollte, 
haben wir an die Sonne gestellt. Jenen Salonwagen der 
internationalen Speise- und Schlafwagengesellschaft, in dem 
Foch den Verräter Erzberger empfangen hat, haben wir aus der 
grauen Museumshalle, die man über ihn gebaut hat im Walde von 
Compiegne, herausgehauen und hinausgeschoben auf den 
weiten Platz, wo er im November 1918 gestanden hat. Der 
Salonwagen No 2419 D kam wieder genau auf die historische 
Stelle zu stehen, wo die ersten Worte und Gesten der Mißachtung 
gefallen sind gegenüber dem überlisteten Deutschland. Der 
Name „Marschall Foch", den wir auf der Betonplatte lesen 
zwischen den Geleisen, steht, im Schatten des Salonwagens von 



290 



damals. Wenige Schritte davor die riesige Betonplatte, die künden 
sollte, daß „der verbrecherische Hochmut des Deutschen 
Reiches" hier besiegt worden ist von den „freien Völkern, welche 
Deutschland vernichten wollte". 

Ein paar Schritte weiter das zweite Geleisstück, auf dem einmal 
der Wagen stand, in dem die deutschen Unterhändler eintrafen. 
Zwei tote Geleisstücke also. Sie reden zu uns in dieser Stunde 
eine nicht zu überhörende Sprache der tieferen Bedeutung. Ein 
totes Geleise sollte doch alles sein, was nach dem 11. November 
1918 über uns verhängt wurde. Die verwegene Hoffnung der 
Scheinsieger von Compiegne war, unser Volk ins tote Geleise der 
Weltgeschichte einzubugsieren. Wir aber haben die freie Strecke 
wieder erreicht, und Compiegne mit dem darauffolgenden 
Versailles erwies sich als die Sackgasse der europäischen 
Geschichte. Zwei tote Schienenstränge reden zu uns also in 
Compiegne. Das ist die von unsren Feinden nicht 
vorhergesehene geschichtliche Ironie, die am Tag von 
Compiegne offenbar wurde. 

In jedem Deutschen von Ehre hat die Empörung gegen die 
Schmach von Compiegne als heiße Flamme gebrannt seit je, in 
einem schlug die Flamme hellodernd zur Fackel auf: im Führer. 
Er hat am Tag von Compiegne die sengende Glut der beleidigten 
Ehre in sich selbst gelöscht und er hat sie heute ausgelöscht in 
jedem Deutschen. Das und nur das gab diesem Tag die Feier, die 
erhabene und erhebende Weihe. Die Rastlosigkeit, die fiebernde 
Unruhe, die den deutschen Menschen befällt, der seine Ehre 
beleidigt sieht durch die Überheblichkeit anderer, ist mit dem Tag 
von Compiegne eingemündet in die glückliche Stille dessen, der 
sagen kann: Ich habe eine Schmach getilgt, die Rechnung, die 
mir mit eisernem Griffel das Ehrgefühl, das Tiefste in mir, 
vorschreibt, ist beglichen. 

Erfüllt von diesem Wissen um die Tilgung einer Unehre, mit der 
sich der Beleidiger selbst besudelte, sehen wir die Ereignisse des 
Nachmittags von Compiegne als sinnbildliche Akte von 
geschichtlicher Gewalt. Zunächst der Einzug Adolf Hitlers im 
Walde von Compiegne, das Abschreiten der Ehrenfront unter den 
Klängen des Präsentiermarsches. Wir sehen in ihm jetzt nicht den 
Führer seines Volkes, sondern den unbekannten Grenadier von 
damals, der das Grauen der Schlachten kennt und die Bitternis 
eines Verrats. Welche Weite, welches Wunder eines 



291 



Schicksalsweges bis lierauf zu diesem Augenblick! Den 
Flandernkämpfer, der vier Jahre in dem Stahlgewitter des 
Stellungskrieges gläubig ausgeharrt hat, den Meldegänger 
unzähliger Schlachten, den gasverwundeten Gefreiten Adolf 
Hitler, der im Lazarett zu Pasewalk am Tage des Niederbruches 
zum zweiten Male in seinem Leben bitterlich weinte — ihn, und 
mit ihm uns alle, hat die Vorsehung die Sühne dieses Tages von 
Compiegne erleben lassen. 

Der Wille zur Sühne, nicht Rachsucht, bestimmt auch den 
weiteren Ablauf des Sinnbildereignisses von Compiegne, die 
Bekanntgabe der Bedingungen an die französischen 
Unterhändler in dem Salonwagen des Generals Foch und die 
anschließenden Gespräche zwischen unsrem Generalstab und 
den Unterhändlern in dem notdürftigen Zelt unter den Bäumen 
des Waldes. In der gleichnisweisen Wiederherstellung eines 
historischen Vorganges — allerdings mit den zu unsren Gunsten 
veränderten Vorzeichen und mit Vermeidung jener bösartigen, 
unsren Unterhändlern damals widerfahrenen Demütigungen — 
vollzieht sich die Löschung der Schmach von Compiegne. 

Haben es wahrhafte Sieger, nicht Scheinsieger wie ehedem, 
nötig, den Triumph ihrer ehrlichen Waffen auch nur mit einem 
Schatten von Schikane zu belasten? 

Nein, tausendmal nein, unser Siegerglück ist zu groß, als daß 
wir mehr unternehmen, als was wir zwei Millionen Toten des 
Weltkriegs schuldig sind, deren stumme Heerscharen mit uns 
nach Compiegne gezogen sind... 

Der Tag von Compiegne war nicht die boshafte Allegorie, wie sie 
engherzige Sieger vollbracht haben in der Geschichte, indem sie 
blindlings Denkmäler stürzten, Bilder stürmten, Fahnen zerfetzten 
und in den Boden traten. Die Großmut Adolf Hitlers hat dem Tag 
eine Größe mitgeteilt, die den Besiegten nicht verletzen konnte 
und nicht demütigen, weil er wußte, was er uns schuldet. Der Tag 
von Compiegne lag jenseits aller Ranküne. Nicht gehässiger Wille 
bestimmte in der äußeren Aufmachung den Anklang an jenen 
Novembertag in Compiegne, sondern die Wucht eines 
geschichtlichen Symbols verlieh dem Akt in dem denkwürdigen 
Walde leuchtende Größe... 

Mit der Verhüllung eines Haßdenkmales und der Anerkennung 
des heroischen Kampfes, also der Ehre unsres Gegners, vor aller 
Welt aus der Großmut des Siegers heraus, wurde eine Dämonie 



292 



Europas zerschlagen. In Compiegne wurde der verderbliche 
Mythos der gallischen Großmannssucht — die den Rausch des 
„Gloire" suchte und den Genuß, aber nie die Tiefe des Lebens — 
zerbrochen in einem Gleichnisakt, wie ihn in ähnlicher Form das 
neue Deutschland schon öfter gesetzt hat. 

Er hat uns damals wie die Erfüllung eines mystischen Vertrages 
mit den Blutopfern unsrer Bewegung erfüllt, als aus dem 
Galgentod der Julikämpfer der Ostmark das Denkmal am 
Ballhausplatz gewachsen ist und aus Wollersdorf ein Mahnmal 
nationalsozialistischer Kampfgesinnung sich aufreckte. Aus Albert 
Leo Schlageters heldischem Herzen stieg das Denkmal der 
Golzheimer Heide empor. Der Tag von Compiegne aber ist das 
Ehren- und Sühnemal aller Deutschen, die seit Jahrhunderten 
Opfer westlicher Begehrlichkeit geworden sind. 

Ein neuer Stundenschlag der Weltuhr hallt hin über diesen Tag 
von Compiegne, er klingt nicht nach Rache, er klingt nach 
Gerechtigkeit... 



293 



Zwischen den zwei Unterscliriften 

Vormarsch Richtung Poitiers ohne Feindberührung 

Nur wenige Schüsse fallen mehr 
Glänzender Handstrelch einer Vorausabteilung 
Rückzugsbefehl der Franzosen: „80 Kilometerweit absetzen vom Feind!" 

Poitiers 732 — Poitiers 1940 

Chatellerault, auf dem Vormarsch nach Poitiers, 

23. Juni, 22.30 Uhr. 

Lieder vorbeitrabender Reiter klingen zum Fenster herein, als 
die Nacht über Chatellerault hereinbricht und der linde Regen auf 
die Gartensträucher melodisch niederrauscht in der kleinen Stadt, 
die an dem idyllischen Flüßchen liegt, das dem ganzen 
Departement den Namen gibt: De la Vienne. Ein lautes Getriebe 
gibt es da auf dem großen Platz, in den durch mehrere Straßen 
zugleich unsre motorisierten Kolonnen einmünden, die Infanterie 
einmarschiert und die Reiter traben. „ — daß wir gesieget haben, 
hurra, Viktoria!" Wie heiß strömt uns Melodie und Wort durch das 
Blut an diesem Tage, da der Feind sich anschickt, seine Waffen 
zu strecken. Wie seltsam bewegt uns diese Zeit zwischen den 
beiden Unterschriften, die eine gegeben in Compiegne, die 
andere ist vielleicht jetzt bei Rom unter das Dokument gesetzt 
worden. 

Vormarsch! bleibt unser Losungswort in diesen Stunden 
dazwischen. 

Auf Poitiers zu marschieren wir seit den ersten Morgenstunden, 
durch eine Landschaft, deren Anmut bereits Kennzeichen des 
Südens trägt. Strauch und Baum zeigen ein verändertes Gesicht. 
Daran merken wir auch, wie weit, wie weit die Heimat zurückliegt. 
Ein wildbewegter Wolkenhimmel baut sich über dem 
flachhügeligen Landstrich phantasievoll auf, ein verträumtes 
Chateau, das Jahrhunderte verschlafen hat, lugt hinter 
dunkelgrünen Waldkulissen hervor und lädt ein zum Mitträumen, 
zum Bleiben. 

Wir aber folgen ohne Rast und Ruh dem Gesetz der 
unablässigen Verfolgung des Feindes: Wir marschieren, kämpfen, 
marschieren. Doch wir haben immer noch das Auge, um uns vom 
Schönen ergreifen zu lassen, vielleicht gerade deshalb, weil wir 



294 



das Grauen so nah gesehen haben. Es konzertieren Wald und 
Feld und Fluß miteinander in bezaubernder Harmonie, daß Krieg 
darüberrollt, merkt kein unbefangener Blick. Bei dieser Schönheit 
müßten wohl die großen Landschaftsmaler Frankreichs zur 
Schule gegangen sein. Hier ist vielleicht auch das Wort geboren 
worden, das der patriotische Franzose mit leiser Verzückung vor 
sich hinlispelt oder mit erregendem Pathos in die politische 
Versammlung ruft: „La belle et douce France..." Wir wollen nicht 
den Versuch machen, es in unsre Sprache zu übersetzen. 

In dieser sanften Landschaft hat einst der Minnesang geblüht, 
als noch der nordisch-rassische Mensch die Herrschaft besaß — 
lange vor der Austreibung und Hinmordung der Hugenotten und 
dem Wahnsinn der Ketzerverfolgung, und hier bei Tours und 
Poitiers liegt die geschichtlich so bedeutungsvolle Stätte der 
kriegerischen Begegnung vom Jahre 732 zwischen Morgenland 
und Abendland. Hier rettete Karl Martell das Abendland vor der 
Überflutung durch die Mauren, die Araber. Das Furchtbare des 
Rasseverrates, begangen durch das demokratische Frankreich, 
wird uns gerade in diesem Landstrich so klar angesichts der 
geschichtlichen Stätte, heute kulturelles Ödland. Was einst vor 
dem Zugriff des Orients gerettet worden ist, wurde von dem 
Frankreich des Verfalles dem Orient wieder preisgegeben, von 
jenem Paris, das in der Rhetorik über „die Rettung Europas" 
schwelgte. 

In Chauvigny, ostwärts Poitiers, begegnen wir marokkanischen 
Landarbeitern. Vorwiegend Polen und Marokkaner bestellen hier 
die Äcker, Landflucht paart sich hier mit Kindermüdigkeit. 

Sterbendes Land... 

Mit einer Vorausabteilung sind wir bis hierher vorgedrungen, 
neugierig umdrängt uns die Bevölkerung der Stadt, vor allem die 
zahlreichen Flüchtlinge und die evakuierten Elsässer. Einer 
berichtet uns, daß drüben jenseits der Vienne-Brücke gerade 
noch feindliche Panzerkampfwagen gesehen worden wären und 
marokkanische Einheiten. 

Afrika am Pflug, Afrika am Schwert und Afrikas Blut in der 
französischen Familie. Das ist von Karl Martells epochalem Sieg 
übriggeblieben zwischen Tours und Poitiers. 

Verräterisches Land... 

Jeder deutsche Landser aber fühlt, indem er dies sieht, daß mit 
der Fahne, die er kämpfend voranträgt, ein neues und helleres 



295 



Europa Boden gewinnt. Eben dieses Sendungsbewußtsein 
entflammt den Welirmann Adolf Hitlers zu höchster Leistung und 
zu einer Tapferkeit, die ihresgleichen sucht. Denken wir nur an 
den gestrigen Kampftag, es war der letzte — heute fielen 
allerdings wie ein verklingendes Echo der Schlachten hinter uns 
noch wenige Schüsse zwischen unsren Spähtrupps und dem 
weichenden Feind vor Poitiers. 

Am 22. Juni war ein MG. -Bataillon als Vorausabteilung damit 
beauftragt worden, der marschierenden Division den 
Brückenübergang über die Indre zu sichern bei Chatillon. Im 
Zeichen des bevorstehenden Waffenstillstandes zunächst 
Parlamentärgespräche mit dem französischen 
Brückenkommandanten um 14 Uhr. Sie verlaufen ergebnislos. 
„Dann muß eben das Schicksal seinen Lauf nehmen", ist das 
letzte Wort unsres Sprechers. 

Es nahm seinen Lauf, und zwar so: Die Indre-Brücke bei Cyran 
wurde unversehrt genommen von der Einheit, in der sich 
Sachsen, Westfalen, Bayern, Saarpfälzer und Ostmärker 
zusammenfanden. Im Schutze der Dunkelheit schlich sich eine 
MG.- und eine Kradschützenkompanie durch die feindliche 
Postensperre. Nach dreistündigem Anschleichen lagen die 
Männer im Rücken der feindlichen Brückenbesatzung. Auftrag: 
„Nicht schießen, nur mit aufgepflanztem Seitengewehr vorgehen!" 
Das genügte denn auch, um den wie vom Schlage gerührten 
überrumpelten Feind in der Mondnacht zur Ergebung zu zwingen. 
„Haben wir uns nicht schon irgend einmal gesehen?" fragt der 
französische Brückenkommandant den Kompanieführer. 
„Allerdings, monsieur le capitaine, heute um 14 Uhr, jedoch unter 
anderen Umständen. Jetzt sind Sie mein Gefangener!" 

Zahlreiche Auszeichnungen, vom General auf der Stelle 
vorgenommen, belohnen das Bravourstück der Männer. 

Über das Vorgehen der ostmärkischen Pioniere bei einer der 
zahlreichen Brückenbauten im Feuer äußert sich der 
Kommandeur, ein Sachse: „Meine ostmärkischen Pioniere gingen 
auf der engen Dorfstraße, in der das Feuer entlangstrich, 
befehlsgemäß mit ihren Floßsäcken dem Fluß zu, ruhig und ohne 
zu zucken, wie beim Exerzieren." 

Heute gab es keine Feindberührung, abgesehen von einem 
Zusammenstoß eines unsrer Spähtrupps, mit dem weichenden 
Feind, der sich angeblich im „organisierten Rückzug nach 



296 



vorgesehenem Plan" befindet. In Wahrheit befindet sich der Feind 
in heller Auflösung, wie die ungezählten Gefangenen des Tages 
aussagen. Ein französischer Befehl ist uns in die Hände gefallen: 
„80 Kilometer sich von den deutschen Truppen absetzen!" Daher 
verläuft der heutige Vormarsch so ruhig. 

Morgen früh sind unsre Truppen in Poitiers, übermorgen 
vielleicht schon in Biarritz. Von Narvik bis zu den Pyrenäen wölbt 
sich dann der herrliche Bogen der deutschen Siege. 



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Im Flammenschein lodernder Holzstöße 

Nächtliche Feierstunde bei Beginn des 
Waffenstillstandes 

Begegnung mit Volksdeutschem Leid 
„Die Waffenruhe beginnt um 1.35 Uhr!" 
„Jeder von uns wird einmal beneidet werden!" 
Feuer der Sonnenwende — Blinkfeuer zu neuen Siegen 

Chatellerault, 25. Juni, nach Mitternacht. 

Wir gingen gerade entlang des Ufers der Vienne, lauschten der 
betörenden Märchenerzählerin, der blauen Stunde, die auch 
Dämmerung heißt, und dem Flüstern der mittelalterlichen Bauten, 
woran Chatellerault reich ist. Wir waren zu der prächtigen 
massiven Steinbrücke gekommen, die Heinrich IV. im 16. 
Jahrhundert erbaut hatte; darüber rollten unsre motorisierten 
Kolonnen dem Süden zu. Der Vorstoß der motorisierten Truppen 
bis hinab nach Bordeaux, vielleicht bis an die spanische Grenze, 
war für uns das Ereignis dieses Tages, an dem die 
Demarkationslinien zwischen dem besetzten und unbesetzten 
Frankreich abgesteckt wurden. Für uns aber ist der heutige Tag 
Rasttag — der heißverdiente Rasttag, nur unsre nimmermüde 
Sehnsucht begleitet die Marschkolonnen hinab bis an die 
Pyrenäen, bis hinüber zur atlantischen Küste. 

Die Friedsamkeit der elegischen Flußlandschaft am Ufer der 
Vienne nimmt uns gefangen, wir sind ganz dem Zauberspiegel 
dieses Flußlaufes verfallen, in dessen sanftem Gleiten der Tag 
mit elegischen Farbklängen Abschied nimmt. Ein Elsässer lehnt 
neben uns an der Ufermauer und klagt Leid und Weh der aus 
dem Elsaß gewaltsam Evakuierten. Die Tragik dieses 
alemannischen Stammes an der Grenze hat nun wohl ihr Ende 
gefunden für immer. Wir haben die Bitternis dieses 
Grenzlandschicksals, das Elsaß-Lothringen heißt, heute am 
Nachmittag so richtig empfunden, als in dem Dorfe Lhomaizee, 
an der eben besetzten Demarkationslinie, die Jungen, die zehn- 
und zwölfjährigen evakuierten Elsässer, sich um das Pakgeschütz 
drängten und in ihrer herzhaften alemannischen Mundart die 
Mannschaft um diese und jene Einrichtung des Geschützes 



298 



befragten in eben jener angeborenen erquickenden Neugierde für 
teciinisciie Dinge, die jedem deutsciien Pimpfeigen ist. 

„Nun, was willst du werden, deutscher oder französischer 
Soldat? Willst du hier bleiben bei uns oder willst du dorthin über 
die Demarkationslinie zu den Franzosen? Du kannst wählen", so 
fragten wir einen Buben, der scheu um sich sieht, mit den Augen 
zwinkert und auf gut elsässisch halblaut gesteht: „Wir sind ja nicht 
unter uns — Franzosen hören zu. Pst... Was ich eigentlich meine, 
kann ich ja gar nicht sagen." Frühreife Jugend, so wuchs sie in 
den Leidensjahren 1933 — 1938 in den klerikal verfinsterten 
Schulen der Ostmark heran, so ist sie auch im heimgesuchten 
Grenzland Elsaß groß geworden. Deutsches Leid, deutsche 
Tragik redet aus dem überhellen Verstand dieser Jungen zu uns. 
Grenzlandkinder ohne eigentliche Kindheit, deren kostbares Gut, 
die Unbefangenheit, früh zugrunde gegangen in der furchtbaren 
Not des deutschen Volkstumskampfes. 

Das sind die vordringlichen Erinnerungen des Tages, die uns 
bedrängen, da wir am Ufer dieses Flusses stehen. 

In unser Nachdenken bricht der Ruf herein: „Die Waffenruhe 
beginnt um 1 Uhr 35 Minuten!" Ein Lautsprecherwagen der 
Propagandakompanie hat es eben im Vorbeifahren durchgesagt. 

Der Krieg in Frankreich ist beendet! Und damit haben ein Ende 
gefunden die sich seit einem Jahrtausend wiederholenden 
Eroberungszüge Frankreichs gegen Deutschland. Wir fühlen die 
geschichtliche Schwere des Augenblicks und wir wissen, daß mit 
ihm ein hellerer Stern aufgeht über diesem unglücklichen 
Kontinent. 

Wir haben gekämpft und geblutet für diese Zukunft, wir wollen 
nun feiern. 

Eine Stunde nach Mitternacht sind auf der Promenade de 
Blossac in Chatellerault Truppen des Armeekorps, das so tief in 
den Süden Frankreichs hinabgestoßen ist, im geschlossenen 
Viereck angetreten. Unter der sechszeiligen Baumallee des 
weiten Platzes grüßen wir den Augenblick, der unsren Sieg über 
Frankreich krönt. Mit frohen Liedern auf den Lippen waren unsre 
Soldaten eingezogen durch die Avenue Clemenceau oder durch 
die Rue President Wilson. Seltsames Spiel des Zufalles! Namen, 
die gerade durch diesen Marsch für alle Zeiten erstorben und ins 
Schattenreich des Unwesenhaften versunken sind. 



299 



Schwerer süßer Duft tropft in der Allee herab von den blühenden 
Linden. Es steht eine wunderverkündende Mittsommernacht mit 
prangendem Gestirn über uns; schöner könnte es gar nicht mehr 
sein, wahrhaftig nicht. Die Ergriffenheit jedes einzelnen von uns 
ist ebenso groß, wie seine Entschlossenheit in den Tagen des 
Kampfes gewesen ist, für das deutsche Vaterland das Leben 
hinzugeben, wenn das Schicksal es gefordert hätte. 

Vier Holzstöße werden entzündet, sie erhellen mit rotem Schein 
die vierseitige Mauer der Soldaten, die mit aufgepflanztem 
Bajonett und Stahlhelm den Augenblick der Siegesverkündung 
erwarten. „Augen rechts!" Unter den Klängen des 
Präsentiermarsches schreitet der Kommandierende General 
Stumme die Fronten ab. Durch Lautsprecher ist knapp zuvor die 
Meldung des OKW. vom Eintritt des Waffenstillstandes den 
angetretenen Truppen nochmals bekanntgegeben worden. 

Der Kommandierende General spricht das aus, was seine 
Männer empfinden: „Jeder von uns, die wir diesen siegreichen 
Feldzug mitmachten, wird einmal beneidet werden. Voller Demut 
beugen wir uns vor dem Herrgott, der so sichtbar unsre Waffen 
gesegnet hat. In stürmischem Vorwärtsdrang, dem Feind an der 
Klinge zu bleiben, habt ihr dem Feind den Todesstoß versetzt. 
Noch ist der endgültige Sieg nicht errungen. Bindet den Stahlhelm 
fester, damit auch unser Hauptfeind, England, zu Boden geworfen 
wird!" 

In dem Liede vom guten Kameraden schwingt unser Weh um 
den verlorenen Kampfgefährten mit. Zu welcher Stunde könnte 
der Marsch, der „Preußens Gloria" heißt, bedeutungsvoller 
erklingen als jetzt. Er leitet hin zu jener ergreifenden klanglichen 
Umschreibung militärischer Trompetensignale und des 
soldatischen Fühlens, die im Zapfenstreich ihren Ausdruck 
gefunden hat. Die Demut des Siegers, der weiß, daß alles 
menschliche Wagen auch noch des Segens des Allmächtigen 
bedarf, damit die gerechte Sache Gloria und die Tapferkeit 
Viktoria wird, findet sich ausgesprochen in jenem 
gefühlsmächtigen Choral, den eine preußische Prinzessin 
Henriette einst komponiert hat: „Ich bete an die Macht der 
Liebe..." 

Den Helm ab zum Gebete, lassen wir Gedanken und Seele 
hochreißen von dem Höhenflug dieser Klänge und der Macht der 
Liebe zu Deutschland und seinem Führer. 



300 



Hellauf lodert der Flammenwirbel. Er überglüht die Fronten der 
Tapferen, die 250 Kilometer südlich Paris die Stunde des 
Waffenstillstandes begehen. Diese Flammengarben sind uns 
zugleich die Feuer der Sonnenwende 1940, Blinkfeuer zu neuen 
Siegen. 



Der späte Mond ist aufgegangen, grünsilbern gespenstert sein 
Schein über die Häuserzeile der Promenade de Blossac herauf. 
Die vier Feuersäulen sind erloschen. Aber das Gedächtnis an 
diese Mitternacht wird in uns flammen, wird sich leuchtend 
forterben in unsren Kindern. Die Gewalt des Erlebnisses sucht 
ihren Ausweg in den herrlichen Liedern des neuen Deutschlands. 
Bis spät in die Nacht hinein klingt Hall und Widerhall in den alten 
Gassen von Chatellerault. 



301 



Zufall oder magische Bindung? 

Seltsame Wiederbegegnungen nach 25 Jahren 

Weltkriegsteilnehmer treffen ihre alten Kampfstätten wieder 
In dem Quartier von ehedem / Das Haus, das 20 Kameraden zum Grab 
geworden war / „Lebt Madame Carlier noch?" / Da steht noch das Photo 

des deutschen Reiters... 

Chatillon sur Indre, 27. Juni. 

Als wir am 13. Juni zum ersten IVIale das Walirzeiclien von 
Paris, den Eiffelturm, erblicl<ten, dacliten wir: Wie mag es wolil 
jenen Weltl^riegsteilnelimern zumute sein beim Anblicl< des 
Eiffelturms, die im Weltkriege mit dem Kavalleriekorps von der 
Marwitz bis in den Osten von Paris gelangten und bereits 1914 
die Türme der Stadt gesehen haben. Am Tage darauf waren wir 
Zeuge der seltsamen Bewegung, die den Kommandeur einer 
Division erfüllte, der im Jahre 1914 zu einer jener kühnen 
Reiterpatrouillen gehörte und nun an der Spitze seiner Division 
siegreich in Paris einzog. In diesem Falle war es eine Stadt, war 
es Paris, das ein Erinnern außergewöhnlicher Art bewirkte. Wir 
haben indessen von Wiederbegegnungen gehört, die vielleicht 
nicht so großartig sind wie dieser eine Fall, aber vielleicht 
eindringlicher zu uns sprechen, weil hier ein Soldat einen lang 
verschollenen Bekannten wiedersieht, dort, wo er ihn nicht oder 
nicht mehr vermuten würde, oder weil ihn eine Fügung, die sich 
ins Gewand des Zufalles hüllt, ihn an eine an sich unbedeutsame, 
jedoch schicksalhafte Stätte, einen Stall, ein Bauernhaus, zum 
zweiten Male hingeführt hat. Das eine steht fest: Die Männer, die 
sich ganz plötzlich abermals in die Lage von einst versetzt sahen, 
etwa in das gleiche Dorf, die gleiche Scheune, die sie einmal 
bewohnten, waren tief berührt von dem Walten des Zufalls, den 
wir manchmal besser Schicksal nennen oder, wie die Dichterin 
Maria v. Ebner-Eschenbach es nennt, „die in Schleier gehüllte 
Notwendigkeit". Drei solche Episoden aus den Vormarschtagen 
erzählen wir hier, sie stehen wohl für Tausende ähnlicher 
Erlebnisse. 



302 



Der Jagdflieger V. lag 1915 mit seiner Staffel an der Somme in 
der Nähe des Dorfes Ugny l'Equipee. Am 5. Juni 1940 führt er als 
Divisionsgeneral seine Truppen siegreich in eben jenes Gebiet. 
Um etwa gedankenvoll der Vergangenheit nachzuhängen, fehlt 
ihm die Zeit, obwohl die Vergangenheit sich dem Jagdflieger von 
1915 mit jeder neuen Ortschaft aufdrängt. Da ergibt sich für ihn 
als Quartiermacher die Notwendigkeit, einen 
Divisionsgefechtsstand zu suchen. Die weite Umgegend wird 
erkundet; es kommt eigentlich nur dies eine Gehöft in Frage. Aus 
rein taktischen Erwägungen fällt die Entscheidung für den einen 
Hof. Erstaunend bemerkt der General, daß er, ohne es zu wollen, 
in sein Quartier von ehedem eingezogen war, in dem er übrigens 
seinen Verlobungsbrief in die Heimat schrieb. 



Auf dem Vormarsche, etwa 40 Kilometer westlich von Sedan, 
kam der Gepäcktroß der 10. Kompanie in das Dorf Wagnon. Der 
Kompaniechef befiehlt dem Führer des Trosses, Wachtmeister 
W., hier Quartier zu beziehen. Die Troßwagen rollen durch das 
Tor des angewiesenen Bauernhof es. Der Wachtmeister sieht 
sich um: „Donnerwetter", denke ich, „das kennst du doch, das 
hast du doch schon einmal gesehen! Die Pumpe dort, ja, das ist 
noch die alte...! Ich guck' in den Garten 'rein: Da lag doch unsre 4. 
Komp./IR. 146... Jetzt kommt es mir erst zum Bewußtsein, ich 
befand mich in demselben Dorf, worin ich mit meiner Kompanie 
im August 1915 gelegen hatte, allerdings nur eine Nacht. Aber 
was war das für eine Nacht! Ich sehe ganz deutlich das Bild von 
damals vor mir: Da stecken noch die Grundmauerreste des alten 
zerschossenen Hauses im Neubau drin und hier ganz genau so 
wie damals die beiden schräg zueinander stehenden Scheunen. 
Hier habe ich mich damals zur Ruhe gelegt, als ob ich geahnt 
hätte, was kommen würde. In derselben Nacht Artillerievolltreffer 
in das Hauptgebäude, 20 Kameraden waren unter den Trümmern 
begraben. 

,Hier drin ist noch ein Bett für Sie frei, Wachtmeister', rief der 
Kompaniechef mir neulich in Wagnon zu. ,Herr Hauptmann, in 
dieses Haus gehe ich nicht mehr 'rein...', sagte ich drauf, ,da 
haben 20 meiner Kameraden 1915 den Tod gefunden. 



303 



Ich werde unter dem Baum schlafen.' Geschlafen habe ich in 
dieser Nacht nicht viel." 

Es ist unsren alten Frontkämpfern nicht immer leicht gefallen, 
sich vor Augen zu stellen, daß dieses Dorf noch denselben 
Namen haben müsse wie jenes heißumkämpfte Dorf des Jahres 
1915. Das Dorfbild ist verändert. Die ländliche Eigenart, die in der 
Erinnerung haftete, war vielfach zerstört durch widerliche 
städtische „Prunk"bauten. Doch mit einem Schlage schössen die 
Erinnerungsbilder wieder auf, wenn es sich fügte, daß man einem 
Bekannten von damals unversehens wieder begegnete, wie in 
dem dritten Falle. 



Als Oberfeldveterinär Dr. H. auf dem Vormarsch ins Dorf Eins 
kam, nahe der Somme, mußte er an die alte Frau denken, die 
ihren Hof trotz der Bedrohung durch den Stellungskrieg 1915 
unter keinen Umständen verlassen wollte. „Lieber lasse ich mich 
totschlagen — ich gehe nicht", sagte sie immer wieder. Die 
wackere alte Frau, bei der ich drei Monate im Quartier lag, ob die 
noch lebte? So denkt er, als er auf das Gehöft zugeht. Ein Mann 
und eine Frau kommen ihm entgegen. Wohl die neuen Besitzer, 
die von nichts mehr wissen? 

„Ich war im großen Kriege schon hier auf dem Hofe", sagt den 
beiden der deutsche Offizier und fragt: „Lebt denn Madame 
Carlier noch?" „Ja, Madame lebt noch, sie sitzt da drüben!" Der 
Offizier ist zunächst sprachlos. Er sieht die 91 jährige Madame 
Carlier auf der Veranda des neuerbauten Hauses, wo die alte 
Frau liegt. Sie ist also auch diesmal nicht geflohen und hat mutig 
ausgehalten, die seltene Frau. 

„Bonjour, Madame, kennen Sie mich noch? Ich wohnte im 
großen Krieg drei Monate lang in Ihrem Hause..." 

Madame Carlier sieht den Offizier eine Weile an, streicht dann 
mit der Hand über Augen und Stirn, als ob sie hier die 
Vergangenheit heraufholen wollte. Dann rinnen Tränen über die 
gefurchten Wangen. 

„Oui — oui, je m'en souviens — ich erinnere mich! Drüben im 
alten Stall stand Ihr Pferd, dort sind Sie immer hinausgeritten..." 
Das Gewesene erwacht, und längst Verschüttetes regt sich 
wieder. 



304 




Ein verträumtesChäteau,das Jahrhunderte verschlafen 
hat, lugt hinter dunkelgrünen Waldkulissen hervor und 
lädt zum MUträumen ein, zum-ßleiben . . .(Seife 306) 



Oben: FUbhilinge auf den Vornmrsehstraßen 
Unten links: Per pedes apostoloram , . . Unten rechts: 
Limousine mit Außenbordmotor. Ein Jahr meines Lebens für 
fünf Liter Sprit, denkt sich wohl der Kraftfahrer 



Auf dem Gesims des Ofens in der guten Stube liat Madame 
Carlier nocii immer das Plioto eines deutsciien Reiters steinen, 
das ilir einmai im großen Kriege ein Einquartierter zum Zeiclien 
des Danl<es gesclienl<t liat. 

Madame Carlier ist also nicht geflohen, sie erlebt schon den 
dritten Krieg in ihrem Dorfe Fins an der Somme. Sie ist den 
jungen Leuten des Dorfes Vorbild gewesen. Ein deutscher Offizier 
hat der tapferen Frau nach diesem bewegenden Wiedersehen 
zum Abschied den Gruß der Ehrerbietung erwiesen. 



305 



Vom Fieber Fernweh gepackt 



Wir sind ein Volk der Weite... 

Vor der Fahrt hinab zum freien Atlantik 
Das Idyll lockt zu bleiben — aber das Meer ruft / Wagende Seefahrer 

bleiben — nie Krämer werden 

Poitiers, 28. Juni 1940. 

Ein paar Tage Stillstand, zwei Nächte in einem und demselben 
Bett schlafen — und schon kribbelt es uns wieder im Blute. Fort 
von da, weiterziehen, weiter. Die Phantasie hört schon die 
Meeresbrandung rauschen, und die blaue Ferne lockt mit ihrem 
Zaubergesang. Kein Berg, keine Felswand begrenzt den 
Gesichtskreis, flach dehnt sich das liebliche Land in seiner fast 
einlullenden Einsilbigkeit. Üppige Felder, wo der schwerhäuptig 
wogende Weizen seine Schnitter erwartet, Weingärten, in denen 
die süßeste Labe heranreift unter der goldenen Gnade dieser 
südlichen Sonne, hie und da ein Haus aus grauem Gestein, 
wenig Menschen, fast keine Dörfer in weitem Bezirk. 

Und über diesem Park, dieser unschuldsvollen Landschaft, die 
einen qualmenden Schlot als Kränkung empfände, über dieser 
blumigen Weide für die Augen eines Romantikers blüht die weiße 
Rosenhecke eines Sommerwolkenhimmels voll zärtlicher 
Träumerei. Alles betört, besänftigt, lädt ein zum Bleiben, zum 
Genießen. Dennoch zieht es uns fort, und dennoch lassen wir das 
alles, das Idyll am Bachrand, das versonnene, laubversponnene 
Schloß, die kühlen Schatten und quirlenden Fontänen des Parks, 
gerne zurück, wenn das Meer ruft mit seinem Rauschen, wenn 
der Gischt und die schimmernden Wellenkronen als Grüße der 
fauchenden grünen See an den Strand rollen und es in der 
Brandung orgelt von der Unendlichkeit dieses Lebens. 

Dann, dann fühlen wir in unzerstörbarer Gewißheit, daß wir 
Deutschen, wären wir auch tief drinnen im Binnenland geboren, 
selbst in den Tälern der Alpen, Menschen der Weite sind, daß 
uns so recht die Welt gehört, die runde Welt Gottes, die das 
Genie unsrer Größten umspannte, das ihr Deutung gab, Sinn und 
Ordnung. 



306 



Es war einmal, da dieser Wille zur Weite in Ketten gelegen hat, 
jahrhundertelang, wo er trauerte wie der Löwe hinter den Gittern, 
wo er Lyrik wurde, Erdflucht, Sektiererei. 

Es war einmal, da uns das Selbstgenügen und das pastörliche 
Sichbescheiden als Tugend dünkte und wir wie besessene 
Goldgräber nach dem bißchen Literatenglück schürften bei den 
alten Griechen und die verblassende Erinnerung an eigne 
geschichtliche Größe mit Farben auffrischten, die wir der Zeit 
Casars entliehen. 

Es war einmal, da wir ganz den Schattenspielen der 
Philosophen verfallen waren und wir das Leben selbst 
versäumten, das nun einmal der Macht gehört. 

So wuchsen uns die anderen über den gedankenvollen Kopf, 
und sie überließen uns lächelnd gern das Traumland Orplid, in 
dem Schwabe Mörike, wie Tausende deutscher Schwarmgeister, 
seine Jugendsehnsucht verbrannte, sie beließen uns den 
bleichen Ruhm, dichten und denken zu können. 

Während wir schliefen, träumten, darbten und nach den Sternen 
angelten, wuchs das Weltreich Britannien. Es nannte sich, und 
nennt sich heute noch, ein Reich nach Gottes Willen. 

Den Seinen hat es der Herr leider nicht im Schlafe gegeben. Wir 
nehmen es uns erst, nachdem wir erwacht sind. Wir sind „die 
Seinen", weil wir das Gegenbild des Krämers sind, für den Gott 
die Geißel bereithält, wenn er den Tempel zum Laden macht. 
Doch es tut uns not, Algebra zuzulernen und etwas kommerzielle 
Buchführung. 

Es ist, glauben wir, denn doch die Zeit angebrochen, wo uns das 
Stück Welt gehört, das uns gebührt. 

Wir lieben den Gott nach unsrem Ebenbilde, der nicht liebt, daß 
die Seinen Wechslern und Frömmlern Untertan sind, und wir 
bitten ihn, daß er uns hungern läßt dann und wann, damit wir 
Sehnsüchtige bleiben und nie den gefüllten Speichern unsren 
Flug nach oben opfern. Denn es ist viel zu tun in der 
dämmernden Schöpfung Gottes. Sie wartet auf die 
Sehnsüchtigen, so wie sie die Trägen von sich stößt. 

Die Sehnsucht ist die Mutter der Tat. Am Anfang war die 
Sehnsucht. 

Laßt uns nie Krämer werden, wie die „Vettern" da drüben, denn 
dies ist das Ende. 



307 



Wir haben wieder unsren Stern da oben, wir wollen als wagende 
Seefahrer hineinstoßen ins scheinbar Unmögliche. Vor uns, die 
wir den Aufbruch, die Rote des Morgens als die schönste Stunde 
des Tageslaufes begrüßen, liegt das ewige Meer — das Urbild 
des nie rastenden Willens, der wogt und tost, schäumt und 
brandet. 

Da findest du dich wieder, deutscher Mensch, wie du bist: In 
deiner Liebe zum Nahen, die mit tränenfeuchten Augen Heimat — 
Heimat! spricht, in deiner „Andacht zum Unbedeutenden", in 
deiner Schwäche fürs Idyll — aber auch in deinem unstillbaren 
Fernweh nach dem Unerreichbaren, nach dem Meer, dem 
uferlosen Horizont. 



308 



Fahrt hinab zur atlantischen Küste 

La Rochelle — Rochefort — Bordeaux — Arcachon 

Bordeaux, 1. Juli. 

La Rochelle: Es tut wohl, wieder einer Stadt zu begegnen, die 
Geschichte atmet, in ihren Bauwerken von Zeiten kulturellen 
Aufschwunges erzählt. Das tut wohl, wenn man nach 200 
Kilometer Fahrt durch nichtssagende seelenlose Dörfer 
gekommen ist, wo ein zu Pächtern herabgesunkenes Landvolk 
lebt — diese grauen Steinhütten, Zweckbauten öde und trostlos 
wie amerikanische Wellblechgehäuse, Farmen — aber auch nicht 
um einen Deut mehr. Wirtschaftshäuser ohne einen leisen Ansatz 
künstlerischer Überhöhung des Zwecknötigen. Welcher Formadel 
ist doch unsrem deutschen Bauernhaus eigen, sei es im 
Westfälischen, im Fränkischen oder im Bergland der Ostmark! 

La Rochelle — altes Bollwerk der Hugenotten, deren Trutzgeist 
weiterlebt in den Türmen und Wehrmauern am Rande des 
Ozeans. Wir grüßen die „Ketzer" von einst, die Auslese 
schöpferischer Geister des arisch-nordischen Frankreichs von 
ehedem, weil sie sich dem Kirchenwahn nicht beugten und 
kämpften über die Schrecken der Bartholomäusnacht hinaus für 
die Autonomie ihres Gewissens und ihrer Sittlichkeit. 

La Rochelle — die alten Straßenzüge und Tore singen und 
sagen noch von der Blütezeit, da die Stadt Haupthafen für die 
Kolonisation Kanadas gewesen ist. Bis England kam und Kanada 
raubte. 

La Rochelle — ahnungslos exerzierten kürzlich an die 10.000 
Mann in den Kasernenhöfen der Stadt. Unsre motorisierten 
Vorausabteilungen erscheinen so blitzschnell vor den 
Übungsplätzen, wo die französischen Rekruten noch für den 
Marsch nach Berlin gedrillt werden, so daß der Feind gar nicht zur 
Besinnung kommt, um sich zur Wehr zu setzen. Ein junger 
Gebirgsartillerist aus Vorarlberg weiß uns das zu berichten. 

La Pallice — der Hafen der Stadt, beherbergt zahlreiche Wracks 
bombardierter Schiffe. Ist aber auch mit seinen Tankanlagen 
Benzinoase für die ganze Armee. Das nahe Flugfeld ist auch 
zerstört, feindliche, vom Splitterregen erfaßte Apparate stehen 
köpf. Ein Brennstofftank am Rande des Flugfeldes ist vernichtet. 



309 



Die Bauern der Umgebung pumpen deshalb reines Benzin aus 
iliren Brunnen. Das Vieli brüllt vor Durst. 



* 



Rochefort: Wir treffen hier den Kommandeur unsrer 
Kavalleriedivision wieder, von der wir uns in Alkmaar (Holland) 
verabschiedeten. Das Wiedersehen ging uns sehr nahe. Der 
Kommandeur, Generalmajor Feldt, hatte erst kürzlich seinen 
zweiten Sohn dem Vaterland geopfert. Der erste fiel in Polen, der 
zweite, Leutnant Feldt, der mit uns am 10. Mai in den Kampf 
geritten ist, kam durch eine Mine in Frankreich um. 

Quartier in einer Strandvilla bei einem alten Herrn, Richter eines 
Seegerichtes. Es kommt ein Gespräch zustande anläßlich der 
Wahrnehmung, daß der alte Herr Mitglied der französischen 
„Ehrenlegion" ist. „Es wird für Frankreich eine Unehre bleiben, 
daß es wiederum Schwarze deutschen Soldaten an den Hals 
gehetzt hat — eine unauslöschliche Schmach, daß gestattet 
worden ist, daß jene Urwaldwesen mit langen Schlachtmessern 
sich an unsren Verwundeten vergingen — jawohl, mein Herr, eine 
Schande für Europa, das Ihr Land angeblich verteidigte..." — 
„Lange Messer, das gehört so zu den Gewohnheiten dieser 
primitiven Menschen, das konnten wir ihnen nicht abgewöhnen." 
— „Ach so." 

Ja, das war alles, was ein Mitglied der „Legion d'honneur" zu 
dem Falle zu äußern wußte. 



Bordeaux: Arbeitslose marokkanische Hafenarbeiter lungern an 
den Molen des Girondeufers, rabenschwarze Kongoneger 
schauen scheu über die Reling ihres Frachters zu uns herab und 
entschuldigen sich in schlechtem Französisch, daß sie noch hier 
wären. Sie wollten ja nichts anderes, als wieder in Afrika sein. 
Unsre Marine schafft hier eben Ordnung. Stapel von 
Flugzeugbestandteilen lagern hier, die an die „Mission Franchise 
du Ministre de l'Armement a Londres" gerichtet sind. Allein wir 
kamen der Verschiffung um eine Nasenlänge zuvor. 



310 



Arcachon: Unser Tagesziel. Wir bleiben heut nacht hier, die 
Sonne steht schon tief. In welche Villa ziehen wir ein? 
Plutokratenpaläste sehen uns an. Die Brandung rauscht und lädt 
ein zum Bade. Diese Villa, ja, die taugt uns. Madame, die schon 
sehr alte Besitzerin, liest gerade im Salon ein Buch, schaut auf, 
sieht zum ersten Male einen deutschen Soldaten vor sich. Ihr 
Staunen ist groß. „Entschuldigung, Madame, dürfen wir heut 
nacht in Ihrem Hause schlafen?" Ohne sich zu besinnen, meint 
sie: „Aber natürlich, es ist Platz genug", und gleich darauf: Ob wir 
zum Abendessen dem Rotwein Weißwein vorzögen. „Am besten 
beides, Madame, wenn's nichts ausmacht, wir wollen mit Andacht 
die Gewächse Ihres eignen Weingartens prüfen — wir sind 
nämlich Kenner." Der Sommersitz, der einer großen Importfirma 
in Bordeaux zugehört, umgibt uns mit den Finessen seiner 
Gastlichkeit. Nach dem Bade soupieren wir, zwei Mädchen in 
weißen Schürzen tragen auf. Bei Kerzenschimmer, ganz nah dem 
Strand des Atlantischen Ozeans, gar nicht mehr weit von 
Spanien, fließt der rubinrote und dann der goldgelbe Wein in drei 
durstige Kehlen. 

„Was führen wir doch für ein Leben, Kinder, der Gott in 
Frankreich lebt nicht nur in der Fabel, wir leben jedenfalls im 
Augenblick wie die Götter. Manchmal freilich nur wie die 
Vaganten, löffeln, wie gestern mittag, aus dem verbeulten Napf 
Bohnensuppe und trinken aus Feldbechern sommerlauen edlen 
Sekt dazu. Wir schlafen heute im Daunenbett, zerlegen mit 
Silberbesteck die feinsten Fische und trinken aus Kristall, morgen 
nacht verkrümeln wir uns in eine Scheune und nagen die 
Hartwurst aus der Faust. Wie es eben kommt — göttlich ist dies 
Leben mit der rastlos wechselnden Szenerie jedenfalls. Oder seid 
ihr andrer Meinung? Ha — ?" 

„So ist es, herrlich das alles, wundervoll der weite Weg hierher, 
der Kampf, die Gefahr — die Enge unsres Daseins, die 
Schrebergartenideale haben wir für immer hinter uns gelassen, 
denk' ich. Versteht mich richtig: Nichts gegen die Kleintierzucht, 
das Kräutergärtlein und die selbstgezogene Frühkartoffel. Aber 
konnte je, verdammt nochmal, dieses resignierte Ersatzglück im 
Winkel deutsche Zukunft, Reich der Jugendwünsche und 
überhaupt Erfüllung heißen? Wo wir es doch in uns fühlen und in 
uns haben, dem Planeten eine neue Achse einzufädeln, der 



311 



Weltbahn eine andre Kurve vorzuschreiben — ! Auf die neue 
Erdachse, auf die neue Weltbahn — unser Glas, Kameraden, 
Horrüdho!" 

Die leichte Brandung harft ein bezauberndes Arpeggio, der 
Sternenreigen funkelt in diamantener Klarheit. Die Sterne, dünkt 
uns, lächeln zufrieden, daß wir nicht mehr unser Glück vergeblich 
bei ihnen oben suchen, sondern auf der wohlgegründeten Erde 
mit diesem Freiheitskampf eben das Recht zu leben angemeldet 
haben, das unsrem schöpferischen Auftrag zukommt und der 
deutschen Sendung entspricht. 



312 



Nach dem W affcnsJ'tUstnnd : 
Unsre Truppen haben in Süd - 
j rankreich die Demarkations- 
Unie erreicht und sind zar 
Ruhe übergegangen 



'ITH 



Um ein Pak-Qeschiitzdrän(jJ 
sicli in echter Pimpjennengier 
aus dem I'lsafi evakuierte 
voUisdeutscIie Jugend 




Männer der Heeresanillcrie heim 
Hafenrnndgang in La Rochelle. 
Trotzige Wehrtiirme erinnern an 
einstige Kämpfe der Stadt gegen 
britische Räuberei 



Stolz weht unsre Fahne über dem 
Raihaus der Hugenottenstadt La 
RocheUe (Seite 309) 




Bordeaux: Die deutsche Wacht 
an der Gironde-Mündung 



„La Depeche" vom 28. Juni 1940 berichtet: 
„Nousavons ete vaincus par une mystique..." 

„Wir sind besiegt worden durch eine mystische 

Kraft..." 

Bordeaux, 3. Juli. 

Frankreich erwacht in diesen Tagen aus der Betäubung der 
Katastrophe, die es herbeigezogen mit allen seinen Kräften der 
politischen Hysterie, blindwütig wie ein Besessener in ein 
brennendes Haus ist das Land hineingerannt in das Schicksal, 
das nun der Patriot händeringend beklagt. In einem Staate, in 
dem bisher die Verantwortungslosigkeit der Führung Grundsatz 
war, beginnt man nun Männer zu suchen, die die Verantwortung 
für das alles tragen, man grübelt Fehlentschlüssen und falschen 
Schlüssen der Politiker und Heerführer Frankreichs nach, die 
Sucht, das Unfaßliche des Geschehens doch irgendwie zu 
fassen, wird zum Schrei nach der Verantwortung, nach den 
Schuldigen. 

Ein Land beschwichtigt sein eigenes Schuldgefühl und die Reue 
über versäumte Gelegenheiten, indem es den perfiden 
Bundesgenossen jenseits des Kanals den großen Schuldner 
nennt, indem es nach Reformen ruft, Gewissenserforschung treibt 
bis zur Selbstpeinigung, indem es sich in den Fatalismus flüchtet, 
einem unabwendbaren Geschicke verfallen zu sein, das alle Kraft 
der Waffen Frankreichs zuschanden machte. Das Gefühl, der 
Übermacht eines elementarisch hereinbrechenden Ereignisses 
erlegen zu sein, beherrscht die Gemüter. Die Erkenntnis, daß 
eine Zeitenwende auch über die Betonburgen und Festungswälle 
Frankreichs hingeschritten ist, daß der Sturm einer neuen Epoche 
Europas die Fackel von 1789 verlöscht hat und alle die 
trügerischen Blinkfeuer der Westdemokratie, erfüllt in diesen 
späten Tagen den einsichtigen Franzosen. Für ihn war bislang die 
Maginotlinie mit den hochmechanisierten Verteidigungswaffen 
ihrer Bunker die vielfache Rückversicherung gegen die 
schlimmste aller Gefahren, die dem alten Frankreich zustoßen 
konnten: Die gültigen französischen Denkgesetze abwandeln zu 
müssen und sie im Hinblick auf das Leben neu zu formen, das die 
Gesetze des Werdens lenkt. Die Maginotlinie war doch so recht 



313 



der Ausdruck gallischen Weltgefühles: Erhaltung des 
Bestehenden als höchsten Lebensinhalt. „Verweile Augenblick" — 
überragender staatspolitischer Grundsatz der III. Republik, Wahn 
des Status quo als politisches Leitmotiv, die Gotterwähltheit des 
Volkes der Jungfrau von Domremy und das sich daraus 
ableitende Gefühl der Weltsendung: Alles Gute ist Frankreich, 
alles, was Frankreich tut, ist gut, schließlich jene „Civilisation", der 
vermeintliche Gipfelpunkt der Menschheit und Menschlichkeit — 
dies alles gerät ins Wanken durch die Erdbebenstöße dieser 
Wochen. 

Wir haben die Spuren dieser Angst, dieser tiefsten Bangnis der 
französischen Seele, zahllosen Gesichtern abgelesen in diesen 
Tagen, dieser Angst, umdenken, umlernen zu müssen. Die 
Korrektur eines Weltbildes — die Wehen eines sich neu 
gestaltenden Frankreichs, das von sich bisher meinte, daß es 
überall die Gipfelhöhen menschlicher Werte besetzt halte. Der 
kühle Genius Frankreichs, die Ratio, der rechnende Verstand, die 
klügelnde epikuräische Lebensweisheit des „savoir vivre" sind 
entthront, die Altäre des Bloß-Vernünftigen umgestürzt, die 
Dämmerung der Abgötter Frankreichs ist eingebrochen. 

Dem diplomatischen Schachmeister Frankreich geht es auf, trotz 
alledem einen Eröffnungsfehler begangen, ein leichtsinniges 
Figurenopfer gebracht zu haben, er gibt die Partie auf mit tiefem 
Erschrecken. 

Dem Franzosen, dem geborenen Rationalisten, dämmert die 
Erkenntnis, daß Geschichte denn doch nicht mit Anleihepolitik, 
Transaktionen, Paktspinnen und parlamentarischen 
Mehrheitsbeschlüssen gemacht wird, sondern daß seelische, also 
überrationale, jenseits des bloß vernünftig Errechenbaren 
liegende Mächte eigentlich den Lauf der Welt bestimmen. 
Napoleon allerdings war kein Rationalist in diesem Sinne, er war 
als dämonische Natur sich des mystischen Quellgrundes jeder 
gewaltigen Formgebung bewußt, er sprach einmal von dem Atom, 
das ihn zerschmettern könnte, wenn er seine Aufgabe erfüllt 
hätte. Als Genius kosmischer Erfülltheit war er denn auch kein 
eigentlicher Franzose, der ja unmystisch, unkosmisch gestimmt 
ist. Die nationalsozialistischen Revolutionsarmeen Adolf Hitlers 
jedoch erscheinen dem Bürger Frankreichs, der sich nach 
„Sicherheit" heiser schrie, um der Tiefe des Lebens und seinen 
schweren Pflichten im Sinne einer gerechten Weltordnung 



314 



auszuweichen, so eigentlich als die Träger einer Macht, für die er 
noch kein Begreifen und kaum ein anderes Wort hat als „une 
force religieuse" oder „une mystique". 

Die Platzangst der französischen Seele und ihrer Ratio, die alles 
so unübertrefflich schön und wohlgeordnet fand, was je der Gott 
in Frankreich beschloß, stammelt: „Les allemands — Hitler — une 
mystique — ". 

In einem Blatt — „La Depeche" vom 28. Juni 1940 — , das uns 
heute in die Hand kam, wird von dem Gespräch eines Mitgliedes 
der Academie Francaise, M. L. Gillet, mit einem französischen 
Frontkämpfer berichtet. „Wir sind", sagte dieser, „besiegt worden 
durch eine mystische Kraft... durch die unabschätzbare Gewalt 
eines religiösen Glaubens, der seit dem Islam und dem Koran 
ohne Beispiel ist in der Geschichte... Für die Deutschen ist Hitler 
ein Gott. Wer von uns hat nicht Beispiele dieser seltsamen 
Religion kennengelernt? Sie bezeugt jener sterbende Offizier, der 
priesterlichen Beistand ablehnte mit den Worten: ,lch habe 
meinen Führer!'... Das Geheimnis unsres Wiederaufbaues? Daß 
wir verstehen, in uns die geistigen Kräfte wiederzufinden, ohne 
die kein Volk groß sein kann..." 

Einmal war Hitler für dasselbe Frankreich nur der geschickte 
Agitator, den es zu verkleinern beliebte, dann „l'enigme Hitler", 
das „Rätsel Hitler", zu dessen Wesen man jedoch keinen Zugang 
fand, weil man den Genuß als Weltanschauung nicht aufgeben 
wollte, schließlich der große Schrecken. 

Einer ehrlichen, versöhnlichen Auseinandersetzung mit der 
seelenerobernden Macht Adolf Hitlers ist Frankreich stets 
ausgewichen. Wo Taten des Verständnisses fällig waren, hat es 
gehöhnt, verdächtigt und mit Vernichtung gedroht. 

Als mystisches Ereignis ist nun, wie jenes Bekenntnis bezeugt, 
Adolf Hitler in Frankreich eingezogen, Vollstrecker eines 
Urteilsspruches der Weltgeschichte, von der es heißt, daß sie ein 
Weltgericht sei. 

Die Ära der „Vernunft", des gottleugnerischen Intellektualismus, 
woran Europa verdarb an Blut und Seele und wodurch der 
Menschenadel verkommen war, ist gestorben. 

Ein magisches Zeitalter, ein heldisches Jahrtausend ist 
angebrochen, allerneuernd wird es das Gerechte und Gute, 
Stolze und Starke zum Siege führen auf den Wegen einer neuen 
sozialen Weltordnung. 



315 



„Nous avons ete vaincus per une mystique...", „Wir sind besiegt 
worden durcli eine mystisciie Kraft...", ruft nocii in der 
Hellsiclitigkeit ilirer letzten Stunden eine müde versinkende 
Welt... 



316 



Inhaltsverzeichnis 



Der Feldzug gegen Polen 

Seite 

Am Vorabend des Polenfeldzuges 9 

Reichskriegsflagge weht über dem Jablunkapaß 1 1 

Nächtlicher Überfall auf das Alarmquartier Koniakow 14 

Die Sturmnacht von Wegierska Gorka 18 

Das Ende von Wegierska Gorka 26 

Der Schrecken fegt hinter dem Polen her 28 

Nachtfahrt in Feindesland 31 

„... reißt aus wie Schafleder" 33 

Perfide Stadt Myslenice 35 

Brief aus Krakau 38 

Ein stürmisches Drauf und Dran 42 

„Verfolgung" einer motorisierten Verfolgungsgruppe 46 

Die Bevölkerung bereitet uns ein herzliches Willkommen 49 

„Wo ist die Gebirgsdivision?" 53 

Stählerne Gewitter über Lemberg 58 

Luftbeschuß auf den Divisionsgefechtsstand 66 

Gefechtsgruppe Schörner nimmt Zboiska 68 

Kampfgruppe bei Zboiska von uns abgeschnitten 70 

Der Lemberger Militärflugplatz in Trümmern 72 

Schönthal — schwergeprüftes Kolonistendorf 75 

„Es ist nur mehr ein Kampf der Ehre..." 78 

Trümmer der polnischen Südarmee 81 

Endlich sind unsre Panzer da! 84 

„Achtung — Achtung! 

Hier spricht das deutsche Militärkommando!" 85 

Unsre Parlamentäre fordern Lembergs Übergabe 87 

Generalangriff unterbleibt! Rückmarsch! 89 

„Sollen wir flüchten — sollen wir bleiben?" 91 

Leb wohl, tapferes Dornfeld 95 

Lemberg hat sich uns ergeben 97 

Rückmarsch der Sieger von Lemberg 99 

Rasttag in PrzemysI 102 



317 



Seite 



Zwölf Vermißte kamen wieder 104 

Das ist die Fröliliclikeit der Tapfer 114 

Die Westwallzeit 

Bunkerweihnacht der Siegesgewißheit 119 

Der Unfug mit dem „Gentleman" 123 

Der Feldzug im Westen 

Denn wir reiten gegen Engeland 131 

Vormarsch — getrieben von echtem Reitergeist 1 38 

Der Vorstoß zur Nordsee geglückt 141 

Auftrag für Sonderkommando: 

„Schiffsraum sofort beschlagnahmen!" 144 

Vor dem Angriff auf die Schleuse Kornwerderzand 148 

Die dreifache Befestigungslinie im Räume 

Makkum — Harlingen durchstoßen 150 

Unsre Stukas setzen den holländischen Kanonen- und 

Torpedobooten zu 152 

Gewaltsame Aufklärung — 

Stoßrichtung Kornwerderzand 153 

Auftrag: Gruppe Max überquert die Zuidersee 157 

Schleusenfort Kornwerderzand hat sich ergeben 161 

Kavallerie marschiert über den Abschlußdeich 165 

„... Reichskriegsflagge auf Antwerpener Rathaus gehißt" .... 167 

Der Brückenkopf Tete de Flandre wird erweitert 171 

„Hurra — der Panzer brennt!" 1 73 

Die Gezeitenbehelfsbrücke über die Scheide im Bau 177 

Im Eilmarsch bis zum Genter Kanal 181 

Gewaltsamer Übergang soll erzwungen werden 183 

Die Dammkrone wurde im Sturm genommen 186 

Verteidigungslinie Kanal de Gant zerschlagen 192 

Verfolgung der Belgier bis zum Kanal de la Lys 196 

Die Flamen wollen nicht mehr kämpfen 199 

Die feindliche Lys-Kanal-Stellung zerschlagen! 201 



318 



Seite 



„...Regiment hat nur etwa 60 v. H. 

seiner Gefeclitsl<raft..." 205 

Deutscine Parlamentäre im belgisciien Hauptquartier 207 

Der Siegesmarscii zur belgisciien Nordseeküste 21 1 

Fluclitmanöver des Tommy bei Nieuport 215 

Kleinigl<eiten, aufgelesen an der großen Heeresstraße 220 

Rückzug der Engländer — erbitterte Nachhutkämpfe 223 

Heute nacht ist der Engländer ausgerückt 226 

Die Briten in chaotischer Flucht gewichen 229 

Flüchtlinge in La Panne erzählen 232 

Im Dünensand vor Dünkirchen 235 

Das war das Ende Dünkirchens 238 

Alice — unsre nahrhafte Strandbekanntschaft 244 

PK.-Kolonne rollt Richtung Paris 247 

Ein neuer „retour offensiv"? 250 

Die Pariser Schutzstellung zerschlagen! 252 

Um 12.45 Uhr knapp vor dem Flughafen Le Bourget 254 

„Nächster Divisionsgefechtsstand Tuilerien..." 259 

Vom Kampfe zur Siegesparade in einem Atemzug! 264 

So wurde Frankreichs Hauptstadt besetzt 267 

150 Eiserne Kreuze am Platz de la Concorde in Paris 271 

Adieu, Paris! 274 

Das Schweigen der Jungfrau Johanna 275 

Starhembergs private Aktenmappe erbeutet 278 

Die verspätete Salatschüssel zu Cheverny 285 

Wir erwarten die französische Abordnung 288 

Das war der Tag von Compiegne 290 

Vormarsch Richtung Poitiers ohne Feindberührung 294 

Nächtliche Feierstunde 

bei Beginn des Waffenstillstandes 298 

Seltsame Wiederbegegnungen nach 25 Jahren 302 

Wir sind ein Volk der Weite 306 

La Rochelle — Rochefort — Bordeaux — Arcachon 309 



„Wir sind besiegt worden durch eine mystische Kraft..." 313 



319